Das Phänomen der Freundschaft mit seiner Reichhaltigkeit und Komplexität war schon in der Antike ein angesagtes und fruchtbares Thema philosophischer Untersuchungen. So widmet auch Aristoteles der Analyse der Freundschaft zwei Kapitel in der Nikomachischen Ethik, welche rund ein Viertel dieses Werkes ausmacht. Er klärt darin unter anderem die Fragen, ob Freundschaft bei allen entsteht und ob es nur eine Art der
Freundschaft gibt.
In dieser Arbeit wird der Fokus auf Aristoteles‘ vollkommene Freundschaft gelegt, die er gleich zu Beginn seiner Untersuchung von zwei anderen Freundschaftsarten abgrenzt. Im Verlauf dieser Arbeit werden die Merkmale dieser Freundschaft und die Verwirklichung derer herausgearbeitet. Dazu werden zunächst die drei Gründe aufgelistet, warum
Menschen sich lieben und befreunden und welche Formen der Freundschaft daraus entstehen. Im Anschluss wird die Frage geklärt, welche Menschen sich überhaupt miteinander befreunden, um sodann zu verdeutlichen, warum die vollkommene Freundschaft nur unter Tugendhaften möglich ist. Weiterhin wird Aristoteles‘ These des Freundes als anderes Selbst aufgegriffen und erläutert, da diese die höchste Stufe der Freundschaft beinhaltet. Zum Abschluss werden nochmals allgemeine Kennzeichen einer vollkommenen Freundschaft beschrieben, die Aristoteles im Laufe seine Untersuchung herausgearbeitet hat.
Inhaltsverzeichnis
1 Das Phänomen der Freundschaft
2 Das Liebenswerte
3 Drei Arten der Freundschaft
3.1 Aristoteles‘ Vorgehen bei der Differenzierung der Freundschaftsarten
3.2 Freundschaft im akzidentellen Sinn
3.3 Vollkommene Freundschaft
4 Wer wird Freund?
5 Das Wesen der vollkommenen Freundschaft
5.1 Merkmale der vollkommenen Freundschaft
5.2 Selbstverhältnis des Tugendhaften
5.3 Der Freund als ein anderes Selbst
5.4 Verwirklichung der vollkommenen Freundschaft
6 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das aristotelische Konzept der vollkommenen Freundschaft auf Basis der Nikomachischen Ethik. Ziel ist es, die Merkmale dieser höchsten Freundschaftsform herauszuarbeiten, sie von akzidentellen Freundschaften (Nutzen- und Lustfreundschaft) abzugrenzen und die Bedeutung des Tugendbegriffs sowie das Ideal des „Freundes als anderes Selbst“ zu erläutern.
- Analyse der drei aristotelischen Freundschaftsarten
- Differenzierung zwischen vollkommener Freundschaft und akzidentellen Formen
- Bedeutung der Tugend und des Charakters für stabile zwischenmenschliche Beziehungen
- Untersuchung des Selbstverhältnisses des Tugendhaften als Grundlage der Freundschaft
- Bedeutung des Zusammenlebens und des Austauschs von Wohltaten
Auszug aus dem Buch
3.2 Freundschaft im akzidentellen Sinn
Die ersten zwei Arten der Freundschaft, die Aristoteles vorstellt, sind Freundschaften im akzidentellen Sinn (vgl. Aristoteles 2010, 216ff.). Darunter versteht er eine Freundschaft, deren Motiv es ist, einen Vorteil für sich selbst zu erstreben. Man ist also nicht um des Freundes willen befreundet, sondern weil diese Freundschaft einem selbst ein Gut oder Lust verschafft. Entsprechend unterscheidet Aristoteles zwischen der Freundschaft, welche auf Lust basiert und jener, welche auf Nutzen basiert. Die Menschen, die der Lust wegen miteinander befreundet sind, lieben sich aufgrund dessen, was für sie selbst angenehm ist. Den Nutzenfreund liebt man wegen dem, was für einen selbst gut ist.
Beide Freundschaftsarten sind instabil und lösen sich schnell auf, denn die Eigenschaften angenehm oder nützlich zu sein, kommen den Geliebten nicht notwendigerweise auf Dauer zu, vielmehr unterliegen diese Eigenschaften dem Wandel der Zeit (vgl. von Siemens 2007, 43). Ist etwas dem Wandel unterworfen, so ist es infolgedessen nicht von Dauer. Deshalb ist, wenn das Liebenswerte in akzidentellen Eigenschaften besteht, „kein festes Urteil über den Geliebten möglich“ (von Siemens 2007, 43). Die Basis für diese Freundschaft ist also unbeständig, denn der Liebende kann sich nicht darauf verlassen, dass der andere die Eigenschaft, wegen der er geliebt wird, beibehält.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Das Phänomen der Freundschaft: Einführung in die aristotelische Perspektive auf Freundschaft als notwendiges Gut und kurzer Überblick über das methodische Vorgehen.
2 Das Liebenswerte: Erläuterung der verschiedenen Gründe des Liebens, die als Ausgangspunkt für die Differenzierung der Freundschaftsformen dienen.
3 Drei Arten der Freundschaft: Systematische Unterscheidung der Freundschaften nach dem Grund des Liebens, mit Fokus auf akzidentelle und vollkommene Freundschaft.
4 Wer wird Freund?: Analyse der Voraussetzungen für Freundschaft, insbesondere im Hinblick auf Gleichheit und moralische Qualität der Personen.
5 Das Wesen der vollkommenen Freundschaft: Detaillierte Untersuchung der Charakteristika vollkommener Freundschaft, inklusive Selbstliebe und der These vom anderen Selbst.
6 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung des besonderen Status der vollkommenen Freundschaft.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, vollkommene Freundschaft, Charakterfreundschaft, akzidentelle Freundschaft, Tugend, Selbstliebe, anderes Selbst, Wohltaten, Gegenseitigkeit, Zusammenleben, Philia, Ethik, Philosophie, Freundschaftsarten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophischen Überlegungen von Aristoteles zur Freundschaft, wie sie in seiner Nikomachischen Ethik dargelegt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Unterscheidung verschiedener Freundschaftstypen, die Rolle der Tugend sowie die Bedeutung von Gegenseitigkeit und Charakter für zwischenmenschliche Beziehungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Merkmale der sogenannten vollkommenen Freundschaft zu identifizieren und sie von instabileren Formen, wie der Nutzen- oder Lustfreundschaft, abzugrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse der Primärliteratur (Nikomachische Ethik) und setzt diese in den Kontext relevanter Sekundärliteratur, um das Klassifikationsschema von Aristoteles logisch zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Liebenswerten, die Kategorisierung der drei Freundschaftsarten, die Frage nach der Entstehung von Freundschaften sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit der vollkommenen Freundschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Aristoteles, Tugend, Charakterfreundschaft, vollkommene Freundschaft und das Konzept des "anderen Selbst" gekennzeichnet.
Warum sind Lust- und Nutzenfreundschaften instabil?
Sie sind instabil, da sie auf akzidentellen Eigenschaften basieren, die sich im Wandel der Zeit verändern können, statt auf einem festen, tugendhaften Charakter zu beruhen.
Was bedeutet die These des "Freundes als ein anderes Selbst"?
Sie beschreibt die höchste Stufe der Freundschaft, bei der tugendhafte Menschen eine so tiefe Verbundenheit teilen, dass ihr Handeln und Wollen für den anderen identisch mit dem für sich selbst ist.
- Citar trabajo
- Lena Groß (Autor), 2013, Aristoteles‘ Analyse der vollkommenen Freundschaft in der Nikomachischen Ethik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269062