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Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter

Theoretische Konzepte, Methoden und Quellen

Titel: Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2010 , 37 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Christoph Heckl (Autor:in)

Geschichte - Sonstiges
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Das Thema Kriminalität ist, ob wir es wollen oder nicht, Teil unseres Alltags. Gemessen an dem Stellenwert von Kriminalität in den Medien oder auch in der rein fiktionalen Form der Belletristik, lässt sich formulieren, dass sie gleichsam „Obsession“ der modernen Gesellschaft ist.1 Abgesehen von einer oftmals eher voyeuristischen Perspektive durch die Medien, existiert mit der Kriminologie auch eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Kriminalität der Gegenwart beschäftigt. Doch was kann historische Kriminalitätsforschung leisten? Neben der offensichtlichen Thematisierung der Kriminalität in der Vergangenheit bietet sie darüber hinaus eine hervorragende Gelegenheit, ja geradezu eine einmalige Chance, in einer „history from below“ die Lebenswelten, Wertvorstellungen, Praktiken und Spielräume derjenigen Schichten in der Vergangenheit zu erforschen, die für die bisherige Geschichtsforschung gemeinhin als 'sprachlos' gelten mussten.2 Mit dieser Arbeit soll daher ein Einblick in ein hochinteressantes Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft gegeben werden, das sich auch durch eine rasante Entwicklung innerhalb der letzten 20 Jahre hervortun konnte.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Forschungsgeschichte und Forschungsstand

2. Begriffe

3. Gerichtsquellen: Einblicke in die Welt der Kriminalität und darüber hinaus

4. Theoretische Konzepte

4.1 Labeling Approach

4.2 Soziale Kontrolle

4.3 Norm und Praxis

5. Methoden

5.1 Qualitative Zugriffe

5.2 Quantifizierende Zugriffe

Schluss

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, einen fundierten Einblick in das Forschungsfeld der historischen Kriminalitätsforschung zu geben. Dabei steht die Untersuchung des Wandels von Kriminalitätswahrnehmung, Strafpraxis und gesellschaftlichen Kontrollmechanismen vom Spätmittelalter bis zur Frühen Neuzeit im Mittelpunkt, um zu verstehen, wie abweichendes Verhalten in verschiedenen historischen Epochen definiert und sanktioniert wurde.

  • Analyse der Forschungsgeschichte und der Entwicklung der historischen Kriminalitätsforschung.
  • Definition zentraler Begriffe wie Devianz, soziale Kontrolle und Kriminalität als historisches Konstrukt.
  • Untersuchung von Gerichtsquellen als Zugang zu Lebenswelten vergangener Epochen.
  • Erörterung theoretischer Konzepte (Labeling Approach, Second Code) und deren Anwendung in der Geschichtswissenschaft.
  • Vergleich qualitativer und quantitativer Methoden in der kriminalitätshistorischen Forschung.

Auszug aus dem Buch

4.2 Soziale Kontrolle

Die soziale Kontrolle wurde definiert als „alle sozialen und gesellschaftlichen Mechanismen und Prozesse, die abweichendes Verhalten verhindern und einschränken“. Zurückzuführen ist dieses Paradigma auf den Geschichtsphilosophen Michel Foucault, der mit seiner These von der modernen „Disziplinargesellschaft“ zum Anreger vieler Forschungen geworden ist, die im Begriff der Sozialkontrolle den Leitbegriff der historischen Analyse sehen. An dieser These wurde aus dem geschichtswissenschaftlichen Lager umfangreiche Kritik geübt, vor allem wegen seiner „unhistorischen“ Begriffsbildung, der, wie Blasius formuliert, „Substitution einer Entwicklungsgeschichte sozialer Kontrolle durch eine Art Ontologie gesellschaftlicher Disziplin“.

Davon unbenommen bleibt die geisteswissenschaftliche Leistung Foucaults, der in seinem strukturalistischen Ansatz auch die Theorie des Soziologen Emile Durkheims infrage stellt, welcher auch schon auf die soziale Kontrolle Bezug genommen hatte. Foucaults Kritik setzt bei der Rechtsbegründung Durkheims an, in dessen Zuge er dessen Theorie, wonach Recht durch den Wertkonsens der Gesellschaft entstehe, durch die Theorie des rechtlichen Zwangs ersetzen konnte.

Auch wenn das Modell Foucaults zur Entstehung der Disziplinargesellschaft in einiger Hinsicht richtungsweisend ist, so konnten im Rahmen historischer Kriminalitätsforschung dennoch einiger seiner Thesen neu beleuchtet werden, gerade was die exemplarischen und oft grausamen Bestrafungsarten der Malefizgerichtsbarkeit betraf, die in seinem Sinne als symbolischer Ausdruck der bedingungslosen Unterwerfung des Delinquenten unter die schrankenlose Macht des absoluten Souverains zu verstehen waren.

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der historischen Kriminalitätsforschung als Instrument zur Erforschung der Lebenswelten vergangener Schichten, die bisher als sprachlos galten, und skizziert die methodische Ausrichtung der Arbeit.

1. Forschungsgeschichte und Forschungsstand: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der historischen Kriminalitätsforschung in Deutschland nach, betont den internationalen Einfluss (besonders aus England und Frankreich) und thematisiert den Wandel von der Rechtsgeschichte hin zur Sozial- und Kulturgeschichte.

2. Begriffe: Hier werden grundlegende Termini wie „historische Kriminalitätsforschung“, „Kriminalität“ und „Devianz“ definiert, um den analytischen Rahmen für die historische Untersuchung abweichenden Verhaltens zu schaffen.

3. Gerichtsquellen: Einblicke in die Welt der Kriminalität und darüber hinaus: Das Kapitel erläutert die Bedeutung und Genese von Gerichtsquellen (wie Urfehden, Malefizbüchern oder Protokollen) seit dem Spätmittelalter und zeigt deren Potenzial für die kultur- und sozialgeschichtliche Analyse auf.

4. Theoretische Konzepte: Dieser Abschnitt diskutiert wichtige theoretische Paradigmen, die für die historische Kriminalitätsforschung als Erklärungsmodelle dienen, insbesondere den Labeling Approach und Konzepte zur sozialen Kontrolle.

4.1 Labeling Approach: Es wird dargelegt, wie der Etikettierungsansatz Kriminalität als soziales Konstrukt begreift und die Perspektive von den Tatbeständen hin zur moralischen Bewertung und Kriminalisierung durch die Gesellschaft verschiebt.

4.2 Soziale Kontrolle: Dieses Kapitel untersucht Mechanismen der sozialen Regulierung und Disziplinierung, kritisiert Foucaults Konzept der Disziplinargesellschaft und arbeitet die Rolle der Gesellschaft als Akteur und Konfliktpartei vor Gericht heraus.

4.3 Norm und Praxis: Hier wird die Diskrepanz zwischen schriftlich fixiertem Strafrecht und der tatsächlichen Strafrechtspraxis thematisiert, wobei die Logik von „Grausamkeit“ und „Gnade“ im Rahmen der vormodernen Justiz beleuchtet wird.

5. Methoden: Dieses Kapitel vergleicht die zwei zentralen methodischen Ansätze der Geschichtswissenschaft, das hermeneutische Verstehen und die analytische Quantifizierung, und bewertet deren Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen.

5.1 Qualitative Zugriffe: Der Fokus liegt hier auf der Methode der dichten Beschreibung, die diskursive und symbolische Praktiken auswertet, jedoch mit Problemen wie mangelnder Generalisierbarkeit konfrontiert ist.

5.2 Quantifizierende Zugriffe: Dieses Kapitel diskutiert die Möglichkeiten und Fehlerquellen quantitativer Analysen historischer Kriminalitätsdaten und unterstreicht die Notwendigkeit supranationaler Forschungsstandards.

Schluss: Das Fazit bejaht den Nutzen der historischen Kriminologie und plädiert für eine Integration von kulturgeschichtlichen Fragestellungen mit analytisch-quantitativen Methoden, um das Forschungsdesiderat der weiblichen Kriminalität und langzeitstudien zu fördern.

Schlüsselwörter

Historische Kriminalitätsforschung, Kriminologie, Devianz, Soziale Kontrolle, Gerichtsquellen, Labeling Approach, Strafpraxis, Frühe Neuzeit, Spätmittelalter, Sozialgeschichte, Kulturgeschichte, Quantifizierung, Historische Methode, Rechtsgeschichte, Kriminalisierung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit beschäftigt sich mit der historischen Kriminalitätsforschung, die das Ziel verfolgt, abweichendes Verhalten vom Spätmittelalter bis zur Frühen Neuzeit nicht nur als Rechtsbruch, sondern als Spiegelbild gesellschaftlicher Strukturen und Herrschaftsverhältnisse zu untersuchen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die Forschungsgeschichte, die Definition von Grundbegriffen wie Devianz und sozialer Kontrolle, die Analyse von Gerichtsquellen, der Vergleich zwischen Norm und Praxis der Justiz sowie die methodische Diskussion zwischen qualitativen und quantitativen Zugängen.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, Einblicke in die Lebenswelten und Wertvorstellungen der Vergangenheit zu gewinnen, indem das Kriminalgeschehen als soziales Phänomen analysiert und die historische Entwicklung dieser Disziplin aufgezeigt wird.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt die historische Methode, die Heuristik, Quellenkritik und Interpretation umfasst. Dabei wird ein methodischer Brückenschlag zwischen hermeneutischen (verstehenden) und analytischen (quantifizierenden) Verfahren angestrebt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Disziplin, begriffliche Klärungen, die Analyse des Quellenmaterials, theoretische Konzepte (insbesondere den Labeling Approach und soziale Kontrolle) sowie die Vor- und Nachteile qualitativer und quantitativer methodischer Ansätze.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie historische Kriminalitätsforschung, Devianz, soziale Kontrolle, Gerichtsquellen, Norm und Praxis sowie methodische Ansätze (qualitativ/quantitativ) definieren.

Wie unterscheidet sich der „first code“ vom „second code“?

Während der „first code“ die formellen, schriftlich fixierten Rechtsnormen bezeichnet, beschreibt der „second code“ ungeschriebene Regeln und soziale Erwartungen, nach denen Gesellschaften ihr Zusammenleben faktisch organisieren und die maßgeblich beeinflussen, wer als kriminell gilt.

Welche Rolle spielt die „Gnade“ in der spätmittelalterlichen Strafpraxis?

Die „Gnade“ fungierte neben der „Grausamkeit“ als zweites Element vormoderner Politik. Sie ermöglichte Sanktionsmilderungen oder Strafverzicht, die dazu dienten, soziale Konflikte auszugleichen und den gesellschaftlichen Frieden zu wahren.

Warum ist das Quellenmaterial für die Zeit vor dem Spätmittelalter schwierig?

Vor dem Spätmittelalter dominieren normative und erzählende Quellen, die wenig Aufschluss über die tatsächliche Rechtspraxis geben. Erst mit der Herausbildung des Inquisitionsprozesses und dem Entstehen von Gerichtsakten im Spätmittelalter wurde eine kriminalhistorische Auswertung auf breiter Basis möglich.

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Details

Titel
Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter
Untertitel
Theoretische Konzepte, Methoden und Quellen
Hochschule
Universität zu Köln  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Historische Sozialforschung
Note
1,0
Autor
Christoph Heckl (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2010
Seiten
37
Katalognummer
V269060
ISBN (eBook)
9783656600541
ISBN (Buch)
9783656600602
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historische kriminalitätsforschung spätmittelalter theoretische konzepte methoden quellen
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Christoph Heckl (Autor:in), 2010, Historische Kriminalitätsforschung im Spätmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269060
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Leseprobe aus  37  Seiten
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