Der Medea-Mythos hat die Menschen seit jeher fasziniert. Überlieferungen zur Medea waren Ausgangspunkt für Gedichte, Theaterstücke, Gemälde, Romane und Opern. Sie alle haben den Stoff, abgestimmt auf die Bedürfnisse ihres eigenen Zeitalters verschieden zu akzentuieren oder modellieren gewusst. Der römische Dichter Ovid etwa interessierte sich vor allem für die „hexenhafte Dimension“ der Geschichte, während sein römischer Landsmann Seneca „ungezügelter Rhetorik und Strömen von Blut“ besonderen Platz einräumte.1
Dabei blieb in den Verformungen des Mythos stets ein zentraler Kern bestehen, welcher von den Autoren gleichsam ummantelt wurde. Die wissenschaftliche Rezeption hat je nach Art dieser Ummantelung versucht, Medea innerhalb eines kulturell und moralisch irgendwie akzeptablen Deutungsmusters zu positionieren: zwischen Frau und Mann, liebender Mutter und Mörderin, Täterin und Opfer etc.2 Unter diesen dichotomen Begriffspaaren kommt der „Dazugehörigkeit und Fremdheit“3 eine besondere Rolle zu. Bereits in der rezeptionsgeschichtlich bedeutsamsten Fassung, 4 der des Athener Dramatikers Euripides, hat diese eine tragende Funktion.
Diese wird noch gesteigert in der neuesten und radikal umgestalteten Version des Mythos. In „Medea. Stimmen“ von 1996 stellt Christa Wolf der mordlüsternen Medea der antiken Fassung eine neue Medea entgegen. Dabei versucht sie, den Rahmen der reichen Überlieferung des Medea-Mythos nicht zu sprengen, sondern klug aus den vorhandenen Quellen und dem Stoff schöpfend eine alternative Möglichkeit des Mythos aufzuzeigen.5
Dabei wird man als Leser beständig mit der Fremde und Konstellationen von Fremdheit konfrontiert. Denn Medeas Wirkungspotential liegt, wie Manfred Schmeling richtig gesehen hat, „in der Komplexität der sie kennzeichnenden Fremdheitsmuster, in ihrer multiplen Alterität“.6 Sie repräsentiert geradezu eine ‚Kultur des Anderen‘. In dieser Arbeit wird Medeas Rolle als Frau in Korinth und ihre dortige zwischen den Polen Faszination und Ablehnung changierende Stellung thematisiert. In einem letzten Kapitel wird die zweite Hauptperson, Jason, in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Ihm hat Wolf eine Rolle zugedacht, die man aus einer postkolonialen Perspektive betrachtet als die des Kolonisators bezeichnen könnte. Seine Form der Wahrnehmung der Fremde ist bezeichnend für den Diskurs zur Fremdheit in Korinth.
Dabei regt Wolf auch ein Nachdenken über die Macht der Literatur an. Denn unser heutiges „Medea-Bild“ entspringt (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffsklärung
1.1 Das Fremde als Interpretament der Andersheit
1.2 Die Objektivität des Fremden nach Georg Simmel
1.3 Fremdheit als nicht überschreitbare Differenzlinie
1.4 Innere Fremdheit
2. Konfigurationen der Fremde in Euripides‘ Medea
2.1 Prolog: Die Fremde als negativer Kontrast zur Heimat
2.2 Erster Auftritt: Medea als Fremde in Korinth
3. Fremdheit in Christa Wolfs Roman Medea. Stimmen
3.1 „… doch nur Wilde“: Fremdheit als nicht transzendierbare Differenzlinie
3.2 Medea: Repräsentantin einer ‚Kultur des Anderen‘
3.2.1 Das Frauenbild in Korinth und Kolchis
3.2.2 Zwischen Faszination und Ablehnung
3.3 Jason: der ‚Kolonisator‘
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Motiv der Fremdheit in Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“ und setzt dieses in einen vergleichenden Kontext zur antiken Vorlage des Euripides. Ziel ist es, die spezifischen Konstellationen von Fremdheit zu analysieren und aufzuzeigen, wie gesellschaftliches Miteinander durch kulturhierarchisches Denken belastet wird.
- Analyse der Fremdheitsdiskurse bei Euripides und Christa Wolf.
- Untersuchung von Machtstrukturen und dem Konzept des Kolonisators.
- Feministische Perspektive auf die Rolle der Frau zwischen den Kulturen.
- Psychologische Dimensionen der "inneren Fremdheit".
- Bedeutung von kulturellem Gedächtnis und Identitätskonstruktionen.
Auszug aus dem Buch
3.1 „… doch nur Wilde“: Fremdheit als nicht transzendierbare Differenzlinie
Die Einwanderer aus Kolchis leben in Korinth sozial isoliert von der autochthonen Bevölkerung. Diese betreten nie die „ärmlichen Behausungen“ der „Fremden am Rand der Stadt“ (S. 53). Offenbar werden die Neuankömmlinge sozial benachteiligt und sind gezwungen, sich in weniger privilegierten Wohnvierteln niederzulassen.
Aus Jasons Perspektive, der sich in kurzer Zeit eher mit der neuen Heimat identifiziert („Jetzt sage ich wir und meine die Korinther“ (S. 56)), stellt sich dieses Schicksal allerdings als selbstverursacht und ihre Andersheit als selbstgewollt dar. Diese negative Auffassung wird legitimiert durch die vermeintliche Selbstisolierung der kolchischen Einwanderer:
Die Kolcher drängen sich in ihrem Stadtviertel zusammen, heiraten nur untereinander und bestehen selber darauf, daß sie anders sind (S. 56)
Auch für Agameda, die einen nahezu totalen Assimilierungsprozess durchläuft, sind die Kolcher verantwortlich für die Grenzlinien, die zwischen Neuankömmlingen und Eingesessenen verlaufen. Die Kolcher würden sich ein „Klein-Kolchis“ (S. 72) einrichten und ließen in der Retrospektive ein „wundersames Kolchis erstehen“, das es niemals gegeben habe (ebd.).
Selbst Medea, die versucht, zwischen beiden Kulturen zu lavieren, muss konzedieren, dass die Kolcher im Bemühen um die Bewahrung ihrer Traditionen ihre Bräuche „vielleicht allzu pünktlich“ (S. 178f.) befolgen. Das verständliche Widerstreben der Kolcher, sich in Korinth zu assimilieren, also ihre Kultur völlig aufzugeben, lässt sie für die Korinther, die dies nicht verstehen können, insbesondere weil sie ihre Kultur als hochstehender begreifen, fremd erscheinen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert zentrale theoretische Konzepte der Fremdheit, darunter das Fremde als Interpretament der Andersheit und Georg Simmels Verständnis von Objektivität.
2. Konfigurationen der Fremde in Euripides‘ Medea: Der Fokus liegt auf der antiken Vorlage, in der Fremdheit primär als negativer Kontrast zur Heimat dargestellt wird.
3. Fremdheit in Christa Wolfs Roman Medea. Stimmen: Die Untersuchung analysiert, wie Wolf den Mythos modernisiert und die komplexen, meist als "wilde" Fremde wahrgenommenen Kolcher in Korinth darstellt.
Schlüsselwörter
Medea, Fremdheit, Christa Wolf, Euripides, Kolchis, Korinth, Identität, Alterität, Kulturtheorie, Mythos, Assimilation, Postkolonialismus, Weiblichkeit, Fremdzuschreibung, kulturelles Gedächtnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung und Bedeutung von Fremdheit in Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“ und vergleicht diese mit der antiken Medea-Tragödie von Euripides.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentrale Themen sind die soziale Isolation der Fremden, das kulturhierarchische Denken der Aufnahmegesellschaft, die spezifische Rollenverteilung der Geschlechter und die Machtmechanismen bei der Ausgrenzung von "Anderen".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Fremdheit als "Horizont" die Handlung prägt und wie Christa Wolf durch ihre erzählerische Gestaltung psychologische Tiefen der Charaktere auslotet, die über das klassische, einseitige Medea-Bild hinausgehen.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die kulturwissenschaftliche Begriffe (z.B. von Alois Wierlacher oder Georg Simmel) auf die literarischen Texte anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert untersucht?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die Analyse der Konfigurationen bei Euripides und eine ausführliche Untersuchung der Medea-Figur, des Kolonisator-Status von Jason sowie der Wahrnehmung der Kolcher in Wolfs Roman.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Alterität, Fremdheitsmuster, kulturelle Hierarchien, Mythosrezeption und Identitätskonflikte geprägt.
Wie unterscheidet sich die "Neo-Medea" bei Christa Wolf von der antiken Figur?
Während die Euripides-Medea maßgeblich durch Rache und Kindsmord definiert ist, zeichnet Wolf ein differenzierteres Bild, das Medea mit humanistischen Zügen und einer versöhnlichen, wenn auch scheiternden Haltung ausstattet.
Warum wird Jason in dieser Arbeit als "Kolonisator" bezeichnet?
Jason nimmt eine hegemoniale Perspektive ein; er bewertet fremde Kulturen durch den Filter einer vorgeblichen zivilisatorischen Überlegenheit und instrumentalisiert seine neue Heimat Korinth für seinen eigenen sozialen Aufstieg.
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- Christoph Heckl (Author), 2008, „… meine Seele ganz vernichtet“: Fremdheit in Euripides‘ und Christa Wolfs Medea, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269042