Mit der Errichtung eines Handelspostens der British East India Company im Jahre 1819 wurde der Grundstein für die multikulturelle Gesellschaft Singapurs gelegt. Multikulturalität meint entgegen der allgemeinen Meinung jedoch nicht eine Vermischung der einzelnen kulturellen Gruppen, welche gemeinsam in einem Staat leben, vielmehr handelt es sich bei dem Konzept um ein Nebeneinander der Kulturen. Viele Länder, so auch Deutschland, versuchen die Realität der Pluralität ihrer Gesellschaft zu übergehen. Das Bestreben dieser Staaten ist es, die ethnisch-kulturellen Minoritäten in die übergeordnete Nationalkultur zu assimilieren. Nationen wie Singapur, Kanada, oder auch Australien hingegen versuchen der kulturellen Vielfalt ihrer Gesellschaften gerecht zu werden und verfolgen daher eine Politik des Multikulturalismus. Diese bemüht sich darum, die individuellen Lebensweisen der verschiedenen ethnisch-kulturellen Gruppen anzuerkennen und die Interessen aller im Staat lebenden Ethnizitäten zu berücksichtigen.
Multikulturalismus ist in Singapur nicht nur Teil eines politischen Diskurses, vielmehr durchzieht das Konzept alle Bereiche der Gesellschaft des Stadtstaates. So stellt Ethnizität den zentralen Faktor bei Fragen des öffentlichen Lebens dar. Ausgangspunkt hierbei ist die Einteilung der Bürger in die vier ethnischen Kategorien der Nation. Von dieser Kategorisierung ausgehend, kontrolliert die Regierung u.a. die Bildung, die geteilten Werte oder den öffentlichen Wohnungsbau des Staates (dieser dient vor allem als Mittel des Aufbrechens der zuvor bestehenden, ethnisch voneinander getrennten Nachbarschaften). Doch die starke Kontrolle der Gesellschaft durch den Staat, so Kritiker, verhindert häufig den Dialog zwischen den Kulturen, anstatt diesen zu fördern.
Von diesem Problem ausgehend soll die folgende Arbeit dem praktisch angewandten Multikulturalismus Singapurs näher auf Grund gehen und dabei vor allem die Rolle der Politik bzw. der Regierung in Augenschein nehmen. Hierbei wird der Frage nachgegangen, inwiefern der spezifische Multikulturalismus der Politik Singapurs eine Entfaltung der Ethnizitäten ermöglicht, oder ob er gerade diese verhindert. Darauf aufbauend soll untersucht werden ob eine übergeordnete Identität in einem Staat mit einer multikulturellen Politik überhaupt möglich ist und wenn wie genau diese geformt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
2.1. Multikulturalität
2.2. Multikulturalismus
3. Geschichte zur multikulturellen Gesellschaft Singapurs
4. Die Rolle der Politik
4.1. Die PAP
5. Multikulturalismus als politisches Programm
5.1. Die vier M's, oder das Reduzieren kultureller Komplexität
5.1.1. Multiracialism
5.1.2. Multilingualism
5.1.3. Multireligiosity
5.1.4. Multiculturalism
5.2. Multikulturalismus- Eine Zukunftsvision
6. Die nationale Identität Singapurs
6.1. Singapurs Identität - ein Konstrukt der Politik
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den praktisch angewandten Multikulturalismus in Singapur mit einem besonderen Fokus auf die steuernde Rolle der Regierung. Dabei wird analysiert, inwieweit die staatliche Politik die Entfaltung ethnischer Vielfalt ermöglicht oder durch rigide Kategorisierung einschränkt und wie sich dies auf die Herausbildung einer kollektiven Identität auswirkt.
- Staatliche Steuerung kultureller Komplexität (CIMO-Modell)
- Die Rolle der People's Action Party (PAP) bei der Identitätskonstruktion
- Ethnische Klassifizierung als politisches Instrument
- Spannungsfeld zwischen kultureller Vielfalt und nationaler Einheit
- Methoden des "Social Engineering" in der Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
5.1.1. Multiracialism
In Singapur ist der Begriff der „Rasse“ nicht nur noch immer im alltäglichen Gebrauch, er ist sogar der Mittelpunkt der sozialen und kulturellen Klassifikationen. Die Institutionalisierung von Rasse wird in Singapur bewusst gestärkt. Die Bürger werden im Alltag häufig nach ihrer Klassifizierung gefragt. Diese ist ihrer „identity card“ zu entnehmen, einem Dokument welches die Rasse beinhaltet, der der jeweilige Bürger vom Staat zugeteilt wurde. Wurde man einmal kategorisiert, ist es sehr umständlich die Kategorie zu ändern.
Das Prinzip des Multiracialism ist es, die Vielfalt der im Staat lebenden Gruppierungen bzw. Rassen anzuerkennen. Zugleich beinhaltet es die Gleichberechtigung dieser. Die Politik propagiert mit dem Prinzip des Multiracialism zwar die Anerkennung kultureller Vielfalt, jedoch nur innerhalb der von ihr künstlich geschaffenen Kategorien. So wird im Zuge der CIMO-Einteilung die reale Komplexität der Gesellschaft Singapurs bewusst übergangen.
„This is best exemplified in cases of inter-racial marriages where the offspring are forced to take on the racial identity of their fathers rather than assuming a hybrid identity.“
Auch intrakulturelle Unterschiede innerhalb der jeweiligen ethnisch-kulturellen Gruppen werden bewusst übergangen oder einfach nicht wahrgenommen Dies fördert nach dem Soziologen Selvaraj Velayutham, trotz der vorhandenen Differenzen innerhalb der Gruppe, eine Identifizierung mit der dem Individuum vorgegebenen Kategorie. Nach dem Ethnologen Geoffrey Benjamin werden jeder Rasse spezifische Stereotype bezüglich ihres Verhaltens, oder ihres Charakters zugesprochen. Somit hängt die Identifizierung jedes Individuums mit der nationalen Identität Singapurs (denn diese besteht ja zu einem Großteil aus dem Konzept des Multiracialism) davon ab, wie stark sich dieses einer der vier Rassengruppen zugehörig fühlt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entstehung der multikulturellen Gesellschaft Singapurs ein und formuliert das Erkenntnisinteresse hinsichtlich der staatlichen Einflussnahme auf ethnische Identitäten.
2. Begriffsklärung: Hier werden die theoretischen Konzepte Multikulturalität als deskriptiver Zustand und Multikulturalismus als politisch-ideologische Bewegung differenziert voneinander betrachtet.
3. Geschichte zur multikulturellen Gesellschaft Singapurs: Dieses Kapitel erläutert die historische Entwicklung des Stadtstaates seit 1819 und die Relevanz der Migrationsgeschichte für die Legitimationsbasis der People's Action Party.
4. Die Rolle der Politik: Das Kapitel analysiert den staatlichen Kontrollmechanismus, durch den die Regierung wirtschaftlichen Erfolg und soziale Stabilität mittels einer starken Ideologie absichert.
5. Multikulturalismus als politisches Programm: Es wird untersucht, wie die Regierung durch das CIMO-Modell die gesellschaftliche Komplexität in starre ethnische Kategorien unterteilt und mittels vier spezifischer "M's" steuert.
6. Die nationale Identität Singapurs: Dieses Kapitel thematisiert den Prozess des "Social Engineering", bei dem versucht wird, eine künstliche, staatsbürgerliche Identität durch asiatische Werte und nationale Symbole zu etablieren.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Problematik zusammen, dass die rigide ethnische Kategorisierung zwar Ordnung schafft, aber die Entwicklung einer authentischen, übergeordneten nationalen Identität maßgeblich behindert.
Schlüsselwörter
Singapur, Multikulturalismus, CIMO-Formel, People's Action Party, Ethnizität, Identitätskonstruktion, Social Engineering, Multiracialism, Multilingualism, Multireligiosity, nationale Identität, Integration, politische Kontrolle, Migration, Kulturpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Umgang der singapurischen Regierung mit der ethnischen Vielfalt des Stadtstaates und analysiert, wie politische Strategien die Identitätsbildung der Bevölkerung beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der staatlich gelenkte Multikulturalismus, die Rolle der People's Action Party (PAP), ethnische Klassifizierung sowie die Konstruktion nationaler Mythen und Symbole.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, inwiefern der spezifische Multikulturalismus der singapurischen Politik die freie Entfaltung ethnischer Identitäten ermöglicht oder durch staatliche Kontrolle gezielt einschränkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung soziologischer und politikwissenschaftlicher Fachliteratur zur Analyse von Identitätskonstruktionen und gesellschaftlichen Strukturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Instrumente des "Social Engineering", insbesondere die CIMO-Einteilung, und wie diese die Identifizierung der Bürger mit staatlich vorgegebenen Kategorien erzwingen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen: Multikulturalismus, CIMO-Formel, ethnische Identität, staatliche Steuerung und nationale Identitätskonstruktion.
Was genau ist die CIMO-Formel?
Die CIMO-Formel ist eine staatlich etablierte soziale Kategorisierung, welche die Bevölkerung in die Gruppen Chinesen, Malaien, Inder und "Others" einteilt, um die gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren.
Welche Rolle spielt die PAP bei der Identitätsbildung?
Die PAP fungiert als steuernde Kraft, die soziale und wirtschaftliche Prozesse kontrolliert und versucht, durch die Implementierung "asiatischer Werte" eine künstliche nationale Identität zu schaffen.
Warum wird der Begriff "Social Engineering" verwendet?
Der Begriff beschreibt den von der Regierung proaktiv gesteuerten Prozess, bei dem durch Erziehung, Medien und Wohnungsbau gezielt auf die Identitätsbildung der Bevölkerung eingewirkt wird.
Zu welchem Ergebnis kommt die Autorin im Hinblick auf eine "Singaporean Identity"?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die staatlich verordnete Kategorisierung der Bürger eine genuine Entwicklung einer gemeinsamen, von der gesamten Nation getragenen Identität erschwert.
- Citation du texte
- Kira Gehrmann (Auteur), 2013, Singapurs Multikulturalismus und die Suche nach kollektiver Identität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269238