Staatsverschuldung unter theoretischer Betrachtung

Öffentliche Verschuldung im Paradigmenwandel: Keynesianismus versus Neoklassik


Bachelorarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen der Staatsverschuldung
2.1 Begriffserklärung Staatsverschuldung
2.2 Entwicklung der Staatsverschuldung in Deutschland
2.3 Makroökonomische Denkschulen der Staatsverschuldung

3 Theorien der Staatsverschuldung
3.1 Die Rolle der Staatsverschuldung im Keynesianismus
3.1.1 Geschichtlicher Hintergrund und die Bedeutung der öffentlichen Verschuldung
3.1.2 Praktische Anwendung
3.1.3 Kritik
3.2 Die Rolle der Staatsverschuldung in der Neoklassik
3.2.1 Geschichtlicher Hintergrund und die Bedeutung der öffentlichen Verschuldung
3.2.2 Praktische Anwendung
3.2.3 Kritik
3.3 Keynesianismus in Abgrenzung zur Neoklassik
3.3.1 Vergleich
3.3.2 Ergebnisse und Diskussion

4 Zusammenfassung und zukünftige Bedeutung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Ökonomische Theorien im historischen Überblick

Abb.2: Konjunkturzyklus

Abb.3: Das ‚magische Viereck‘ des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts

1 Einleitung

Im Vorfeld der Bundestagswahl am 22. September 2013 in Deutschland geriet die Thematik Staatsverschuldung verstärkt in den öffentlichen Blickwinkel, sodass der Bürger in den Medien mit diesem Problem konfrontiert wurde. Da die öffentliche Verschuldung zurzeit eines der größten und meist diskutiertesten Themen im politischen Deutschland ist, bildet es einen Pflichtbestandteil in den Wahlprogrammen der Parteien. Obwohl Schuldenabbau - und damit Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen - nicht besonders populär sind, müssen sich die Parteien dazu äußern, um den kritischen Wähler zu überzeugen.

Daher überrascht es vermutlich nicht, dass diese Debatte eine Ansammlung von zum Teil konträren Beurteilungen der öffentlichen Verschuldung nach sich zieht1. Im Wesentlichen konkurrieren laut BRÜMMERHOFF vier makroökonomische Theorien der Staatsverschuldung miteinander: Die klassische, neoklassische, keynesianische und die ricardianische Theorie.2 Diese vier Denkschulen beschäftigen sich mit der Unterstützung bzw. Zurückweisung der öffentlichen Verschuldung.3 In dieser Arbeit wird der Schwerpunkt auf die zwei populärsten und zugleich gegensätzlichsten Theorien gelegt: Keynesianismus versus Neoklassik. Während der Keynesianismus die öffentliche Verschuldung durchaus akzeptiert, sieht die Neoklassik sie eher als gefährlich an.4 Da dieser Paradigmenstreit sich bereits seit Jahrzehnten vollzieht, wird in dieser Ausarbeitung die These geprüft, inwieweit welcher Standpunkt heutzutage in Bezug auf die öffentliche Verschuldung vertreten wird und durch welche Auslöser es in der Vergangenheit umstritten war, „welche Konzeption die ökonomischen und sozialen Probleme ‚besser‘ zu bewältigen verspricht.“5 Es soll dabei die Frage geklärt werden, ob es die eine zukunftsträchtige Handlungsempfehlung bezüglich der Staatsverschuldung gibt.

Nach einer kurzen Einleitung (Kapitel 1) werden im 2. Kapitel die theoretischen Grundlagen der Staatsverschuldung detailliert vorgestellt. Anschließend werden die beiden Denkschulen in Kapitel 3 eingehend thematisiert, um sie dann anhand geeigneter Kriterien zu vergleichen und die jeweilige Rolle der Staatsverschuldung zu klären. Im 4. und letzten Kapitel werden die wichtigsten Ergebnisse aus der Gegenüberstellung zusammengefasst, um die Bedeutung der beiden Paradigmen heute und zukünftig zu klären. Die Motivation der Autorin für die Thematik Staatsverschuldung liegt darin begründet, dass sich in einem zunehmend vereinigten Europa kein Staat, in Bezug auf seine Finanzpolitik, isoliert betrachten kann, sondern ökonomische Entscheidungen stets Auswirkungen für alle Mitgliedsstaaten der EU haben.

2 Theoretische Grundlagen der Staatsverschuldung

2.1 Begriffserklärung Staatsverschuldung

Unter öffentlicher Kreditaufnahme (Staatsverschuldung) versteht man laut dem GABLERWirtschaftslexikon „die von der öffentlichen Hand aufgenommenen und normalerweise mit einer Rückzahlungs- und Verzinsungspflicht verbundenen Kredite“.6

Zu den Hauptursachen der öffentlichen Verschuldung zählen in Deutschland folgende Aspekte: Zunächst tritt der sogenannte Zinseszinseffekt auf, wenn aufgelaufene Schulden nicht beglichen werden und sich daher Zinsen von den Zinsen in immenser Höhe ergeben.7 Außergewöhnliche Belastungen wie die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008 rufen ebenfalls „gigantische Rettungskosten, Steuerausfälle und Sozialausgaben“8 hervor. Zuletzt sorgen auch der Rückgang der Bevölkerung und die gleichzeitig steigende Lebenserwartung dafür, dass die Bundeszuschüsse für Pensionen ebenfalls kontinuierlich erhöht werden müssen.9 Bei der Betrachtung der Folgen stellt man fest, dass „der Staat neue Schulden macht, um die Zinsen der alten Schulden zu bezahlen“10, sodass man in einer Schuldenspirale landet. Dadurch, dass der Staat hoch verschuldet ist, wird auch der Spielraum für Entlastungen bei Steuern und Abgaben erheblich eingeschränkt.11 Zuletzt ist die Erblast der angehäuften Schulden für kommende Generationen ebenfalls nicht unerheblich“.12 Als mögliche Auswege aus der Staatsverschuldung bleiben nur zwei Alternativen: Entweder die Ausgaben zu senken oder die Einnahmen zu erhöhen.13 Schulden sind politisch bequemer realisierbar, da die Bürger sie im Gegensatz zu Steuern nicht persönlich wahrnehmen.14

2.2 Entwicklung der Staatsverschuldung in Deutschland

Nach BECK und PRINZ manifestieren sich 3 Phasen für die Entwicklung der Staatsverschuldung in Deutschland.15 Die erste Phase, die von 1949 bis Anfang der 70er Jahre reicht, ist gekennzeichnet durch eine relativ konstante Schuldenstandsquote von 20% des BIPs, die sich mit dem Wirtschaftswunder der 50er Jahre und einer vorteilhaften demographischen Entwicklung erklären lässt.16 Die zweite Phase erstreckt sich bis zur Wiedervereinigung von 1989, in der Deutschland mit der Rezession von 1966/67 zu kämpfen hat.17 Hier wurde zum ersten Mal das keynesianische Konjunkturprogramm angewendet, sodass die Wirtschaft ab dem Jahr 1968 wieder wuchs.18 Allerdings ist diese Phase mit einem raschen Anstieg der Schuldenstandsquote ab den 70er Jahren auf 40% des BIPs verbunden, welches einerseits auf die neue Einstellung gegenüber Staatsverschuldung „als legitimes Instrument der staatlichen Haushaltspolitik“19 und andererseits auf die beiden Ölpreisschocks von 1974 und 1980 zurückzuführen ist.20 Hierbei versagte das keynesianistische Konzept schließlich21. In der dritten und letzten Phase erhöhte sich die Schuldenstandsquote im Rahmen der Wiedervereinigung Deutschlands auf mehr als 60% des BIPs.22 Aufgrund zweier schwerer Flauten, „gekoppelt mit der Finanzkrise im Jahr 2008“23, stieg sie schließlich auf rund 80% des BIPs an, ein Wert, der heute in etwa immer noch besteht.

Um die Staatsverschuldung nicht noch weiter in immense Höhen treiben zu lassen, sind vom Gesetzgeber Grenzen beschlossen worden. Seit August 2009 gilt die sogenannte Schuldenbremse in Deutschland, die ausdrückt, dass zur Kompensation öffentliche Haushalte prinzipiell keine Schulden mehr gemacht werden dürfen.24 Auf europäischer Ebene verlangt der Vertrag von Maastricht (1992) von allen Mitgliedern der europäischen Währungsunion, dass gegen Defizite von mehr als 3% und einer Schuldenquote größer als 60% nicht verstoßen wird.25 Der Stabilitäts- & Wachstumspakt (SWP) von 1997 konkretisierte diese Vorschriften und führte Sanktionen und Geldstrafen für Staaten ein, die diese Verschuldungsschranken mehrfach überschritten.26

2.3 Makroökonomische Denkschulen der Staatsverschuldung

Grundsätzlich konkurrieren laut BRÜMMERHOFF 4 makroökonomische Theorien der Staatsverschuldung miteinander.27 Dabei ist es bemerkenswert, dass man für jede dieser unterschiedlichen Denkschulen und ihre dahinterstehende Idee viele Unterstützer findet: „It is remarkable that from among these […] schools of thought, one can find support for every conceivable normative position. Whether one thinks of deficits as good, bad, or irrelevant therefore depends fundamentally on one's choice of a paradigm”.28 In Anlehnung an WAGSCHAL lassen sich diese in positive und negative Theorien der Staatsverschuldung gliedern.29 Negative Theorien, wie die neoklassische Theorie (MARSHALL und WALRAS)30, beschäftigen sich mit der Ablehnung öffentlicher Verschuldung, während positive Theorien, beispielsweise der Keynesianismus (KEYNES), die Staatsverschuldung rechtfertigen.31 Desweiteren haben sich Verknüpfungen beider Theorien gebildet, die zum Teil aus neoklassischen und aus keynesianischen Positionen bestehen, wie beispielsweise die neoklassische Synthese.32 Die folgende Graphik zeigt einen historischen Überblick über die Entwicklung der verschiedenen Theorierichtungen, wobei festzuhalten ist, dass sie historisch oft nebeneinander existierten, wenn auch mit unterschiedlichem Einfluss. In dieser Arbeit beschränkt sich die Autorin jedoch auf die Neoklassik und den Keynesianismus.

Abb.1: Ökonomische Theorien im historischen Überblick.33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Theorien der Staatsverschuldung

3.1 Die Rolle der Staatsverschuldung im Keynesianismus

Wie bereits erwähnt, rechtfertigt die positive Theorie die öffentliche Verschuldung. Der Keynesianismus bildet die wohl bekannteste Form der befürwortenden Staatsverschuldung und wird hier nun näher betrachtet.

3.1.1 Geschichtlicher Hintergrund und die Bedeutung der öffentlichen Verschuldung

Der Keynesianismus ist eine nach dem britischen Nationalökonom John Maynard Keynes (1883- 1946) benannte Wirtschaftstheorie.34 Ende der 30er Jahre wurde er von John Hicks (1904-1989) in die heute gängige Lehrbuchform gebracht und unter dem Namen ‚Keynesianische Theorie‘ erweitert.35 In dieser Ausarbeitung werden unter dem Ausdruck ‚Keynesianismus‘ daher keynessche (nach KEYNES) und keynesianische Aspekte (nach HICKS) vereint. KEYNES‘ einzigartige Leitgedanken, die in seinem 1936 veröffentlichten Hauptwerk ‚The general theory of employment, interest and money‘ niedergeschrieben wurden, erlangen zum Ende der Weltwirtschaftskrise sehr viel Aufmerksamkeit, da sie plausible Antworten auf den rasanten Anstieg der Massenarbeitslosigkeit trotz sinkender Löhne fanden, Probleme, die zu dieser Zeit sonst keiner zu lösen wusste, vor allem nicht die vorherrschende (neo-) klassische Nationalökonomie.36

In Rezessionen droht nach keynesianischer Auffassung ein Teufelskreislauf, da der Rückgang der Nachfrage zu „sinkender Produktion […], zu sinkender Beschäftigung, sinkenden Einkommen und dadurch weiter sinkender Nachfrage“.37 führt. KEYNES‘ Ausweg aus dieser Krise führt zu seinem Konzept des ‚deficit spending‘, welches zyklische Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität durch eine kreditfinanzierte antizyklische Fiskalpolitik ausgleichen soll.38 Somit ist aus keynesianischer Sicht eine Erhöhung der Staatsverschuldung durchaus gewollt. Wenn diese zyklischen Schwankungen „einen wiederkehrenden, wellenförmigen Verlauf“39 annehmen, spricht man von einem sogenannten Konjunkturzyklus (siehe Abb.2).

Abb.2: Konjunkturzyklus.40

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Idee des ‚deficit spending‘ sieht folgendermaßen aus: In Rezessionen sollen kurzfristig Defizite hingenommen werden, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit die wirtschaftliche Aktivität anzuregen.41 Die dann anschließend folgende Aufschwungphase ist durch eine reduzierte Budgetpolitik gekennzeichnet, um mit den hier generierten Haushaltsüberschüssen die Defizite der Rezession auszugleichen.42 KEYNES kannte den sogenannten Crowding-Out- Effekt zwar; er bewertete seinen Einfluss jedoch nicht so stark wie es die Neoklassiker taten.43 Der Keynesianismus wurde ab den 1970er Jahre durch die ‚monetaristische Gegenbewegung‘ (nach FRIEDMAN) aufgrund zweier Ölpreisschocks abgelöst, da er diese nicht erklären konnte44, sodass ein ‚Paradigmenwechsel‘ stattfand. Außerdem bezeichnete KEYNES alle neoklassischen Veröffentlichungen, die vor seinem Hauptwerk der ‚General Theory‘ publiziert wurden, als ‚Klassik‘, sodass die Benennung der Theorieansätze bis heute schwierig ist.45

[...]


1 Brümmerhoff (2011), S.635.

2 Brümmerhoff (2011), S.635.

3 Brümmerhoff (2011), S.635.

4 Grüner (2008), S.115-116.

5 Pätzold/Baade (2008), S.37.

6 o.V. (2000), S.2288.

7 Först (2012).

8 Först (2012).

9 Först (2009a).

10 Först (2009b).

11 Bund der Steuerzahler (2013).

12 Bund der Steuerzahler (2013).

13 Bund der Steuerzahler (2013).

14 Zandonella (2010), S.3.

15 Beck/Prinz (2011), S.43.

16 Beck/Prinz (2011), S.43-44.

17 Beck/Prinz (2011), S.44.

18 Beck/Prinz (2011), S.44-45.

19 Beck/Prinz (2011), S.45.

20 Beck/Prinz (2011), S.45.

21 Neck (2005), S.99.

22 Beck/Prinz (2011), S.46.

23 Beck/Prinz (2011), S.46.

24 Zandonella (2010), S.4.

25 Zandonella (2010), S.4.

26 Zandonella (2010), S.5.

27 Brümmerhoff (2011), S.635.

28 Bernheim (1989), S.56.

29 Wagschal (1996), S.73.

30 Wagschal (1996), S.74,80.

31 Wagschal (1996), S.73.

32 Wohltmann (2007), S.15.

33 Wohltmann (2007), S.15.

34 Wohltmann (2007), S.12.

35 Wienert (2001), S.45.

36 Pätzold/Baade (2008), S.38-39; Wienert (2001), S.45.

37 Beck/Prinz (2011), S.33.

38 Brümmerhoff (2011), S.636; Hoff (2007), S.51.

39 Felderer/Homburg (2005), S.176.

40 Köppen (1996), S.10.

41 Felderer/Homburg (2005), S.177.

42 Felderer/Homburg (2005), S.177.

43 Wagschal (1996), S.80.

44 Neck (2005), S.99; Wienert (2001), S.45.

45 o.V. (2009a).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Staatsverschuldung unter theoretischer Betrachtung
Untertitel
Öffentliche Verschuldung im Paradigmenwandel: Keynesianismus versus Neoklassik
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V269258
ISBN (eBook)
9783656603160
ISBN (Buch)
9783656603122
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftspoltik Denkschulen Verschuldungstheorien Keynesianismus Neoklassik Paradigmenwandel
Arbeit zitieren
Kristin Schwenner (Autor), 2014, Staatsverschuldung unter theoretischer Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269258

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