Märchen. Eine philosophische Einschätzung


Hausarbeit, 2013

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Fragen nach dem Sinn des Märchens
2.1. Wesen des Märchens
2.1.1. Eindimensionalität
2.1.2. Flächenhaftigkeit
2.1.3. Abstrakter Stil
2.1.4. Isolation und Allverbundenheit
2.1.5. Sublimation und Welthaftigkeit
2.2. Sinnanalyse
2.2.1. Instrumenteller Sinn: Welche Bedürfnisse befriedigt das Märchen?
2.2.1.1. Märchenglück
2.2.1.2. Hoffnung
2.2.2. Funktionaler Sinn: Warum sind Märchen wichtig? Bildung der Seele in der Kindheit
2.2.3. Kommunikativer Sinn: Was sagt uns das Märchen? Menschenbild des Märchens

3. Fazit

Literatur

1. Einleitung

„Es war einmal…“ wirkt wie eine Zauberformel. Wir betreten die Märchenwelt, fernab von Hier und Jetzt, und begleiten mit Vergnügen den Helden auf einer Abenteuerreise, wo nichts unmöglich ist. Wenn er glücklich geworden ist, und zwar auf immer, verlassen wir seine Welt. Diese Momente, in denen wir die Wirklichkeit überwinden, erfüllen uns mit Sehnsucht und Glück.

Kann dieses Phantasiespiel „Märchen“ ernsthaft untersucht werden? Die Philosophie hat bis jetzt wenig Wert im Märchen gefunden. Doch die weltweite Beliebtheit der Märchen über Jahrhunderte hinweg lässt vermuten, dass es hier um etwas mehr geht, als nur um kindliche Unterhaltung.

In der vorliegenden Arbeit wird das Märchen aus philosophischer Perspektive untersucht. Eine umfassende philosophische Analyse ist durch den begrenzten Umfang dieser Arbeit allerdings nicht zu bewältigen. Daher habe ich mich für die Frage nach dem Sinn des Märchens entschieden. Antworten auf die Sinnfragen können nur dann gegeben werden, wenn das Wesen des Märchens verstanden wurde.

Der erste Schritt der Analyse ist daher die Annäherung an das Wesen des Märchens. Zu diesem Zweck werden die wesentlichen Merkmale des Märchens nach dem Konzept von Lüthi1 dargestellt. Im zweiten Schritt werden die Sinnfragen mit den Ideen von Platon, Bloch, Bausinger2 und Lüthi beantwortet. Im abschließenden Fazit werden die wesentlichen Inhalte der Arbeit zusammengefasst.

2. Fragen nach dem Sinn des Märchens

Die Frage nach dem Sinn des Märchens, wie etwa „Wozu ist das Märchen gut?“, kann mehrdeutig verwendet werden. Daher soll die Sinnfrage differenziert gestellt werden. Die Differenzierung wird möglich, wenn man den unterschiedlichen Verwendungsweise des Sinns folgt.

Man kann nach dem instrumentellen Sinn des Märchens fragen. In diesem Fall betrachten wir das Märchen als Mittel zum Zweck der Befriedigung von bestimmten menschlichen Bedürfnissen. Die Suche richtet sich nach den Bedürfnissen, welche durch das Märchen befriedigt werden. Die Fragen nach dem instrumentellen Sinn des Märchens können wie folgt formuliert werden: Aus welchem menschlichen Bedürfnis sind die Märchen entstanden? Welche menschlichen Bedürfnisse befriedigen die Märchen?

Darüber hinaus kann man nach dem funktionellen Sinn des Märchens zu fragen. Die funktionelle Bedeutung des Märchens kann auf zwei Ebenen untersucht werden: auf der Ebene des Individuums und der Gemeinschaft. Hervorgegangen aus der Tatsache, dass heute die eigentlichen Märchenhörer die Kinder zwischen 4 und 9 Jahren sind, bekommt die funktionelle Rolle des Märchens in der Erziehung und Sozialisation des Kindes eine besondere Wichtigkeit. Ferner soll nach der Funktion des Märchens in der geistigen und emotionalen Entwicklung des Kindes gefragt werden. Die Fragen nach dem funktionellen Sinn des Märchens können lauten: Warum sind Märchen wichtig? Welche Rolle spielen die Märchen in der geistigen, emotionalen und sozialen Entwicklung des Kindes? Welche Funktion hat das Märchen in der Gemeinschaft?

Desweiteren ergeben sich die Fragen nach dem kommunikativen Sinn des Märchens. Welches Menschenbild übermittelt das Märchen? Was sagt uns das Märchen über die Welt?

Märchen können als Rätsel aufgefasst werden. Sie sind in Sprache festgehaltene Bilder einer längst vergangenen Zeit. Schöpfer und Märchenerzähler haben im Laufe der Jahrhunderte eigene Gedanken in den Märchen verschlüsselt. Der ursprüngliche Sinn dieser Gedanken ist verflüchtigt. Geblieben sind die Sinnbilder. Deren Enträtselung ist kaum zu bewältigen, wie es auch das folgende Zitat vortrefflich formuliert:

„Das Märchen ist so nicht nur der goldene Käfig, der eine beengte Wirklichkeit verschönert. Es ist auch der Vogel, der aus diesem Käfig ausbricht. Er schwingt sich aus in den Freiraum der Phantasie und pfeift auf alle Bedeutungen.“ (Bausinger: Zu Sinn und Bedeutung der Märchen, 1989, S. 29)

Die Märchen sind Forschungsgegenstand von vielen Wissenschaften, wie etwa der Literaturwissenschaft, der Volks-und Völkerkunde sowie der Psychologie. In der Philosophie hat das Märchen wenig Interesse gefunden. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Platon und Ernst Bloch. Platon plädiert für die besondere Wichtigkeit der Märchen für die Bildung der Seele im Kindesalter. Im Idealstaat wird es die Aufgabe der Philosophen sein, die pädagogisch korrekten Märchen auszuwählen. Die Aufgabe der Mütter und der Ammen wird es sein, diese und nur diese Märchen den Kindern zu erzählen. Erst Bloch betrachtet die Märchen als Wunschbilder der Hoffnung im Spiegel des Volkes. Märchen bestätigen seine Annahme, dass das Prinzip Hoffnung im menschlichen Dasein allgegenwärtig ist. Für die angestrebte Sinnanalyse der vorliegenden Arbeit sind die Ideen Platons und Blochs von großer Relevanz. Ebenso sind die Ergebnisse der Märchenforschung aus interdisziplinärer Perspektive für die Beantwortung der Sinnfragen unerlässlich. Die Volkskunde untersucht die Märchen als kulturelle und geistesgeschichtliche Zeugnisse und beobachtet die Funktion der Märchen in der Gemeinschaft. Die Psychologie betrachtet die Märchen als Ausdruck seelischer Vorgänge und untersucht den Einfluss der Märchen auf den Hörer. Die Literaturwissenschaft untersucht die Wesensart und das Spezifische an Märchen im Gegensatz zu anderen Formen der volkstümlichen Epik, wie etwa Sage, Legende und Mythos.3

Der erste Schritt in der Sinnanalyse ist die Annäherung an das Wesen des Märchens. Zu diesem Zweck werden die wesentlichen Merkmale des Märchens aus der weitreichenden Analyse von Max Lüthi dargestellt.

2.1. Wesen des Märchens

„In den 4 Glasperlen des Märchens spiegelt sich die Welt.“5 In diesem prägnanten Gleichnis veranschaulicht Lüthi das Wesentliche im Märchen. Die Glasperlen sind rein und klar, schwerelos, frei und leicht beweglich. Sie können sich zu einem harmonischen Zusammenspiel fügen. Indem die Glasperlen die Elemente der menschlichen Welt in sich aufnehmen, verflüchtigt sich die ursprüngliche Realität.

Das Märchenhafte an diesem „Glasperlenspiel“ ist die Wirklichkeitsferne. Von Anfang an und aus Prinzip ist das Märchen nicht darauf aus, die konkrete Welt mit ihren Dimensionen einfühlend abzubilden.6 Die Eröffnungsformeln „Es war einmal…“ und die Schlussformel „So leben sie noch heute“ machen dies deutlich. Der Märchenhörer befindet sich in der Märchenwelt, mit ihren eigenen Dimensionen und Gesetzen. Das Märchen hat seine eigene Realität. Die Elemente der menschlichen Welt sind in der Märchenwelt sublimiert, isoliert und abstrahiert repräsentiert. Rein und klar mit leichter Beweglichkeit erfüllt das Märchen strengste Gesetzte.7 Die Bewegungen sind nicht willkürlich, sondern ihre Form, ihre Richtung und ihre Gesetzte sind scharf bestimmt. Das Märchen begründet und erklärt nicht, aber es stellt dar. Seine Figuren wissen nicht, in welchen Zusammenhängen sie stehen, aber sie lassen sich von diesen Zusammenhängen tragen und gelangen zum Ziel.8

Im Folgenden werden die einzelnen Wesensmerkmale des Märchens dargestellt. Sie beziehen sich vorwiegend auf die europäischen Volkmärchen. Diese Merkmale sind auf die Volksmärchen anderer Kulturen auch übertragbar, sie sind jedoch nicht so spezifisch. Die Angrenzung des Märchens zu Mythos, Legende und Sage sind dort nicht so deutlich. Die spezifischen Merkmale des Volksmärchens sind die Eindimensionalität, die Flächenhaftigkeit, die Abstraktion, die Isolation und die Allverbundenheit sowie die Sublimation und die Welthaftigkeit. Die gemeinsame Zusammenwirkung dieser Merkmale macht das Märchen zum Märchen.

2.1.1. Eindimensionalität

Die Märchen unterscheiden 9 genau, wie die Legenden, Mythen und Sagen zwischen einer diesseitigen und einer jenseitigen Welt. Doch diese zwei Welten sind im Märchen voneinander nicht streng getrennt. Der Märchenheld, meistens ein Mensch, begegnet der Hexe oder dem Drachen oder einem gewöhnlichen Wolf, der plötzlich sprechen kann, wie einem Wesen seinesgleichen. Das Jenseitige wird nicht als etwas Außergewöhnliches erlebt. In dieser Begegnung fehlt das Staunen, die Neugierde, die Sehnsucht oder die Furcht. Die jenseitige Welt ist in der Märchenwelt keine fremde Dimension für die Menschen. Die Begegnung mit einer Fee ist genauso selbstverständlich wie die Begegnung mit einem Jäger. Der Held begegnet ihnen, wenn er in die Ferne wandert. Sie helfen ihm, schenken ihm Gaben oder sie sind Gegner oder Auftraggeber. Danach verschwinden sie. Woher sie kommen und wohin sie gehen interessiert den Märchenhelden nicht. Das Wunderbare ist genauso wenig fragwürdig für ihn wie das Alltägliche. Der Märchenheld wird in der Märchenwelt von Punkt zu Punkt vorwärts bewegt. Es gibt kein Rückwärts. Eine Wiederkehr zu einer bestimmten Station der Handlung ist eine neue Station in der Handlung. Die wortwörtliche Wiederholung von ganzen Texten macht die Wiederkehr deutlich und nicht der Hinweis, wie etwa „früher“ oder „es geschah genauso wie das letzte Mal“. Die räumliche Ferne im Märchen ergibt sich aus der Wanderung des Helden von Handlungspunkt zu Handlungspunkt, während dessen er dem Diesseits oder dem Jenseits begegnet.

2.1.2. Flächenhaftigkeit

Die Gestalten des Märchens10 sind Figuren ohne Körperlichkeit, ohne Innenwelt und ohne Umwelt. Sie sind Handelnde. Ihre Eigenschaften werden nicht beschrieben, sondern sie äußern sich in ihre Handlungen. Ihre Emotionen werden höchstens genannt, nicht aber erlebt. Sie sind stets in Handlungen übersetzt.

Um dies zu verdeutlichen, können wir als Beispiel „Rotkäppchen“ nehmen. Die Liebe der Großmutter zum Enkelkind wird in eine Handlung übersetzt. Sie schenkt ihr eine rote Kappe.

[...]


1 Max Lüthi (1909-1991), Schweizer Literaturwissenschaftler, Professor für europäische Volksliteratur, Märchenforscher

2 Hermann Bausinger, (1926), Deutscher Volkskundler, Literaturwissenschaftler

3 Vgl. Lüthi (1976), S. 98

4 Lüthi (1976)

5 Lüthi (1976), S.75

6 Vgl. Lüthi (1976), S. 25

7 Vgl. Lüthi (1976), S. 36

8 Vgl. Lüthi (1976), S. 56

9 Vgl. Lüthi (1976), S. 8-12

10 Vgl. Lüthi (1976), S. 13-24

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Märchen. Eine philosophische Einschätzung
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V268905
ISBN (eBook)
9783656598978
ISBN (Buch)
9783656598954
Dateigröße
782 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
märchen, eine, einschätzung
Arbeit zitieren
Renata Ellermann (Autor), 2013, Märchen. Eine philosophische Einschätzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268905

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