Ricardo Piglias "Blanco nocturno". Ein Hybrid zwischen novela de engima und novela negra?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Novela de enigma und novela negra
2.1 Novela de enigma
2.2 Novela negra

3. Blanco nocturno: eine novela de enigma ?
3.1 Das archetypische Ermittlerduo
3.2 Die Entdeckung des Mordes

4. Blanco nocturno: eine novela negra ?
4.1 Die Figur des Kommissars
4.2 Gesellschaftsbild

5. Ficción paranoica
5.1 Die Unauflösbarkeit des Verbrechens und seine Motivierung
5.2 Vernunft vs. Intuition und Wahnsinn
5.3 Erzählerische Verwirrung

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis
7.1 Primärwerke
7.2 Sekundärwerke

1. Einleitung

Ricardo Piglia experimentiert in seinen Werken wie kaum ein anderer argentinischer Autor der Gegenwart mit literarischen Traditionen. Es geht immer auch um Literatur selbst, um ihre Gemachtheit, ihre Grenzen und Möglichkeiten. Das Werk, dem Piglia am konsequentesten und radikalsten einen selbstreflexiven Diskurs eingeschrieben hat, ist wohl der zu Zeiten der Zensur entstandene Roman Respiración Artificial, jene novela de archivo, an der sich die dazu mannigfaltige Forschung noch heute abarbeitet.

Doch auch der jüngste Roman des Argentiniers, Blanco nocturno (2010)[1], ist voll von direkten und verschlüsselten Reflektionen über Literatur. Dabei geht es auch um das Genre der Kriminalerzählung, für das Piglia bereits in den 70er Jahren einen wichtigen „divulgador y cultor“ (Fornet 2000: 346) darstellte. Nicht zufällig reflektiert der Journalist Emilio Renzi, der in seiner Freizeit Kriminalerzählungen liest (Bn: 184), in Blanco nocturno über das Genre selbst und schlägt die Begründung eines „nuevo género policial“ namens „ ficción paranoica “ vor (Bn: 284, Kursiv im Original). Wie jeder narrative Text bzw. jede Textgruppe sich aus bestimmten Narrativen zusammensetzt, werden auch in Blanco nocturno narrative Elemente aus verschiedenen Traditionslinien der Kriminalerzählung verknüpft. Dass Piglia dabei ganz bewusst Konventionen aufgreift und gleichzeitig modifiziert, zeigt die herausgestellte Intertextualität, in der wie beiläufig das Genre (mit)konstituierende und kanonisch gewordene Kriminalerzählungen im Zitat evoziert werden. Die zentrale Frage des Umgangs mit dem Kanon akzentuiert auch Jorge Fornet (2000: 345):

¿Desde qué tradición narrar? Ésta parece ser la pregunta que, en apariencia ante todo, intenta responder la obra de Ricardo Piglia (1940), así como, a partir de ahí, qué estrategias deben seguirse para variarla y darle una inflexión propia y personal parar insertarse y separarse de ella al mismo tiempo.

In dieser Arbeit soll dieser Frage mit Bezug auf Blanco nocturno nachgegangen werden: welche gattungsspezifischen Elemente der Kriminalgeschichte werden aufgegriffen wo lässt sich der Roman im Genre verorten? In einem der wenigen gedruckten Forschungsbeiträge, der Blanco nocturno wenigstens am Rande anschneidet, wird konstatiert, dass der Roman dazu einlade, die traditionelle Unterscheidung zwischen der "novela de enigma" und den "narrativas negras" zu überdenken. Den beiden Autorinnen zufolge sei Blanco nocturno allerdings eher dem "resurgimiento del relato problema" zuzuordnen. Dies soll unter anderem in dieser Arbeit diskutiert werden (Adriaensen/Grinberg Pla 2012: 14).

Dazu muss zunächst geklärt werden, welches die Charakteristika der novela negra und novela de enigma sind. Anschließend werden Elemente beider Textgruppen in Blanco nocturno analysiert. In den Fokus rücken dabei insbesondere die Konfiguration der Ermittlung und das entworfene Gesellschaftsbild. Im letzten Kapitel der Arbeit sollen bestimmte Transformationen neuralgischer Punkte der Kriminalgeschichte herausgearbeitet werden. Es soll untersucht werden, inwiefern eingelöst wird, was im Text selbst in der bereits genannten metafiktionalen Figurenrede mit „ficción paranoica“ benannt ist.

2. Novela de enigma und novela negra

Tzvetan Todorov schreibt in seiner „Typologie des Kriminalromans“ von 1966, dass „jedes große Buch die Existenz von zwei Gattungen, oder die Wirklichkeit von zwei Normen, darstellt: diejenige der von ihm überschrittenen Gattung, welche in der vorherigen Literatur herrschte, und diejenige der von ihm nachgeschaffenen Gattung.“ (Todorov 1972 [1966]: 55).

Das Zitat veranschaulicht – ohne Todorovs dort vollzogene Trennung zwischen ‚Literatur‘ im engeren Sinne und dem Kriminalroman als „Massenliteratur“ teilen zu wollen –, dass jeder Text, im Folgenden mit Julia Kristeva verstanden als ein sich von anderen Texten her aufbauendes ‚Mosaik von Zitaten‘, bestimmte Elemente mit anderen Textgruppen bzw. Gattungen teilt, aber durch die spezifische Art und Weise ihrer Komposition die Grenzen dieser Gattung wiederum überschreitet und dadurch gewissermaßen den Kern einer neuen Gattung darzustellen vermag. Das Experimentieren mit den Narrativen verschiedener Traditionsstränge des Kriminalgenres wird in Blanco nocturno besonders für die novela de enigma und die novela negra deutlich. Zunächst sollen nachfolgend die Entstehung und die wichtigsten Charakteristika dieser Textgruppen erläutert werden.

2.1 Novela de enigma

Als Begründer des Kriminalromans wird zumeist der US-amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe mit seinen Erzählungen - die erste, The Murders in the Rue Morgue, entstammt dem Jahr 1841 - angesehen. Die Romane, die in seinem Gefolge verfasst wurden und laut Todorov ihre Blütezeit in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts erlebten, lassen sich als Rätselromane kategorisieren, die sich durch bestimmte Gattungsregeln auszeichnen: strukturell liegt die Doppelstruktur der Geschichte eines Verbrechens – des Rätsels – und seiner Untersuchungsgeschichte vor. Letztere führt in einem langsamen, streng rationalen Lernprozess zur schließlichen Entdeckung des Täters und Lösung des Rätsels. Der Rätselroman tendiert dadurch zu einer „rein geometrischen Architektur“ (Todorov 1972 [1966]: 56). Einen Idealtypus dafür stellt etwa Agatha Christies Murder on the Orient Express (1934) dar. Der Detektiv ist dabei unverletzlich, das Verbrechen wird aus persönlichen Gründen begangen (Todorov 1972 [1966]: 56 f.). Di Paolo charakterisiert den relato policial clásico wie folgt:

[...] el crimen es un misterio inexplicable en apariencia, los indicios superficiales señalan de manera errónea a un culpable, la solución es infalible e imprevisible y se llega a la verdad gracias a la observación rigurosa y metódica de un detective.” (Di Paolo 2011: 15).

Der Ermittler ist in aller Regel kein Polizist, sondern ein genialer Amateur, der die Verbrechen aus purem Interesse löst und dem oftmals ein Begleiter an die Seite gestellt wird. Dem institutionellen Polizeiapparat ist er dabei klar überlegen, wie etwa auch die Sherlock Holmes Erzählungen von Arthur Conan Doyle zeigen (Feinmann 1991: 143). Die Polizei tappt dort stets im Dunkeln, während Holmes kraft seiner schier übermenschlichen Intelligenz die sich darbietenden Rätsel immer wieder und unfehlbar zu lösen vermag.

Grinberg Pla hebt noch ein weiteres Element hervor, und zwar „el consecuente restablecimiento del orden social puesto en peligro por la irrupción del crimen“ (Grinberg Pla 2012: 40). Die novela de enigma geht mithin von einer per se intakten Gesellschaftsordnung aus, die nur kurzzeitig durch das verübte Verbrechen, welches persönlich und nicht gesellschaftlich motiviert ist, in Unordnung gerät und nach der korrekten Ermittlung und rechtmäßigen Bestrafung des Schuldigen wieder restituiert wird (Schulz-Buschhaus 1987: 291). Es handelt sich, wie Azancot schreibt, um eine „búsqueda promeitica de valores auténticos en el seno de una sociedad regenerada por su acción” (Azancot (1979: 50); eine Gesellschaft, die sich als eine gleichsam manichäische Welt manifestiert, in der scharf zwischen Gut und Böse unterschieden werden kann und in der das erstere stets zum Triumph geführt wird. Hinsichtlich der Figuren hält Azancot fest, dass sich diese durch ein „maximo de tipamento” und „por la escasez de sus variantes” auszeichnen (Azancot 1979: 50).

2.2 Novela negra

Eine Untergattung des Kriminalromans ist die sogenannte hard-boiled novel, die im spanischsprachigen Raum als novela negra bezeichnet wird. Ihr Ursprung liegt in den 1920er Jahren Nordamerikas. Dort wurden seit 1920 in der Zeitschrift Black Mask Kriminalgeschichten publiziert, die sich sehr von den Geschichten der Gründerväter unterschieden. Als konstitutive Texte der schnell populär gewordenen Spielart werden, so etwa von Azancot (1979: 48), die Erzählungen des Amerikaners und ehemaligen Privatdetektivs Dashiell Hammett, z.B. Red Harvest (1929) oder The Maltese Falcon (1930), angesehen. Die Transformation des ‚klassischen‘ Genres lässt sich an verschiedenen Punkten festmachen. Todorov hebt insbesondere auf die veränderte Handlungsstruktur ab. Im „schwarzen Roman“ werde nicht mehr „ein der Erzählung vorgängiges Verbrechen erzählt“, sondern vielmehr falle die Erzählung mit der Handlung zusammen (Todorov 1972 [1966]: 57). Die progressiv-regressive Handlungsstruktur wird also durch eine rein progressive ersetzt. Das Geheimnis im Sinne des Rätselromans verliere an Bedeutung, auch wenn etwa Hammet und Chandler es nicht völlig eliminierten (Todorov 1972 [1966]: 60). Auch die Funktion des Detektivs ist einer Wandlung unterworfen: er ist nun nicht mehr ‚unverletzlich‘, sondern ist in das Geschehen involviert und muss teilweise sogar um sein Leben fürchten.

Den entscheidendsten Umbruch stellt aber wohl das veränderte, nunmehr pessimistisch entworfene Weltbild dar, das die Schattenseiten der Gesellschaft fokussiert, woher auch das die Untergattung spezifizierende Attribut „negra“ stammt. Diese Welt ist geprägt von „Gewalttätigkeit, das häufig schmutzige Verbrechen [und die] Amoralität der Personen“ (Todorov 1972 [1966]: 60). Es erscheint nur folgerichtig, dass der Protagonist in einer solchen Welt charakterisiert ist durch seine „lucidez amarga, su pesimismo [y] su falta de ilusiones“ (Azancot 1979: 50). Diesem Pessimismus zum Trotz bleibt er jedoch ein „héroe prometeico que consigue, aunque con conciencia de los límites de sus logros [...] regenerar parcialmente la sociedad [...]” (Azancot 1979: 50).

Die Privatheit des Verbrechens weicht in der novela negra einer gesellschaftlichen Situierung und Motivierung: “las causas del crimen, casi siempre, se encuentran en la base misma del sistema social” (Giardinelli 1984: 81). In dieser Perspektive erscheint der Kampf des Detektivs nur noch als “un mero medio de afirmar lo humano en un mundo que lo niega” (Azancot 1979: 52). Durch die unbeirrbare Integrität ihres Protagonisten, jenes “héroe prometeico”, halte die novela negra den Wert der “esperanza en el indiviuo” hoch (Azancot 1979: 53). Mit der Verdüsterung der Gesellschaft korreliert die sprachliche Darstellung: es dominiert „un lenguaje propio, brutal y descarnado” (Giardinelli 1984: 12).

Historisch lässt sich die Entstehung jenes Subgenres mit den damaligen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in den USA erklären. Die Erzählungen setzen sich mit einer Gegenwart auseinander, „en que la crisis del liberalismo norteamericano alcanzaba su más alta cota” (Azancot 1979: 53).[2]

Die ersten Kriminalerzählungen Argentiniens, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, vollzogen noch ein „movimiento imitativo“ (Lagmanovich 2007: 69) der Geschichten von Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und anderen. Vor allem in Argentinien, Mexiko und Chile erfreute sich das Genre großer Beliebtheit. Mit Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares entstanden nicht nur heute kanonische Werke wie La muerta y la brújula (Borges, 1942), sondern das Genre wurde auch durch ihre Publikationen von Übersetzungen amerikanischer Erzählungen in der Zeitschrift El séptimo circulo befördert (Di Paolo 2011: 17). Seit dem Ende der 60er Jahre machten sich allerdings die in den USA erfolgten Transformationen der Kriminalerzählung auch in Lateinamerika bemerkbar. Es erschienen Detektivgeschichten, die sich an jene von Dashiell Hammett und Raymond Chandler anlehnten (Di Paolo 2011: 19).

[...]


[1] Nachfolgend als „Bn“ abgekürzt.

[2] Insbesondere die Prohibition zwischen den Jahren 1919-1933 begünstigte den Aufschwung mafiöser Verbrecherorganisationen und eine um sich greifende Korruption. Die Wirtschaft befand sich in einer Rezession, die Arbeitslosenzahlen stiegen, und schließlich leitete der Börsencrash von 1929 die Weltwirtschaftskrise und damit die große Depression ein.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ricardo Piglias "Blanco nocturno". Ein Hybrid zwischen novela de engima und novela negra?
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Argentinische Kriminalliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V269036
ISBN (eBook)
9783656600763
ISBN (Buch)
9783656600671
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Piglia;, Blanco nocturno;, Kriminalroman;, novela negra;, novela de enigma;
Arbeit zitieren
Christoph Heckl (Autor), 2014, Ricardo Piglias "Blanco nocturno". Ein Hybrid zwischen novela de engima und novela negra?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269036

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