Sophokles‘ König Ödipus: Schicksalstragödie oder Schuldtragödie ?

Analyse und Interpretation unter dem Aspekt von Schuld und Unschuld


Hausarbeit, 2010
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schicksalstragödie ?

3. Schuldtragödie ?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Drama „König Ödipus“ des griechischen Dichters Sophokles wird bis heute als Musterbeispiel der Schicksalstragödie angesehen. Einer der ersten, die diese Ansicht vertraten, war F.W.J. Schelling:

Ein Sterblicher – vom Verhängnis zum Verbrecher bestimmt, selbst gegen das Verhängnis kämpfend, und doch fürchterlich bestraft für das Verbrechen, das ein Werk des Schicksals war![1]

Für die Interpretation des Ödipus spielt die Frage nach dem Schicksal beziehungsweise nach der Schuld eine wichtige Rolle. Eine Definition gibt Michael Ostheimer:

Bezieht sich Schuld auf die je persönliche Verantwortung eines Akteurs für sein Handeln, so verweist der Begriff des Schicksals auf eine transpersonale Macht, die für das Tun eines Menschen verantwortlich ist.[2]

Die zentrale Frage dieser Arbeit wird sein, ob „König Ödipus“ tatsächlich eine Schicksalstragödie ist. Denn, wer das Werk als Schicksalstragödie liest, nimmt den Akteuren jede Schuld, stellt sie als unschuldig dar, und macht somit die Suche nach Schuld bzw. Unschuld überflüssig.

Im Folgenden wird nun also geprüft, ob sich „Ödipus“ als Schicksalstragödie klassifizieren lässt. Weiterhin wird betrachtet, ob sich Schuld bei den Figuren im Stück erkennen und das Werk eher als Schuldtragödie einordnen lässt. Es erfolgt also eine Gegenüberstellung zwischen dem Schicksal, das der „Götterschuld“ gleichgesetzt werden kann, und der Schuld, die hier als „Menschenschuld“ bzw. in diesem besonderen Fall auch als „Ahnenschuld“ angesehen werden kann.

2. Schicksalstragödie ?

Als Schicksal betrachtet man in unserer Zeit das „durch Gott Vorherbestimmte“. Wenn man nun „König Ödipus“ als Schicksalstragödie ansieht, so muss man also fragen, welche Schuld die Götter an der Tragödie haben. Im Stück selbst erscheint das „göttliche Wissen“ in Form von drei Orakelsprüchen, welche die Tragödie ankündigen und somit das Geschehen determinieren.[3]

Aristoteles bezeichnet in seiner „Poetik“ den „König Ödipus“ als Musterbeispiel einer Schicksalstragödie.[4] Nach Aristoteles erfährt der tragische Held die Peripetie, den Umschlag von Glück in Unglück, dadurch, dass er einen Fehler begeht. Dieser Fehler unterläuft ihm jedoch aus Unwissenheit über eine Situation und geht nicht aus einer Charakterschwäche hervor.[5] Da er Ödipus als tragischen Helden des Stückes sieht, nimmt er ihm also jede Schuld. Aristoteles stellt nicht gezielt die Frage nach der Schuld bzw. Unschuld, seine Ansicht geht jedoch aus der Definition „seines“ tragischen Helden hervor.

Michael Lurje betrachtet „König Ödipus“ und setzt sich dabei auch mit Aristoteles‘ „Poetik“ auseinander. Er benennt die Frage nach der Schuld als „Leerstelle“, da sie von Sophokles nicht gestellt und somit auch nicht beantwortet wird.[6] Auch Lurje selbst gibt keinen Lösungsvorschlag zur Klärung der Schuldfrage.

Sophokles ging es bei der Darstellung der Vorgeschichte aller Wahrscheinlichkeit nach nicht darum, bei Oidipus ein (vermeidbares und deshalb subjektiv schuldiges) Fehlverhalten aufzuweisen, […].[7]

Bernd Manuwald interpretiert hiermit die Absicht des Sophokles, seinem tragischen Helden Ödipus keine Schuld zukommen zu lassen und spricht sich damit dafür aus, das Stück als Schicksalstragödie zu klassifizieren.

Einige Philosophen haben jedoch Zweifel daran, dass sich Ödipus in diese Gattung einordnen lässt. Peter Szondi zum Beispiel definiert die Tragik im Stück folgendermaßen:

Tragisch ist nicht, dass dem Menschen von der Gottheit Furchtbares zuteil wird, sondern dass es durch des Menschen eigenes Tun geschieht. Nicht weniger wichtig als die stumme Gewalt über das Geschehen ist darum für die Tragödie jener vom Menschen erbotene Eingriff des Gottes in sein Tun, der sich als Orakel in Worte fasst.[8]

Heiner Müller bezeichnet die tragische Handlung als „Jagd des Ödipus nach der Wahrheit des Orakels“[9]. Hiermit grenzt er sich von der Deutung ab, dass in der Tragödie ein subjektiv nicht zu verantwortendes Schicksal vorliegt. Für Müller steht also im Mittelpunkt, warum oder zumindest wie sich das Orakel erfüllt hat, nicht jedoch die Tatsache, dass es sich erfüllt hat.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff konkretisiert Müllers Gedankengang: „Von einem Schicksal als einer Ursache, einer wirkenden Kraft ist bei Sophokles nirgends die Rede und konnte auch keine Rede sein.“[10] Er drückt damit aus, dass es in der griechischen Antike vor der stoischen Philosophie keine Vorstellung von Schicksal gab.[11] Dies bekräftigt Karl Reinhart folgendermaßen:

Für Sophokles, wie für den Griechen älterer Zeit, ist überhaupt das Schicksal niemals eine Determination, sondern spontane Machtentfaltung des Dämonischen, auch dort wo es vorausgesagt wird, und selbst dort, wo es mit einer dem Geschehen, dem Weltlauf immanenten Ordnung sich vollzieht. Determiniertes Schicksal gibt es nicht vor der Stoa und dem Sieg der Astrologie.[12]

[...]


[1] Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Sämtliche Werke. Stuttgart und Augsburg: Cotta 1859, S.696.

[2] Michael Ostheimer: Mythologische Genauigkeit. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002, S.22.

[3] Vgl. Michael Ostheimer: Mythologische Genauigkeit, S.24.

[4] Vgl. Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Hrsg. Von M. Fuhrmann. Stuttgart: Reclam 1982, S.41-43.

[5] Vgl. ebd., S.39-41.

[6] Vgl. Michael Lurje: Die Suche nach der Schuld. Sophokles‘ Oedipus Rex, Aristoteles‘ Poetik und das Tragödienverständnis der Neuzeit. München und Leipzig: K.G. Saur 2004, S. 388-391.

[7] Bernd Manuwald: Oidipus und Adrastos. Bemerkungen zur neueren Diskussion um die Schuldfrage in Sophokles' ‚König Oidipus’. In: Rheinisches Museum für Philologie 135 (1992) H.1, S.22.

[8] Peter Szondi: Versuch über das Tragische. In: Peter Szondi: Schriften 1. Hg. von Jean Bollack mit Henriette Besse (u.a.). Frankfurt a.M. 1978, S.213.

[9] Heiner Müller: Brief an den Regisseur der bulgarischen Erstaufführung von Philoktet am Dramatischen Theater Sofia. In: Heiner Müller: Herzstück. Berlin: 1983, S.103.

[10] Ulrich von Wilamowitz- Moellendorff: Griechische Tragödien. Bd.1. 6.Auflage. Berlin 1911, S.15.

[11] Vgl. Egon Flaig: Ödipus. Tragischer Vatermord im klassischen Athen. München: Beck 1998, S.19.

[12] Karl Reinhart: Sophokles. 5.Auflage. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann 2006, S.108.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Sophokles‘ König Ödipus: Schicksalstragödie oder Schuldtragödie ?
Untertitel
Analyse und Interpretation unter dem Aspekt von Schuld und Unschuld
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V269189
ISBN (eBook)
9783656601722
ISBN (Buch)
9783656601746
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
sophokles‘, könig, ödipus, schicksalstragödie, schuldtragödie, analyse, interpretation, aspekt, schuld, unschuld
Arbeit zitieren
Federico Sirna (Autor), 2010, Sophokles‘ König Ödipus: Schicksalstragödie oder Schuldtragödie ?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269189

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