Strategien zur Bewältigung der „grausamen Dinge“.

Zur literarischen Reflexion von Schuld in Uwe Timms «Am Beispiel meines Bruders»


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

26 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Im Konflikt der Generationen. Dimensionen des Schuldbegriffs zwischen
Individual- und Kollektiv-Schuld
2.1 Unschuldig schuldig? Aspekte des juristischen und des ethischen
Begriffs der Zurechnung
2.2 Zur Normalität von ‚Schuld‘ in Timms Am Beispiel meines Bruders
2.3 Von der Schuld zur Opferrolle. Zur Selbstlegitimation der Generation
der Täter
2.4 Die Schuld des Verschweigens und der sprachlichen „Verrohung“
2.5 Die Schuld kleinmalen oder die Gefahr der Alltäglichkeit

3. Die Generation der Täter. Zur Thematisierung der Schuldfrage am Beispiel
der Hauptfiguren (Bruder, Vater)
3.1 Eine Frage des Gewissens: Die Wahrheit über den Bruder
3.2 Schuld als Nichtwissen? Die mögliche Zurechenbarkeit des Bruders
3.3 Dem „Festgeschriebenen nachgehen“ oder „Reduktion auf Haltung“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Welchen Weg musste nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein!

– J.W. von Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1. Buch, 4. Kapitel

Wir sind kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünde unserer Väter und Vorväter. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld.“

– F. Dürrenmatt: Theaterprobleme

Mit seiner reportageartigen Erzählung Am Beispiel meines Bruders hat Uwe Timm im Jahr 2003 einen autobiografischen Text vorgelegt. Damit wurde wohl die die Diskussion über die deutsche Erinnerungskultur und die Verbrechen des Nationalsozialismus neu und auf differenzierte Weise angefacht; zumindest in Deutschland. Anders als die Behandlung des Themas in Bernhard Schlinks Der Vorleser (1995) problematisiert Timm in diesem Buch anhand seiner eigenen Familiengeschichte beispielhaft Möglichkeiten und Grenzen einer transgenerationellen Übertragung von Schuld und Verantwortung. Zwischen persönlicher Betroffenheit und distanzierter Beurteilung thematisiert der autobiographische Erzähler am Leitfaden des Kriegstagebuchs seines verstorbenen (bei einer SS-Division kämpfenden) Bruders den Zusammenhang von kollektiver Bewusstseinsprägung und persönlicher individueller Lebenssituation. Timm verbindet in seinem Erzähltext damit zwei für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur nach 1945 uneingeholt aktuelle Themenkreise: das Thema des persönlichen Schuldgefühls (im Kontext familiärer Mittäterschaft) zur Zeit des Nationalsozialismus, und das Thema der Vater-Spuren-Suche und dem diesem immanenten Generationenkonflikt.[1]

Die in der vorliegenden Arbeit am Beispiel von Timms Erzählung Am Beispiel meines Bruders interessierenden Problemstellungen widmen sich dem Zusammenhang von Schuld, Schuldgefühl und Schuldbewältigung und damit dem Thema der Vergangenheitsbewältigung für die Zeit des Nationalsozialismus. So geht es darum, den moralischen Begriff der „Schuld“ bzw. die moralisch relevante „Frage der Schuld“ zu problematisieren und das heisst, auf der Grundlage eines differenzierten Schuldbegriffs zu untersuchen, wie in einer autobiographischen Erzählung das Problem des persönlichen Schuldgefühls verarbeitet und als exemplarische Erfahrung – am Beispiel der persönlichen Familiengeschichte – rekapituliert und für die Erinnerungsarbeit konzeptualisiert wird.

Ebenso sollen die hier textimmanent erarbeiten Strukturen des Erzählens dazu dienen, Spezifika von Timms literarischer Vergangenheitsreflexion herauszuarbeiten und vor dem Hintergrund eines realistischen und engagierten Literaturbegriffs zu thematisieren, dem sich Timm selbst verpflichtet weiss.[2] Gefragt wird daher nicht nur nach den konkreten persönlichen Erfahrungen des Erzählers in seiner Familie mit Bezug auf deren Umgang mit dem Tod eines Bruders. Der Fokus der Textinterpretation gilt den erzählerischen Strategien, im Grenzbereich von individueller und kollektiver Schuld das überzeitlich gültige Veto zu formulieren und zu thematisieren. Und dem Vergessen und Nicht-Wissen-Wollen. Timms Buch, so gilt es mit Schwerpunkt in der Analyse der Lebensgeschichte des verstorbenen Bruders herauszuarbeiten, stellt unabgegolten relevanten Leitfragen zum Verhältnis von Individual- und Kollektivschuld, Schuldgefühl und Schuldbewältigungsstrategien. Am Beispiel meines Bruders gibt keine fertigen Antworten auf Fragen wie die nach der möglichen ‚Schicksalshaftigkeit‘ von Schuld in der NS-Zeit. Es zeigt vielmehr deutlich das Problem auf, wie eine persönliche „Erinnerungsarbeit“ aussehen kann, die sich in der Nach-Väter-Generation dem Problem der Schuld verantwortlich, jedoch nicht einfach selbstgerecht und mit der scheinbaren Überlegenheit der ‚Nachgeborenen‘ stellen will.[3]

2. Im Konflikt der Generationen. Dimensionen des Schuldbegriffs zwischen Individual- und Kollektiv-Schuld

Der Titel von Timms autobiographischer Recherche zum Problemfeld der Schuld und Verantwortung am Beispiel seines eigenen älteren Bruders könnte darüber hinwegtäuschen, worum es in dem familiär vorgeführten Thema eigentlich geht: die Auseinandersetzung mit der Schuldfrage einer Generation, fokussiert in der „Sprache der Täter“.[4] Im Erzählverlauf ist es  nicht nur der Bruder, dessen Lebenssituationen als Brennpunkt und Spiegelung der Schuldthematik dienen: auch die Eltern des Erzählers sowie die Schwester und in der Folge die nach 1945 lebende Generation der Beteiligten und Täter werden in das Zentrum gerückt. Und letztendlich auch mit der Frage der Mitverantwortung konfrontiert. Auf diese Weise gerät die im Text vorgeführte Erinnerungsarbeit zu einer persönlichen, ja bisweilen intimen Rekonstruktion von beispielhaften Familienkonstellationen. (Die dem Rezipienten die Mehrschichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglicht). Sie verlangt gleichwohl vorab zu fragen, wovon eigentlich die Rede ist und sein kann, spricht man mit Bezug auf bestimmte historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen der individuellen Existenz von „Schuld“ und „Verantwortung“.

2.1.Unschuldig schuldig? Aspekte des juristischen und des ethischen Begriffs der Zurechnung

Noch für Aristoteles scheint die Schuldfrage ausschliesslich ein Problem des richtigen sittlichen Handelns gewesen zu sein. Die Verantwortung des Individuums bemisst sich in sittlicher Hinsicht ganz nach der rationalen Willensentscheidung, die auf persönlicher Charakterstärke beruht.[5] Begrifflich gefasst als „retrospektive Verantwortung“, wird der Problemzusammenhang der Schuld in der moderne zunehmend anhand des Begriffs der Zurechnung, Zuschreibung thematisiert.[6] In genereller Perspektive verweist das Thema der Schuld somit nicht mehr nur auf die individuellen Rationalisierbarkeit von Handlungen gemäss einer kollektiven sittlichen Norm. Die Frage nach Schuld und subjektiver Zurechenbarkeit thematisiert ein Phänomen, bei dem Aspekte der subjektiven Empfindung und Selbsteinschätzung (‚Schuldgefühl‘) mit denjenigen Massstäben zusammentreffen, die als ethische Norm gesellschaftlich sanktioniert sind und (straf- oder privatrechtlich) auf die Vorwerfbarkeit einer bestimmten Handlung – etwa das Handeln aufgrund niedriger Beweggründe – verweisen.[7] ‚Schuld‘ nicht gleich ‚Schuld‘ insofern, als sich der Vorwurf der Schuld prinzipiell nicht mit dem Gefühl der Schuld gleichsetzen lässt. Es ist vielmehr möglich, dass man als ‚schuldig‘ bezeichnet wird, obwohl man sich nicht schuldig fühlt.[8]

Individualschuld und sogenannte Kollektivschuld sind nur schwer voneinander zu trennen. Daher stellt sich im generationenübergreifenden Zusammenhang die Frage nach dem Gewissen und der persönlichen Verantwortung für im Kollektiv- bzw. Gruppenzusammenhang akzeptierte Verbrechen. Insbesondere dann kann die Frage nach dem Zusammenhang von Schuld und Schuldbewältigung eine besondere Relevanz bekommen, wenn Schuld und Verbrechen wie diejenigen in der Nazidiktatur zur Hypothek ganzer Gruppen wurden. Für die ‚Nachgeborenen‘, der sogenannten Tätergeneration, stellt sich die Frage, wie sie mit dieser Hypothek umgehen (können und) sollen. Es gehört zu den Vorzügen des Mediums der Literatur, anders als der juristische oder strafrechtliche Diskurs, das Verhältnis zwischen individueller und kollektiver Schuld auszuleuchten und für die Frage nach der Schuld zu sensibilisieren, anstatt nur über die Existenz von Schuldigen oder Nichtverantwortlichen zu befinden oder moralisch zu urteilen.

2.2 Zur Normalität von ‚Schuld‘ in Timms Am Beispiel meines Bruders

Timms literarische Erinnerungs-Recherche zum Thema Schuld und Verantwortung problematisiert in Am Beispiel meines Bruders kein klassisches Schuld-Verhältnis im Sinn des „diskonnektiven Verhaltens“, denn auch die individuelle Schuld steht im Zusammenhang mit der Kollektivschuld.[9] Wie beim Vater liegt auch beim in der SS-Totenkopf-Division eingesetzten Bruder des Erzählers nicht ein faktisch nachweisbares schuldhaftes Handeln im Sinn des vorsätzlichen sittlichen Normenverstosses vor, wie er für den moralischen Schuldbegriff konstitutiv ist.[10] Was Timm in seiner Erzählung thematisiert, ist vielmehr ein Zusammenhang aus (fehlendem) persönlichen Verantwortungsbewusstsein und kollektiven Prägungen, für die bis zur NS-Zeit Humanität auf das eigene Volk beschränkt war.

Es gab, wie es der Erzähler anlässlich der „grössten Selbstverständlichkeit“, mit der in der NS-Ära über die Tötung von Zivilisten, Juden wie Russen berichtet wurde, nüchtern und ungeschminkt festhält, eine „angelernte Sprache, die das Töten erleichtert[e]“[11]. Im juristischen Sinn konnten somit alle im Geist der NS-Ideologie unterstützen oder begangenen Verbrechen als nicht anfechtbar gelten, war das Vernichten und Zerstören der zu Gegnern Erklärten kein Verfehlen der rechtlichen kollektiven Norm. Anders formuliert: Die Inhumanität des tötenden Individuums ist das Normale in einer Gesellschaft, die ihre (militaristischen) Interessen über Generationen hinweg bereits in das kollektive Bewusstsein und Unterbewusstsein transferiert hat. Im Tagebuch des älteren Bruders nach einem expliziten Schuldbewusstsein zu suchen, erweist sich für den jüngeren Bruder des Erzählers in Timms Buch folgerichtig zunehmend als vergeblich. Es findet sich hier „keine ausdrückliche Tötungsrechtfertigung, keine Ideologie, wie sie in dem weltanschaulichen Unterricht der SS vorgetragen wurde. Es ist der normale Blick auf den Kriegsalltag.“[12] In den Augen der Täter bzw. für die überwiegende Mehrheit der Deutschen legitimierte sich das Handeln im Katastrophenzusammenhang der NS-Zeit nicht durch die Rationalität oder Humanität des eigenen Gewissens, sondern durch die Zugehörigkeit des eigenen Handelns zur kollektiven Handlungsnorm.[13]

[...]


[1] Vgl. zu diesem Kontext: Dominika Borowicz: Vater-Spuren-Suche. Auseinandersetzung mit der Vätergeneration in deutschsprachigen autobiographischen Texten von 1975–2006. Göttingen 2013.

[2] Vgl. bes. Timm, Sensibilität für wen? (1976); Timm, Erzählen und kein Ende (1993); Timm, Realismus und Utopie (1976). Zum Schreibprogramm einer explizit realistischen Literatur, die Timm in Gestalt der „AutorenEdition“ wesentlich mit lancierte, vgl. Laemmle u.a., Realismus – welcher?, S. 115ff.

[3] Uwe Timm: „Ich wollte das in aller Härte“. Interview über das Buch „Am Beispiel meines Bruders“. In: taz.de vom 13.09.2003, http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2003/09/13/a0245 [aufger. a. 10.12.2013]

[4] Timm, Am Beispiel meines Bruders [im Folgenden zitiert als: Am Beispiel meines Bruders]

[5] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Nach der Übers. von Eugen Rolfes. Bearbeitet von Günther Bien. Hamburg: Meiner 1995.

[6] Vgl. Micha H. Werner: Art. Verantwortung. In: Handbuch Ethik. Hg. v. Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner, Metzler-Verlag, Stuttgart und Weimar 2002, S. 521–527.

[7] Vgl. Wilhelm Vossenkuhl: Artikel „Schuld“. In: Lexikon der Ethik. Hg. v. Otfried Höffe in Zusammenarbeit mit Maximilian Forschner u.a., 5. Aufl., München 1997, S. 258–260; Micha H. Werner: Art. Verantwortung. In: Handbuch Ethik. Hg. v. Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner, Metzler-Verlag, Stuttgart und Weimar2002, S. 521–527.

[8] Im Rahmen des älteren, (metaphysischen) Schuldbegriffs Heideggers etwa bezeichnet die existenziale Schuld einen in der menschlichen Seinsweise unhintergehbaren Komplex an Handlungs- und Erfahrungsmustern. Schuldigsein gehört zur Seinsverfassung des Menschen ­– ein Modell, das auf Ödipus‘ unbewusstes und unschuldiges Verletzen der göttlichen Ordnung (trotz guter Vorsätze) zurückverweist. Ebenso ist für Freud das Schuldgefühl ein kulturell erworbenes Gefühl und als solches unhintergehbar: anthropologische Konstante. Vgl. Burkhard Meyer-Sickendiek, Affektpoetik, S. 168.

[9] Assmann, Vorwort. In: Schuld, Gewissen und Person. Studien zur Geschichte des inneren Menschen. Hg. v. Jan Assmann u. Theo Sundermeier, Gütersloher Verlagshaus 1997, S. 9. Der antike Schuld-Begriff geht vom diskonnektiven Verhalten als „Verletzung der Solidarität, die die Masse zur Gemeinschaft zusammenschliesst“, aus (ebd., S. 9).

[10] Vgl. Vossenkuhl, Schuld, S. 258. Zum moralischen Schuldbegriff gehört auch, dass „aus Eigeninteresse Gebote der Pflicht missachtet“ werden, was von der Schuld im juristischen Sinn unabhängig sein kann, womit aber noch nicht sittliche Schuldgefühle im hier diskutierten Sinn angesprochen werden können. Diese treffen vielmehr Formen des Handelns, bei denen „der moralisch Schuldige primär sich selbst verfehlt. Er verstösst gegen die Verantwortung, die er als sittliches Wesen seiner Würde als Person gegenüber hat.“ (ebd., S. 259).

[11] Am Beispiel meines Bruders, S. 94.

[12] Ebd., S. 95.

[13] Exkurs: Mein Grossvater war im 1. Weltkrieg (als Österreicher) dem Infanterie Regiment Erzherzog Rainer No. 59 zugeteilt. Seine Erlebnisse an der Front hat er ebenfalls während des Krieges in einem Tagebuch festgehalten. Johann Empl hinterfragt nie den Krieg, das Töten und ob er in irgendeiner Weise, in irgendeiner Art „Schuld“ am Tod der gegnerischen Truppen trägt. Johann Empl wurde schliesslich am 9. November als Gefangener in Lager Totkoy festgehalten, ist im Februar 1918 geflüchtet, wurde von der tschechischen Legion wieder eingesammelt und im Jahr darauf gelang ihm die erneute Flucht in die Schweiz. Alle Erlebnisse hat er in mehreren Tagebüchern festgehalten. „Schuld“ war auch während seiner Gefangenschaft nie ein Thema.  Siehe Anhang A.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Strategien zur Bewältigung der „grausamen Dinge“.
Untertitel
Zur literarischen Reflexion von Schuld in Uwe Timms «Am Beispiel meines Bruders»
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V268705
ISBN (eBook)
9783656598077
ISBN (Buch)
9783656598053
Dateigröße
3147 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
strategien, bewältigung, dinge, reflexion, schuld, timms, beispiel, bruders»
Arbeit zitieren
Haymo Empl (Autor), 2014, Strategien zur Bewältigung der „grausamen Dinge“., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268705

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