Raucher gegen Nichtraucher. Geschichte, Ursachen und Argumente für und gegen die Zigarette


Fachbuch, 2014
117 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Tabak – Der Konsum im Wandel der Zeit und gesellschaftlichen Veränderungen (Schwerpunkt Europa). Der sich verändernde Umgang mit dem Tabakkonsum von Cornelia Tillmann-Rogowski
Einleitung
Tabak
Tabak – Konsum, Missbrauch, Abhängigkeit
Tabakkonsum im Wandel der Zeit und der gesellschaftlichen Veränderungen
Der sich verändernde Umgang mit dem Tabakkonsum
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis

Nationale und Internationale Geschichte der Tabakregulierung von Tobias Wagner
Einleitung
Historische Entwicklung von Rauchverbot und Tabakbesteuerung in der Neuzeit
Maßnahmen im Europa der frühen Neuzeit
Europäische Tabakregulierung in der Napoleonischen Periode bis Mitte des 19. Jh
Entwicklung der Tabak- und Zigarettenbesteuerung im Deutschen Reich und der Weimarer Republik
Tabakregulierung in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus
Tabakregulierung in den Vereinigten Staaten bis Mitte des 20. Jh
Die Entwicklung der Tabakregulierung seit 1945
Schlussbemerkung und Ausblick
Literaturverzeichnis

Streit um den Nichtraucherschutz. Ein Dialog aus konstruktivistischer Sichtweise von Daniela Manske
Dialog zweier Fremder
Literaturverzeichnis

„…Und wenn ich kurz vorm Herzinfarkt bin, werden mir die Ärzte schon helfen…“ Über Gerechtigkeit im Gesundheitswesen bei Menschen mit riskantem Gesundheitsverhalten am Beispiel des Rauchens von Christian Matysik
Essay
Literaturverzeichnis

Der Kampf gegen den blauen Dunst. PR-Kampagnen im Gesundheitssektor am Beispiel der europäischen Anti-Raucher-Kampagne „HELP“ von Marina Deck
Einleitung
Theoretische Grundlagen
Der Kampf gegen den Tabakkonsum in der EU
„HELP – Für ein rauchfreies Leben“
Schlussbetrachtung und Fazit
Literaturverzeichnis

Einzelbände

Tabak – Der Konsum im Wandel der Zeit und gesellschaft­lichen Veränderungen (Schwerpunkt Europa)
Der sich verändernde Umgang mit dem Tabakkonsum
von Cornelia Tillmann-Rogowski

Einleitung

Der Tabak und sein Konsum begleitet und beschäftigen die Menschen schon seit Jahrhunderten. Dabei entstanden gerade in den letzten zwei Jahrhunderten immer wieder Diskussionen und Umwertungen. Der Tabak wurde vom Genuss­mittel zu einer der bekanntesten konsumierten legalen Droge. Wie konnte sich dieser Wandel vollziehen?

Im ersten Teil der Arbeit wird dabei der geschichtliche Hintergrund dargestellt und der Frage nachgegangen, was der Tabakkonsum für die Gesellschaft bedeutete. Um den Umfang einzugrenzen, ist diese Arbeit dabei auf Europa beschränkt. Im zweiten Teil verändert sich die Perspektive. Es wird vielmehr der Frage nachgegangen: Wie hat sich der Umgang mit dem Tabakkonsum in der Gesellschaft verändert?

Die populärste Methode des Tabakkonsums war und ist das Rauchen. So wird in dieser Arbeit schwerpunktmäßig der Tabakkonsum in Form von Rauchen behandelt.

Tabak

Die Tabakpflanze zählt zu den Nachtschattengewächsen. Von den ca. 60 Arten der Solanacee-Gattung Nicotiana, werden nur drei Arten großflächig angebaut und zu Tabakwaren verarbeitet. Dieses sind die Nicotiana tabacum, N. latissima und N. rustica.[1]

Der Tabak war zunächst als Heilpflanze von medizinischer Bedeutung und fand als Mittel zur Wundbehandlung, als Brech- und Abführmittel oder gegen Kopfschmerzen seinen Einsatz.

Tabak ist eines der bekanntesten Genussmittel oder auch die bekannteste legale Droge. Er kann geschnupft, gekaut oder auch geraucht werden. Das Rauchen ist dabei die populärste Methode.

Tabak – Konsum, Missbrauch, Abhängigkeit

Konsum: Der Gebrauch von Tabak in Maßen. Der Tabak wird nicht benötigt, der Gebrauch aber als angenehm empfunden. Der Konsum kann mit Genuss gleichgesetzt werden und es wird kein Druck verspürt, den Tabak gebrauchen zu müssen.

Missbrauch: Der Gebrauch von Tabak über den „gewöhnlichen“ Genuss hinaus. Die Verwendung des Tabaks wirkt sich schädlich aus, dennoch besteht hier noch keine Abhängigkeit.

Abhängigkeit/Sucht: Die Tabakabhängigkeit als Krankheit liegt gemäß der ICD 10-Klassifikation dann vor, wenn mindestens drei der sechs folgenden Kriterien erfüllt sind[2]:

-Ein anhaltend starker Wunsch oder eine Art Zwang zu rauchen.
-Eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Tabakkonsums.
-Das Auftreten von körperlichen Entzugssymptomen bei Tabakabstinenz oder Reduktion der täglich gerauchten Zigaretten oder fortgesetztes Rauchen, um das Auftreten von Entzugssymptomen zu vermeiden.
-Eine Toleranz gegenüber den physiologischen Auswirkungen des Rauchens: Im Laufe der Raucherkarriere hat eine Erhöhung der Zahl der täglich gerauchten Zigaretten stattgefunden.
-Eine fortschreitende Vernachlässigung anderer Tätigkeiten zugunsten des Rauchens.
-Fortgesetztes Rauchen trotz des Nachweises eindeutig gesundheitsschädlicher Folgen.

Tabakkonsum im Wandel der Zeit und der gesellschaftlichen Veränderungen

In Europa wurde die Tabakpflanze zunächst als Heil- und Medizinalpflanze vor allem in höfischen Kreisen und unter Botanikern und Medizinern weitergereicht. Erst nach und nach wurde sie auch außerhalb dieser Kreise heimisch, bzw. zum Tabakkonsum genutzt und somit in den Genuss-Kontext gesetzt.[3]

16.–18. Jahrhundert

Aus amerikanischen Kolonien eingeführt[4], entstand eine völlig neuartige Form des Konsums und der Genusskultur: das Rauchen.[5] Analog zum Trinken von Alkohol, Kaffee, Tee und Schokolade, wurde der Konsum, bzw. die Wirkung des Tabaks zunächst als „trockene Trunkenheit“[6] bezeichnet.

Basierend auf dem antiken medizinischen Schema der Körpersäfte, galt die Wirkung des Tabaks als etwas, was die (z.T. unerwünschten) Körpersäfte zu trocknen vermochte. Weiterhin ausgehend davon, dass die Neuorganisation des menschlichen Organismus das Gehirn ins Zentrum des Interesses der bürgerlichen Kultur rückte und der Rest des Körpers als Anhang des Kopfes zu betrachten war, galt der Tabakkonsum als besonders geeignet für geistig tätige Menschen.

„Einer der studiert, muss notwendig viel Tabak rauchen, damit die Geister nicht verloren gehen, oder da sie anfangen zu langsam umzulaufen, weshalb der Verstand, sonderlich schwere Sachen wohl nicht faßt, wieder mögen erweckt werden, worauf alles klar und deutlich dem Geiste überliefert wird, und er wohl überlegen und beurteilen kann.“[7]

Der Tabak schärfte und ordnete einerseits die Gedanken, so dass er die Konzentration förderte, andererseits vermochte er den Rest des Körpers zu beruhigen. Ruhe, Besinnlichkeit, Entspannung, Stimulation und Konzentration waren die Ausdrücke, die schon bald eine feste Verbindung zum Rauchen und somit eine Bedeutungskopplung darstellten.

Geprägt durch das patriarchalische Gesellschaftsbild war das Rauchen dabei exklusiv den Männern vorbehalten und war – wegen der immensen Rauchentwicklung – auf bestimmte Räumlichkeiten beschränkt. Das Rauchen außerhalb dieser Räumlichkeiten oder gar in der Öffentlichkeit unter freiem Himmel war verpönt und verboten. Männer waren zu Rauchgelegenheiten unter sich und konnten so die Geselligkeit unter Gleichgesinnten finden und leben. Frauen hingegen hatten keinen Zutritt zu den Räumlichkeiten, sie waren lediglich auf Karikaturbildern von Rauchgegnern zu finden.[8]

Im 17. und 18. Jahrhundert galt die Pfeife als vorherrschendes Rauchgerät, doch im 18. Jahrhundert erlangt auch das Schnupfen von Tabak – insbesondere in der französischen höfischen Kultur, von der aus es sich immer weiter ausbreitete – einen kulturellen Höhepunkt. Sowohl bei Frauen als auch Männern der Oberschicht wird dieser Konsum des Tabaks zu einem bedeutsamen Zeremoniell im gesellschaftlichen Umgang und in der Selbstdarstellung.

Als Luxusgut waren hier die Schnupfutensilien von besonderer Bedeutung. Schnupftuch und Tabatiere wurden zu einem festen Bestandteil des Rokoko­kostüms. Die Tabatieren wurden gehandelt wie Kronjuwelen und der Umgang mit diesen gelehrt wie Fechten und Tanzen am Hofe.[9] An der richtigen Handhabung der Tabatiere wurde das Gegenüber erkannt und die entsprechende Gestik beim Schnupfen war von hoher soziokultureller Bedeutung. Da die Nase als „Instrument der Vernunft“[10] galt und eine direkte Verbindung zum Gehirn darstelle, sollte der stimulierende Tabak ohne Hinderung geschnupft werden können. So rasierten sich Männer den Oberlippenbart ab.

Die medizinischen Aspekte der Wirkung von Tabak als Heilpflanze gerieten dabei mehr und mehr in den Hintergrund und der Tabakkonsum erhielt vielmehr einen hohen Stellenwert im sozialen Umgang. Der Konsum gehörte zum „guten Ton“ der gehobenen Gesellschaft. Tabak konnte sich als Genussmittel durchsetzen. Die „hungerdämpfende Funktion“[11] und das Stilllegen des Geruchsinns waren dabei willkommene Nebenwirkungen.[12]

Derweilen ließ sich die Macht des Handels nicht mehr unterbinden. Der Tabak und sein Konsum verbreiteten sich über verschiedene Kanäle mehr oder weniger gleichzeitig: See-, Handels- und Kaufleute trugen entscheidend dazu bei, die Praxis des Rauchens schnell und nachhaltig zu verankern.[13]

19.–21. Jahrhundert

Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Zigarre auf den Markt. Während die Pfeife aufwendig gestopft werden musste, war die Zigarre bereits fertig und konsumierbar. Die Beschleunigung der Produktion von Waren und das Konsumverhalten des Warenstroms von immer größerer Dichte und Geschwindigkeit der Zeit, spiegelte sich auch in der Verbreitung der Zigarre und im Rauchen wieder.[14]

Dabei bleibt auch die Zigarre zunächst den Männern vorbehalten und ist weiterhin Symbol der patriarchalischen Gesellschaft. Genauso wie die Pfeife wird die Zigarre aufgrund ihrer Rauchentwicklung nur in dafür vorgesehenen Räumlichkeiten geraucht. Als sich das Rauchen Zugang zur eigenen Wohnung verschafft hatte, wurde auch dort ein entsprechendes Zimmer eingerichtet, das sog. „Herren- und/oder Arbeitszimmer“.

Mit dem Einzug der Zigarette in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfährt der Tabakkonsum in Form von Rauchen eine völlige Wende. Das Rauchen nimmt einen wahren politisch-emanzipatorischen Symbolcharakter ein: Rauchverbote in der Öffentlichkeit wurden aufgehoben, der Tabakkonsum verbreitete sich weiter und etablierte sich nun endgültig in allen gesellschaftlichen Schichten. Die soziale Verallgemeinerung wurde durch die Zigarette vorangetrieben und Rauchen war nicht länger den Männern vorbehalten. Auch Frauen rauchten fortan Zigaretten (zunächst im Privaten, dann auch zunehmend mehr in der Öffentlichkeit). Es war nicht mehr nur erlaubt, sondern nun gesellschaftlich voll akzeptiert.[15] Zigarettenrauchende Frauen wurden fortan sogar werbewirksam auf Plakaten abgebildet

Während das Rauchen von Pfeifen und Zigarren nun mehr zum Sinnbild des Nostalgischen, der Behäbigkeit geworden sind, stellt die Zigarette mit ihrem äußeren Erscheinungsbild Vereinfachung, Leichtigkeit und Schnelligkeit dar.

Zwar galt das Rauchen weiterhin als beruhigend und konzentrationsfördernd, doch die ursprünglich medizinische Wirkung des Tabaks war nun vollends in den Hintergrund getreten. In der Nachkriegszeit Deutschlands hatte der Zigarettenkonsum, bzw. das Rauchen eine solche Bedeutung erlangt, dass die „amerikanische Zigarette nicht nur das Maß aller Dinge war, sondern kurzzeitig gar als Ersatzwährung fungierte“[16].

Seit dem Ende des 20. Jahrhundert rückt der Tabakkonsum und die Problematisierung dessen zunehmend mehr in den Fokus der Gesundheitsdiskussion. Einhergehend vollzieht sich eine weitere Wandlung im Kontext zum Tabakkonsum. Von der medizinischen Heilpflanze zum Genussmittel, wird der Tabak nun vielmehr mit dem Begriff der Sucht in Verbindung gebracht. Dieses veränderte den Umgang mit der Thematik einmal mehr.

Der sich verändernde Umgang mit dem Tabakkonsum

Mit der Einführung des Tabaks gab es auch stets Tabakgegner. Kein anderes Genussmittel hat bis in die heutige Zeit einerseits sowohl so viele Bedeutungs- und Deutungszuschreibungen erhalten, andererseits eine solch anhaltende und einschneidende Dichotomisierung erfahren wie der Tabak.

17.–19. Jahrhundert

Spätestens seit Anfang des 17. Jahrhunderts sprechen sich verschiedene Seiten gegen den Tabakkonsum, insbesondere das Rauchen aus. Ausgesprochene Rauchverbote wurden zunächst mit sachlichen Begründungen gerechtfertigt. Da die meisten Häuser aus Holz gebaut wurden, bestand hier Feuergefahr.[17] Des Weiteren trug – wie bereits oben erwähnt - die immense Rauchentwicklung der Pfeifen und Zigarren dazu bei, dass Rauchen in der Öffentlichkeit verpöntwar.

Geistliche sahen im Tabak ein aus dem Heidentum importiertes Teufelskraut und Gelehrte wiesen analog zum Alkohol auf die Folgen des übermäßigen Tabakkonsums hin.[18] Der eigentliche Aspekt des Konsums spielte nicht so sehr die tragende Rolle, als vielmehr den des übermäßigen Gebrauches.

Den Tabakkonsum von staatlicher Seite aus zu verbieten – so wie beispielsweise im Osmanischen Reich zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wo der Tabakkonsum bei Todesstrafe verboten wurde[19] –, konnte sich nur kurzfristig halten und ein Verbot von Tabak konnte sich zu keiner Zeit durchsetzen. Nicht zuletzt, weil auch die Obrigkeiten aktive Konsumpraxis betrieben, was im Widerspruch zur restriktiven Gesetzgebung stand.

-Der Tabak als Genussmittel hatte sich durchgesetzt und ist somit zu einem wichtigen Bestandteil in sämtlichen Bereichen geworden:
-Für den Konsumenten, wie oben beschrieben, als Genussmittel und als emanzipatorisches Symbol.
-Im Handel, dessen Macht nicht mehr zu unterbinden war.
-Für die Obrigkeiten, die Tabak zunehmend mehr als Einnahmequelle sahen, mit dem Aufbau staatlicher Monopole auch fiskalischen Zugriff hatten und somit unter staatlich-finanzielle Kontrolle brachten.[20]

Ab dem 19. Jahrhundert rückte die Gesundheitsdiskussion beim Rauchen immer mehr in den Vordergrund.

20.–21. Jahrhundert

Neben ideologischen Bedenken seitens des Bürgertums und dem Widerstand gegen das Rauchen von Kindern und Jugendlichen, wurde der Tabakkonsum zunehmend mehr zum Thema der Gesundheits-, und Sozialpolitik.

Neben verschiedenen anderen Substanzen, erscheinen insbesondere Nikotin und Teer als zentrale Wirkstoffe des Tabaks und rückten somit ins Zentrum der Gesundheitsdiskussion. Verbindungen zwischen Nikotin[21] und Sucht sowie Teer und Lungenkrebs stehen dabei als ursächliche Verbindung im Vordergrund. Dabei fand erneut eine Umwertung des Tabakkonsums statt: vom Genussmittel, über die Gesundheitsfrage bis hin zum Suchtmittel. Soziale und kulturelle Faktoren, Lebensstile, Lebensumstände und symbolische Bedeutungen des Rauchens rücken dabei zunehmend mehr in den Hintergrund oder werden gar nicht mehr berücksichtigt.[22]

Bei der Gesundheitsdiskussion stehen sich nun nicht mehr nur die Tabakkonsumenten und Tabakgegner gegenüber, sondern vielmehr zieht sich die Frage des Umgangs mit dem Thema auch in die Industrie und mehr denn je bis in die Politik. Die Zigarettenindustrie stellte sich zunächst hinter den Gesundheitsaspekt, versuchte aber das Gift-Argument dadurch zu entkräften, indem sie nikotinfreie Zigaretten und Zigarren entwickelten und auf den Markt brachten. Auf Seiten der Konsumenten änderte dieses jedoch nichts. Die Tabakkonzerne und Staatsmonopole sind derweilen zu einem mächtigen Pfeiler der Industrie geworden und beeinflussen die Produktion und den Handel.[23]

Von staatlicher Seite aus fanden die Reaktionen auf verschiedenen Ebenen statt. Einerseits wurden Verbote (wie zunächst Werbeverbote im TV und in Zeitschriften) ausgesprochen, später kamen große aufgedruckte Warnhinweise auf die Verpackungen von Tabak, Zigaretten, etc. hinzu und die Steuern wurden massiv erhöht. Mit der Erhöhung der Steuern und somit auch der Verbraucherpreise kamen andererseits aber auch weitere Einnahmen für den Staat und somit konnten andere politische Interessen finanziert werden.

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden breit angelegte medizinische Studien zum Zusammenhang zwischen Rauchen und gesundheitlichen Risiken – insbesondere der Krebserkrankungen – durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden durch weitere Studien belegt[24] und die Gesundheitsrisiken durch das Rauchen wurden kaum mehr angezweifelt. Rauchen wurde zu einem Risikofaktor.[25]

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) thematisierte das Rauchen Mitte des 20. Jahrhunderts. 1971 forderte die WHO erstmalig dazu auf, das Rauchen einzuschränken. Dabei wurde der Konsum explizit nicht unter die Sucht gestellt, denn die psychoaktive Wirkung reiche nicht aus, um Tabak zu den „abhängig machenden Drogen“[26] zu zählen. Während seit 1986 zunehmend mehr der Tabakkonsum mit Sucht in Verbindung gebracht wird und 1988 das Rauchen auf die Nikotinaufnahme beschränkt wurde, wurde 1989 auf einer WHO organisierten Konferenz in Genf, Tabak in die Liste der ICD als „Abhängigkeit produzierenden Drogen“ aufgenommen und die Tabak-, bzw. Nikotinabhängigkeit zu einem eigenen Krankheitsbild erklärt.[27]

Das Rauchen war nunmehr nicht „nur“ Risikofaktor, der zu Krankheiten führen konnte, sondern vielmehr war der Raucher selbst krank, ein Nikotinsüchtiger, der einer Therapie bedürfe.

Diese Neubewertung des Rauchens und die Akzeptanz des Suchtbegriffes führte dazu, dass zum einen der politische Druck in Richtung „Rauchfreies Leben“ erhöht wurde, zum anderen die Gesundheitsdiskussion um den Tabak in Richtung Prävention und Rauchentwöhnung noch heute weitergeführt wird. Der Raucher ist zum Gegenstand der Suchttherapie geworden:

„Die Rauchentwöhnung ist eine enorm schwierige – und selten erfolgreiche – Angelegenheit. Sie wird damit zum Paradigma für jede Suchttherapie überhaupt.“[28]

Mit dem Aufkommen der Frage des Passivrauchens Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts erhielt die Tabakfrage noch einmal mehr eine weitere Problematisierung und vor allem mediale Präsenz in Form von Kritik. Es ging nicht mehr „nur“ um die Schädlichkeit des individuellen Konsums, sondern vielmehr auch darum, Unbeteiligte vor dem Rauchen zu schützen.[29] So wurden Anti-Raucher-Kampagnen gegründet und das Rauchen zunehmend wieder aus öffentlichen Bereichen verdrängt. Anfang des 21. Jahrhunderts wurde das Bundesnichtraucherschutzgesetz erlassen und Rauchverbote in bestimmten Zonen der Öffentlichkeit ausgesprochen.

Schlussbemerkung

Die Frage stellt sich, wie weiter mit der „Raucherfrage“ umgegangen wird. Die Fronten haben sich zunehmend verhärtet.

Auf der einen Seite wird die Zigarettenindustrie zu einem „Feindbild“ erklärt, Raucher werden zu einem „vermeidbaren Risikofaktor“, aber auch gleichzeitig als „Süchtige“ angesehen. Aufgrund der Entwicklung – gerade im letzten Jahrhundert – werden staatliche Eingriffe gefordert. Andererseits profitiert aber nicht zuletzt der Staat durch die Einnahmen der Steuern und „verdient“ an dem „vermeidbaren Risiko“ und/oder an den „Süchtigen“.

Wie also wäre dieser Konflikt zu lösen? Wird der Druck auf den Staat so groß, dass er weitere Repressionen durchsetzt und somit evtl. auch finanzielle Einbußen erfährt? Oder ist es vielmehr so, dass aus dem Genussmittel „künstlich“ eine legale Droge wurde, weil die Medien das Thema dermaßen „dramatisierten“ und der Konsum dadurch erst zu einem Problem im Bewusstsein wurde?

Dass Rauchen zu gesundheitlichen Schädigungen führen kann, ist spätestens seit Mitte des letzten Jahrhunderts bekannt und dennoch wird der Tabak weiterhin konsumiert, insbesondere geraucht. Zu keiner Zeit konnte bisher der Tabak komplett verboten und/oder verbannt werden. Wie bereits oben erwähnt, wird der gesellschaftliche Kontext beim Tabakkonsum nicht mehr verfolgt. Rauchpraktiken, kulturelle und soziale Bedeutungen des Rauchens etc., und damit auch den Tabak als Genussmittel zu sehen, sind vollends in den Hintergrund getreten. Das Rauchen wird derweilen auf die Nikotinaufnahme beschränkt und somit steht der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund. Bei dieser alleinigen Sichtweise wird die Akzeptanz als Suchtmittel sicherlich weiter fortschreiten. Und damit stellt sich wieder die Frage, wie dieser Konflikt gelöst werden kann oder ob er überhaupt gelöst werden soll?

Um diesen Konflikt deutlicher darzustellen, bin ich bei der Gliederung dieser Arbeit bewusst so vorgegangen, dass ich im ersten Teil vorrangig auf den Tabakkonsum als solchen eingegangen bin, der den Wandel der Zeit wiederspiegelt und die gesellschaftliche Bedeutung darstellt. Im zweiten Teil bin ich mehr darauf eingegangen, wie sich die Tabakfrage veränderte und wie es dazu kam, dass der Tabak von einem Genussmittel zu einer legalen Droge wurde und sich somit der Schwerpunkt verschoben hat.

Literaturverzeichnis

Hengartner, Thomas; Marki, Christoph Maria: Genussmittel – Eine Kulturgeschichte; Frankfurt am Main und Leipzig, Insel Verlag, 2001

Schivelbusch, Wolfgang: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft – Eine Geschichte der Genußmittel; Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch – Verlag GmbH, 8. – 9- Tausend: Mai 1995

Schmidbauer, Wolfgang; vom Scheidt, Jürgen: Handbuch der Rauschdrogen; Frankfurt am Main, S. Fischer – Verlag GmbH, 2004

Schmidt – Semisch, Henning: Vom Tabakgenuss zur Nikotinsucht – Zum Paradigmenwechsel in der Tabakpolitik, Originalarbeit S. 25–32; Wiener Zeitschrift für Suchtforschung, Jg. 24, 2002, Nr. 4

Onlinequelle

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) / Kröger, Christoph: Rauchentwöhnung in Deutschland – Grundlagen und kommentierte Übersicht, Gesundheitsförderung konkret: Bd. 2; Köln: BtgA, 2001 Als PDF – Dokument online zu beziehen: http://www.bzga.de/infomaterialien/gesundheitsfoerderung-konkret/band-2-raucherentwoehnung-in-deutschland/ (03.06.10)

Nationale und Internationale Geschichte der Tabakregulierung von Tobias Wagner

Einleitung

Tabakkonsum ist als wichtigste Ursache vermeidbarer Todesfälle in der Europäischen Union jährlich für rund 650 000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ging 2011 davon aus, dass weltweit in diesem Jahr fast sechs Millionen Menschen an den Folgen von Tabakkonsum sterben würden.[30] In Deutschland sterben außerdem jährlich mehr als 3300 Nichtraucher[31] an den Folgen des Passivrauchens.[32]

Trotz solcher Zahlen betrug der Anteil der Raucher an der deutschen Gesamtbevölkerung im Jahr 2005 etwa 30,1 %.[33] Tabakgenuss birgt also allgemein bekanntermaßen einerseits für den Konsumenten, und im Falle des Tabakrauchens[34] auch für unbeteiligte Dritte, ernstzunehmende gesundheitliche Risiken, ist aber andererseits in weiten Teilen der Gesellschaft etabliert und, von der drittschädigenden Wirkung einmal abgesehen, wohl auch weitestgehend toleriert.

Auf den ersten Blick muss dies paradox anmuten, allerdings verknüpft die allgemeine gesellschaftliche Sicht mit dem Rauchen nicht nur negative Aspekte. So gilt Rauchen z.B. als kommunikativ, seitens der Medizin ist auch eine körpergewichtsreduzierende und stimmungsverbessernde Wirkung durch Tabakkonsum anerkannt.[35] Dass Tabakkonsum aus dem Alltagsbild kaum wegzudenken ist, dürfte aber zum Großteil an der jahrhundertealten Tradition des Rauchens liegen. Selbst in der höchstrichterlichen deutschen Rechtsprechung wird stellenweise ein grundsätzliches Recht des Rauchers auf den Konsum von Tabak als kultureller Bestandteil unserer Gesellschaft wahrgenommen. In der Darlegung seiner Gegenmeinung zu einem Urteil des BVerfG zum Nichtraucherschutz in Gaststätten, schreibt etwa BVR Masing: „Auch wenn der Tabakkonsum überaus gesundheitsschädlich und der Genuss von Tabak wie der Genuss jeder Droge unvernünftig ist und auch wenn er einen großen Teil der Raucher in bedrückende Abhängigkeit bringt, so ändert das nichts daran, dass er als Bestandteil unserer Kultur von der allgemeinen Handlungsfreiheit geschützt ist.“[36]

In Anbetracht der mit ihm einherschreitenden Gefahren ist evident, dass der Umgang mit Tabak seitens des Gesetzgebers kontrolliert werden muss. Wie weit staatliche Regulierungsmechanismen dabei gehen dürfen und ab welchem Punkt das erforderliche Maß notwendiger Eingriffe überschritten ist, so dass sich der Gesetzgeber in den Bereich von paternalistischer Bevormundung begibt, ist naturgemäß zwischen Gegnern und Befürwortern des Tabakkonsums stark umstritten. Ein weiterer von staatlicher Seite zu berücksichtigender Aspekt, sind die enormen Steuereinnahmen, die durch den Tabakkonsum generiert werden. Die Tabaksteuer ist nach der Energiesteuer die ertragreichste besondere Verbrauchssteuer.[37]

Die Tabakregulierung ist dementsprechend seit ihrer ersten Stunde ein Produkt von Abwägungen zwischen gesetzlichem Eingriff und zugestandener Selbstbestimmung, und zwischen Kosten und Nutzen der Billigung des Tabakkonsums.

Die vorliegende Arbeit stellt die geschichtliche Entwicklung der Tabakregulierung vor allem in nationaler aber auch internationaler Hinsicht chronologisch seit der Entdeckung der Tabakpflanze bis heute dar, wobei sich die Darstellung internationaler Tabakregulierung auf Europa und die Vereinigten Staaten richtet. Die Arbeit versteht sich dabei freilich nicht als abschließende Aufzählung sämtlicher national oder international verabschiedeter Tabakregulierungsgesetze, vielmehr vermittelt sie anhand wichtiger Beispiele einen Überblick darüber, inwiefern sich die obrigkeitlichen Reaktionen auf die Tabakbegeisterung des Volkes in Form von Gesetzgebungen und deren jeweils zugrundeliegenden Intentionen im Laufe der Zeit verändert haben, und wie die Tabakregulierung zu ihrem Status quo gelangt ist.[38]

Im Verhältnis ausführlicher als die frühen Maßnahmen der Neuzeit wird die Tabaksituation im Dritten Reich und die Entwicklung der steuerlichen Regulierung in der BRD dargelegt, bevor die Arbeit nach einem kurzen Abriss der europaweiten Regulierung und der Situation in den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jh. abschließt.

Entdeckung der Tabakpflanze zu Beginn der Neuzeit und Globalisierungsprozess

Entgegen einer untergeordneten Ansicht[39], schritt nach einhelligem Forschungsstand die Entdeckung des Tabaks[40] durch die alte Welt mit der Entdeckung Amerikas einher[41]: Der erste Kontakt eines Europäers mit der Pflanze erfolgte durch Christopher Kolumbus, als dieser am 15.10.1492 von einem Indianer ein Bündel getrockneter Tabakblätter geschenkt bekam.[42]

Die gezielte Suche der Spanier nach neuen Heilkräutern in den entdeckten Gebieten[43] sowie die mannigfaltigen, von den Ureinwohnern erlernten Anwendungs- und Verabreichungsmöglichkeiten des Tabaks[44], führten von diesem Zeitpunkt an zu einer bemerkenswert schnellen Adaption des Tabakkonsums durch die spanischen Kolonialisten. Tabak wurde von Nord- und Mittelamerika nach Europa überführt und binnen 100–120 Jahren von Reisenden, Seeleuten und Soldaten in der gesamten damals bekannten Welt verteilt.[45] Weniger als ein halbes Jahrhundert nach der Kontaktaufnahme durch Kolumbus mit der Pflanze, findet sich etwa in den Unterlagen eines Lissabonner Gerichts die erste offizielle Erwähnung von Tabak in Europa.[46] Anerkannt als wirksame Heilpflanze gegen eine Vielzahl an Beschwerden[47] wurde Tabak 1570 bereits in Belgien, Spanien, Italien, der Schweiz und in England[48] kultiviert, gegen Ende des 16. Jh. auch in Indien, Java, Japan, West Afrika, auf den Philippinen und in China.[49]

Wie schon bei den amerikanischen Ureinwohnern, erfüllte dabei der Tabak weltweit fast von Beginn seiner Entdeckung an[50] neben dem Einsatz als Heilmittel auch die profanere Rolle eines Konsumguts in Form eines Genuss- und Rauschmittels.[51] Der hedonistische Anstrich, den sich der Raucher durch das Streben nach der entspannenden Wirkung des Nikotins verlieh[52], das Erscheinungsbild des Rauchenden in Form eines Nebelschwaden ausstoßenden Menschen[53], die Geruchsentwicklung und nicht zuletzt die Angst vor Brandgefahr[54] führten neben anderen, weniger vorherrschenden Gründen dazu, dass Tabakkonsum im Allgemeinen, vor allem aber das Rauchen, von der ersten Stunde an in der gesellschaftlichen Rezeption und seitens der Obrigkeiten zu Kontroversen darüber führte, wie mit dem Konsum umzugehen und wie er zu regeln sei. Die Spaltung der Gesellschaft in Tabakgegner und -befürworter hat quasi eine über 500-jährige Tradition.

Historische Entwicklung von Rauchverbot und Tabakbesteuerung in der Neuzeit

Die Maßnahmen zur Tabakregulierung der jeweiligen Gesetzgeber beschränkten sich in der Neuzeit de facto auf Rauchverbote unter der Androhung teils drakonischer Strafen[56] und auf unterschiedliche Formen der Tabakbesteuerung mit dem Ziel fiskalischer Einnahmeerzielung einerseits und gesellschaftlicher Verbrauchslenkung andererseits.[55]

Maßnahmen im Europa der frühen Neuzeit

Frühneuzeitliche Tabakkonsumverbote[57]

Im Jahre 1589 verbot ein Schreiben des Konzils in Mexiko der Geistlichkeit vor dem Lesen der heiligen Messe und jedem anderen Menschen vor der heiligen Kommunion jedwede Art von Tabakkonsum aus Gründen der Ehrfurcht vor der heiligen Eucharistie. Ein Jahr später wurde mit Exkommunikation bedroht, wer „in Sankt Peter zu Rom Tabak in irgendeiner Weise“[58] zu sich nahm. Auf weltlicher Ebene wurden die ersten Tabakkonsumverbote Anfang des 17. Jh. erlassen.

König James I. von England: A Counterblaste to Tobacco – Signalwirkung seines Pamphlets

Das Toback-Trinken, wie Tabakrauchen damals genannt wurde, verbreitete sich zunächst flächendeckend von Frankreich und Holland aus Anfang des 17. Jh. über Europa. Auch wenn das erste Zeugnis über Rauchen in Deutschland aus dem Jahre 1587 datiert (Anm. s. o.), waren es in erster Linie die rauchenden Soldaten, die im Zuge des Dreißigjährigen Krieges das Rauchen verbreiteten und nach Deutschland brachten.[59]

Nachdem zunächst das Tabakschnupfen in höfischen Kreisen praktiziert wurde, machte das Rauchen[60] erst Sir Walter Raleigh (1554–1618) in der High Society salonfähig, der es sich als Gründer der ersten englischen Kolonie in Amerika (Virginia) und als Günstling der Königin Elisabeth I. erlauben konnte, diese bis dato verpönte Art des Tabakgenusses zu pflegen. Innerhalb kürzester Zeit avancierte das Rauchen neben Tanzen, Jagen, Reiten und dem Kartenspiel zu den Künsten des Edelmannes.[61]

Mit der europaweiten Masse an Rauchern formierten sich auch die Gegner, an deren Spitze sich König James I. von England stellte. Seine Werke „A Counterblaste to Tobacco“ von 1604[62] und „Misocapnus sive de abusu tobacci“ von 1619[63] (vor allem ersteres) entsprachen zwar keinem expliziten Konsumverbot in Form einer Gesetzgebung. James I. entfachte mit seinem Appell jedoch ein enormes Echo und legte den Grundstein für ein Umdenken seitens der Gesetzgeber[64], das in Verbindung mit praktischen Gründen wie der Brandgefahr und dem Schutz vor pekuniären Problemen der Untertanen, zu einer Vielzahl an Rauchverboten in den folgenden Jahren führte: Tabakverbote wurden erlassen in Dänemark und Schweden 1632, Frankreich 1635, Neapel 1637, Sizilien 1640, im Kirchenstaat 1642, Kursachsen und Bamberg 1653, Bern 1659 und weiteren Ländern.[65] In Württemberg 1656 war der Verkauf von Tabak nur noch zu medizinischen Zwecken in Apotheken gestattet, wie in Sachsen 1653.[66]

Als konkrete Maßnahme in Form eines Quasirauchverbots („indirekte Prohibition“[67] ), ordnete James I. im Jahre 1604 die Erhöhung des Einfuhrzolls für Tabak um 4000 % an. Mit einem 1621 erlassenen Gesetz wurde außerdem der Anbau von Tabak in England verboten.[68] Ansonsten beließ er es bei seinem Pamphlet, das mit religiösen, moralischen und gesundheitlichen Aspekten eine wesentliche Grundlage der Argumentationen von Tabakgegnern der folgenden Jahrhunderte bildete.[69]

Die Genese der Tabakpolitik frühneuzeitlicher Europäischer Obrigkeiten am Beispiel des Kantons Bern, 1659–1739

Die Prohibitionspolitik blieb ganz überwiegend erfolglos. Inwiefern die Gesetzgeber auf die Tatsache reagierten, dass Rauchverbote faktisch auch unter Androhung empfindlicher Strafen nicht durchzusetzen waren, lässt sich exemplarisch am Beispiel des Kantons Bern zeigen: Die Berner Regierung verhängte 1659 ein Verbot des Verkaufs von Tabak zu Genusszwecken. Als Gründe wurden angeführt, dass das Tabakrauchen von einem anfänglich vernünftigen Gebrauch in der breiten Bevölkerung zu einer missbräuchlichen Intensität angestiegen sei, die von schädlicher Wirkung für die Konsumenten sei. Drittens wohne dem Rauchen eine immense Brandgefahr inne, weil etwa auch Dienstpersonal in Ställen und Scheunen rauche, außerdem verlasse durch das Rauchen zu viel Geld das Land in Richtung tabakexportierender Länder.

Nachdem einige Verschärfungen bis 1697 keine Verbesserung zeigten, ruderte die Berner Regierung zurück und erlaubte gegen die Entrichtung einer Kopfsteuer den nichtöffentlichen Konsum von Tabak, bestraft wurde nur noch das Rauchen an Orten mit erhöhter Brandgefahr.

Ab 1719 wurde in Berner Gemeinden Saatgut verteilt nebst Anleitung zum Tabakanbau, ab 1723 war nur noch der Tabakerwerb von heimischen Krämern gestattet, um den Abfluss des Geldes aus dem Land zu stoppen. Die Tabakkommission der Regierung sah 1728 schließlich die heimische Tabakproduktion als etabliert an, so dass schon 1739 der Zehnt auf den Tabak erhoben wurde.[70]

Das Beispiel des Kantons Bern zeigt repräsentativ für andere Obrigkeiten, wie die Einsicht des Gesetzgebers bzgl. seiner faktischen Hilflosigkeit gegenüber der Tabakbegeisterung im Volk zum Versuch führte, finanziell aus dem Laster der Untertanen Profit zu schlagen.[71]

[...]


[1] Vgl. Schmidbauer, Wolfgang; vom Scheidt, Jürgen: Handbuch der Rauschdrogen; Frankfurt

am Main, S. Fischer Verlag GmbH, 2004, S. 160.

[2] Vgl. BzgA; Kröger, Christoph: Raucherentwöhnung in Deutschland – Grundlagen und kommentierte Übersicht / Gesundheitsförderung konkret: Bd. 2; Köln: BzgA, 2001, S. 13.

[3] Vgl. Hengartner, Thomas; Merki, Christoph Maria: Genussmittel – Eine Kulturgeschichte; Frankfurt am Main und Leipzig, Insel Verlag, 2001, S. 197.

[4] Näheres hierzu: Schmidbauer, W.: Handbuch der Rauschdrogen, a.a.O.

[5] Der Begriff „Rauchen“ ist erst im 17. Jh. in den Sprachgebrauch übergegangen. Zuvor gab es das Wort nicht, vielmehr wurde das Rauchen analog zum Trinken gesehen, so dass es „Rauchtrinken“ oder „Tabaktrinken“ hieß; vgl. Schivelbusch, Wolfgang: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft – Eine Geschichte der Genussmittel; Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch-Verlag GmbH, 8-9-Tausend, 1995, S. 108.

[6] Schivelbusch, Wolfgang: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft – Eine Geschichte der Genussmittel; Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch-Verlag GmbH, 8.-9. Tausend, 1995, S. 108.

[7] Schrift des holländischen Arztes Beintema von Palma (17./18. Jh.), zit. n. Schivelbusch, Wolfgang: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 119.

[8] Vgl. Schivelbusch, W.: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 137.

[9] Vgl. Schivelbusch, W.: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 143–144.

[10] Ebd., S. 158.

[11] Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 198.

[12] Vgl. Schivelbusch, W.: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 158.

[13] Vgl. Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 198–199.

[14] Vgl. Schivelbusch, W.: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 123.

[15] Vgl. Schivelbusch, W.: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 132, 137.

[16] Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 204.

[17] Vgl. Schivelbusch, W.: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, a.a.O., S. 137.

[18] Vgl. Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 199.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Vgl. Ebd., S. 199, 211.

[21] Nikotin ist ein pflanzliches Alkaloid und somit toxisch. Von seiner Physiologie her wirkt Nikotin auf das vegetative Nervensystem sowohl erregend als auch lähmend. Es erhöht die Herzfrequenz und die Gefäßkonzentration. Die Nikotinwirkung verringert die Muskelspannung, regt die Atmung an und wirkt darüber hinaus auf den Magen-Darm-Trakt durch die Stimulierung der Verdauungsbewegungen. Vgl. Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 194.

[22] Vgl. Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 195.

[23] Vgl. Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 211.

[24] Weiteres siehe: Schmidt-Semisch, Henning: Vom Tabakgenuss zur Nikotinsucht – Zum Paradigmenwechsel in der Tabakpolitik / Originalarbeit S. 24 – 32, Wiener Zeitschrift für Suchtforschung, Jg. 25, 2002 Nr. 4.

[25] Vgl. Schmidt-Semisch, Henning: Vom Tabakgenuss zur Nikotinsucht, a.a.O., S.25.

[26] Vgl. ebd., S. 26.

[27] Vgl. ebd..

[28] Schmidtbauer, W.: Handbuch der Rauschdrogen, a.a.O., S. 166.

[29] Vgl. Hengartner, T.: Genussmittel, a.a.O., S. 214.

[30] Pressemitteilung der Europäischen Kommission vom 27. Juli 2011: „Tabakerzeugnisse: 85.000 Antworten auf Konsultation – Bericht der Kommission wird veröffentlicht.“

[31] Pötschke-Langer/Kahnert/Mons/ua., Tabakatlas Deutschland 2009, S. 48.

[32] Der Begriff „Passivrauchen“ bezeichnet das Einatmen von Tabakrauch aus der Raumluft. – Ebd.

[33] Pötschke-Langer/Kahnert/Mons/ua., a.a.O., S. 31.

[34] Die Begriffe „Tabakkonsum“ und „Tabakrauchen“ dürfen zwar nicht synonym verstanden werden, Zigaretten stellen aber mit 96% den weltweit absolut überwiegenden Anteil am gesamten Tabakkonsum dar. Noch nicht eingerechnet sind hier Zigarren, Zigarillos, Pfeifentabak und Wasserpfeifentabak. Rauchlose Tabakprodukte spielen also eine stark untergeordnete Rolle im weltweiten Tabakkonsum. – Pötschke-Langer/Kahnert/Mons/ua., a.a.O., S. 12, 13.

[35] Musk/De Klerk, Respirology, 2003, Heft 8, S. 289.

[36] BVerfGE, 121, 317 (387)

[37] Die Einnahmen aus der Tabaksteuer betrugen im Jahr 2011 rund 14,4 Mrd. Euro – Statistisches Bundesamt, Absatz von Tabakwaren, 2011, Tabelle 1.4, S. 14.; Der deutsche Tabakmarktwert stieg im Jahr 2010 um 2,9 % auf etwa $ 38,6 Mrd. – Datamonitor, Industry Profile: Tobacco in Germany 2011, S. 2.

[38] Zur umfangreichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Rauchens im Allgemeinen empfiehlt sich Conte Corti: Geschichte des Rauchen, Die trockene Trunkenheit, und Goodman: Tobacco in History, The cultures of dependence.

[39] Balabanova, Antike Welt, 1994, S. 282 ff.

[40] Als „Tabak“ werden die Arten Nicotiana tabacum und Nicotiana rustica bezeichnet, die in Form verschiedener Sorten weltweit kultiviert werden. Der Gattungsname ist nach dem franz. Diplomaten Jean Nicot (1530 – 1600) gewählt, der selbst als einer der ersten Europäer Tabak anbaute. – Hiller/Bickerich, Arznei- und Giftpflanzen, S. 154.

[41] Menninger, Genuss im kulturellen Wandel, I.2.1., S. 69.

[42] Goodman, Tobacco in History, Part I 3, S. 37.

[43] ebd.

[44] Vorwiegende Konsumformen waren das Tabakrauchen, -schnupfen, -kauen und -trinken, wobei das Rauchen unter den Ureinwohnern am verbreitetsten war. Medizinisch wurde in entsprechend hoher Dosierung vor allem die beruhigende und antiseptische Wirkung genutzt. – Menninger, a.a.O., I.2.1., S. 69, 71.

[45] Zimmermann, Die Tabaksteuer, II.3.1., S. 12.

[46] Goodman, a.a.O., Part I 3, S. 37.; Zur Geschwindigkeit der Verbreitung des Tabaks: Der in Lissabon tätige Tabakenthusiast Nicot trug auf diplomatischem Wege zur Verbreitung des Tabaks zwischen Portugal und Frankreich um 1560 bei, der päpstliche Nuntius Kardinal Prospero di Santa Croce versandte Tabak 1561 vom portugiesischen Hof nach Rom, 1565 erhielt der Augsburger Stadtphysiker Occo Tabakblätter vom französischen Hof und sandte diese weiter in die Schweiz zu befreundeten Kollegen. – Menninger, a.a.O., II.3.2., S. 154 f.

[47] Goodman, a.a.O., Part I 3, S. 44.

[48] Die Briten kamen erstmals durch Plünderungen spanischer Schiffe in den Kontakt mit Tabak. – Musk/De Klerk, a.a.O., S. 287.

[49] Von China aus erfolgte die Weiterverbreitung in die Mongolei sowie nach Sibirien. – Goodman, a.a.O., Part I 3, S. 37.

[50] Zwar wurde die Tabakpflanze in Europa zunächst eher als Zier- und Heilpflanze angesehen, doch noch im 16. Jh. begann sich der Tabakgenuss durchzusetzen. – Ueltzhöffer, Die staatliche Einflussnahme auf den Tabakkonsum von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, 1.1., S. 5, 6; Das älteste Zeugnis über das Rauchen in Deutschland stammt von einem Franziskanermönch aus dem Jahr 1587: „Die Soldatt außm spanischen lant stoltzyren allhiero umher und fressen feuer zambt deme rauch und daß domp vollk obwundert sich schier“ – Zitiert nach: Conte Corti, Geschichte des Rauchens, S. 99.

[51] Menninger, a.a.O.., I.2.1., S. 72.

[52] Proctor, Blitzkrieg gegen das Rauchen, S. 203.

[53] Hier lag die Assoziation zu Höllenqualm und Teufel nicht sehr fern. – Wippersberg, Der Krieg gegen die Raucher, S. 39.

[54] Proctor, a.a.O., S. 203.

[55] 16. - 19. Jh.

[56] Schlimmstenfalls wurde der Tabakkonsum mit dem Tode bedroht. Der türkische Sultan Murad IV. (1612–1640) etwa ließ im 17. Jh. angeblich bis zu 25.000 Raucher hinrichten, der persische Schah Abbas I. (1571–1629) ließ Rauchern Nase und Lippen abschneiden. – Wippersberg, a.a.O., S. 40.

[57] 16. bis 18. Jh.

[58] Zitiert nach: Böse, Im blauen Dunst, S. 46.

[59] Ueltzhöffer, a.a.O., I.1., S. 6.

[60] Tabakrauchen meint zu dieser Zeit das Rauchen mit der Pfeife, in Deutschland z.B. taucht die Zigarre erst in den 1780ern auf. – Dieterich, Dicke Luft um Blauen Dunst, S. 20.

[61] Wippersberg, a.a.O., S. 23 f.

[62] Menninger, a.a.O., VI.1.1., S. 374.

[63] dt.: „Rauchhasser oder über den Missbrauch des Tabaks“ – vgl. Wippersberg, a.a.O., S. 24.

[64] Der Qualm sei „loathsome to the eye, hatefull to the nose, harmfull to the brain, […] daungerous to the lungs”, so James I. in „A Counterblaste to Tobacco”. – Zitiert nach: Menninger, a.a.O., IV.2.2., S. 265; Tabakrauchen sei eine Nachäfferei der Barbaren. – Conte Corti, a.a.O., S. 72.

[65] Menninger, a.a.O., VI.1.1., S. 374.

[66] Ueltzhöffer, a.a.O., I.1., S. 7.

[67] Vgl. Hess, Rauchen, S. 21.

[68] Nat. Commission on Marihuana and Drug Abuse: History of Tobacco Regulation, Regulation of Production.

[69] Dieterich, a.a.O., S. 15.

[70] Menninger, a.a.O., VI.1.1., S. 375–378.

[71] Menninger, a.a.O., VI.1.1., S. 378.

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Raucher gegen Nichtraucher. Geschichte, Ursachen und Argumente für und gegen die Zigarette
Autoren
Jahr
2014
Seiten
117
Katalognummer
V269253
ISBN (eBook)
9783656602569
ISBN (Buch)
9783956871283
Dateigröße
4081 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
raucher, nichtraucher, geschichte, ursachen, argumente, zigarette
Arbeit zitieren
Cornelia Tillmann-Rogowski (Autor)Tobias Wagner (Autor)Daniela Manske (Autor)Christian Matysik (Autor)Marina Deck (Autor), 2014, Raucher gegen Nichtraucher. Geschichte, Ursachen und Argumente für und gegen die Zigarette, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269253

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