Medien als Sozialisationsinstanz im Jugendalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
24 Seiten, Note: 13 Punkte

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Begriffsdefinition
1.1. Medien
1.2. Sozialisation

2. Mediensozialisation – Theoretische Grundlagen
2.1. Mediensozialisation – Ansätze und Dimensionen

3. Mediensozialisation im Jugendalter
3.1. Medienzugang und -angebote
3.2. Mediennutzung und –aneignung Jugendlicher
3.3. Funktionsvielfalt der Medien

4. Mediensozialisation - Risiko oder Ressource?
4.1. Medien als Risiken für das sich entwickelnde Individuum
4.2. Medien als Ressource der Heranwachsenden

5. Medienkompetenz als Voraussetzung für gelingende Mediensozialisation
5.1. Theroretische Grundzüge des Konzept der Medienkompetenz
5.2. Mediensozialisation – Medienkompetenz – Medienpädagogisches Handeln

6. Fazit

7. Anhang.
7.1. Literaturverzeichnis

Einleitung

Medien sind in unserer modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts über Radio, Fernsehen, Internet und Co. allgegenwärtig. Sie sind Teil unserer Alltagskultur und elementarer Bestandteil der Wissensgesellschaft geworden. „Zweifellos leben wir in einer Gesellschaft, in der Menschen, die nicht medial verbunden oder integriert sind, vom sozialen und kulturellen Leben weitgehend ausgeschlossen sind“ (Mikos, Winter, & Hoffmann 2007, Medien - Identität - Identifikationen, S.7). Immer wieder werden in der öffentlichen Diskussion Fragen aufgeworfen, was Medien mit Menschen insbesondere mit Kindern und Jugendlichen, die in dieser „durch Informations- und Kommunikationsstrukturen geprägten Welt“ (Lash 2002 zit. in Mikos, Winter, & Hoffmann, Medien - Identität – Identifikationen 2007, S.7) aufwachsen, machen. Nicht selten wird insbesondere auf Grundlage alarmierender Medienbericht-erstattungen über gewaltbereite, bewegungsarme und deshalb dicke Jugendliche, die zudem scheinbar immer häufiger Lernschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsdefizitstörungen aufweisen (vgl. Kneifel 2009, S.11f.), der Eindruck erweckt, diese müssten in einer möglichst medienarmen Umwelt aufwachsen, da Medien „primär ein Risikofaktor für Heranwachsende seien“ (Süss, Lampert, & Wijnen 2010, Medienpädagogik - Ein Studienbuch zur Einführung, S.18). Dabei wird jedoch übersehen, dass Medien „zu einer Sozialisationsinstanz geworden (sind), mit und in der Jugendliche ihre Identität aushandeln (Mikos 2004, Medien als Sozialisationsinstanz und die Rolle der Medienkompetenz, S.160). Dieser Umstand konnte durch diverse Jugendforschungen belegt werden (vgl. u.a. Barthelmes 2001 und JIM-Studie 2010). So entsteht das negative Bild von „der Jugend“ mehr „aus der tendenziösen Berichterstattung der Medien […] unter den Nachrichtenfaktoren Negativismus und Sensationalismus und (kann) nicht mit objektiven Trends der Jugendforschung belegt werden“ (vgl. Göppel 2007, S.183f.).

Doch wie wirken Medien nun auf Heranwachsende? Wirken sie überhaupt und welche Rolle spielen sie dabei für die Sozialisation von Jugendlichen? Welche förderlichen und nachteiligen Auswirkungen hat der Medienkonsum für Heranwachsende und wie können diese im Umgang mit Medien unterstützt werden? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Hausarbeit unter der zentralen Fragestellung Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus den medialen Lebenswelten [1] für die Sozialisation Jugendlicher? nachgegangen werden.

Bevor Medienaneignung, Funktionen von Medien und ihre Wirkung bei Jugendlichen betrachtet werden können, muss zunächst eine definitorische Basis geschaffen werden. Dazu werden im ersten Kapitel die zentralen Begiffe „Medien“ und „Sozialisation“ definiert, um darauf aufbauend in Kapitel 2 auf den Begriff der „Mediensozialisation“, dessen Ansätze und Dimensionen einzugehen.[2] An diese Darstellung schließt Kapitel 3 an, in dem speziell die Mediensozialisation im Jugendalter thematisiert wird. Hierzu werden mediale Handlungsräume von Heranwachsenden ebenso erörtert wie ihre spezielle Medienaneignung und –nutzung und verschiedene Funktionen von Medien im Jugendalter. Welche Chancen und Risiken Medien für die Sozialisation von Jugendlichen mit sich bringen können, soll Kapitel 4 versuchen zu beantworten. Kapitel 5 wird die Anforderungen an die pädagogische Praxis, die sich aus den vorangegangenen Teilen der Arbeit ergeben haben, aufzeigen. In Bezug auf eine möglicherweise notwendige Begleitung und Unterstützung von Mediensozialisation sollen theoretische Aspekte der Medienkompetenz thematisiert werden, deren Erwerb Jugendlichen dazu verhelfen soll, sich in unserer medialisierten Gesellschaft zurechtzufinden und Medien als Sozialisationsinstanz positiv für sich nutzen zu können. Abschließend werden die wesentlichen Aspekte der vorliegenden Arbeit in Kapitel 6 zu einem reflexiven Fazit zusammengefasst.

1. Begriffsdefinition

Will man die Bedeutung des Begriffs „Mediensozialisation“ erfassen, scheint es zunächst sinnvoll, sich diesem über dessen Einzelbegriffe „Medien“ und „Sozialisation“ zu nähern.

1.1. Medien

Die Singularform „Medium“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ursprünglich das in der Mitte Befindliche. Heute wird darunter im weiteren Sinne ein Mittel oder eine Instanz zur Vermittlung zwischen Personen, Gruppen, Angelegenheiten oder Welten verstanden; im engeren, kommunikationswissenschaftlichen Sinne also Instanzen, die Bedeutungen oder Botschaften transportieren (vgl. Merten 1999). Die Pluralform „Medien“ wird im alltäglichen Sprachgebrauch als zusammenfassende Bezeichnung für alle visuellen, auditiven und audiovisuellen Kommunikationsmittel verstanden. Darunter können unter anderem Fernsehen, Funk, Internet, Film, sowie Bücher, Hörspiele und ähnliche Formate gefasst werden (vgl. Schaub & Zenke 2007). Diese Formate werden als Massenmedien bezeichnet, die durch Informationsvermittlung an ein öffentliches, breites Publikum gekennzeichnet sind und meist synonym mit dem Begriff „Medien“ verwendet werden (vgl. Hoffmann 2007). Auch die vorliegende Arbeit wird sich, wenn nicht anders gekennzeichnet, im Wesentlichen auf diese Art von Medien beziehen.

1.2. Sozialisation

Sozialisation befasst sich mit der Frage, „wie Menschen sich in ihrer Persönlichkeit entwickeln und welchen Einfluss darauf die Umwelt hat“ (Hurrelmann 2002, S.11). Als Begründer des Konzepts der Sozialisation gilt Durkheim, dessen Auffassung von Sozialisation als „Vergesellschaftung der menschlichen Natur“ (Durkheim 1907 zit. in Hurrelmann 2002, S.12) einen sozialen Vereinnahmungsprozess der Persönlichkeit impliziert. „Die gesellschaftlichen Normen stoßen auf ein Individuum, das sich triebhaft, egoistisch und asozial verhält und erst durch den Prozess der Sozialisation gesellschaftsfähig wird.“ (ebd. S.12). Diese scheinbar einseitige Einflussnahme von Gesellschaft auf das Individuum zur Sicherung der modernen Industriegesellschaft wurde bis in die 1970er Jahre vertreten. Hurrelmann und Ulich gelang es 1980 mit ihrem Handbuch der Sozialisationsforschung der Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Sozialisationsforschung zu entsprechen.[3] Kausalistische und einseitig geprägte Konzepte von Sozialisation im Sinne Durkheims wurden vom aktiven und kompetenten bzw. kompetent werdenden Subjekt abgelöst (vgl. Kübler 2010, S.17). Sozialisation wurde jetzt definiert als „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt“ (Geulen & Hurrelmann 1980, S.51). Dieses interaktionistische Konzept von Sozialisation, in dem von „einem aktiven, die gesellschaftliche Wirklichkeit konstruierenden Subjekt ausgegangen wird“ (Aufenager 2008, S.87) hat sich in der wissenschaftlichen Diskussion bis heute durchgesetzt. Sozialisation bezeichnet nach dieser Definition den „Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt“ (Hurrelmann 2002, S.15). Aus dieser Definition wird deutlich, dass Persönlichkeit, die aus Einstellungen, Eigenschaften und Handlungskompetenzen besteht, ein zentraler Bestandteil von Sozialisation ist. Diese Persönlichkeitsentwicklung ist abhängig von der „inneren und äußeren Realität“ (ebd. S.16) eines jeden Menschen – von den genetischen Anlagen, körperlichen und psychischen Grundmerkmalen einerseits, von der sozialen Umwelt wie Eltern, Schule, Gleichaltrigengruppen (Peergroups) als Sozialisationsinstanzen andererseits. Aufgrund der eingangs geschilderten Allgegenwärtigkeit von medial gekennzeichneter gesellschaftlicher Kommunikation müssen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts über die traditionellen Sozialisationsinstanzen hinaus auch Medien als eine weitere Instanz innerhalb der Sozialisation eines Menschen angesehen werden (vgl. Vollbrecht & Wegener 2010, S.9).

Auf ebendiese Mediensozialisation soll im Folgenden näher eingegangen werden. Dazu möchte betont sein, dass Mediensozialisation nicht als spezifische Form der zuvor beschrieben Sozialisation zu verstehen ist, sondern lediglich einen Aspekt von Sozialisation darstellt, der in dieser Ausarbeitung in den Fokus rückt.

2. Mediensozialisation – Theoretische Grundlagen

2.1. Mediensozialisation – Ansätze und Dimensionen

Mediensozialisation befasst sich mit der Rolle der Medien bei Prozessen der sozialen Entwicklung von Individuen (vgl. Schorb, Mohn, & Theunert 1998). In Anlehnung an die vorangegangene Definition von Sozialisation versteht Baacke unter dem Begriff „die allmähliche Aneignung und Konstruktion sozialer Welten“ (Baacke 1989 zit. in Kübler 2010, S.23), die in verschiedene Phasen gegliedert werden kann, in denen je spezifische Entwicklungsaufgaben zu bewältigen sind: In der primären Sozialisation, die sich zunächst in der Mutter-Kind-Dyade abspielt und sich später auf die gesamte Familie erstreckt, erlernt das Kind essentielle kognitive, sprachliche und soziale Fähigkeiten, mit denen es den familiären Nahbereich erobert, konstruiert und durch seine Existenz zunehmend mit sozialisiert. Die sekundäre Sozialisation kommt Erziehungs- und Bildungseinrichtungen wie Kindergarten, Schule, Ausbildung, etc. zu. Diese Sozialisationsagenturen repräsentieren formelle und gesellschaftliche Anforderungen. Sie verhelfen dem Individuum zur Ausbildung notwendiger Qualifikations- und Sozialkomponenten. Die tertiären Zonen innerhalb der Sozialisation sind eher informell und situationsspezifisch konzipiert, „dienen den Heranwachsenden vorrangig zur Individualisierung und Identitätsfindung“ (Kübler 2010, S.24) und verhelfen den Sozialisanden[4], sich vom Elternhaus, schulischen Anforderungen etc. abzugrenzen. Paarbeziehungen, Freundschaften und peer groups, die im Jugendalter immer stärker in Freizeit, Konsum und Medien einbezogen werden und diese mitbestimmen, fungieren bei der Identitätsfindung als „diffuse Katalysatoren – wobei in der vielfach akzentuierten Jugendphase der Grat zwischen gelingender und riskanter oder gar scheiternder und abweichender Sozialisation mitunter recht schmal ausfällt“ (Kübler 2010, S.24). Diese tertiäre Zone der Sozialisation wird strukturierend und agierend von Medien wie Handy, Internet, Filmen oder MP3-Playern mitbestimmt (vgl. Vollbrecht 2003, S.16). Doch wie beeinflussen die Medien den allgemeinen Sozialisationsprozess von Heranwachsenden? Sind sie eher förderlich oder vor allem Risikofaktoren für eine gesunde Entwicklung?

Der Stellenwert der Medien für das Aufwachsen von Jugendlichen wird in der Fachliteratur ebenso kontrovers diskutiert wie in der Öffentlichkeit. Die beiden prägnantesten Positionen lassen sich dabei in Kulturpessimismus und kritischen Optimismus unterscheiden, wobei der kritische Optimismus in der gegenwärtigen Medienforschung als allgemein anerkannte Kernkonzeption gilt, Vertreter des Kulturpessimismus jedoch besonders unter dem Einfluss von Medienberichten über das „Verkommen der Jugend“ immer wieder Aufschwung erhalten (vgl. Vollbrecht & Wegener 2010). Grundlage für die Einschätzung von dem, was Medien mit Menschen bzw. Menschen mit Medien machen und möglicherweise daraus abzuleitende medienpädagogische Interventionen, sind unterschiedliche Menschenbilder, Medienbilder und Wirkungstheorien (vgl. Süss, Lampert, & Wijnen, Medienpädagogik - Ein Studienbuch zur Einführung 2010, S.18f.). Der Kulturpessimismus, der durch die Frage Was machen Medien mit Menschen? eine medienzentrierte Perspektive aufweist, wird etwa von Postman, Spitzer und Glogauer vertreten. Diese Autoren sehen Medien vor allem „als Quellen von Entwicklungsdefiziten und gesellschaftlichen Gefährdungen“ (ebd. S.19), vor denen es Kinder und Jugendliche zu beschützen gilt, wolle man verhindern, dass sie durch Gewaltdarstellungen im Fernsehen desorientiert würden und Angst und Aggressionen dadurch zunehmen (vgl. Spitzer 2005). „Wegen ihrer noch nicht gefestigten Persönlichkeit werden Heranwachsende als besonders gefährdet betrachtet“ (Süss 2006, Mediensozialisation von Heranwachsenden. Dimensionen - Konstanten - Wandel, S.15). Bei dieser medienzentrierten Perspektive wird der jugendliche Sozialisand als aktiver Rezipient ebenso außer Acht gelassen, wie empirische Befunde zur Medienwirkungsforschung die genau ein solches aktives Rezipientenverhalten belegen. Denn im Gegensatz zu den Annahmen von Spitzer und anderen Vertretern des Kulturpessimismus „meint Mediensozialisation mehr als Sozialisation durch Medien, denn Letzteres legt ein zu einfaches Modell eines einseitigen, monokausalen Wirkungsverlaufs nahe, in dem die Medien nur Täter und die Jugendlichen nur Opfer sind“ (Fritz, Sting, & Vollbrecht 2003, S.8). Vielmehr ist jede Mediennutzung verbunden mit einem erwarteten Nutzen, was die Vorstellung von „aktiv handelnden Individuen, die sich im symbolischen Feld der Medien selbst sozialisieren“ (ebd. S.8) impliziert. Welche Funktionen Medien für Heranwachsende haben, wird in Kapitel 2 der Arbeit verdeutlicht.

[...]


[1] Als Lebenswelt wird im Folgenden der alltägliche Raum bzw. das Umwelt definiert, in dem Jugendliche aufwachsen.

[2] Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht erschöpfend auf die Thematik eingegangen werden. Die Darstellung von Ansätzen und Dimensionen der Mediensozialisation soll lediglich einen Überblick geben und erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

[3] Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht näher auf gesellschaftliche Entwicklungen eingegangen werden, die einen Paradigmenwechsel notwendig gemacht haben. An dieser Stelle sei lediglich auf die Veränderung in der heutigen westlichen Gesellschaft in Bezug auf die Etablierung von eigenständigen Organisationen und Systemen hingewiesen, in denen das Aufzwängen von Wert- und Symbolsystemen wie es noch in der Industriegesellschaft zu Zeiten Durkheims zur Aufrechterhaltung einer funktionierenden Gesellschaft notwendig erschien, nicht mehr funktional ist (vgl. Hurrelmann 2002, S.13).

[4] Als Sozialisand wird das zu sozialisierende Individuum bezeichnet.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Medien als Sozialisationsinstanz im Jugendalter
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V268540
ISBN (eBook)
9783656595977
ISBN (Buch)
9783656595892
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medien, sozialisationsinstanz, jugendalter
Arbeit zitieren
Master of Arts Kathrin Mütze (Autor), 2011, Medien als Sozialisationsinstanz im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268540

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