Singapurs Multikulturalismus und die Suche nach kollektiver Identität


Seminararbeit, 2013

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Multikulturalität
2.2. Multikulturalismus

3. Geschichte zur multikulturellen Gesellschaft Singapurs

4. Die Rolle der Politik
4.1. Die PAP

5. Multikulturalismus als politisches Programm
5.1. Die vier M's, oder das Reduzieren kultureller Komplexität
5.1.1. Multiracialism
5.1.2. Multilingualism
5.1.3. Multireligiosity
5.1.4. Multiculturalism
5.2. Multikulturalismus- Eine Zukunftsvision

6. Die nationale Identität Singapurs
6.1. Singapurs Identität - ein Konstrukt der Politik

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

Mit der Errichtung eines Handelspostens der British East India Company im Jahre 1819 wurde der Grundstein für die multikulturelle Gesellschaft Singapurs gelegt. Multikulturalität meint entgegen der allgemeinen Meinung jedoch nicht eine Vermischung der einzelnen kulturellen Gruppen, welche gemeinsam in einem Staat leben, vielmehr handelt es sich bei dem Konzept um ein Nebeneinander der Kulturen. Viele Länder, so auch Deutschland, versuchen die Realität der Pluralität ihrer Gesellschaft zu übergehen. Das Bestreben dieser Staaten ist es, die ethnisch-kulturellen Minoritäten in die übergeordnete Nationalkultur zu assimilieren. Nationen wie Singapur, Kanada, oder auch Australien hingegen versuchen der kulturellen Vielfalt ihrer Gesellschaften gerecht zu werden und verfolgen daher eine Politik des Multikulturalismus. Diese bemüht sich darum, die individuellen Lebensweisen der verschiedenen ethnisch-kulturellen Gruppen anzuerkennen und die Interessen aller im Staat lebenden Ethnizitäten zu berücksichtigen.

Multikulturalismus ist in Singapur nicht nur Teil eines politischen Diskurses, vielmehr durchzieht das Konzept alle Bereiche der Gesellschaft des Stadtstaates. So stellt Ethnizität den zentralen Faktor bei Fragen des öffentlichen Lebens dar. Ausgangspunkt hierbei ist die Einteilung der Bürger in die vier ethnischen Kategorien der Nation. Von dieser Kategorisierung ausgehend, kontrolliert die Regierung u.a. die Bildung, die geteilten Werte oder den öffentlichen Wohnungsbau des Staates (dieser dient vor allem als Mittel des Aufbrechens der zuvor bestehenden, ethnisch voneinander getrennten Nachbarschaften). Doch die starke Kontrolle der Gesellschaft durch den Staat, so Kritiker, verhindert häufig den Dialog zwischen den Kulturen, anstatt diesen zu fördern.

Von diesem Problem ausgehend soll die folgende Arbeit dem praktisch angewandten Multikulturalismus Singapurs näher auf Grund gehen und dabei vor allem die Rolle der Politik bzw. der Regierung in Augenschein nehmen. Hierbei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der spezifische Multikulturalismus der Politik Singapurs eine Entfaltung der Ethnizitäten ermöglicht, oder ob er gerade diese verhindert. Darauf aufbauend soll untersucht werden ob eine übergeordnete Identität in einem Staat mit einer multikulturellen Politik überhaupt möglich ist und wenn wie genau diese geformt wird.

2. Begriffsklärung

Da die Begriffe Multikulturalität und Multikulturalismus maßgeblich für das Verständnis der folgenden Arbeit sind, sollen diese kurz definiert werden.

2.1. Multikulturalität

Multikulturalität ist ein rein deskriptiver Begriff. So beschreibt Multikulturalität lediglich den Zustand in dem sich ein Staat, bzw. ein bestimmtes Kollektiv, befindet.

„Multikulturalität meint dann die Anwesenheit vieler verschiedener kultureller Gruppen mit einer nicht zu vernachlässigenden Größenordnung und bezieht sich auf die empirisch festzustellende Tatsache, dass innerhalb einer Gesellschaft mehrere Kulturen existieren (...)“[1]

Wichtig zu beachten ist, dass die Beschreibung der multikulturell gegebenen Wirklichkeit einer Gesellschaft nicht zwangsläufig einen friedlichen Umgang der verschiedenen Gruppen untereinander einschließt.[2]

2.2. Multikulturalismus

Im Gegensatz zu dem Begriff der Multikulturalität beinhaltet der Multikulturalismus neben dem deskriptiven Aspekt, immer auch eine politische, pädagogische oder ideologische Konnotation. Das heißt, dass zwischen Multikulturalität als Zustandsbeschreibung und Multikulturalismus als politischer Bewegung zu unterscheiden ist.[3] Hauptbestandteil des Multikulturalismus ist die prinzipielle Gleichberechtigung der im Kollektiv lebenden unterschiedlichen, ethnisch-kulturellen Gruppen. Auf Grund der Vielfalt kollektiver Identitäten innerhalb der Gesellschaft, stehen Staaten mit einer multikulturellen Politik häufig vor dem Problem eine übergeordnete Staatsidentität zu formen.[4] Der Ethnologe Andreas Ackermann beschreibt die Situation, in der sich der multikulturelle Staat befindet, wie folgt:

„Obwohl seine Legitimität das Verblassen ethnischer Loyalitäten verlangt, provoziert gerade diese Struktur das Erstarken von Ethnizität, indem ethnische Kriterien zum Maßstab politischen Handelns werden.“[5]

3. Geschichte zur multikulturellen Gesellschaft Singapurs

Für das Verständnis der Kapitel zur Politik sowie zur Identität Singapurs, ist eine Einführung in die Geschichte des Stadtstaates unerlässlich. Sie ist sowohl Grundlage der Konstruktion kollektiver Identität, als auch die Legitimationsbasis der Vorherrschaft der People’s Action Party (PAP).

Im Jahr 1819 erreichte Sir Thomas Stamford Raffles Singapur. Nach Verhandlungen mit dem Sultan Hussein von Johore erhielt Raffels, als Vertreter der British East India Company, das Recht einen Handelsposten auf der Insel zu errichten. Im Gegenzug wurden dem Sultan Schutz und jährliche Zahlungen durch die Briten zugesprochen.[6] Dank der hohen Steuervergünstigungen und der strategisch günstigen Lage erlangte der britische Handelsposten einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser machte die Insel zu einem attraktiven Ziel für Migranten aus China, Malaysia, Indonesien und Indien. Die Zahl der in Singapur eintreffenden Migranten erreichte in der Zeit zwischen 1867 und 1914 ihren Höhepunkt, dies lag vor allem an der hohen Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften.[7] Letztlich waren es diese starken Migrationsflüsse, welche die Grundlage für die multikulturelle Gesellschaft Singapurs schufen.[8]

Im Jahre 1957 erlangte die malaiische Föderation ihre Unabhängigkeit Die Eingliederung Singapurs stellte jedoch, aufgrund des großen Interessenkonfliktes, von Beginn an ein Problem dar. Daher wurde der Insel 1959 das Recht zur Selbstregierung gestattet. Die Bemühungen der Regierung Singapurs um eine alle Rassen umfassende Gesellschaft, waren der Regierung Malaysias jedoch ein Dorn im Auge. Daher schloss der erster Premierminister des unabhängigen Malaysia, Tunku Abdul Raham, Singapur im August 1965 aus der malaiischen Föderation aus.[9]

Singapur hatte als Nation, die fast ausschließlich aus Einwanderern bestand, keine gemeinsame Tradition oder kulturelle Grundlage, auf die der nun unabhängige Staat aufgebaut werden konnte. Obwohl die Chinesen schon damals einen Großteil der Bevölkerung bildeten und unter den verschiedenen kulturellen Gruppen am besten organisiert schienen, konnten sie dennoch keine politische Vorherrschaft beanspruchen. Singapurs geographische Lage, umgeben von malaiisch sprechenden Nachbarn, machte dies unmöglich. Die Malaien, die einzige regional einheimische Gruppe Singapurs, waren auf Grund ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit wiederum nicht in der Lage, eine Mehrheit in der Politik der neuen Nation zu bilden. Eine Vorherrschaft der Inder war ausgeschlossen, nicht nur dass sie die demographisch kleinste der drei Gruppen bildeten, sie waren außerdem, wie auch die Chinesen, Migranten. Folglich gab es kein gemeinsames Erbe auf dem die Nation aufgebaut werden konnte.

Daher musste nach einem universalen Konzept gesucht werden, welches in der Lage war, alle Bürger ungeachtet ihrer jeweiligen Herkunft einzubeziehen. Viele ehemalige Kolonialstaaten, nutzten die neu gewonnene Unabhängigkeit als Grundlage für einen kollektiven Nationalmythos. Da die Unabhängigkeit Singapurs jedoch ohne revolutionäre Gefechte erlangt wurde, reichte diese nicht aus um daraus einen bedeutsamen Mythos zu schaffen. Letztendlich wurden symbolische Grundsteine durch wirtschaftliche ersetzt. Letztere galten fortan als Voraussetzung für das Fortbestehen und die Entwicklung nicht nur des Staates selbst, sondern auch der Menschen welche in diesem lebten.[10] Die beiden Soziologen Chua Beng Huat und Kwok Kian Woon umschreiben das Ergebnis von Singapurs Staatenbildung wie folgt: „Economic success has become synonymous with 'Singapore'.“[11]

[...]


[1] Beyersdörfer 2004, S. 43.

[2] Vgl. Beyersdörfer 2004, S. 43.

[3] Vgl. Beyersdörfer 2004, S.43.

[4] Vgl. Ackermann 2002, S. 175.

[5] Ackermann 2002, S. 175f.

[6] Vgl. Ackermann 1997, S. 19f.

[7] Vgl. Purushotam 1997, S. 30.

[8] Vgl. Ackermann 2002, S. 176.

[9] Vgl. Ackermann 1997, S. 33ff.

[10] Vgl. Huat/ Kian-Woon1996, S. 51ff.

[11] Huat/ Kian-Woon1996, S. 55.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Singapurs Multikulturalismus und die Suche nach kollektiver Identität
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Multikulturelle Staaten
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V269238
ISBN (eBook)
9783656602699
ISBN (Buch)
9783656602682
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
singapurs, multikulturalismus, suche, identität
Arbeit zitieren
Kira Gehrmann (Autor:in), 2013, Singapurs Multikulturalismus und die Suche nach kollektiver Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269238

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