Das psychoanalytische Erstinterview nach Argelander. Probleme und Möglichkeiten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

23 Seiten, Note: 13 Punkte


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Erstinterview – Ein historischer Abriss

2. Charakteristika psychoanalytischer Erstinterviews
2.1. Die Herstellung der Gesprächssituation
2.2. Die Ziele des psychoanalytischen Erstinterviews
2.3. Die therapeutische Beziehung

3. Übertragung und Gegenübertragung als zentrale Beziehungsparameter

4. Schwierigkeiten und Fehler beim Erstinterview

5. Fazit

6. Anhang
6.1. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Das Erstinterview wird als ein offener, unstrukturierter Handlungsdialog aufgefasst, dessen Ziel es ist, die unbewusste Persönlichkeit des Patienten […] zur Darstellung kommen zu lassen. Das therapeutische Moment steht damit gleichberechtigt neben dem diagnostischen bereits in dieser ersten Begegnung im Mittelpunkt.“ (Laimböck A. 2011, S.1) Diese im allgemeinen einmalige, zeitlich begrenzte Gesprächssituation (vgl. Argelander 1970, S.16), fordert insbesondere die Kompetenz des Analytikers[1], unbewusste Konfliktlagen des Patienten, die sich in der aktuellen Beziehungssituation zwischen Patient und Therapeut wiederspiegeln, innerhalb kürzester Zeit zu erfassen und gegebenenfalls bereits im Erstgespräch zu deuten (vgl. Laimböck A. 2000, S.53). Mit dem Erstinterview geht eine hohe innere Erwartungshaltung und Gespanntheit auf Seite des Patienten einher, sich in diesem für ihn existenziellen Erstkontakt zu öffnen und erkannt zu werden. „Deshalb inszeniert der Patient gerade in diesem Gespräch in besonders markanter Weise, prägnant und vollständig, seine unbewusste Verfassung“ (ebd. S.54). Die Besonderheit des Erstgesprächs konnte zudem von Argelander nachgewiesen werden, indem er aufzeigte, dass zur Erstellung von Diagnosen die psychoanalytische Erfahrung bestätigt, „daß der Auftakt von besonderer Bedeutung ist, auch wenn man ihn erst viel später versteht“ (Argelander H. 1991, S.186).

Vor diesem Hintergrund sollte die Bedeutung des Erstinterviews deutlich geworden sein, mit dem sich die vorliegende Arbeit beschäftigen wird. Besonders im Hinblick darauf, dass das psychoanalytische Erstinterview „die aktuelle Psychodynamik in der Zwei-Personen-Beziehung und eine Beziehungsdiagnostik in den Vordergrund stellt“ (Laimböck A. 2011, S.24) ergibt sich die Frage, welche therapeutischen Prinzipien zu beachten sind, um eine notwendige vertrauensvolle Beziehung aufbauen zu können. Welche Faktoren hemmen bzw. fördern diese besondere Beziehung? Welche unbewussten Prozesse beeinflussen die Interaktion zwischen Patient und Therapeut? Kann es gelingen, diese unbewussten Vorgänge zum Vorteil der Therapie zu nutzen und wo liegen mögliche Fehlerquellen bei einem Erstinterview? Diesen Gedanken soll unter der Fragestellung „Welche Probleme und Möglichkeiten ergeben sich aus dem psychoanalytische Erstinterview nach Argelander?“ begegnet werden. Dazu wird Kapitel 1 einen kurzen historischen Überblick über Entstehung und Systematisierung des Erstinterviews liefern. Kapitel 2 geht dann näher auf die Charakteristika dieser psychoanalytischen Methode ein, indem sowohl die Herstellung der Gesprächssituation, die Ziele des Erstinterviews als auch die spezielle therapeutische Beziehung, die ebendiesem zugrunde liegt, näher betrachtet und Besonderheiten hervorgehoben werden. Kapitel 3 befasst sich anschließend mit den unbewussten Prozessen der Übertragung und Gegenübertragung, die als „zentrale Beziehungsparameter“ (Wilke 1992, S.44) der aktuellen Beziehungssituation zwischen Patient und Therapeut angesehen werden können und als psychoanalytische Methode bereits im Erstgespräch eine herausragende Bedeutung haben. Um sich der Schwierigkeiten und möglicher Fehler beim Erstinterview bewusst zu werden und diese in der praktischen Arbeit zumindest eindämmen zu können, beschäftigt sich Kapitel 4 mit ebendiesen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen (institutioneller, interpersoneller und intrapsychischer) wiederfinden. Kapitel 5 wird in einer abschließenden Betrachtung alle Ergebnisse und Argumentationen der vorangegangenen Kapitel zusammenfassen und gegebenenfalls einen Ausblick in Bezug auf noch ausstehende Anforderungen oder offen gebliebene Fragen geben.

1. Das Erstinterview – Ein historischer Abriss

Das psychoanalytische Erstinterview ist „das Untersuchungsinstrument zur Erhebung der Lebensgeschichte und Einschätzung der Persönlichkeit des Patienten schlechthin“ (Wilke 1992, S.23). Der Therapeut selbst ist hierbei das Instrument, mit dem das Gespräch bestritten wird und welches so empfindlich wie möglich reagieren muss. Trotz des Umstandes, dass es in diesem Rahmen keine körperlichen oder sonstige Untersuchungen gibt, die der Therapeut selbst durchführt und nur über das Erstgespräch ein Zugang zum Patienten gefunden werden kann, hat sich in Deutschland erst relativ spät eine eigene Interviewtechnik entwickelt.[2]

Die Entwicklung bis zu den heutigen Formen des Erstinterviews beginnt mit Freud, dessen Darstellung des ersten Gesprächs mit der Patientin „Katharina“ (vgl. Freud 1892-1899) nach Argelander retrospektiv als das erste psychoanalytische Interview überhaupt angesehen werden kann (vgl. Argelander H. , Im Sprechstundeninterview bei Freud. Technische Überlegungen zu Freuds Fall "Katharina" 1976). Konkretere Vorläufer des psychoanalytischen Erstinterviews sind Arbeiten aus den USA in den 50er Jahren. Dazu zählt unter anderem das Konzept des Erstinterviews in der psychiatrischen Praxis von Gill, Newman und Redlich (vgl. Gill, Newman, & Redlich 1954), die das Erstgespräch erstmals als eigenständige Untersuchungseinheit konzipierten, bei dem der Therapeut als Teilnehmer aktiv in die Interaktion einbezogen ist und die Beziehung zwischen Patient und Analytiker das zentrale Thema des Interviews darstellt. Ähnliche Erkenntnisse lieferte das diagnostische Interview von Balint (vgl. Balint & Balint, 1961), welches bereits das Wirken und Ineinandergreifen unbewusster Prozesse wie Übertragung und Gegenübertragung berücksichtigte. Von diesen Arbeiten beeinflusst, hat „vor allem Argelander mit seinem Werk Das Erstinterview in der Psychotherapie (1970) dazu beigetragen, dass das Erstinterview entscheidende diagnostische und therapeutische Bedeutung in Deutschland erhielt“ (Wilke 1992, S.30). Argelander unterscheidet zwischen einem Sprechstundeninterview, das aufgrund der begrenzten Behandlungskapazität des Sigmund-Freud-Instituts entstanden ist und eher Beratungscharakter hat, und dem längeren Erstinterview, welches hingegen unter Umständen bereits als therapeutisches Gespräch bezeichnet werden kann. Mit den Charakteristika der letzteren Form soll sich Kapitel 2 beschäftigen.

2. Charakteristika psychoanalytischer Erstinterviews

Das Erstinterview ist, wie eingangs erwähnt, eine einmalige, begrenzte Gesprächssituation, die dem Therapeuten zunächst dazu verhelfen soll, eine Aussage über die Persönlichkeit des Patienten zu treffen (vgl. Argelander H. 1970, S.16). In dieser besonderen Gesprächssituation werden Persönlichkeitsmerkmale, die bewussten und unbewussten Motivationen des Patienten beobachtet. Desweiteren ist die Art der Anmeldung, der Überweisungsmodus, die persönliche Einstellung zur Erkrankung und die Eigenarten der Gesprächsführung von besonderem Interesse. Diese Faktoren „erlauben unabhängig von der individuellen Persönlichkeit gewisse Vorhersagen mit einem hohen diagnostischen und prognostischen Stellenwert“ (ebd. S.35), auch wenn die genannten beobachtbaren Phänomene keineswegs eine endgültige Diagnose ermöglichen. Vielmehr sollen sogenannte „Typisierungsversuche“ (ebd. S.35) dazu dienen, den oft vieldeutigen Gesprächsinhalten den richtigen Sinn zu geben. Richtig bezieht sich in diesem Zusammenhang auf „den Grad einer höheren Prägnanz der Materialanordnung zur Erfassung der Persönlichkeit und ihrer Störungen“ (ebd. S.35). Argelander hat die unterschiedlichen Datenquellen, aus denen Informationen gewonnen werden können, folgendermaßen systematisiert: 1. objektive Informationen, 2. subjektive Informationen und 3. szenische oder situative Informationen (vgl. ebd. S.12ff.). Zu den objektiven Informationen zählen persönliche Angaben, biographische Fakten und bestimmte Verhaltensweisen des Patienten, die jederzeit nachprüfbar sind. Diese Informationen und ihr Wahrheitsgehalt spielen in der Regel in organmedizinischen oder klassisch psychiatrischen Anamneseformen eine zentrale Rolle, eine störungsfreie Interaktion ist hier erwünscht (vgl. Wegner 1988, S.6). In der psychoanalytischen Ausprägung des Erstgesprächs werden hingegen „gerade die subjektiven Einschätzungen des Patienten zum Geschilderten (…) und die Störung oder Auffälligkeiten im Gespräch zum Ausgangspunkt des Verstehens“ (Wilke, 1992, S.42). Subjektive Informationen können also nur bedingt verlässlich sein – entscheidend ist ausschließlich, welche Bedeutung der Patient ihnen verleiht. Das einzige Kriterium für ihre Verlässlichkeit ist die sogenannte „situative Evidenz, das Gefühl einer prägnanten Übereinstimmung zwischen der Information und dem Geschehen in der Situation“ (Argelander H. 1970, S.14). Als dritte Quelle der Datengewinnung gelten szenische oder situative Informationen. Hierbei steht das Erleben der Situation mit all seinen Gefühlsregungen im Vordergrund – auch , wenn der Patient schweigt. Hier ist das Instrument die aktuelle Wahrnehmung des Therapeuten allein und dessen Gegenübertragung[3][4]. „Das Geheimnis eines umfassenden Verstehens im Erstinterview ist die Beteiligung der Persönlichkeit des Interviewers am Prozess der Wahrnehmung“ (Boessmann & Remmers 2011, S.9). Auf diese Weise gewonnene Informationen sind praktisch nie durch eine Wiederholung nachprüfbar und werden deshalb von den meisten Interviewern verworfen, obwohl sie für die Prognose des therapeutischen Prozesses am aufschlussreichsten sind (vgl. Argelander H. 1970, S.14). Diese unterschiedlichen Informationsquellen bedürfen der Integration, um ein möglichst umfassendes Bild des Patienten zu bekommen. Auch um den fortwährenden Streit um die Brauchbarkeit der verschiedenen Informationen zu beenden konstatiert Argelander: „Die Zuverlässigkeit des gewonnenen Persönlichkeitsbildes und seiner psychischen Störung wächst mit der Integration der Informationen aus allen drei Quellen“ (ebd. S.15).

Die Darstellung der verschiedenen Informationsquellen erschien notwendig, um die nun folgenden Besonderheiten von äußeren Bedingungen und der Gestaltung der therapeutischen Beziehung im psychoanalytischen Erstgespräch verständlich und nachvollziehbar zu machen.

2.1.Die Herstellung der Gesprächssituation

Argelander geht davon aus, dass unbewusste Mitteilungen „offensichtlich eine Tendenz haben, sich in der Gesprächssituation zu manifestieren“ (Argelander H. 1970, S.18). Aus dem Bewusstsein verdrängte Inhalte werden von einem formenden Ich in Szene gesetzt, weil sie sprachlich nicht mehr kommuniziert werden können. Der szenischen Funktion des Ichs (ebd. S.20) liegt die Fähigkeit zugrunde, „äußere Gegebenheiten und innere unbewußte Strukturen mit den dazugehörigen Wünschen so zu koordinieren, daß der Sinn der bewußten Situation erhalten bleibt, aber auch die unbewußten Beziehungen und Wünsche in Szene gesetzt werden [können]“ (Laimböck A. 2000, S.55). Schlussfolgernd nimmt Argelander an, dass im Gespräch frei geäußerte, bewusste Inhalte sich um einen unbewussten Kern der Szene ranken „und zu einer prägnanten Gestalt formieren, einem Sinngefüge, das alle gegebenen Informationen umschließt“ (ebd. S.55), und ihnen im Rahmen dieses Gefüges eine Bedeutung verleiht. Der Therapeut bleibt daher nicht bei vermeintlich eindeutigen, objektiven Informationen, die ihm der Patient mitteilt oder die durch sein Verhalten offensichtlich erscheinen, stehen. Vielmehr sucht er stets nach der subjektiven Bedeutung dieser Vorgänge und lenkt das Gespräch auf diese Weise in eine ungewöhnliche, weil nicht alltägliche, Richtung.[5] Es ist davon auszugehen, dass der Patient die weitgehend unstrukturierte Situation des psychoanalytischen Erstgespräches dazu nutzt, seine unbewussten Inhalte und Konflikte mithilfe der szenischen Funktion des Ichs unterzubringen, ohne dass sie unmittelbar als solche erkennbar sind. „Es ist also für unsere diagnostische Absicht von größter Wichtigkeit, das Erstgespräch so offen wie möglich zu halten, d.h. die Regeln der Höflichkeit einzuhalten und dennoch einen unhöflichen Spielraum zu lassen“ (ebd. S.56).

Wie man diese „ungewöhnliche Gesprächssituation“ (Argelander H. 1970, S.16) herbeiführt, richtet sich nach den Zielen, die dem Interviewer vorschweben. Wie im vorangegangenen Abschnitt deutlich geworden sein sollte, gilt es für die Anfangsphase des Erstinterviews, „Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß der Patient sich nicht nur mitteilen (...) kann, sondern darüber hinaus die Persönlichkeitsstörungen in der Gesprächssituation preisgibt, die wir zur Urteilsfindung benötigen“ (ebd. S.16). Der Patient wird also durch den Rahmen, den das Erstgespräch gibt, dazu ermutigt, sich offen mitzuteilen und auch über vermeintlich unwichtige, aber auch peinliche Erlebnisse zu sprechen. Argelander beschreibt drei Schritte zur Einführung in die Gesprächssituation: Die Technik des Vorfeldes, die situativen Bedingungen und die therapeutische Haltung. (vgl. Argelander H. 1970, S.36ff.).

[...]


[1] Der Einfachheit halber wird in der vorliegenden Arbeit jeweils nur die maskuline Form verwendet. Gemeint sind natürlich immer beiden Formen.

[2] Im Rahmen dieser Arbeit kann nur auf einzelne Arbeiten eingegangen werden, die zentral für die Entwicklung des psychoanalytischen Erstinterviews waren. Für einen detaillierteren Einblick sei auf die Arbeit von Thomä & Kächele (1989) verwiesen.

[3] Im Folgenden bezieht sich die Autorin (K.M.) auf die Ausführungen zum Erstinterview nach Argelander.

[4] Vgl. dazu Kapitel 3.

[5] Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht näher auf die Ausführungen Argelanders zur „Ungewöhnlichen Gesprächssituation“ eingegangen werden. Für anschauliche Beispiele vgl. Argelander H. 1970, S.16ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das psychoanalytische Erstinterview nach Argelander. Probleme und Möglichkeiten
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V268543
ISBN (eBook)
9783656600268
ISBN (Buch)
9783656600251
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erstinterview, argelander, probleme, möglichkeiten
Arbeit zitieren
Master of Arts Kathrin Mütze (Autor), 2012, Das psychoanalytische Erstinterview nach Argelander. Probleme und Möglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268543

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