Der Werturteilsstreit. Kritische Würdigung der Position Max Webers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

19 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Werturteile - Eine Definition

Zur Geschichte des Werturteilsstreits

Die Position Max Webers

Kritik an Webers Ansichten

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die etwas kindliche Konzeption eines kaltblütigen, emotionslosen, unpersönlichen und passiven Wissenschaftlers, der die Welt in den stahlumrahmten Linsen seiner hochpolierten Brillengläser perfekt widerspiegelt - dieser Stereotyp ist nicht länger angemessen, falls er es überhaupt jemals war.

- Richard Rudner

Dieses Zitat von Richard Rudner fasst sehr gut eine der beiden Haupteinstellungen im Werturteilsstreit zusammen. Anders als Max Weber gehen Rudner und viele andere Wissenschaftler und Philosophen davon aus, dass Wissenschaft per se nicht werturteilsfrei sein kann. Zum einen sei es nicht durchführbar, die Auswahl eines Forschungsthemas ohne eine Bewertung zu treffen. Zum anderen sei man aufgrund der Unmöglichkeit der Verifizierung von Hypothesen gezwungen, diese nach gewissen Abwägungen zu akzeptieren oder zu verwerfen. Laut Rudner (1953) geschieht das anhand der Einschätzung, ob die Evidenz hinlänglich stark oder die Wahrscheinlichkeit hoch genug ist, um die Hypothese akzeptieren zu können. Die Einschätzung, wie stark Ästark genug“ ist, hänge wiederum davon ab, wie wichtig das Thema ist, in anderen Worten, wie schwer ein Fehler wiegen würde. Rudner ist der Ansicht, dass diese Beurteilungen mithilfe ethischer Maßstäbe getroffen werden und somit einem Werturteil entsprechen.

Hierbei kommt natürlich die Frage auf, ob Rudner und seine Befürworter mit diesen Argumenten Webers Thesen widerlegen können. Zeigt eine nähere Betrachtung von Webers Schriften, dass seine Forderung nach einer werturteilsfreien Wissenschaft nicht mehr haltbar ist? Oder beziehen sich die Ausführungen seiner Kritiker möglicherweise auf eine andere Art von Werturteilen? Liegt beiden Argumentationen überhaupt dasselbe Verständnis von Werturteilen zugrunde? Diese Fragen sollen Gegenstand der folgenden Arbeit sein. Zunächst wird darauf eingegangen, was ein Werturteil überhaupt ausmacht und wie es definiert werden kann. Daraufhin wird ein kurzer Überblick über die Geschichte des Werturteilsstreites gegeben. Behandelt werden hier vor allem die Anfänge und seine weitere Entwicklung. Im zweiten Teil wird die Position Webers genauer untersucht und anhand der Ergebnisse sein Wissenschaftsverständnis herausgearbeitet. Im Vordergrund stehen die Relation von Werturteilen und Tatbeständen und der Zweck der Werturteilsfreiheit. Abschließend wird die Kritik an Webers Ausführungen vorgestellt. Ein Fazit fasst die wichtigsten Punkte dieser Seminararbeit bezüglich der eingangs genannten Fragestellung noch einmal zusammen.

Werturteile - Eine Definition

Vor einer eingehenden Beschäftigung mit der Werturteilsproblematik ist es unerlässlich, sich mit dem Begriff des Werturteils näher auseinanderzusetzen. Laut Strauss (1953) hat Max Weber jedoch nie genau definiert, was unter einem Werturteil zu verstehen ist. Tatsächlich findet sich zu diesem Thema nur eine kurze Bemerkung auf der ersten Seite von Webers Aufsatz ÄDer Sinn der ÄWertfreiheit“ in den soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“ aus dem Jahre 1917:

Unter Wertungen (Hervorhebung im Original) sollen nachstehend, wo nicht ein anderes gesagt oder von selbst ersichtlich ist, praktische (Hervorhebung im Original) Bewertungen einer durch unser Handeln beeinflussbaren Erscheinung als verwerflich oder billigenswert verstanden sein.

Aus ebenjenem Grund werden an dieser Stelle die Ausführungen anderer Gelehrter herangezogen. Ein Wissenschaftler, der sich intensiv mit diesem Thema befasste und eine präzise ausgearbeitete Definition lieferte, war Viktor Kraft. Dessen Wertlehre aus dem Jahr 1951 bildete die Grundlage für Alberts (1972) Überlegungen, auf welche später noch genauer eingegangen werden soll. Laut Kraft (1951) besteht ein Wert aus zwei Elementen: einem rein sachbezogenen Teil und einem kennzeichnenden Teil, welcher für die wertende Funktion verantwortlich ist. Dieser sogenannte Wertcharakter folgt aus der positiven oder negativen Beurteilung, die die Werturteile aussprechen. Maischein (1995) gibt hierfür ein treffendes Beispiel: die ÄNützlichkeit“. Das kennzeichnende Element ist in diesem Fall eine positive Auszeichnung, d.h., Nützlichkeit ist erwünscht und es wird lobend über sie gesprochen (ebd.). Das sachbezogene Element weist einem Begriff erst einmal eine Eigenschaft zu (Kraft, 1951). Bezogen auf das Beispiel der Nützlichkeit kann festgehalten werden, dass sie als hinreichende Handlung bzw. geeigneter Gegenstand für die Erfüllung eines Zweckes definiert wird.

Außerdem merkt Kraft (1951) an, dass man Werturteile anhand ihres sachlichen Gehalts problemlos klassifizieren könne. So hätten die Werte einer Klasse alle gemeinsame Merkmale oder Relationen. Als Beispiel sei die Klasse der Leistungs(un)fähigkeit genannt (Maischein, 1995). In ihr werden Wertbegriffe wie intelligent, ambitioniert, begriffsstutzig, ungebildet etc. zusammengefasst.

Albert (1972) entwickelte die Gedankengänge Krafts weiter und formulierte so ein prägnantes Deutungsschema für Werturteile, welches an dieser Stelle genauer besprochen werden soll.

Seiner Ansicht nach muss ein Satz drei Kriterien erfüllen, um sich von einer Regel oder einer bloßen Sachaussage abgrenzen zu können. Zum einen muss ein Sachverhalt als positiv oder negativ beschrieben werden, zum anderen muss er die Gültigkeit einer Norm voraussetzen, die ein dieser Wertung angemessenes Verhalten verlangt. Außerdem muss dem Empfänger der Nachricht dieses Verhalten nahegelegt werden; d.h., der Sachverhalt muss einen Aufforderungscharakter haben, sodass der Empfänger sich mit der Norm identifiziert und nach ihr handelt. Betrachtet man beispielsweise den Satz ÄWeinen ist ein Zeichen von Schwäche“, so zeigt sich, dass er Alberts Bedingungen alle erfüllt: Der Sachverhalt, das Weinen, wird negativ beschrieben, indem es mit Schwäche in Verbindung gebracht wird. Es wird eine Norm vorausgesetzt; nämlich, dass Weinen negative Konsequenzen haben muss, da es allgemein negative Reaktionen hervorruft. Auch der Aufforderungscharakter ist vorhanden. Der Satz hält die Empfänger der Nachricht dazu an, die Gültigkeit jener Norm zu akzeptieren, mit ihr übereinzustimmen und sie zu befolgen. Anders ausgedrückt, sollen auch sie den formulierten Sachverhalt negativ bewerten.

Bei diesem Deutungsschema fällt auf, dass eigene Erfahrung oder Werthaltung nicht ausschlaggebend für die Übernahme eines Werturteils sein muss, sondern dass es sich vielmehr um eine unpersönliche, objektive Auszeichnung handelt (Maischein, 1995).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Werturteilsstreit. Kritische Würdigung der Position Max Webers
Hochschule
Universität Mannheim
Note
3,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V269604
ISBN (eBook)
9783656607779
ISBN (Buch)
9783656607755
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
werturteilsstreit, kritische, würdigung, position, webers
Arbeit zitieren
Isabelle Fischer (Autor), 2014, Der Werturteilsstreit. Kritische Würdigung der Position Max Webers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269604

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