Zwischen Esoterik, Ökologie und Sozialer Frage – Wie sich der deutsche Rechtsextremismus neu verpackt und Brückenköpfe in die Mitte der Gesellschaft bildet.
Rechtsextremismus ist in Europa nach wie vor ein äußerst aktuelles Thema, wie die Diskussionen um die nouvelle droite in Frankreich oder die Erfolge der FPÖ in Österreich gezeigt haben. Ein Land steht aufgrund seiner Geschichte besonders im Fokus der Aufmerksamkeit: Die BRD als Nachfolgestaat des 3. Reiches.
Der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland kann auf eine wechselvolle Geschichte – geprägt von Erfolgen und Misserfolgen – zurückblicken. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sind es die „Integrationskraft des politischen Systems“ sowie die „ökonomische Prosperität“ , die verhindern, dass rechtsextreme Parteien und Organisationen die ideologischen Gegebenheiten in der deutschen Bevölkerung nach 1945 nutzen können. Ende der 60er Jahre – nach Jahren der politischen Bedeutungslosigkeit des organisierten Rechtsextremismus – beginnt der Aufstieg der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Doch auch auf diese Phase des Erfolgs folgt aufgrund politischer und gesamtgesellschaftlicher Veränderungen und interner Streitigkeiten innerhalb der NPD ein weiterer Niedergang des organisierten Rechtsextremismus. Mit dem Zerfall der NPD kommt es nun zu einer – für die vorliegende Arbeit besonders relevanten – ideologischen und strategischen Neuformierung in deren Folge Schlagworte wie Ethnopluralismus, Befreiungsnationalismus und Sozialismus an Bedeutung gewinnen. Anfang der 80er Jahre beginnt ein neuerlicher Aufstieg des deutschen Rechtsextremismus. Einer der Höhepunkte ist hier die Entstehung der Republikaner 1983.
Bis zur deutschen Wiedervereinigung haben sich trotz zahlreicher Verbote rechtsextremer Parteien und Organisationen, trotz eines Terrorismus von Rechts und – vielleicht gerade aufgrund – folgenreicher Veränderungen und Modifikationen in Ideologie und Taktik in weiten Teilen der deutschen Rechten, mit der NPD, Deutsche Volksunion (DVU) und den Republikanern (REP) drei rechtsextreme Parteien als konstante politische Kräfte etablieren können. Nach der Wende kommt es zu einem erneuten Aufstieg des Rechtsextremismus, der mit den Anschlägen von Hoyerswerda 1991 und Rostock – Lichtenhagen 1992 – nicht wie oftmals konstatiert – seinen Anfang und nicht etwa seinen Höhepunkt findet. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Teil
2.1. Definitionen
2.1.1. Rechts
2.1.2. Extremismus und Radikalismus
2.1.3. Rechtsextremismus
2.2. Theorien zu Rechtsextremismus und kollektiver Identität
2.2.1. Die Selbst – Kategorisierungs – Theorie
2.2.2. Politisierte kollektive Identität
2.2.3. Die Theorien Sozialer Bewegungen
2.2.3.1. Das Konzept der Relativen Deprivation
2.2.3.2. Der Ressourcen – Mobilisierungs – Ansatz
2.2.3.3. Framing – Ansatz
3. Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland
3.1. Geschichtlicher Abriss
3.2. ‚Alte Rechte‘ und ‚Neue Rechte‘
3.3. ‚Alte Rechte‘
3.4. ‚Neue Rechte‘
4. Die klassischen Verpackungen des deutschen Rechtsextremismus
4.1. Der Rudolf – Heß – Gedenkmarsch in Wunsiedel
4.2. Soldaten- und Heldengedenken in Halbe
5. Neue Verpackungen und Brückenköpfe in die Mitte der Gesellschaft
5.1. Ökologie von rechts
5.2. Rechtsextremismus Globalisierung und Soziale Frage
5.2.1. Soziale Frage, Globalisierung und neue Strategien von rechts
5.3. BRAUNE ESOTERIK
5.3.1. Jan van Helsing und die Wesensmerkmale rechter Esoterik
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Strategien des deutschen Rechtsextremismus, durch inhaltliche und ideologische Anpassung sogenannte „Brückenköpfe“ in die gesellschaftliche Mitte zu schlagen, um so Akzeptanz und neue Unterstützer zu gewinnen. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse, wie rechtsextreme Ideologien in Bereiche eindringen, die traditionell als unpolitisch oder links-alternativ wahrgenommen werden.
- Analyse der Selbstdarstellung des Rechtsextremismus durch „neue Verpackungen“
- Untersuchung des ideologischen Austauschs zwischen Rechtsextremismus und der Ökologiebewegung
- Bewertung des Einflusses rechtsextremer Strategien im Kontext der Globalisierungskritik und der „sozialen Frage“
- Dekonstruktion rechtsextremer Narrative innerhalb der Esoterikszene
Auszug aus dem Buch
4.1. Der Rudolf – Heß – Gedenkmarsch in Wunsiedel
Seit dem Tod des in den Nürnberger Prozessen wegen "Planung eines Angriffskrieges" und "Verschwörung gegen den Weltfrieden" zu lebenslanger Haft verurteilten Kriegsverbrechers Rudolf Heß nutzen deutsche und internationale rechtsextremistische – darunter viele klar nationalsozialistische – Gruppierungen und Bewegungen, seinen Todestag, um der nationalsozialistischen Vergangenheit und rechtsextremen Ideologemen zu huldigen. Rudolf Heß war seit 1927 Privatsekretär Adolf Hitlers, bevor er 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Hitlers Stellvertreter als Parteiführer im Ministerrang wurde. Bekannt wurde er vor allem durch seinen in Eigeninitiative – aber in der Überzeugung, er handle im Sinne Hitlers – durchgeführten Flug nach England im Mai 1941, der von rechten Gruppierungen auch zum ‚Friedensflug‘ umgedeutet wird. Heß wollte angeblich einen Friedensvertrag mit England aushandeln, um einen Zweifrontenkrieg infolge des anstehenden deutschen Überfalls auf die Sowjetunion zu verhindern. Rudolf Heß wurde als Kriegsgefangener in Großbritannien inhaftiert, bevor er nach Kriegsende zum Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher nach Deutschland überstellt wird. Er wird zu lebenslanger Haft im alliierten Gefängnis Berlin-Spandau verurteilt, wo er am 17.08.1987 Selbstmord begeht.
Die Nachricht vom Tod Rudolf Heß wurde zu einem Signal für die westdeutsche Neonaziszene. Es kommt infolge dessen zu Anschlägen und Demonstrationen im gesamten westlichen Bundesgebiet. Bereits 1988 findet in Wunsiedel (dem Bestattungsort Rudolf Heß) der erste Rudolf-Heß-Gedenkmarsch, der zunächst verboten, dann aber durch den bekannten Anwalt und Rechtsextremisten Jürgen Rieger gerichtlich durchgesetzt wird, statt. In den Folgejahren wurden diese Gedenkmärsche zu einer festen Institution der neonazistischen Szene, ohne dass dabei die Hoffnung auf ein ‚Fanal für Deutschland‘ erfüllt werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die historische Entwicklung und den Wandel des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland sowie die Relevanz der Untersuchung seiner neuen Strategien.
2. Theoretischer Teil: Erläutert die theoretischen Grundlagen der Arbeit, insbesondere Theorien zur kollektiven Identität und der Bewegungsforschung, um das Agieren rechtsextremer Akteure zu analysieren.
3. Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland: Gibt einen geschichtlichen Abriss und differenziert zwischen der ‚Alten Rechten‘ und der ‚Neuen Rechten‘ als wesentliche Strömungen.
4. Die klassischen Verpackungen des deutschen Rechtsextremismus: Analysiert traditionelle rechtsextreme Gedenkpraktiken wie den Wunsiedel-Marsch und das Heldengedenken in Halbe als identitätsstiftende Rituale.
5. Neue Verpackungen und Brückenköpfe in die Mitte der Gesellschaft: Untersucht die Infiltration der Ökologiebewegung, der Anti-Globalisierungskritik und der Esoterikszene durch rechtsextreme Ideologien.
Fazit: Resümiert, dass der Rechtsextremismus durch strategische Anpassung erfolgreich Brückenköpfe in die Mitte der Gesellschaft gebildet hat und warnt vor der Unterschätzung dieser Gefahr.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, Neue Rechte, Alte Rechte, Brückenköpfe, Kollektive Identität, Ökologie, Globalisierung, Soziale Frage, Esoterik, Nationalsozialismus, Biologismus, Framing, Ethnopluralismus, Ideologie, Gesellschaftliche Mitte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Strategie des deutschen Rechtsextremismus, durch gezielte ideologische Anpassung in gesellschaftliche Bereiche vorzudringen, die traditionell nicht als rechtsextrem gelten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themenfelder sind die Ökologiebewegung, die Anti-Globalisierungsbewegung im Kontext der sozialen Frage sowie die Esoterikszene.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu analysieren, wie rechtsextreme Akteure „Brückenköpfe“ bilden, um den gesellschaftlichen Mainstream zu infiltrieren und ihre Ideologien salonfähig zu machen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine fundierte Literaturanalyse sowie auf die Anwendung von Theorien aus der Bewegungsforschung und der Psychologie kollektiver Identität.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse „klassischer Verpackungen“ (Gedenkmärsche) und „neuer Verpackungen“ (Eindringen in Ökologie, Soziale Frage und Esoterik) des Rechtsextremismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Rechtsextremismus, Neue Rechte, Ethnopluralismus, gesellschaftliche Mitte, Ideologeme und Kollektive Identität.
Warum wird die Esoterikszene als Einfallstor für rechtsextreme Ideologien betrachtet?
Die Arbeit argumentiert, dass die Esoterik durch ihre oft apolitische Haltung und die Nähe zu antiaufklärerischen Denkmustern wie der Karmalehre oder Verschwörungstheorien anfällig für eine schleichende „braune“ Unterwanderung ist.
Wie verändert der Rechtsextremismus seine Taktik in Bezug auf die „soziale Frage“?
Er versucht, durch die Übernahme linker Symbolik und antikapitalistischer Rhetorik Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu instrumentalisieren und diese auf nationalistische Ziele umzulenken.
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- Jan Sydow (Autor), 2008, Zwischen Esoterik, Ökologie und Sozialer Frage. Wie sich der deutsche Rechtsextremismus neu verpackt und Brückenköpfe in die Mitte der Gesellschaft bildet., Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268307