Die "Reyen" sind ein typisches Element barocker Tragödien. Sie erinnern an den Chor in den klassischen antiken Tragödien.
Der vorliegende Essay charakterisiert die Form und Funktion der "Reyen" und zeigt Unterschiede zur späthumanistischen Dramenpoetik auf.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Formale Merkmale der Reyen bei Lohenstein
3. Inhaltliche Korrespondenz und funktionale Differenz
4. Anachronismen und barockes Weltverständnis
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Funktion der Reyen in Daniel Casper von Lohensteins Drama "Sophonisbe" im kritischen Vergleich zur späthumanistischen Dramenpoetik, insbesondere der Definition von Julius Caesar Scaliger.
- Analyse der formalen Struktur der Reyen in "Sophonisbe"
- Vergleich der Lohensteinschen Auffassung mit Scaligers Dramentheorie
- Untersuchung der inhaltlichen Verschränkung von Dramenhandlung und Reyen
- Erörterung der Bedeutung moralischer Wertungen innerhalb der Chorpassagen
- Identifikation barocker Anachronismen und deren Wirkung auf die dramatische Einheit
Auszug aus dem Buch
Inhaltliche Korrespondenz und funktionale Differenz
Inhaltlich korrespondieren die Reyen mit der Dramenhandlung: Die Motive und Gefühle, die maßgeblich für das Fortschreiten der Dramenhandlung sind, werden benannt und können sich in allgemeiner Form und Ausprägung selbst erklären. Somit sind die Reyen auf einer abstrakteren Ebene angesiedelt als die Dramenhandlung und präzisieren auf dieser die Motive für das Handeln und somit gewissermaßen auch die „Grundgedanken“ der jeweiligen Abhandlung. In diesem Kontext erfolgt eine Wertung und konkrete Auslegung der Abstrakta, wodurch auch die Dramenhandlung eine moralische Bewertung erfährt.
So wird zum Beispiel in den Reyen der dritte[n] Abhandlung der Ehebruch verurteilt. In der vierdte[n] Abhandlung ist der Ehebruch ebenfalls Thema. In den Reyen der vierdte[n] Abhandlung wird dann die Wollust gegeißelt und unterliegt der Tugend im Streitgespräch, sodass klar ersichtlich ist, welche Wertung dem Leser vermittelt werden soll. Teilweise werden in den Reyen die Namen der Protagonisten im Drama genannt, sodass das Verständnis für die konkrete Bezugnahme auf die Handlung erleichtert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die theoretische Basis durch Julius Caesar Scaligers Dramentheorie ein und formuliert die Fragestellung zur Untersuchung der Reyen in Lohensteins Werk.
2. Formale Merkmale der Reyen bei Lohenstein: Dieses Kapitel beschreibt die metrische Gestaltung der Reyen als jambische Verse und deren Stellung am Ende der Abhandlungen als eine Art Unterkapitel.
3. Inhaltliche Korrespondenz und funktionale Differenz: Es wird dargelegt, wie die Reyen moralische Wertungen der Handlungen vornehmen und als abstrakte Ebene der Dramenhandlung fungieren.
4. Anachronismen und barockes Weltverständnis: Dieser Abschnitt thematisiert die Einbettung zeitgenössischer politischer und geografischer Bezüge, die den antiken Stoff kontextualisieren und die Einheit von Zeit und Handlung durchbrechen.
5. Fazit: Das Fazit stellt zusammenfassend fest, dass die Reyen in Lohensteins "Sophonisbe" maßgeblich von den theoretischen Vorgaben Scaligers abweichen.
Schlüsselwörter
Sophonisbe, Daniel Casper von Lohenstein, Barockdrama, Reyen, Chor, Julius Caesar Scaliger, Dramenpoetik, Späthumanismus, Anachronismus, Moralische Wertung, Dramenhandlung, Gattungstheorie, Tugend, Ehebruch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Daniel Casper von Lohenstein in seinem Drama "Sophonisbe" das Element des Chores – bei ihm als "Reyen" bezeichnet – gestaltet und einsetzt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Form, die inhaltliche Funktion der Reyen sowie die Abgrenzung dieser Praxis von der traditionellen späthumanistischen Poetik.
Was ist das primäre Ziel der Analyse?
Das Ziel ist es, zu prüfen, inwieweit Lohensteins Realisierung des Chores mit den theoretischen Anforderungen von Julius Caesar Scaliger übereinstimmt oder von diesen abweicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die den Dramentext mit theoretischen Quellentexten (Scaliger) in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der formalen Analyse, der moralischen Funktion der Reyen sowie der Wirkung von Anachronismen innerhalb des antiken Stoffes.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Barockdrama, Reyen, Dramenpoetik, Anachronismus und die moralische Dimension des Dramas.
Welche Bedeutung haben die Reyen in Lohensteins "Sophonisbe" strukturell?
Die Reyen dienen als eine Art "Unterkapitel" am Ende jeder Abhandlung, die das Geschehen moralisch einordnen und auf einer abstrakten Ebene zusammenfassen.
Inwiefern beeinflussen Anachronismen die Dramenstruktur?
Durch die Nennung zeitgenössischer Orte und Personen (z.B. Amerika, Kaiser Leopold) wird die Einheit von Zeit und Handlung aufgebrochen, was die Trennung zwischen eigentlicher Dramenhandlung und Reyen weiter verschärft.
- Quote paper
- Verena Caroline Wernet (Author), 2012, Form und Funktion der Reyen in Lohensteins "Sophonisbe" und ihre Unterschiede zur späthumanistischen Dramenpoetik., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268499