Frühkindlicher Autismus: Skizze einer Störung

Welche pädagogische Förderung kann zur Erleichterung im Alltag beitragen?


Hausarbeit, 2009
24 Seiten, Note: 14 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frühkindlicher Autismus – Skizze einer Störung
2.1. Entdeckung des frühkindlichen Autismus durch Leo Kanner
2.2. Mögliche Ursachen
2.3. Äußeres Erscheinungsbild und das Unverständnis der Gesellschaf
2.4. Besonderheiten in der Sprachentwicklung
2.5. Stereotypien und Verhaltensauffälligkeiten
2.6. Affektive und kognitive Besonderheiten

3. Förderung von Menschen mit frühkindlichem Autismus
3.1. Gestützte Kommunikation (FC)
3.1.1. Methoden und Ziele
3.1.2. Auswirkungen auf die familiäre Situation
3.1.3. Kritik
3.2. Förderung nach dem TEACCH-Ansatz
3.2.1. Philosophie und Ziele
3.2.2. „Structured Teaching“ als TEACCH-Prinzip – theoretische Grundlagen

4. Fazit

5. Anhang
5.1. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wollen wir ein autistisches Kind verstehen, so müssen wir von vielem absehen, was uns aus der Erfahrung mit anderen Kindern vertraut ist.“[1]

Was ist das Andere, das Besondere an Kindern, bei denen „frühkindlicher Autismus“ diagnostiziert wurde? Haben sie überhaupt eine Chance in unserer Gesellschaft zu bestehen, sich zurechtzufinden? Diese und ähnlich Fragen haben mich schon lange im Zusammenhang mit dem Kanner-Syndrom beschäftigt. Als ich im Rahmen des Moduls B5 an einem Seminar teilgenommen habe, in dem „Bewältigungsprozesse in Familien mit einem behinderten Kind“ thematisiert wurden, eröffnete sich für mich noch ein anderer Zugang zu diesem Themengebiet: Nicht nur das Kind, das eine Behinderung und im Falle meiner Arbeit eine Entwicklungsstörung hat, wird in der Gesellschaft kritischen Blicken ausgesetzt und gemieden– auch die Familie muss sich auf eine neue Lebensweise einstellen, sich auf häufig nicht ausbleibende Vorwürfe von außen gefasst machen[2], ihre Ressourcen koordinieren und nicht selten mit Selbstzweifeln und Erschöpfungsgefühlen kämpfen.

Welche pädagogische Förderung kann dem Kind mit frühkindlichem Autismus einerseits zu mehr Selbstständigkeit und Sicherheit verhelfen und somit andererseits für die Familie eine Unterstützung und Erleichterung im Alltag darstellen? Diese Frage möchte ich im Folgenden erörtern, indem Beeinträchtigungen und auffällige Verhaltensweisen, aber auch Fähigkeiten und Besonderheiten im Umgang und im Lernen bei Kindern mit Kanner-Syndrom skizziert werden, an denen eine pädagogische Förderung möglicherweise ansetzen kann. Bei diesen Darstellungen soll sowohl auf das Bild von frühkindlichem Autismus in der Gesellschaft, als auch auf die Problematiken und Chancen innerhalb der Familie eingegangen werden. Ziel dieser Arbeit soll sein, ein ausreichendes Bild über die Störung zu erhalten, anhand dessen sich die beiden vorgestellten Fördermethoden auf ihre Wirksamkeit zur Erleichterung im Alltag – für Kind und Eltern - beurteilen lassen.

Dazu werde ich im ersten Teil meiner Arbeit auf den Kanner-Autismus eingehen. Nachdem ein Überblick über Entdeckung und mögliche Ursachen geliefert wurde, werde ich genauer auf das äußere Erscheinungsbild, die Eigenheiten in der Sprachentwicklung, sowie auf Stereotypien und Besonderheiten in der affektiven und kognitiven Entwicklung eingehen. Diese Skizzierungen sind notwendig, um einen Einblick in die „Welt des frühkindlichen Autismus“[3] zu bekommen und die herausgearbeiteten Besonderheiten im Hinterkopf zu behalten, wenn nun im zweiten Teil dieser Arbeit auf zwei spezielle Fördermethoden eingegangen wird. Ich habe mich zum einen für die Darstellung der umstrittenen Praktik der „Gestützten Kommunikation (FC)“, ihre Auswirkungen auf die familiäre Situation und einen Einblick in die aktuellen Kontroversen entschieden. Zum anderen werde ich mich mit dem TEACCH-Ansatz nach Eric Schopler auseinandersetzen, indem ich mich mit der Philosophie und den Zielen und dem „Structured Teaching“ als eine der TEACCH-Prinzipien beschäftigen werde. Im Fazit werde ich die beiden vorgestellten (Förder)Methoden[4] vor dem Hintergrund der im ersten Teil erarbeiteten Besonderheiten von Kindern mit frühkindlichem Autismus reflektieren.

2. Frühkindlicher Autismus – Skizze einer Störung

Im folgenden Abschnitt soll sowohl auf die Entdeckung des frühkindlichen Autismus und die möglichen Ursachen für autistisches Verhalten[5], als auch auf seine charakteristischen Merkmale, das äußere Erscheinungsbild von Kindern mit Autismus und ihr Sozialverhalten unter besonderer Berücksichtigung ihrer Wirkung auf die Gesellschaft eingegangen werden. Hierbei werden an dieser Stelle nur ausgewählte Symptome skizziert, da eine erschöpfende Illustration in dieser Arbeit nicht möglich ist. Wichtig ist außerdem zu wissen, dass die aufgeführten Symptome kein starres Bild darstellen, sondern diese sich im Laufe der Jahre immer wieder verändern können und es daher nicht selten zu einer „Symptomverlagerung“[6] kommt. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass „autistische Kinder in vielen Aspekten (…) keine homogene Gruppe darstellen“[7] und trotz vieler beobachtbaren Gemeinsamkeiten individuell zu betrachten, zu verstehen und zu fördern sind.

2.1. Entdeckung des frühkindlichen Autismus durch Leo Kanner

Bereits 1911 wird der Begriff „Autismus“ im Zusammenhang mit Schizophrenie in die Fachliteratur eingeführt. Eugen Bleuler, ein Schweizer Psychiater, vermutete hinter der starken Isolation von der Außenwelt und dem ausgeprägtem Selbstbezug seiner Patienten ein Kernsymptom ihrer schizophrenen Erkrankung. Anders als Bleuler grenzte Leo Kanner, ein österreichischer Kinderarzt, 1943 Autismus deutlich von der Schizophrenie ab und wies diesem erstmals ein eigenständiges Krankheitsbild zu, welches sich bereits in der früher Kindheit entwickelt. Ausgehend von Kanner, lassen sich vier Hauptmerkmale zusammenfassen, die in den beiden international gebräuchlichen Klassifikationssystemen (ICD-10 und DSM-IV) als Diagnosekriterien für frühkindlichen Autismus (aufgrund seines Entdeckers auch als „Kanner-Syndrom oder „Kanner-Autismus bekannt) zugrundeliegen. Hierzu zählen die starken Beeinträchtigung der sozialen Interaktion und Kommunikation, eingeschränkte Interessen, stereotype Verhaltensmuster, sowie der Beginn dieser Auffälligkeiten vor dem 3. Lebensjahr.[8]

2.2. Mögliche Ursachen

Bis heute konnte keine eindeutige Ursache für autistisches Verhalten festgestellt werden. Während jahrzehntelang besonders die Eltern für die Störung ihrer Kinder verantwortlich gemacht und Autismus somit auf eine „psychosozial bedingte Entstehung“[9] zurückgeführt wurde, sind diese Thesen, die vor allem von Bettelheim vertreten wurden, widerlegt. Stattdessen wird heute versucht, auf verschiedenen Ebenen Erklärungen für die Entstehung von Autismus zu finden. Eine zentrale Rolle scheinen dabei Erbeinflüsse zu spielen, wobei nicht ein einzelnes Gen, sondern „zwischen sechs und zehn Gene an seiner Verursachung mitwirken.“[10] Daneben existieren Vermutungen, biochemische Besonderheiten oder Hirnfunktionsstörungen könnten als Ursache in Frage kommen. Diese Ergebnisse sind bisher jedoch nicht einheitlich genug, um näher darauf einzugehen. Zusammenfassend ist für diesen kurzen Einblick in die Ursachenforschung zu sagen, dass es die eine Ursache nicht gibt, sondern dass die Verursachung und Entwicklung dieser Störung auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist. Aufgrund verschiedener Ergebnisse lässt sich jedoch festhalten, dass es sich beim frühkindlichem Autismus um eine „primär neurobiologische Störung handelt“[11]. Damit müssten die Eltern von der Last befreit sein, die ihnen noch vor einigen Jahren auferlegt wurde, indem sie als Verursacher des autistischen Verhaltens ihres Kindes in der Fachliteratur angeprangert wurden.

2.3. Äußeres Erscheinungsbild und das Unverständnis der Gesellschaft

Anders als beispielsweise beim Down-Syndrom, sieht man den meisten Kindern mit Autismus ihre Störung nicht an. Im Gegenteil – häufig gelten sie als besonders hübsche Kinder.[12] Oft wirken sie verträumt, ruhig und zurückgezogen. Einige Kinder meiden den Blickkontakt, andere suchen ihn nicht oder  scheinen durch ihre Gegenüber hindurch zu schauen.[13] Kinder mit frühkindlichem Autismus scheinen Blickkontakt seltener zu interaktiven Zwecken nutzen. Eine weitere Auffälligkeit sind die für autistische Kinder typischen Bewegungsmuster. Sie „gehen häufig auf den Zehenspitzen, wedeln (…) mit den Händen oder verdrehen die Finger.[14] Ihr weitgehend „normales“ Aussehen scheint für die Gesellschaft nur schwer vereinbar zu sein mit den auffälligen Verhaltensweisen, die diese Kinder zeigen. Die Schuld für das von der gesellschaftlichen Norm abweichende Verhalten wird vielmals bei den Eltern gesucht, die offensichtlich bei der Erziehung „etwas falsch machen“[15]. Nicht selten sehen sich Eltern abwertenden Blicken oder gar Kommentaren, die das autistische Kind als „verzogen“ bezeichnen, dessen „Benehmen schnell abgewöhn(t)“[16] werden müsse, ausgesetzt. Durch das Unverständnis der Gesellschaft kommt es immer wieder zur Isolation der Familie[17], obwohl sie gerade auf Unterstützung und ein Netzwerk von außen angewiesen wäre, um ihre eigenen Ressourcen damit zu ergänzen und zu stärken.

2.4. Besonderheiten in der Sprachentwicklung

Die Sprachentwicklung bei diesen Kindern verläuft sehr heterogen. Bei manchen scheint es, als bilde sich die Sprache anfangs altersgerecht, dann jedoch gehen Teile des Wortschatzes oder auch alles davon wieder verloren. Bei etwa der Hälfte der Kinder mit frühkindlichem Autismus setzt die Sprachentwicklung gar nicht oder erst sehr verspätet ein. Viele der sprechenden Kinder mit Kanner-Syndrom „verwenden sie in mechanischer Weise“[18]. Zu den Auffälligkeiten in der Sprache zählen unter anderem die Echolalie (Wiederholung von Wörtern und Sätzen ohne zeitlichen Zusammenhang), das Bilden von neuen Wörtern (Neologismen) und die Pronomenrevision (Vertauschen von ich/du/er etc.) Auch ihr Sprechrhythmus wirkt oft abgehakt, die Betonung der Worte ist unpassend und die Stimmstärke klingt vielmals monoton.

[...]


[1] Klicpera, C., & Innerhofer, P. (2000). Die Welt des frühkindlichen Autismus. München Basel: Ernst Reinhardt Verlag. S. 144.

[2] Vgl. dazu Rollett & Kastner-Koller, 1994, S.2.

[3] Klicpera & Innerhofer, 2000

[4] Vgl. dazu Punkt 3.1.

[5] Der Begriff „autistische Behinderung“, wie er u.a. von G. Goßlau (2004) gebraucht wird, erscheint mir zwar aufgrund der Definition von „Behinderung“ als Beeinträchtigung, die die „Teilnahme am Leben der Gesellschaft wesentlich erschwert“ als plausibel. Dennoch habe ich mich dazu entschieden, in der folgenden Arbeit Autismus als eine „tiefgreifende Entwicklungsstörung“ (H. Remschmidt, 2000) zu kategorisieren.

[6] Remschmidt, H. (2000). Autismus: Erscheinugsformen, Ursachen, Hilfen. München: Beck. S.18.

[7] Klicpera & Innerhofer, 2000, S. 100.

[8] Remschmidt, 2000, S. 16

[9] Remschmidt, 2000, S. 24

[10] Remschmidt, 2000, S. 29.

[11] Remschmidt, 2000, S: 36.

[12] Rollett & Kastner-Koller, 1994, S. 2.

[13] Vgl. dazu Klicpera & Innerhofer, 2000, S.104.

[14] Aarons, M., & Gittens, T. (2007). Das Handbuch des Autismus - Ein Ratgeber für Eltern und Fachleute. Weinheim: Beltz. S. 56.

[15] Rollett & Kastner-Koller, 1994, S. 2.

[16] Kuhles, H. (2007). Autismus bei Kindern und Jugendlichen - Wege aus der Isolation. Oldenburg: Paulo Freire. S. 57.

[17] Vgl. dazu Lang, M. (2003). Auswirkungen von Gestützter Kommunikation (FC) auf die Situation der Eltern. In B. Schirmer, Autismus. Studien, Materialien und Quellen (S. 77-83). Gießen: Weidler Buchverlag. S. 77.

[18] Remschmidt, 2000, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Frühkindlicher Autismus: Skizze einer Störung
Untertitel
Welche pädagogische Förderung kann zur Erleichterung im Alltag beitragen?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V268535
ISBN (eBook)
9783656596127
ISBN (Buch)
9783656596035
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frühkindlicher, autismus, skizze, störung, welche, förderung, erleichterung, alltag
Arbeit zitieren
Master of Arts Kathrin Mütze (Autor), 2009, Frühkindlicher Autismus: Skizze einer Störung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268535

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