Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter

Theoretische Konzepte, Methoden und Quellen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Forschungsgeschichte und Forschungsstand

2. Begriffe

3. Gerichtsquellen: Einblicke in die Welt der Kriminalität und darüber hinaus

4. Theoretische Konzepte
4.1 Labeling Approach
4.2 Soziale Kontrolle
4.3 Norm und Praxis

5. Methoden
5.1 Qualitative Zugriffe
5.2 Quantifizierende Zugriffe

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Thema Kriminalität ist, ob wir es wollen oder nicht, Teil unseres Alltags. Gemessenan dem Stellenwert von Kriminalität in den Medien oder auch in der rein fiktionalenForm der Belletristik, lässt sich formulieren, dass sie gleichsam „Obsession“ dermodernen Gesellschaft ist.1 Abgesehen von einer oftmals eher voyeuristischenPerspektive durch die Medien, existiert mit der Kriminologie auch einewissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Kriminalität der Gegenwart beschäftigt.

Doch was kann historische Kriminalitätsforschung leisten? Neben der offensichtlichenThematisierung der Kriminalität in der Vergangenheit bietet sie darüber hinaus einehervorragende Gelegenheit, ja geradezu eine einmalige Chance, in einer „history frombelow“ die Lebenswelten, Wertvorstellungen, Praktiken und Spielräume derjenigenSchichten in der Vergangenheit zu erforschen, die für die bisherige Geschichtsforschunggemeinhin als 'sprachlos' gelten mussten.2 Mit dieser Arbeit soll daher ein Einblick inein hochinteressantes Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft gegeben werden, dassich auch durch eine rasante Entwicklung innerhalb der letzten 20 Jahre hervortunkonnte.3

Gerade die Möglichkeit, sich den Quellen, im Regelfall Gerichtsakten, aus verschiedenen Blickwinkeln nähern zu können und neben der klassischensozialgeschichtlichen auch kulturgeschichtliche oder mentalitätsgeschichtliche4 Sichtweisen mit ihren jeweils unterschiedlichen Erkenntnismöglichkeiten zu integrieren,scheint auf die Geschichtswissenschaft eine große Faszination auszuüben.Gelegentlich wird in der Forschung unterschlagen, dass die historische Beschäftigungmit Kriminalität nicht erst eine Errungenschaft der Geschichtswissenschaft des späten 20. Jahrhunderts ist, sondern durchaus bereits im 17. und 18. Jahrhundert von Historikern praktiziert wurde.5 Es scheint daher geboten, diese frühe Entwicklungsphase in dieser Arbeit in gebotener Kürze zu berücksichtigen.

Die wichtigsten impulsgebenden Faktoren zur Ausgestaltung einer historischenKriminologie bzw. historischen Kriminalitätsforschung heutiger Prägung sollen imnachfolgenden Kapitel genannt und der aktuelle Forschungsstand referiert werden.In einem Begriffskapitel (2.) wird der Sinngehalt zentraler Termini erläutert, die für dietheoretischen Konzepte, auf die noch einzugehen sein wird, und die historischeKriminalitätsforschung im Allgemeinen von elementarer Bedeutung sind.6 Sodann soll auf die Substanz der Kriminalitätsforschung - wie natürlich der gesamtenGeschichtswissenschaft -, die für sie relevanten Quellen, eingegangen werden. EineAnalyse zeitgebundener Charakteristika des Quellenmaterials ist notwendigerweiseerforderlich, bedingen diese doch auch die theoretische und methodischeVorgehensweise.7

Da vielfach mit aus der Kriminalsoziologie entlehnten, theoretischen Konzepten gearbeitet wird, die damit für den Historiker nicht ohne weiteres als bekannt vorausgesetzt werden können, sollen die für eine kriminalitätshistorische Analyse bedeutendsten in Kapitel 4 in den Blickpunkt gerückt werden.

Wenn im 5. Kapitel von unterschiedlichen methodischen Ansätzen gehandelt werdensoll, so erscheint es aus zweierlei Gründen als wünschenswert, der Diskussion einesquantifizierenden Zugriffs auf die Quellen erweiterten Raum zu geben. Zum einen weil die vorliegende Arbeit im Rahmen eines Seminars zur Historischen Sozialforschung entstanden ist und diese als ein Exponent quantifizierender Forschung angesehen wird.8 Zum anderen war der generelle Methodenstreit innerhalb der Geschichtswissenschaft zwischen „Clio-Metrikern“ und „Sinnhubern“9 inbesondere innerhalb der historischen Kriminalitätsforschung von erheblicher Relevanz, stellt doch Kriminalität ein „hervorragend zählbares“ Konstrukt dar, das als ein solches für statistische Auswertungen fruchtbar erscheint.10 Dabei sollen sowohl methodenspezifische Erträge als auch potentielle Probleme erläutert werden.

Eine Diskussion darf auch den vermeintlichen Gegensatz quantifizierenden Vorgehens, den qualitativen Ansatz, nicht unbesehen lassen. Eine ebenso detaillierte Beschreibung des hermeneutischen Verfahrens erschien allerdings als weniger sinnvoll, da es keinen außergewöhnlichen Bezugspunkt in der historischen Kriminalitätsforschung findet; es wird in der gesamten Geschichtswissenschaft schlicht ubiquitär angewandt.Die Entscheidung, in dieser Arbeit einen besonderen Fokus auf das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit zu legen, ergibt sich aus der allgemeinen Forschungslage, die durch Arbeiten zu diesen Epochen besonders geprägt wurde.

1. Forschungsgeschichte und Forschungsstand

In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, sowohl aktuelle Forschungsfelder- und Gegenstände zu erläutern, wobei dies bei der Breite der Themen nur punktuell und exemplarisch geschehen kann, als auch die Geschichte der historischen Kriminalitätsforschung auszuleuchten. Die Geschichte zum einen, weil sich ja jede Gegenwart - auch in wissenschaftstheoretischer Hinsicht - stets nur unter Einbeziehung und Deutung ihrer historischen Genese verstehen lässt, im Besonderen aber auch deswegen, weil sich interessante Ursprünge und Entwicklungslinien erkennen lassen, was die Nutzung quantifizierender Methoden in der deutschen Geschichtswissenschaft betrifft11 - ein Thema auf das, wie in der Einleitung bereits dargelegt, besonders Bezug genommen werden wird.

Die Frage, wer figurativ und in historischer Perspektive gesprochen das Verdienst eines „Pioniers“ der historischen Kriminalitätsforschung für sich beanspruchen könnte,scheint sich nicht ohne Weiteres beantworten zu lassen. Nach Martin Schüßler liegt der„Beginn der historischen kriminologischen Forschung“ im Deutschland des 19.Jahrhundert.12 Er markiert diesen Beginn mit Samuel Benjamin Klose, der im Jahr 1847in seiner Darstellung der inneren Verhältnisse Breslaus verschiedene Verbrechendeskriptiv aufführt.13 Besonders erstaunlich mutet an, dass bereits der zwei Jahrzehntespäter schreibende Georg Ludwig Kriegk in seinem Zweitwerk „Bürgertum imMittelalter“ mit dem programmatischen Untertitel „Verbrechen 1376 - 1700 untersuchtauf statistischem Wege“14 die quantifizierende Methode verwendet.15 SeinQuellenmaterial - die Grundgesamtheit, also die Anzahl der behandelten Fälle jedenfalls scheint genügend groß, um eine Quantifizierung möglich zu machen.16

Es ist es vor diesem Hintergrund fraglich, ob man die Geschichte einer (deutschen)historischen Kriminalitätsforschung mit Gustav Radbruch, dem führendensozialdemokratischen Juristen der Weimarer Zeit, und seiner zusammen mit HeinrichGwinner 1951 veröffentlichten „Geschichte des Verbrechens“ - nach Dirk Blasius „eineArt geistesgeschichtliche Gipfelwanderung“17 - beginnen lassen sollte.18 Denn trotz desvielversprechenden Untertitels („Versuch einer historischen Kriminologie“) ist das Werkkaum mehr als ein „kulturhistorischer Bilderbogen“.19 Karl S. Bader war es dann, der 1956 in einem eher methodisch gewendeten Aufsatz den Ansatz Radbruchs aufgriff, kritisierte und zukunftsweisend die Aufgaben einer historischen Kriminologie umriss.20 Der Ruf Baders sollte allerdings ungehört verschallen. Lange jedenfalls verbliebRadbruchs „Versuch einer historischen Kriminologie“ ohne Nachfolger. Diewissenschaftliche Beschäftigung mit Kriminalität sollte sich, in der allgemeinendisziplinären Ausdifferenzierung der Wissenschaft, im weiteren Verlauf auf die vonJuristen betriebene Rechtsgeschichte beschränken. Dies hatte eine „mehrfacheVerengung des Fragehorizontes“ zur Folge, wie Schwerhoff konstatiert:21 Nahezuausschließlich fand eine Fixierung auf normative Quellen im Bereich derStrafgesetzgebung statt, die sodann mit der Rechtswirklichkeit gleichgesetzt wurde. Diesozialen Normen hingegen, das Umfeld spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicherDelinquenz sowie die zentrale und gesellschaftliche Logik, die hinter dem Verhalten derDelinquenten wie der Obrigkeit gestanden haben mag, blieben außer Betracht.22

Noch zu festgefahren in ihren Methoden, als dass sie hätte anregend wirken können,war auch die rechtswissenschaftliche Hilfswissenschaft, die Kriminologie.23 GegenEnde des 19. Jahrhunderts entstanden, begann sie erst in den 70er Jahren des 20.Jahrhunderts in der Rezeption der amerikanischen Kriminalsoziologie (vor allem derChicago-Schule)24, sich mit Fritz Sack als sogenannte „kritische Kriminologie“25 neu zu aufgreifen sollte. Die Wiederauflage seines Aufsatzes 1985, im Zuge der Etablierung der historischen Kriminalitätsforschung in Deutschland, erfolgte sicher nicht zufällig. Vgl. Karl S. Bader: Aufgaben, Methoden und Grenzen einer Historischen Kriminologie, in: Manfred Rehbinder/ Martin Killias (Hrsg.): Rechtsgeschichte und Rechtssoziologie. Zum Verhältnis von Recht, Kriminalität und Gesellschaft in historischer Sicht, Berlin 1985, S. 29-42. formieren. Mit dem Etikettierungsansatz (Labeling Approach)26 wurde es möglich, die Perspektive vom Kriminellen auf die Gesellschaft zu verlagern und Kriminalität so als„eine durch und durch soziale Erscheinung zu begreifen“.27 Erstaunlicherweise blieb dieBeschäftigung mit der historischen Perspektive der Kriminalität dennoch lange Zeit vonder Mehrzahl der Kriminologen unbemerkt.28 Erst Michel Foucault habe hier mit seinemBuch „Überwachen und Strafen“ (1975, in Deutschland 1977) eine sogenannte„historische Wende“ initiiert.29

Doch wie sahen die Wegbereiter für die historische Kriminalitätsforschung heutiger Prägung aus?

Noch vor der kriminologischen Wende in den 70er kamen maßgebliche Impulse für dieEtablierung einer historischen Kriminalitätsforschung in Deutschland zweifellos ausEngland und Frankreich. Die progressive französische Geschichtswissenschaft, in derTradition der „Annales“stehend und somit stark sozial- und mentalitätsgeschichtlichorientiert, zeichnete in besonderer Weise verantwortlich für den Aufschwung derDisziplin.30 Den Anfang machte zu Beginn der 1960er Jahre Pierre Chaunu, der denAnstoß zur quantitativen Erforschung einzelner Gerichtsbezirke in der Normandie gab,worauf wenig später weitere Autoren wie etwa Yves und Nicole Castan, sowie in ihrerNachfolge Forscher wie Arlette Farge und Robert Muchembled begannen, sich intensivmit der Auswertung von Gerichtsakten zu beschäftigen.31 In direkter Nachfolge der„Annales“ geschah dies vornehmlich unter sozialgeschichtlichen Aspekten, zur Zeit eher mit Fragestellungen der Mentalitätsgeschichte.

In England erfolgte der Aufschwung etwa gleichzeitig mit einem dezidiertsozialgeschichtlichen Blickwinkel. Während die französische Forschung speziell für diedeutsche Mediävistik Vorbildcharakter annehmen konnte, kamen entscheidendeAnregungen für die Neuzeit aus dem angelsächsischen Raum. Hier wurden bereits inden 60er Jahren erfolgreich die Konzepte der soziologischen Chicago-Schule mit derebenfalls in den USA entwickelten Modernisierungstheorie verknüpft.32 Gerade dieprononcierten Pionierarbeiten von Eric Hobsbawm, Douglas Hay und Edward PalmerThompson,33 die das Konzept des „social crime“ entwickelten,34 waren es dann, die dieRezeption in der deutschen Geschichtswissenschaft am spürbarsten beeinflussten.35

1976 legte Dirk Blasius sein wegweisendes Werk „Bürgerliche Gesellschaft undKriminalität“36 vor, in dem er den Holzdiebstahl im Kontext des sich im preußischenVormärz formierenden Agrarkapitalismus und Pauperismus untersuchte und einezunehmende Kriminalisierung des althergebrachten Rechts zur Nutzung des Bruch- undFallholzes nachweist, gegen die sich die Dorfgemeinschaft in einem Akt sozialer

Selbstdarstellung durch Gesetzesübertretung wehrte.37 Sein Ziel war es, dem Kriminalitätsproblem „unter dem Gesichtspunkt der Entstehung, Bestrafung und Verwaltung von Kriminalität“ zu begegnen, um damit „einen Beitrag zur Frage der Beharrungskraft politischer und gesellschaftlicher Strukturen und der von ihnen imprägnierten Wertpositionen zu leisten.“38

Während die deutsche Geschichtswissenschaft sich in den 80er Jahren, abgesehen voneinigen wenigen sozialgeschichtlichen Arbeiten, noch erstaunlich schwer tat, denAnschluss an die bereits prosperierende europäische Forschung zu finden,39 änderte sichdieses Bild zu Beginn der 90er Jahre jedoch grundlegend;40 dies insbesondere imBereich der Mediävistik und der Frühen Neuzeit, worin die angelsächsische undfranzösische Geschichtswissenschaft geradezu eine Vorreiterrolle übernommen hatte.41 Zunehmend fand auch die deutsche Geschichtswissenschaft internationalen Anschluss.42 Dies ist einerseits im Zusammenhang mit der seit den 1980er Jahren prosperierendenfrühneuzeitlichen Hexenforschung zu sehen, die eine Fülle neuer Arbeiten produzierte,43 andererseits kann als Wegbereiter auch die Protestforschung gesehen werden.44

Sammelbände wie etwa „The German Underworld: Deviants and Outcasts in GermanHistory“ (1988) oder „Verbrechen, Strafe und soziale Kontrolle“ (1990) dokumentierendie Breite kriminalhistorischer Forschung.45 Fallstudien zur Kriminalität in den Städten

[...]


1 Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 10.

2 Dirk Blasius: Kriminalität und Geschichtswissenschaft. Perspektiven der neueren Forschung, in: Historische Zeitschrift 233 (1981), S. 615-626, hier: S. 615.

3 Steigende Veröffentlichungen kennzeichnen das Forschungsfeld, so dass Gerd Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch. Einführung in die Historische Kriminalitätsforschung(Historische Einführungen, Bd. 3), Tübingen 1999, S. 20 bereits das Erreichen einer „kritischenMasse“ feststellte. Eine beeindruckende Zahl an Forschungsberichten mag hier als weiteres Indizdafür gelten. Im folgenden seien nur einige davon genannt: Gerd Schwerhoff: Aktenkundig undgerichtsnotorisch, S. 15-23 mit einem sehr komprimierten Überblick sowie Martin Schüßler:Quantifizierung, Impressionismus und Rechtstheorie - Ein Bericht zur Geschichte und zum heutigenStand der Forschung über Kriminalität im Europa des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, in:Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte germ. Ab. 113 (1996), S. 247-278 und derneuste Forschungsbericht von Joachim Eibach: Recht - Kultur - Diskurs. Nullum Crimen sineScientia, in: Zeitschrift für neuere Rechtsgeschichte 23 (2001), S. 102-120. Siehe auch ders.:Kriminalitätsgeschichte zwischen Sozialgeschichte und Historischer Kulturforschung S. 681-715,besonders S. 693-709. Die detaillierteste Darstellung hält der Sammelband Andreas Blauert/ GerdSchwerhoff (Hrsg.): Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte derVormoderne, Konstanz 2000 parat. Dort finden sich gleich mehrere Forschungsberichte fürverschiedene europäische Länder. Für aktuellste Zusammenstellung (Stand 2009) vgl. die Online- Bibliographie Gerd Schwerhoffs unter: http://rcswww.urz.tu- dresden.de/~frnz/Bibliographien/Bibliographie_Kriminalitaetsgeschichte_09.pdf (eingesehen am 13.04.2009).

4 Vgl. Joachim Eibach: Kriminalitätsgeschichte zwischen Sozialgeschichte und Historischer Kulturfor- schung, in: Historische Zeitschrift 263 (1996), S. 683-715.

5 Vgl. Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 15 sowie sehr ausführlich Schüßler: Quantifizierung, S. 247-250.

6 Hier wird auch auf die unterschiedlichen Bezeichnungen „historische Kriminologie“ und „historische Kriminalitätsforschung“ eingegangen werden.

7 Theoretische und methodische Vorgehensweise 'wirken' auf die Quelle und bedingen die erstrebte Erkenntnis. Der Prozess ist insofern als reziprok anzusehen.

8 Sie wird definiert als „die theoriegeleitete Erforschung sozialer Sachverhalte in historischer Tiefe mit gültigen Methoden“ sowie als „theoretisch und methodisch reflektierte, empirische, besonders auchquantitativ gestützte Erforschung sozialer Ereignisse, Strukturen und Prozesse in der Geschichte“.Wilhelm Heinz Schröder: Historische Sozialforschung: Identifikation, Organisation, Institution (Historical Social Research / Historische Sozialforschung Supplement 6), Köln 1994, S. 9.

9 Vgl. Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 46 ff.

10 Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 46.

11 Grundlage war hierfür vor allem Martin Schüßler: Quantifizierung, S. 247-278.

12 Ebd.: S. 247.

13 Schüßler: Quantifizierung, S. 248 sowie Samuel Benjamin Klose: Darstellung der inneren Verhältnis se der Stadt Breslau, Breslau 1781-1783, in: Gustav Adolf Stenzel (Hrsg.): Scriptores Rerum Silesiacarum Bd. III, Breslau 1847, S. 9-110.

14 Georg Ludwig Kriegk: Bürgertum im Mittelalter Bd. I. Verbrechen 1376-1700 untersucht auf

statistischem Wege, Frankfurt a. M. 1868.

15 Schüßler: Quantifizierung, S. 271 definiert die quantifizierende Methode in Abgrenzung zur impressionistischen dabei etwas vereinfacht als das „in positivistischer Manier (…) sofortige Aufschreiben all dessen, was die Quelle uns sagt“.

16 Vgl. Kriegk: Bürgertum im Mittelalter, S. 197 ff. Allerdings dominierte zu dieser Zeit eine eher positivistische Sicht der Ereignisse, die sich kaum mit den Hintergründen der Delinquenz befasste. Vgl. Christiane Petry: Einführung in die historische Kriminalitätsforschung, in: Heinz-Günther Borck/ Beate Dorfey: Unrecht und Recht. Kriminalität und Gesellschaft im Wandel von 1500-2000. Gemein same Landesausstellung der rheinland-pfälzischen und saarländischen Archive. Wissenschaftlicher Begleitband (Veröffentlichtlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, Bd. 98), Koblenz 2002, S. 29. Zu den Kriterien eines gegebenen Quellenmaterials für eine quantifizierende Auswertung vgl. Kapitel 5.2.

17 Dirk Blasius: Kriminologie und Geschichtswissenschaft. Bilanz und Perspektiven interdisziplinärer Forschung, in: Geschichte und Gesellschaft 14 (1988), S. 136.

18 Vgl. den so verfahrenden Blasius: Kriminologie und Geschichtswissenschaft, S. 136.

19 Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch S. 17. Er stellt vor allem auf den Versuch einer historischen Kriminologie ab, der einen wenig attraktiven Anknüpfungspunkt geboten habe und weist auch auf befremdende „gelegentlich rassistische Untertöne“ der Autoren hin. Davon unberührt ist vor allem aber der Aufsatz Baders als richtungsweisend zu sehen, denn darin wird von Bader, der metatheoretisch über das noch theorieleere Radbruch'sche Werk hinausgeht, bereits 1956 partiell antizipiert und postuliert, was die deutsche Geschichtswissenschaft erst Jahrzehnte später wieder

20 Anders Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 17, der Baders Aufsatz auf seinen Hinweis der „engen Grenzen einer solchen Disziplin“ reduziert. Zitat in Bader: Aufgaben, Methoden und Grenzen einer Historischen Kriminologie, S. 36.

21 Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 15.

22 Vgl. Petry: Kriminalitätsforschung, S. 30. Dabei hatte bereits Bader: Aufgaben, Methoden und Grenzen einer Historischen Kriminologie, S. 29 bemängelt: „Im Ganzen strafrechtsgeschichtlicherArbeit überwiegt bisher das dogmen- und institutionengeschichtliche Element so sehr, daß die nichteiner vergangenen Sollens-, sondern einer ehemaligen Seinsordnung zugehörigen Tatsachen starkzurückgetreten sind.“ Ein profundes Verständnis der Problematik von Norm und Praxis beweist auchdie Äußerung, dass selten „im Gesetzesrecht Wesentliches über das tatsächlich Gescheheneausgesagt“ werde. Vgl. ebd.: S. 37.

23 Vgl. zur Kriminologie allgemein Hans-Jürgen Albrecht: Art. Kriminologie, in: Günther Kaiser u. a. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch, Heidelberg ³1993, S. 308-312 sowie darüber hinaus für einen profunden Überblick über die „Origins of Modern Criminology“ in Deutschland: Richard F. Wetzell: Inventing the Criminal. A History of German Criminology, 1880-1945, Chapel Hill/ London 2000, besonders: S. 15-31. Die neuste Darstellung ist Imanuel Baumann: Dem Verbrechen auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminologie und Kriminalpolitik in Deutschland 1880 bis 1980, Göttingen 2006.

24 Vgl. Fritz Sack: Art. Kriminalitätstheorien, soziologische, in: Günther Kaiser u. a. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch, S. 271-280, hier: 274 f.

25 Vgl. ders.: Art. Kritische Kriminologie, in: Günther Kaiser u. a. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch, S. 329-338.

26 Vgl. Sack: Art. Kritische Kriminologie, in: Kaiser u. a. (Hrsg.): Kleines Kriminologisches Wörterbuch, S. 329 ff. sowie dessen fast historisch zu nennenden Aufsatz ders.: Definition von Kriminalität als politisches Handeln, in: Kriminologisches Journal 4 (1972), S. 3-31.

27 Fritz Sack: Kriminalität, Gesellschaft und Geschichte: Berührungsängste der deutschen Kriminologie, in: Kriminologisches Journal 19 (1987), S. 241-268, hier: S. 246.

28 Ebd.: S. 251 ff. finden sich kritische Kommentare in Richtung Kriminologie und ein Appell zur dortigen Verwendung historischer Forschung. Wie wichtig eine Öffnung der Kriminologie zur Geschichtswissenschaft eingeschätzt wurde, sieht man auch daran, dass das VI. Kriminologische Kolloquium des Europarates im November 1983 ausschließlich historische Fragen der Kriminalitäts und Strafrechtsentwicklung behandelte, vgl. Council of Europe (Hrsg.): Historical Research on Crime and Criminal Justice. Reports presented to the Sixth Criminological Colloquium (1983), Straßburg 1985.

29 Gerlinda Smaus: Kriminologie und Geschichte. Eine Einführung, in: Kriminologisches Journal 2. Beiheft (1987), S. 3-17, hier: S. 4. Bezeichnenderweise scheinen ausgerechnet die historischen Arbeiten das größte Echo bei den Kriminologen gefunden zu haben, die in den Augen von vielen Historikern mit unzulässigen Methoden zu unzulässigen Verallgemeinerungen gelangten.

30 Zur „Annales“-Schule vgl. Christian Simon: Historiographie. Eine Einführung, Stuttgart 1996, S. 214 f.

31 Chaunu prägte dabei den Begriff des „quantitatif au troisième niveau“, unter dem vor allem lang- fristigen sozialen und mentalen Änderungen nachgespürt wird. Vgl. für die einzelnen Werke sowie seine berühmte Forschungshypothese „de la violence au vol“, einem angenommenen Wechsel von einer von Gewalt geprägten archaischen Kriminalität zu einer modernen Eigentumskriminaliät, Henrik Halbleib: Kriminalitätsgeschichte in Frankreich, in: Blauert/ Schwerhoff (Hrsg.): Kriminalitätsgeschichte, S. 89-119, hier: S. 90.

32 Hermann Romer: Historische Kriminologie - zum Forschungsstand in der deutschsprachigen Literatur der letzten zwanzig Jahre, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 14 (1992), S. 331-356, hier: S.333. Zur Modernisierungstheorie vgl. Helmut Thome: Gesellschaftliche Modernisierung undKriminalität. Zum Stand der sozialhistorischen Kriminalitätsforschung, in: Zeitschrift für Soziologie 21 (1992), S. 212-228.

33 Die wichtigsten Werke: Eric J. Hobsbawm: Primitive Rebels. Studies in archaic forms of social movement in the 19th and 20th centuries, Manchester 1959; Edward P. Thompson: The making of theEnglish working class, Harmondsworth 1963; Douglas Hay: Property, Authority and the CriminalLaw, in: Ders. u. a. (Hrsg.): Albion's Fatal Tree. Crime and Society in Eighteenth-Century England,London 1975, S. 17-63.

34Social crimes “ liegen nach Eric J. Hobsbawm, einem der bekanntesten Vertreter dieses Konzepts, immer dann vor, „ when there is a conflict of laws, e. g. between an official and an unofficial system,or when acts of law-breaking have a distinct element of social protest in them, or when they areclosely linked with the development of social and political unrest”. Hobsbawm geht damit von einerOpposition der „ labouring poor“ gegen ihre Ausbeutung und Unterdrückung durch die Besitzendenaus und entwirft das Bild eines widerspenstigen Volkes, für das Normverstöße stets eine Form desProtests gegen die Bevormundungsversuche ihrer Obrigkeiten darstellten. Mittlerweile hat sich dieForschung davon allerdings eher distanziert, denn trotz wohl unbestreitbarem Klassencharakter, sinddennoch nicht alle kriminellen Handlungen das Resultat einer unsozialen Gesetzgebung. Vgl. Petry:Kriminalitätsforschung, S. 31.

35 Vgl. etwa Carsten Küther: Räuber und Gauner in Deutschland. Das organisierte Bandenwesen im 18. und 19. Jahrhundert, Göttingen 1976, der in Anlehnung an die These der „social crimes“ in seiner These der „Sozialrebellen“ das Tun der Räuberbanden als primitive Form des sozialen Protestes zu deuten versuchte. Die neuere Forschung hat diese „Gegengesellschaft der Landstraße“ allerdings mittlerweile als romantische Fiktion verworfen. Vgl. Gerd Schwerhoff: Kriminalitätsgeschichte im deutschen Sprachraum. Zum Profil eines „verspäteten“ Forschungszweiges, in: Blauert/ Schwerhoff: Kriminalitätsgeschichte, S. 21-68, hier: S. 40.

36 Dirk Blasius: Bürgerliche Gesellschaft und Kriminalität. Zur Sozialgeschichte Preußens im Vormärz (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 22), Göttingen 1976.

37 Vgl. Schwerhoff: Aktenkundig und gerichtsnotorisch, S. 19. Vgl. auch Blasius: Geschichte und Kriminologie, S. 140. Hier gelang die Adaption des „social crime“ Konzeptes.

38 Blasius: Bürgerliche Gesellschaft und Kriminalität, S. 10.

39 Vgl. den Forschungsbericht von Blasius: Kriminologie und Geschichtswissenschaft (1988), S. 136- 149 in dem noch kaum deutschsprachige Werke auftauchen. Vgl. auch Heribert Müller: 'Das andereKöln' - Marginalität und Kriminalität im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in: Geschichtein Köln 18 (1985), S. 77-90. Gerd Schwerhoff: Devianz in der alteuropäischen Gesellschaft. Umrisseeiner historischen Kriminalitätsforschung, in: Zeitschrift für historische Forschung 19 (1992), S. 385414, hier: S. 387 weist allerdings auch auf die Chancen der „Verspätung“ der historischenKriminalitäts-forschung hin.

40 Vgl. Schwerhoff: Devianz in der alteuropäischen Gesellschaft, S. 385.

41 Otto Ulbricht: Einleitung, in: Ders. (Hrsg.): Von Huren und Rabenmüttern. Weibliche Kriminalität in der Frühen Neuzeit, Köln u. a. 1995, S. 3 spricht in diesem Kontext gar von einer „geschichtswissenschaftlichen crime wave“ in Frankreich und England. Berücksichtigt werden muss allerdingsauch die unterschiedliche Überlieferungssituation im Reich, die sich durch einen hohenFragmentierungsgrad der Quellen auszeichnet. Vgl. Schwerhoff: Kriminalitätsgeschichte im deutschen Sprachraum S. 22.

42 Schwerhoff: Kriminalitätsgeschichte im deutschen Sprachraum, S. 24.

43 Vgl. den Forschunsbericht von Monika Neugebauer-Woelk: Wege aus dem Dschungel. Betrachtungen zur Hexenforschung, in: Geschichte und Gesellschaft 29 (2003), 316-347. Dass die Hexenforschung „längst den internationalen Anschluss gefunden“ habe, konstatiert 1992 auch Schwerhoff. Ders.: Devianz in der alteuropäischen Gesellschaft, S. 386.

44 Vgl. ders.: Kriminalitätsgeschichte im deutschen Sprachraum, S. 26.

45 Vgl. Richard J. Evans (Hrsg.): The German Underworld: Deviants and Outcasts in German History, London 1988 sowie Richard van Dülmen (Hrsg.): Verbrechen, Strafe und soziale Kontrolle, Frankfurt a. M. 1990 und regional ausgerichtet Mark Häberlein (Hrsg.): Devianz, Widerstand undHerrschaftspraxis in der Vormoderne. Studien zu Konflikten im südwestdeutschen Raum (15. - 18.Jahrhundert), Konstanz 1999. Dass einer der ersten Sammelbände in Deutschland auf englische

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Details

Titel
Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter
Untertitel
Theoretische Konzepte, Methoden und Quellen
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Historische Sozialforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
37
Katalognummer
V269060
ISBN (eBook)
9783656600541
ISBN (Buch)
9783656600602
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historische, kriminalitätsforschung, spätmittelalter, theoretische, konzepte, methoden, quellen
Arbeit zitieren
Christoph Heckl (Autor), 2010, Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269060

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