In einer seiner letzten Novellen erzählt Theodor Storm eine Geschichte, die zu ihrer Entstehungszeit so aktuell war wie sie es heute noch ist. „Ein Doppelgänger“ handelt von John Hansen, der nach einer abgesessenen Haftstrafe in Glückstadt versucht, den Weg in das bürgerliche Leben wieder zu finden. Doch anstatt Vergebung und die Chan-ce auf einen Neuanfang in der Bevölkerung seiner Heimatstadt zu finden, schlagen ihm zumeist lediglich Misstrauen und Zweifel entgegen. Es ergibt sich ein Teufelskreis aus dem Versuch, seine Ehre zurück zu gewinnen und den sich wiederholenden Fehlschlä-gen dieser Bemühungen, die zu immer größeren Problemen führen und letztlich im töd-lichen Sturz John Hansens in einen Brunnen enden.
Der nun folgende Text soll zum einen die Frage klären, ob Storm mit seinem Werk „Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts üben wollte oder ob er das tragische Scheitern seines >Helden< als unabänderlichen, schicksalhaften Vorgang auffasste“ und zum anderen, welche Personen und Umstände positiven als auch negativen Einfluss auf John Hansens Leben hatten, sowie deren Auswirkungen auf sein weiteres Verhalten bis zu seinem Tode.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.Theodor Storms Leben als Einfluss auf den Text
3. John Hansen und John Glückstadt
4. Einflüsse auf Johns Leben
4.1. Negative Einflüsse
4.1.1. Wenzel
4.1.2. Gendarm Lorenz
4.1.3. Die Hebamme Grieten
4.2. Positive Einflüsse
4.2.1. Der Bürgermeister
4.2.2. Der Schreiner
4.2.3. Christine
4.3. Ambivalente Einflüsse
4.3.1. Küster-Marieken
4.3.2. Hanna
5. Der Brunnen als zentrales Motiv der Novelle
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Theodor Storms Novelle „Ein Doppelgänger“ mit dem Ziel zu klären, inwieweit der Autor Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts üben wollte oder das tragische Schicksal der Hauptfigur als unabänderlich betrachtete, wobei insbesondere die verschiedenen sozialen Einflüsse auf John Hansen analysiert werden.
- Analyse des Einflusses von Theodor Storms Biografie auf sein Werk
- Untersuchung von sozialen Stigmatisierungsprozessen am Beispiel der Figur John Hansen
- Kategorisierung der positiven, negativen und ambivalenten Einflüsse auf das Leben des Protagonisten
- Deutung der Symbolik des Brunnens als zentrales Motiv der Novelle
Auszug aus dem Buch
3. John Hansens und John Glückstadt
Der soziale Abstieg John Hansens beginnt mit seiner Entlassung aus dem Militärdienst. Aus dieser Zeit wird berichtet, dass er beinahe einen dänischen Kapitän niedergestochen hatte, weil dieser ihn beleidigte und das nach Ende seiner Dienstzeit noch „müßige, aber wilde Kraft“ in ihm ruhte. Da es ihm nicht möglich ist, sofort im Anschluss eine Stelle als Knecht zu bekommen, verbringt er einen Großteil seiner Zeit in einer Wirtschaft. An diesem Ort lernt er Wenzel kennen, der seinerseits wegen Trunksucht seine Arbeitsstelle verlor. Hansen und er werden Freunde. Bei den regelmäßigen Treffen in der Wirtschaft oder am Deich erzählt Wenzel John oftmals von „allerlei lustigen Spitzbuben und Gewaltgeschichten“, die den jungen Mann so sehr beeindrucken, dass in ihm der Wunsch aufkommt, selbst einmal so etwas zu erleben.
Mit diesem Entschluss brechen die beiden beim Exsenator des Dorfes ein und stehlen eine wertvolle Uhr, welche John einem Vettern zur Konfirmation schenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Novelle „Ein Doppelgänger“ und Definition der Forschungsfragen hinsichtlich gesellschaftlicher Kritik und schicksalhafter Determinierung.
2.Theodor Storms Leben als Einfluss auf den Text: Darstellung der biografischen Prägung Theodor Storms durch seine juristische Tätigkeit und wie diese seine Sicht auf Kriminalität und menschliche Abgründe beeinflusste.
3. John Hansen und John Glückstadt: Untersuchung des sozialen Abstiegs des Protagonisten durch äußere Einflüsse, seine kriminelle Vergangenheit und die daraus resultierende dauerhafte Stigmatisierung.
4. Einflüsse auf Johns Leben: Detaillierte Analyse der Akteure in Johns Umfeld, unterteilt in negativ, positiv und ambivalent wirkende Einflüsse auf sein Schicksal.
4.1. Negative Einflüsse: Darstellung der Personen, die durch Vorurteile oder das Schüren krimineller Neigungen den Untergang von John Hansen beschleunigten.
4.1.1. Wenzel: Betrachtung von Wenzels Rolle als negativer Wegbegleiter, der den Protagonisten zu kriminellen Taten verleitete.
4.1.2. Gendarm Lorenz: Erläuterung der destruktiven Wirkung durch Verleumdung und ständige gesellschaftliche Ausgrenzung seitens des Gendarmen.
4.1.3. Die Hebamme Grieten: Analyse der gesellschaftlichen Ablehnung durch die Hebamme als Stellvertreterin für die Vorurteile der gesamten Dorfbevölkerung.
4.2. Positive Einflüsse: Identifikation der Charaktere, die John Hansen in seinem Streben nach bürgerlicher Integration unterstützten.
4.2.1. Der Bürgermeister: Würdigung des Bürgermeisters als liberale Gegenfigur, die John Hansen menschlich und finanziell zu stützen versuchte.
4.2.2. Der Schreiner: Untersuchung der Rolle des Nachbarn, der durch Mitleid und praktische Hilfe versuchte, die Lebenssituation der Familie Hansen zu mildern.
4.2.3. Christine: Darstellung der Rolle von Tochter Christine als Hoffnungsträgerin und zentrales Motiv für Johns Streben nach Rechtschaffenheit.
4.3. Ambivalente Einflüsse: Betrachtung der Personen, deren Handeln sowohl stützend als auch schädigend wirkte.
4.3.1. Küster-Marieken: Analyse der Bettlerin, die einerseits Unterstützung leistete, den Protagonisten jedoch auch an sein soziales Stigma erinnerte.
4.3.2. Hanna: Untersuchung der komplexen Ehebeziehung, die ein Kreislauf aus Liebe, Armut und Gewalt darstellt.
5. Der Brunnen als zentrales Motiv der Novelle: Deutung des Brunnens als Symbol für den unausweichlichen gesellschaftlichen und persönlichen Absturz des Protagonisten.
6. Zusammenfassung: Abschließendes Resümee, das das Zusammenspiel von individueller Verantwortung, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und schicksalhaften Faktoren hervorhebt.
Schlüsselwörter
Theodor Storm, Ein Doppelgänger, John Hansen, soziale Stigmatisierung, gesellschaftliche Ausgrenzung, bürgerliches Leben, Schicksal, Determinismus, soziale Einflüsse, Novelle, Literaturanalyse, Strafvollzug, Reintegration, Moral, Armut.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Theodor Storms Novelle „Ein Doppelgänger“ hinsichtlich der Ursachen für das Scheitern des Protagonisten John Hansen in der bürgerlichen Gesellschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen soziale Stigmatisierung, das Spannungsfeld zwischen individuellem freien Willen und gesellschaftlicher Determinierung sowie die Auswirkungen von zwischenmenschlichen Beziehungen auf das Schicksal des Protagonisten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Storm in seinem Werk gezielte Sozialkritik üben wollte oder ob er das Scheitern des Protagonisten als eine zwangsläufige, schicksalhafte Entwicklung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte literaturwissenschaftliche Textanalyse, ergänzt durch biographische Bezüge zu Theodor Storm und soziologische Deutungsmuster.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Vordergrund?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Untersuchung der negativen, positiven und ambivalenten Einflüsse der Personen im Umfeld Johns sowie eine motivgeschichtliche Analyse des Brunnens.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie soziale Ausgrenzung, Stigma, Determinismus, gesellschaftliche Integration und das Motiv des Brunnens aus.
Wie beeinflusst die Figur Wenzel den weiteren Lebensweg des Protagonisten?
Wenzel fungiert als negativer Mentor, der den Protagonisten durch die Erzählung von Kriminalgeschichten zu seinem ersten Einbruch verleitet und so den Grundstein für dessen lebenslange soziale Stigmatisierung legt.
Warum spielt der Brunnen eine so zentrale Rolle?
Der Brunnen dient als Symbol für das Schicksal des Protagonisten; er ist ein Ort der Begegnung, der Arbeit und schließlich des tragischen Todes, was seine Vorherbestimmung verdeutlicht.
Wie bewertet die Arbeit die Schuldfrage?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Johns Scheitern ein komplexes Zusammenspiel aus eigenem aufbrausendem Temperament und der unerbittlichen Ablehnung durch die Dorfgemeinschaft ist.
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- Florian Biehl (Author), 2008, Theodor Storms „Ein Doppelgänger“. John Hansens Umwelt und der Einfluss auf sein Schicksal, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268281