Was ist das Andere, das Besondere an Kindern, bei denen „frühkindlicher Autismus“ diagnostiziert wurde? Haben sie überhaupt eine Chance in unserer Gesellschaft zu bestehen, sich zurechtzufinden? Diese und ähnlich Fragen haben mich schon lange im Zusammenhang mit dem Kanner-Syndrom beschäftigt.
Nicht nur das Kind, das eine Behinderung und im Falle meiner Arbeit eine Entwicklungsstörung hat, wird in der Gesellschaft kritischen Blicken ausgesetzt und gemieden – auch die Familie muss sich auf eine neue Lebensweise einstellen, sich auf häufig nicht ausbleibende Vorwürfe von außen gefasst machen, ihre Ressourcen koordinieren und nicht selten mit Selbstzweifeln und Erschöpfungsgefühlen kämpfen.
Welche pädagogische Förderung kann dem Kind mit frühkindlichem Autismus einerseits zu mehr Selbstständigkeit und Sicherheit verhelfen und somit andererseits für die Familie eine Unterstützung und Erleichterung im Alltag darstellen? Diese Frage möchte ich im Folgenden erörtern, indem Beeinträchtigungen und auffällige Verhaltensweisen, aber auch Fähigkeiten und Besonderheiten im Umgang und im Lernen bei Kindern mit Kanner-Syndrom skizziert werden, an denen eine pädagogische Förderung möglicherweise ansetzen kann. Bei diesen Darstellungen soll sowohl auf das Bild von frühkindlichem Autismus in der Gesellschaft, als auch auf die Problematiken und Chancen innerhalb der Familie eingegangen werden. Ziel dieser Arbeit soll sein, ein ausreichendes Bild über die Störung zu erhalten, anhand dessen sich die beiden vorgestellten Fördermethoden auf ihre Wirksamkeit zur Erleichterung im Alltag – für Kind und Eltern - beurteilen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frühkindlicher Autismus – Skizze einer Störung
2.1. Entdeckung des frühkindlichen Autismus durch Leo Kanner
2.2. Mögliche Ursachen
2.3. Äußeres Erscheinungsbild und das Unverständnis der Gesellschaft
2.4. Besonderheiten in der Sprachentwicklung
2.5. Stereotypien und Verhaltensauffälligkeiten
2.6. Affektive und kognitive Besonderheiten
3. Förderung von Menschen mit frühkindlichem Autismus
3.1. Gestützte Kommunikation (FC)
3.1.1. Methoden und Ziele
3.1.2. Auswirkungen auf die familiäre Situation
3.1.3. Kritik
3.2. Förderung nach dem TEACCH-Ansatz
3.2.1. Philosophie und Ziele
3.2.2. „Structured Teaching“ als TEACCH-Prinzip – theoretische Grundlagen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die pädagogischen Fördermöglichkeiten für Kinder mit frühkindlichem Autismus, um sowohl die Selbstständigkeit der Kinder als auch die familiäre Situation zu entlasten. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Beeinträchtigungen und Verhaltensweisen durch gezielte Ansätze positiv beeinflusst werden können.
- Klinische Merkmale und Ursachen des frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom)
- Die gesellschaftliche Wahrnehmung und Isolation betroffener Familien
- Kritische Analyse der Gestützten Kommunikation (FC) als Fördermethode
- Einführung in den TEACCH-Ansatz und das Prinzip des „Structured Teaching“
- Vergleich der Wirksamkeit beider Methoden zur Erleichterung des Alltags
Auszug aus dem Buch
2.5. Stereotypien und Verhaltensauffälligkeiten
Stereotypien sind „sich wiederholende Bewegungen und Haltungen, die in ihrer Häufigkeit, Amplitude und Frequenz exzessiv sind und denen kein adaptiver Wert zukommt.“ Bei autistischen Kindern wird dieses Verhalten in 97% der Fälle beobachtet, das sich beispielsweise im Kreiseln von Objekten, schnelles Hin- und Herbewegen der angewinkelten Arme (auch „Flügeln“ genannt) oder durch Stimulieren des eigenen Körpers beim Drehen um die eigene Achse ausdrückt. Es setzt meist dann ein, wenn „die Bewegungsmöglichkeit der Kinder eingeschränkt ist, wenn (…) sie in der Umgebung wenig Anregung vorfinden, bzw. wenn sie (…) nicht in Aktivitäten einbezogen werden.“
Desweiteren stellen Stereotypien offensichtlich eine Möglichkeit dar, mit Frustration nach Misserfolgen umzugehen bzw. sich Herausforderungen oder schwierigen Aufgaben direkt zu entziehen. Daraus lässt sich ableiten, dass Aufgaben so gestellt werden müssen, dass sie für das Kind machbar sind, da aus dem somit erzielten Erfolg Motivation für weitere Aufgaben gewonnen werden kann. Auch der reduzierte Handlungsspielraum, der Kindern mit Autismus aufgrund ihres weniger „differenzierten Bild(es ihrer) Umwelt und weniger funktionalen Beziehungen“ zur Verfügung steht, kann Ausgangspunkt für ihre Stereotypien sein.
Da bei Kindern mit Kanner-Syndrom häufig die Übersicht über den Gesamtzusammenhang ihrer Umwelt fehlt, orientieren sie sich vorwiegend an einzelnen Elementen. Das kann im Zusammenhang mit stereotypem Verhalten bedeuten, dass sich auch ihr Handeln nur auf Elemente ihrer Körperumgebung bezieht, statt sich mit einer für sie zu komplexen Umgebung zu beschäftigen, in der sie keine Stimulation finden können. So sind Stereotypien in gewisser Weise als Beschäftigung für das Kind und weniger als in der Literatur in der Regel sehr negativ bewertete Verhalten, das es zu unterbinden gilt, da es die Störung und die „Abkapselung“ von der Umwelt verstärkt, zu sehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Motivation der Autorin und definiert die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich pädagogischer Förderansätze zur Entlastung autistischer Kinder und ihrer Familien.
2. Frühkindlicher Autismus – Skizze einer Störung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Entstehung, Symptome, soziale Auswirkungen und kognitive Besonderheiten des Kanner-Syndroms.
3. Förderung von Menschen mit frühkindlichem Autismus: Der Hauptteil analysiert die zwei Fördermethoden „Gestützte Kommunikation“ (FC) und den „TEACCH-Ansatz“ hinsichtlich ihrer Ziele, Methoden und kritischen Aspekte.
4. Fazit: Das Fazit reflektiert die vorgestellten Methoden vor dem Hintergrund der autistischen Symptomatik und diskutiert deren Potenzial zur Alltagsentlastung sowie die Notwendigkeit weiterer wissenschaftlicher Diskurse.
Schlüsselwörter
Frühkindlicher Autismus, Kanner-Syndrom, pädagogische Förderung, Gestützte Kommunikation, FC, TEACCH-Ansatz, Structured Teaching, Familienbelastung, soziale Interaktion, Stereotypien, Theory of Mind, Entwicklungsstörung, Kommunikation, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit setzt sich mit dem Störungsbild des frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) auseinander und hinterfragt, welche pädagogischen Förderansätze zur Entlastung des Kindes und seiner Familie beitragen können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Beschreibung der autistischen Symptomatik, der Rolle der Familie im Alltag sowie der Analyse von zwei spezifischen Fördermethoden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Erstellung eines fundierten Bildes über die Störung, um die Wirksamkeit der vorgestellten Methoden zur Erleichterung des Alltags für Kind und Eltern beurteilen zu können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die verschiedene theoretische Ansätze, Studien und aktuelle Diskurse zu Fördermethoden bei Autismus gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Besonderheiten des Kanner-Autismus (Sprache, Kognition, Verhalten) beschrieben, gefolgt von einer detaillierten Erläuterung und kritischen Reflexion der Gestützten Kommunikation (FC) und des TEACCH-Ansatzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Autismus, Kanner-Syndrom, TEACCH, Gestützte Kommunikation, pädagogische Förderung und Familienalltag definiert.
Warum ist der TEACCH-Ansatz besonders für Autisten relevant?
Der Ansatz berücksichtigt die spezifischen kognitiven Stärken, wie die visuelle Wahrnehmung, und bietet durch Strukturierung und Visualisierung Sicherheit und Orientierung in einer für Autisten oft komplexen Welt.
Welche Rolle spielt die Familie bei der Förderung?
Die Familie wird nicht als Ursache der Störung gesehen, sondern als wichtige Ressource. Die Förderung zielt darauf ab, die Eltern in ihrer Rolle zu unterstützen und durch eine bessere Kommunikation den familiären Alltag zu entlasten.
Was ist der Kern der Kritik an der Gestützten Kommunikation?
Die Hauptkritik betrifft die unklare Urheberschaft der geschriebenen Texte und die Gefahr einer inhaltlichen Beeinflussung durch den sogenannten „Stützer“.
- Citation du texte
- Master of Arts Kathrin Mütze (Auteur), 2009, Frühkindlicher Autismus: Skizze einer Störung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268535