Anders als Max Weber gehen Richard Rudner und viele andere Wissenschaftler und Philosophen davon aus, dass Wissenschaft per se nicht werturteilsfrei sein kann. Zum einen sei es nicht durchführbar, die Auswahl eines Forschungsthemas ohne eine Bewertung zu treffen. Zum anderen sei man aufgrund der Unmöglichkeit der Verifizierung von Hypothesen gezwungen, diese nach gewissen Abwägungen zu akzeptieren oder zu verwerfen. Laut Rudner geschieht das anhand der Einschätzung, ob die Evidenz hinlänglich stark oder die Wahrscheinlichkeit hoch genug ist, um die Hypothese akzeptieren zu können. Die Einschätzung, wie stark „stark genug“ ist, hänge wiederum davon ab, wie wichtig das Thema ist, in anderen Worten, wie schwer ein Fehler wiegen würde. Rudner ist der Ansicht, dass diese Beurteilungen mithilfe ethischer Maßstäbe getroffen werden und somit einem Werturteil entsprechen.
Hierbei kommt natürlich die Frage auf, ob Rudner und seine Befürworter mit diesen Argumenten Webers Thesen widerlegen können. Zeigt eine nähere Betrachtung von Webers Schriften, dass seine Forderung nach einer werturteilsfreien Wissenschaft nicht mehr haltbar ist? Oder beziehen sich die Ausführungen seiner Kritiker möglicherweise auf eine andere Art von Werturteilen? Liegt beiden Argumentationen überhaupt dasselbe Verständnis von Werturteilen zugrunde?
Diese Fragen sollen Gegenstand der folgenden Arbeit sein. Zunächst wird darauf eingegangen, was ein Werturteil überhaupt ausmacht und wie es definiert werden kann. Daraufhin wird ein kurzer Überblick über die Geschichte des Werturteilsstreites gegeben. Behandelt werden hier vor allem die Anfänge und seine weitere Entwicklung. Im zweiten Teil wird die Position Webers genauer untersucht und anhand der Ergebnisse sein Wissenschaftsverständnis herausgearbeitet. Im Vordergrund stehen die Relation von Werturteilen und Tatbeständen und der Zweck der Werturteilsfreiheit. Abschließend wird die Kritik an Webers Ausführungen vorgestellt. Ein Fazit fasst die wichtigsten Punkte dieser Seminararbeit bezüglich der eingangs genannten Fragestellung noch einmal zusammen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Werturteile – Eine Definition
Zur Geschichte des Werturteilsstreits
Die Position Max Webers
Kritik an Webers Ansichten
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Relevanz von Max Webers Forderung nach einer werturteilsfreien Wissenschaft. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob das Postulat der Wertfreiheit noch zeitgemäß ist oder ob die Kritik an Webers Position – etwa durch das Argument, dass wissenschaftliche Forschung per se nicht wertfrei sein könne – die wissenschaftliche Fundierung seiner Thesen entkräftet.
- Definition des Begriffs Werturteil
- Historische Entwicklung des Werturteilsstreits
- Analyse der wissenschaftstheoretischen Position Max Webers
- Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen und nachfolgenden Kritik an Webers Postulat
- Bewertung der Trennung von Sein und Sollen in der Wissenschaft
Auszug aus dem Buch
Die Position Max Webers
Wolfgang Stegmüller (1973) fasst Webers Hauptargumente bezüglich der Wertfreiheit in den Wissenschaften prägnant zusammen. Der wichtigste Punkt ist zweifellos, wie schon im letzten Kapitel angedeutet, die Trennung von „Sein“ und „Sollen“. Weber vertritt die Ansicht, dass Moral und Fakten verschiedenen Sphären angehören sollten. Des Weiteren sei Wissenschaft darauf begrenzt, Erkenntnisse zu beschreiben. Darüber hinausgehende Aussagen, wie etwa die wissenschaftliche Begründung von Moral oder die Ableitung von Werturteilen aus wissenschaftlichen Ergebnissen, sind laut Weber nicht möglich. Außerdem seien moralische Gebote aufgrund ihrer Ideologiegebundenheit niemals beweisbar.
Albert (2006) führt diesen Aspekt ebenfalls an. Er schreibt, dass Weber gegensätzlich zur Sicht von Positivisten und Existentialisten davon ausgeht, dass rationale Wertdiskussionen im Bereich des Möglichen liegen und dass in diese Diskussionen Resultate aus den Wissenschaften einfließen können. Aus ebenjenen Diskussionen können die Folgen einer Wertäußerung konkludiert und das Zusammenwirken von Wertentscheidungen in Bezug auf Absicht, Methode und Konsequenzen analysiert werden, doch es ist ausgeschlossen, dass dadurch der Wahrheitsgehalt der Wertaussagen bestimmt werden kann (Stegmüller, 1973).
Diesen Umständen geschuldet gibt es keine Begründungen im klassischen Sinn, sondern nur Wertaxiome, die aus der Analyse von Werturteilen hervorgehen (Albert, 2006). Da das menschliche Leben sich jedoch aus einer Kette von widerstreitenden Wertentscheidungen zusammensetzt (Stegmüller, 1973), stellen die letzten Wertmaßstäbe keine herkömmlichen Axiome dar, sondern sollten eher als wichtigste Bedingung für die Herleitung spezifischer Werturteile aufgefasst werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik des Werturteilsstreits und Vorstellung der zentralen Fragestellung bezüglich der Wertfreiheit in der Wissenschaft.
Werturteile – Eine Definition: Annäherung an den Begriff des Werturteils durch verschiedene theoretische Ansätze, insbesondere durch die Definitionen von Kraft und Albert.
Zur Geschichte des Werturteilsstreits: Darstellung der historischen Wurzeln im Methodenstreit der Nationalökonomie und der Rolle des Vereins für Sozialpolitik.
Die Position Max Webers: Analyse der zentralen Thesen Webers, insbesondere der Trennung von Sein und Sollen sowie der Annahme von Wertaxiomen.
Kritik an Webers Ansichten: Vorstellung der kritischen Perspektiven, die Webers Forderung nach Wertfreiheit als wissenschaftstheoretisch verengt oder unzureichend betrachten.
Fazit: Abschließende Würdigung der Debatte mit dem Ergebnis, dass Webers Postulat oft missverstanden wurde und weiterhin Bestand in der Wissenschaftstheorie hat.
Schlüsselwörter
Werturteilsstreit, Max Weber, Wertfreiheit, Wissenschaftstheorie, Werturteil, Sein-Sollen-Dichotomie, Wertaxiome, Methodenstreit, Sozialpolitik, Wissenschaftsbegriff, Rationale Wertdiskussion, Empirische Tatsachen, Ideologiegebundenheit, Normative Aussagen, Wissenschaftliche Objektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftstheoretischen Debatte um die Forderung Max Webers, dass wissenschaftliche Forschung frei von Werturteilen sein müsse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Definition von Werturteilen, die historische Genese des Werturteilsstreits sowie die Auseinandersetzung mit Webers Postulat der Wertfreiheit und dessen Kritikern.
Was ist die primäre Zielsetzung der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Webers Forderung nach Wertfreiheit angesichts verschiedener Kritikpunkte heute noch als valide und zeitgemäß betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse und eine kritische Auseinandersetzung mit zentralen wissenschaftstheoretischen Texten von Max Weber sowie seinen Kritikern und Interpreten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Fundierung, eine historische Einordnung des Streits, eine detaillierte Erläuterung von Webers Position und eine kritische Gegenüberstellung durch andere Gelehrte.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Werturteil, Wertfreiheit, Sein-Sollen-Trennung, Wertaxiome und die methodologische Kontroverse in den Sozialwissenschaften.
Inwiefern hat Weber den Begriff des Werturteils definiert?
Weber hat den Begriff nicht in einer expliziten wissenschaftlichen Definition festgelegt, sondern in seinem Werk eher pragmatisch als praktische Bewertung einer handlungsbeeinflussbaren Erscheinung umschrieben.
Was ist das zentrale Argument der Kritiker gegen Weber?
Kritiker argumentieren häufig, dass Webers Wissenschaftsverständnis durch einen positivistischen Ansatz zu eng gefasst sei und die untrennbare Verwobenheit von Tatsachen und Werten in der Forschung vernachlässige.
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- Isabelle Fischer (Author), 2014, Der Werturteilsstreit. Kritische Würdigung der Position Max Webers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269604