Die Gestaltung der Gawan - Figur im siebten Buch von Wolframs >Parzival<


Bachelorarbeit, 2010
35 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Einführung der Figur - Die Blutstropfenszene und die Anklage durch Kingrimursel...
2.1 Gauvain und Gawan - zwei Einführungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten
2.2 str î t und w î sheit: Gawans Selbstaussage

III. Das siebte Buch - Der Kampf um Bearosche
3.1 Gedanken und Entscheidungen: Wie Gawan denkt und Entscheidungen trifft
3.2 Perspektiven und Dialoge: Informationen über Gawan durch Gespräche
3.2.1 Erzählperspektive - Erzählerkommentare zu Gawan
3.2.2 Der Dialog mit dem Knappen - Gespräche als Mittel zur Informationsbeschaffung ..
3.2.3 Der Dialog der Schwestern - Wie Gawan wirkt
3.2.4 Die Reaktion auf Obies erste Anschuldigung - Gawans Zorn
3.2.5 Scherules erkennt Gawan als Ritter - Äußerlichkeiten als Hinweis auf den Status Gawans
3.3 Kampfmotivation - warum Gawan doch am Kampf teilnimmt
3.3.1 Gawan und Obilot - Der Dienst für die kleine Minnedame als Anlass zum Kampf ...
3.3.2 Der Rollentausch Obilots und Gawans als Gawans Möglichkeit zum Kampf
3.4 Friedensstiftung: Gespräch statt Kampf
3.5 Gauvain in Tintaguel - Ein Vergleich

IV. Fazit

V. Anhang

5.1 Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Um 1200 entstand im deutschsprachigen Raum der Parzival Wolframs von Eschenbach auf der Grundlage des altfranzösischen >Le Roman de Perceval ou le Conte du Graal< von Chretien de Troyes. In diesem ca. 25000 Verse umfassenden Werk wird der Weg des Parzival von der Einöde Soltâne zum Gralskönig nachgezeichnet. Doch nicht nur Parzi- val, der Titelheld, nimmt großen Raum in diesem, in sechzehn Bücher aufgeteilten Ro- man, ein. Die ersten zwei Bücher behandeln ausschließlich das Leben von Parzivals Va- ter Gahmuret und - was viel erstaunlicher ist - sieben Bücher wählen eine andere Haupt- figur, den Artusritter Gawan. Diese Anlage für zwei Haupthelden liegt schon bei Chretien vor, wird aber von Wolfram ausgearbeitet. Die Figuren erreichen bei ihm eine Detail- liertheit, deren Gestaltung einer näheren Betrachtung unterzogen werden soll. In den sie- ben Gawan-fokussierten Büchern wird der Weg Gawans vom Artushof über mehrere Zwischenhalte zum Herrn über Terre marveille gezeichnet und seine schlussendlich er- folgreiche Werbung und Heilung Orgeluses beschrieben.

Gegenstand dieser Arbeit soll nun die Gestaltung der Gawan-Figur im siebten Buch des >Parzival< sein. In dieser ersten Gawan-Partie wird erstmals der zweite Hauptheld in den Vordergrund gestellt und der Titelheld Parzival verschwindet nahezu aus der Handlung. Nur durch Marginalien bleibt er dem Rezipienten in Erinnerung.

Gawan ist deswegen eine höchst interessante Figur, da er zwar als erster Ritter der Tafel- runde gezeigt wird, sich von Anschuldigungen konfrontiert sieht, die sowohl seine ritter- liche Ehre als auch sein allgemeines Verhalten als Ritter betreffen. Im Gegensatz zu vie- len anderen Gawan-Darstellungen, in denen er negativer dargestellt wird, nimmt er hier am Artushof eine Sonderposition ein. Wolfram verkehrt gerade dies nahezu ins Gegen- teil: aus dem Frauenheld und mindestens kritikwürdigen Gawan wird der erste Ritter der Tafelrunde. Schon ab seinem ersten aktiven Auftritt in der Blutstropfenszene im sechsten Buch, in der er zwar noch nicht als Hauptfigur erscheint, dennoch allerdings entschieden in die Szenerie eingreift, verhält er sich anders als die üblichen Artusritter. Auch im Lau- fe des siebten Buches ist es auffällig, wie anders sich Gawan im Vergleich mit anderen Artusrittern und auch im Vergleich zu seinem altfranzösischen Vorgänger Gauvain ver- hält. Wie diese Verhaltensänderungen aussehen und wie Wolfram seine Gawan-Figur gestaltet hat, wird Gegenstand der Analyse sein. Dazu werden Gawans Handlungen, Ge- dankengänge und Unterhaltungen ab der Blutstropfenszene untersucht. Die Schwerpunkte liegen zum einen in den Unterschieden zur Vorlage Chretiens als auch auf der Wirkung der Gawan-Figur im siebten Buch. Ebenfalls Schwerpunkt wird das Verhältnis von Ga- wans selbstzugesagter w î sheit sein und seiner Einstellung zum str î ten. Dieses Verhältnis in insoweit interessant, als dass es sich fundamental vom Standard der Artusritter, wie Keie oder Segramors, unterscheidet. Wo andere Ritter den Kampf suchen, versucht Ga- wan ihn zu vermeiden.

Anhand der sekundären Literatur soll das Bild Gawans in der Forschung dargestellt und verschiedene Aspekte der Gestaltung der Figur untersucht werden. Vor allem unter- schiedliche Ansätze zur Kampf-und Handlungsmotivation werden betrachtet, ebenso auch Kommentare zum Vergleich Chretiens Gauvain und Wolframs Gawan. Insbesonde- re wird Norbert Sieverdings Untersuchung zu den Kämpfen Gawans zu Rate gezogen werden, die anschaulich die Motivation und das Kampfverhalten der Figur behandelt und es in Bezug zum allgemeinen Artusbild und -ideal setzt. Die Dialoge werden mit Hilfe von Urschelers Beitrag zur Kommunikation untersucht werden, wobei der Schwerpunkt hier auf dem Versöhnungsdialog, der Dialoge an denen Gawan aktiv beteiligt ist, und dem Gespräch der Schwestern über Gawan, liegt.

Durch diese unterschiedlichen Aspekte zeigt sich: Gawan ist eine vielschichtige Figur, die durch den Autor auf interessante und mannigfaltige Art in diesem siebten Buch eingeführt wird. Wie Wolfram dabei vorgeht, soll hier ab dem ersten aktiven Auftritt Gawans im sechsten Buch, in der Blutstropfenszene, nachvollzogen werden.

II. Einführung der Figur - Die Blutstropfenszene und die Anklage durch Kingrimursel

Um eine Figur aufschlüsseln zu können, werden die Eindrücke, die während der Bearbeitung des Textes gewonnen wurden, analysiert und interpretiert. Zunächst soll der erste aktive Auftritt Gawans im >Parzival< untersucht werden. Dabei handelt es sich um die Szene, in der Gawan Parzival aus der Minneversunkenheit erlöst und ihn zum Artushof bringt. Sowohl bei Chretien als auch bei Wolfram ist diese Szene vorhanden, die Darstellung bzw. Gestaltung der Episode jedoch unterschiedlich. Es bietet sich nun an, die Unterschiede, die Gawans Verhalten - und somit den ersten Eindruck von der Figur - näher zu untersuchen und mit denjenigen Gauvains zu vergleichen.

2.1 Gauvain und Gawan - zwei Einführungen mit unterschiedli- chen Schwerpunkten

Die Blutstropfenszene ist die erste Stelle im Roman, in der Gawan aktiv auftritt. Nach- dem ein garz û n Cunnewares den in den Anblick der drei Blutstropfen versunkenen Parzi- val gefunden hat, reiten sowohl Segramors als auch Keie zu diesem, um ihn zur Rede zu stellen und an den Artushof zu führen. Obwohl von beiden angesprochen, reagiert Parzi- val nicht, sodass er angegriffen wird. Segramors sowie auch Keie unterliegen und kehren verletzt an den Hof zurück. Vergleicht man die Motivationen der zwei Ritter, die Parzival im Wald besuchten, so werden eindeutige Unterschiede auffällig. Segramors will die Tjost gegen Parzival, um seinen persönlichen Ruhm zu steigern („ ungerne het er d ô ver- gehen / s î ns kumenden pr î ses pflihte/ ieman an der geschihte “; 286, 20-22), Keies primä- res Ziel ist nicht der persönliche Ruhm, sondern der des Artushofes, wie in 290, 8-21 ersichtlich wird. Der Erzähler stellt auch klar, dass Keie deswegen nicht beschuldigt wer- den darf, denn er kämpft nicht für seinen eigenen Ruhm, sondern für den des Hofes. Als Gawan Keie aufgrund seiner Verletzungen (295, 23-25) bemitleidet, beschuldigt Keie ihn, nicht ordentlich an die eigene und die Ehre des Artushofes zu denken und kampfun- willig zu sein. Gawan wird bezichtigt, lieber bei den Frauen zu bleiben als in den ritterli- chen Kampf zu ziehen und, wenn er denn zieht, nie mit ganzer Kraft zu kämpfen. „Er unterstellt, Gawan neige mehr zur diemuot gegenüber Frauen als dazu, Tapferkeit zu zei- gen.“1 Gawans Antwort darauf könnte nicht kürzer ausfallen: Er weist Keie darauf hin, dass er sich zu jeder Zeit seinen Pflichten vollends bewusst ist, und diese auch wahr- nimmt (299, 15-26). Allein die Tatsache, dass Gawan Keies Anschuldigungen nicht mehr entgegnet, zeigt schon seine Überlegenheit und sein Selbstvertrauen. Gawan ist sich sei- ner Position und seines Status am Artushof wohl bewusst und sieht keinen Grund, sich wegen solcher Beschuldigungen aufzuregen. Dies ist ein Zug, den die Figurengestaltung Gawans ausmacht: er ist sich stets seiner selbst bewusst. Daraufhin macht sich Gawan - wie oben beschrieben - auf zu Parzival. Schon jetzt wird deutlich, dass er anders an ihm unbekannte Situationen herangeht als die anderen Artusritter. Er reitet „ sunder swert und â ne sporn “ (299, 30), „ sunder kalopieren / und â ne punieren “ (300, 7f) zu Parzival - also eindeutig ohne die Möglichkeit eines Kampfes in Betracht zu ziehen. Dies verwun- dert angesichts der beiden besiegten Ritter. Doch Gawan will die Situation ohne Kampf klären und - ein entscheidender Punkt - ohne weitere Verletzungen. Sieverding sagt da- zu: „Im Gegensatz zu Segramors und Keie […] durchbricht Gawan von Anfang an [die] oft tödlich endenden Mechanismen [ritterlicher Verhaltensethik]. […] Gawan zeigt hier- mit seine innere Souveränität gegenüber ritterlichen Verhaltensnormen.“2 Diese Souverä- nität zeichnet Gawan aus und wird vom Autor als grundlegendes Gestaltungsprinzip der Figur Gawan eingeschrieben.

Vergleicht man dies mit Chretiens >Perceval<, so sind dort einige Unterschiede festzu- machen. Zum einen ist die Anschuldigungsrede Keus viel länger als bei Wolfram und zum anderen wird Gauvain weniger sein Verweilen bei Frauen zum Vorwurf gemacht, sondern seine Art zu kämpfen. Keu beschuldigt ihn, immer erst dann einzugreifen, wenn er sicher weiß, dass er gewinnt, da der Gegner schon ausgelaugt ist (4370-4404). Hier liegt der Schwerpunkt der Anschuldigung demnach leicht anders als bei Wolfram. Nicht Gawans Beziehung zu Frauen wird getadelt, sondern sein Verhalten im Kampf. Auch stellt Keu klar heraus, dass Gauvain lieber redet als kämpft, was in Keus Augen sehr un- ritterlich ist. Dieser Hang zum Reden äußert sich auch darin, dass Gauvain, bevor er zu Perceval reitet, darüber nachdenkt bzw. mit Artus darüber spricht, was mit dem Ritter sein könnte. Gawan hingegen handelt auf eigene Initiative hin. Er beratschlagt sich mit niemandem, sondern nimmt die Situation selbst in die Hand. Somit zeigt er, dass er selbst autonom ohne Rücksprache plant und handelt.3 Wie sich zeigt, funktionieren diese Pläne zumeist auch - nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Gawan sich nur allzu gut in an- dere hineinversetzen kann, wie ebenfalls durch die Blutstropfenszene deutlich wird. Gau- vain erkennt schon durch die Erzählungen Segramors und Keus, dass mit dem unbekann- ten Ritter im Wald etwas nicht stimmt. Anhand der Beschreibung schlussfolgert er, eine Art Trance oder Versunkenheit aufgrund eines Verlustes läge bei Parzival vor. Dieser Gedankengang ist insoweit interessant, als dass er zeigt, dass Gauvain den Ritter gar nicht erst sehen muss, um Aussagen über sein Verhalten zu treffen - Diagnosen zu stellen, die nahezu den Kern des Problems treffen. Gawan kann dies erst erkennen, als er Parzival gegenüber steht. Für Gawan hat also Erkenntnis viel mit sinnlicher Wahrnehmung zu tun.

Situationen kann er erst überblicken, wenn er mittendrin steht, den Raum überschaut und Kontakt zu den Beteiligten hat. Konsequenz dieser Tatsache ist, dass Gawan nicht über- eilt handelt, da er Entschlüsse erst trifft, wenn er sich den ganz wörtlich gemeinten Über- blick verschafft hat. Als er Parzival gegenüber steht, erkennt er, in welchem Zustand Par- zival sich befindet - er kannte ihn auch schon: „ G â w â n was solher n œ te al w î s “(301, 8). Der Einblick in Gawans Gedanken bestätigt ihn nur noch: > waz op diu minne disen man / twinget als si mich d ô twang,/ und s î n getriul î ch gedanc/ der minne muoz ir siges jehen?< (301, 22-25). Gawan kennt Parzivals Zustand aus eigener Erfahrung. Als er dann noch Parzivals Blick zu den Blutstropfen folgt, versteht er. Er erlöst Parzival aus der Minneversunkenheit, indem er seinen Mantel über die Blutstropfen legt. Hier werden zum ersten Mal Gawans Gedanken gezeigt. Gawan denkt darüber nach, ob Parzival wohl der gleichen Macht unterlegen ist, wie er selbst einst (301, 22-25). Wie schon vormals erwähnt, zeigt dies, dass Gawan in der Lage ist, Situationen genau zu analysieren, Zu- sammenhänge zu erkennen, um dann gewaltfreie Lösungen zu finden. Diese Fähigkeit, sich in andere Figuren hineinversetzen zu können, zeichnet Gawan aus und ist grundle- gender Faktor der Figurengestaltung. Gawans primäre Aufgabe ist - wie bei Parzival- die Erlösungsaufgabe.4 Anders jedoch als bei Parzival, erreicht Gawan die Erfüllung dieser Aufgabe nicht durch Kämpfe und Zufall, sondern vielmehr durch Einfühlsamkeit, Ver- stand und Gespräche.

In Chretiens Darstellung sind die Blutstropfen bei Gauvains Eintreffen schon fast ge- schmolzen und Perceval schon fast aus der Trance erwacht (4426-4431). Ein Eingreifen seitens Gauvains ist also nicht mehr nötig. Er spricht Perceval einfach an und dieser er- wacht vollends aus der Trance. Hier stellt sich heraus, dass die Souveränität der Gawan- Figur nicht ihre Grundlage in der Gauvain-Figur hat. Gauvain fehlt Gawans Art der Handlungsinitiative, zumindest kommt er nie in Situationen, in denen er eine solche an- wenden müsste.

Warum weitet Wolfram diese erste Einführungsszene der Gawan-Figur in seiner Darstel- lung aus? Gawan spricht nicht erst mit König Artus über den Zustand des Ritters, obwohl er auch dort bestimmt den Erzählungen von Segramors und Keie zugehört hat. Er reitet völlig unbewaffnet los und erkennt der Zustand Parzival aufgrund eigener Erfahrung. Er analysiert Parzivals Situation bzw. dessen Verhalten und erkennt dann - anders als Keie und Segramors - auch den Grund für die Minnetrance. Die beiden anderen reagieren standardmäßig und greifen den bewaffneten Ritter an, als dieser nicht antwortet. Sie in- terpretierten dies als Zeichen zum Kampf. Gawan jedoch „begnügt […] sich nicht mit dieser „Standardinterpretation“5, worauf Sieverding hinweist. Weiterhin stellt er heraus, dass durch Gawans Alternative „sowohl das Ansehen des Artushofes“6 als auch die Ehre des unbekannten Ritters gewahrt bleiben und er der Bestrafung durch die Schmähung zweier Ritter entgehen kann. Diese Denkweise Gawans zeigt, dass er nicht den Standard- gepflogenheiten des Artushofes folgt und dies aus Absicht.

Da Gawan sich also wissentlich und willentlich gegen den ritterlichen Kampf entscheidet und deshalb Keies Spott ertragen muss, „kann die âventiure-Ideologie in den Augen Wolframs keine grundsätzlich positiv zu bewertende Lebensform sein.“7 Das soll heißen, Sieverding geht davon aus, dass durch die neue Gestaltung der Gawan-Figur, welche so ein gänzlich anders Bild vom Rittertum präsentiert, eben dieses geläufige Standard- Rittertum des Artushofes kritisiert werden soll. Dem ist zuzustimmen, denn Gawans Ein- stellung zum Kampf wie auch zu Frauen propagieren ein anderes Rittertum als z.B. Keies und Segramors Einstellung es tun. Gawan wägt die Möglichkeiten ab und vor allem deren Konsequenzen. Würde Gawan gegen Parzival kämpfen, so wie Segramors und Keie, wä- re die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch er verletzt werden würde oder der unbekannte Ritter. Beides möchte Gawan vermeiden, zumal eine Niederlage seinerseits zur erneuten Schmähung des Artushofes führen würde. Bumke beschreibt Gawan in dieser Situation als „Repräsentant einer höfischen Klugheit, der die Situation durchschaut und in der Lage ist, die Konfliktsituation, die sich aufgrund von Missverständnissen aufgebaut hat, mit diplomatischen Mitteln zu lösen.“8 Gawan wird als mitfühlender und kluger Mann darge- stellt, der in seiner Auffassung vom Rittertum vom Standard abweicht. Er reagiert nicht ohne nachzudenken und greift nicht zur ersten Handlungsoption, die sich ihm bietet, son- dern er analysiert und reflektiert, bevor er handelt. „Ritter […] scheinen in der Artuswelt auf bestimmte Schlüsselreize nur mechanisch reagieren zu können, dies macht ihr Ver- halten steril und unmenschlich.“9 Gawan jedoch ist das genaue Gegenteil. In seiner Ge- staltung spiegelt er Menschlichkeit und Klugheit wieder, die sich sowohl auf Zwischen- menschlichkeit als auch auf gesellschaftliche oder scheinbare Zwänge erstrecken. Er muss sich nicht zwangsläufig an die Regeln der Artusgesellschaft halten - jedenfalls nicht wortgetreu. Er legt aus und passt die Regeln seinem Verhalten an, sodass aus sei- nem Tun kein Leid erwächst. Dies zeigen die folgenden Szenen im siebten Buch. Wie groß die Rolle seiner Klugheit in der Gestaltung Gawans ist, wird sich noch im Folgen- den zeigen.

Vergleicht man die Bezeichnungen, welche durch die Erzähler Gawan und Gauvain zu- geschrieben werden, so kann man Folgendes feststellen: Gawan ist unter anderem „ m î n h ê r G â w â n “ (298, 6), „ der wol gelobte man “ (299, 13), „ der werde degen “ (339, 15) oder der „ tavelrunder h ô hster pr î s “ (301, 7). Schon durch solch kleine Kommentare bzw. Attribute, deutet der Erzähler auf Gawans Außergewöhnlichkeit und seinen großen Ruhm hin. Die Bezeichnung m î n h ê r ist ehrenvoll und als solche nur hochgestellten Persönlich- keiten vorbehalten, welches der Erzähler somit kundgibt. Gauvain indes bekommt den Titel mesire Gavain (4349) oder monseigneur Gavain (4960). Auch diese sind bezeich- nend. Die Ehrerbietung ist also sowohl bei Gawan als auch bei Gauvain gleichermaßen hoch. Somit haben auch Anschuldigungen durch z. B. Keie und im späteren Verlauf durch Obie weniger Gewicht, denn wenn der Erzähler Gawan oder Gauvain mit solcher- lei Titeln bedenkt, dann fallen die Beschwerden nicht wirklich ins Gewicht. Der Rezipi- ent wird hier dem Urteil des Erzählers eher vertrauen, da dieser sich bisher als glaubwür- dig erweisen hat. Der Rezipient wird sich höchstens verwundern, dass Keie einen offen- sichtlich hochgelobten Mann auf solche Art und Weise beschuldigt. Dies mag unter anderem daran liegen, dass in anderen zeitgenössischen Texten Gawan nicht als der Vorzeigeritter der Tafelrunde gesehen werden kann. Im Zuge des siebten Buches werden Gawan noch weitere Attribute zugeschrieben und er erhält durch den Erzähler weitere Titel, die wiederum ein gänzlich positives Licht auf ihn werfen.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass sowohl Gauvain als auch Gawan anders als erwartet handeln: Beide finden eine konfliktfreie, alternative Lösung zur ritterlichen Tjost, ohne dabei den Ruhm des Artushofes oder den eigenen zu schmälern. Allerdings scheint Gauvain dem Kämpfen oder str î t eher zugetan zu sein als Gawan. Immerhin reitet er bewaffnet und somit für alles vorbereitet, zu Perceval, wohingegen Gawan einzig auf sein Redegeschick vertraut und keine Vorsichtsmaßnahmen trifft. Inwiefern sich dieser Unterschied im Weiteren bemerkbar macht, wird der folgende Vergleich der Darstellun- gen und Gestaltungen Wolframs und Chretiens zeigen. Bezeichnend für die Gestaltung der Figur Gawans sind seine Selbstaussagen in Buch 6. Diese sollen nun näher untersucht werden.

2.2 str î t und w î sheit: Gawans Selbstaussage

Der str î t, der Kampf, spielt im höfischen Kontext eine unabdingbar wichtige Rolle. Durch gewonnene Kämpfe erlangt der Ritter pr î s und ere, nicht nur für sich, sondern auch für den Hof seines Herrn. Allerdings versucht Gawan immer dem Kampf, wenn er nur durch Ehrgewinn motiviert ist, aus dem Weg zu gehen bzw. diesen zu vermeiden. Dieses Verhalten eines Ritters - vor allem einen mit dem Ruf Gawans - ist doch eher seltsam. Erstmals zeigt sich dies in der Blutstropfenszene und ist ein immer wiederkehrendes Motiv. So ist es denn von höchstem Interesse gerade in Bezug auf die Gestaltung der GawanFigur, auf deren Verhältnis zum str î t einzugehen.

Ebenso wichtig ist der Begriff der w î sheit. Klugheit, Verstand, Erfahrung - so können mögliche Übersetzungen lauten. Scheuer meint zu diesem Begriff: „Denn w î sheit […] zielt vor allem auf die Frage nach der intensivierten Wahrnehmungsweise der Sinne und nach dem Umgang mit den so zustande kommenden inneren Bildern [ab].“10 Was bedeu- tet dies nun in Bezug auf Gawan und seine Selbstaussage bzw. sein Handeln? Bis jetzt folgendes: Schaut man sich Gawans Wahrnehmung in der Blutstropfenszene erneut an, so stellt man fest, dass er die Geschehnisse ganz anders wahrnimmt als z.B. Keie oder Segramors. Die beiden sehen den gewappneten unbekannten Ritter, der weder auf ihr Ankommen, noch ihre Ansprache reagiert. Daraufhin greifen sie an. Gawans Interpretati- on geht allerdings viel weiter. Er sieht den unbekannten Ritter, beobachtet sein Verhalten und folgt seinem Blick. Gawan erkennt die Versunkenheit in das Bild der drei Tropfen und diese Erkenntnis lässt ihn inne halten und nicht zum Kampf ansetzen, was ihm ohne Waffen auch nicht gut bekommen wäre. Der in sich versunkene Parzival erweckt in Ga- wan die Erinnerung an eine ähnliche Begebenheit, die er selbst erlebte. Diese Verbindung herzustellen zwischen äußerem Eindruck und eigener Erinnerung bezeichnet das, worauf Scheuer hinauswill: durch die intensivierte Wahrnehmungsweise und die so zustande kommenden Bilder entsteht - als Konsequenz - reflektiertes und überlegtes Handeln. Das ist w î sheit. Dies ist für Gawan prägend, denn er denkt immer über die Folgen seines Handelns nach, bevor er handelt. Diese Gedankengänge sollen im Folgenden noch weitergehend untersucht werden. Wichtig ist auch: Gawan weiß, dass er diese Fähigkeit hat, wie seine Aussage über sich selbst zeigt.

Diese Aussage erfolgt im Rahmen der Anschuldigungen durch Kingrimursel. Gawan unterhält sich mit seinem Bruder Beacurs. Dieser möchte für Gawan kämpfen, welcher allerdings mit folgender Begründung ablehnt:

>ich p î n so w î s daz ich dich, bruoder, niht gewer d î ner bruoderl î chen ger. Ine weiz war umbe ich str î ten sol, ouch entuot mir str î ten niht s ô wol: ungerne wolt ich dir versagn, wan daz ich müesez laster tragn.< (323, 24-30)

Diese Selbstaussage ist ausschlaggebend zur Analyse sämtlicher Handlungen Gawans. Was sagt er dort über sich selbst? Zum einen, dass er sich als w î s erachtet und zum ande- ren dies auch im Rahmen der Blutstropfenepisode unter Beweis stellt. Durch den Ge- brauch seines Verstandes hat Gawan den Kampf vermieden. Allerdings ist er sich nun ganz eindeutig darüber im Klaren, dass er diesen Kampf gegen Kingrimursel führen muss und ihn nicht an jemand anderen abgeben kann. Dies würde zum Ehrverlust führen, und den will er vermeiden. „Aus einer passiven Grundhaltung heraus zielt sie[, Gawans Ein- stellung zum str î t,] zum einen auf die Vermeidung von Kämpfen, […] andererseits [sieht er] aber auch die mögliche Notwendigkeit des str î t als Mittel zur Bewährung des eigenen Ansehens.“11 Der zweite Teil der Selbstaussage betrifft Gawans Verhältnis zum str î t: > ouch entuot mir str î ten niht s ô wol. < (323, 28). Übersetzen könnte man wohl mit: „auch tut mir kämpfen nicht so gut.“ Lachmann übersetzt mit „auch macht mir Kämpfen nicht viel Spaß.“ Diese Übersetzung ist allerdings Sinn verzerrend gegenüber dem Original und kann zu Fehlinterpretationen führen. Vielmehr geht es Gawan nicht um den Spaß am Kämpfen - ich denke nicht, dass er daran Spaß hat -, sondern vielmehr ist der Kampf für ihn ein notwendiges Übel, um in der Artuswelt, der höfischen Welt, sein Ansehen zu er- halten. „Was den ritterlichen Kampf so problematisch macht, ist vor allem die Tötungs- gefahr. Immer wieder wird im >Parzival< von Rittern erzählt, die im Kampf gefallen sind, was in vielen Fällen schlimme Folgen hat.“12 Diese Folgen möchte Gawan verhin- dern, indem er den str î t nur als letzte Möglichkeit in Betracht zieht. Dennoch ist er ein hoch angesehener Ritter, der in vielen Schlachten gekämpft und dort Ruhm erworben hat. Wie kommt also ein Ritter, der eigentlich nicht gerne kämpft, dazu besonders durch seine Kämpfe Ruhm zu erlangen? Wieso legt Wolfram Gawan diese Selbstaussage in den Mund? Erklärung dafür bietet Gawans Figurenkonzeption: Er ist immer in einer Art Zwiespalt, der sich deutlich in solchen Szenen zeigt. Er will nicht kämpfen, wenn es al- ternative Lösungswege gibt, wie die Blutstropfenepisode zeigt. Andererseits will er eben- falls nicht kämpfen, dennoch tut er es, da er weiß, dass er als Ritter dazu verpflichtet ist und „[a]us Kenntnis der Verhaltenscodices der ritterlichen Gesellschaft weist Gawan auch die Bitte seines Bruders Beacurs zurück, statt seiner gegen Kingrimursel antreten zu dürfen.“13. Hier wird schon deutlich, dass Gawan einen speziellen Bezug zum Kämpfen hat. Nicht aufgrund des pr î s -Erwerbs will er kämpfen. Er muss stichhaltige Gründe haben für einen Kampf, denn das Verletzungsrisiko ist immer groß in solchen Kämpfen und Tjosten. Dies zeigt sich eindeutig, als Keie mit gebrochenem rechtem Arm und linkem Bein von der Tjost mit Parzival zurückkehrt (295, 23-25). Durch Kämpfe, die nur auf- grund von persönlichem Ehrerwerb geführt werden, also bar jedweder sozialen oder an- deren Grundlage sind, können gute Ritter und Kämpfer getötet oder verletzt werden und stehen dann in wichtigen Auseinandersetzungen, in denen es um fundamentale Dinge geht, nicht mehr zur Verfügung. „Wo der Kampf eine soziale Funktion hat, wo er dem Schutz oder der Befreiung unschuldig in Bedrängnis geratener Frauen dient, wird er nicht in Frage gestellt.“14 Weder von Gawan, noch vom Erzähler. Gawan ist sich also der gro-ßen Gefahr für Leib und Leben bewusst und wägt daher ab, ob und wann er zur Waffe greift. Dass er es dennoch tut, zeigt sein schon im sechsten Buch dargestellter Ruhm - irgendwie ist er erster der Ritter geworden - und er macht es sehr gut. Gawan willigt nicht nur um seiner selbst willen in den Kampf mit Kingrimursel ein. Er ist sich über die Bestimmungen des Hofes, dessen Mitglied er ist, immer bewusst. Diese öffentliche An- schuldigung greift Gawan auf persönlichster Ebene an - den Grundmauern seines Ritter- tums. Kingrimursel beschuldigt ihn nicht nur des Mordes, sondern auch der schweren Heimtü>ime gruozer m î nen h ê rren sluoc. “ (321, 10), und das kann Gawan nicht dul- den. Hier ist seine Ehre in Gefahr und nicht nur seine eigene, sondern auch die seiner ganzen Familie und des Artushofes. Der erworbene Ruhm könnte zunichte gemacht wer- den, wenn Gawan in diesem Kampf nicht gewinnt oder ihn gar nicht erst antritt. „Gawan [nimmt] die Herausforderung an, weil seine Integrität öffentlich in Frage gestellt worden ist; zugleich bekundet er (in dem Bewusstsein, dass die Anschuldigung gegen ihn falsch ist) sein Desinteresse an einem solchen Kampf.“15 Als Artusritter und vielmehr als der „ tavelrunder h ô hster pr î s “ (301, 7f) muss er in ritterlichen Kämpfen bestehen, um seinen Status aufrecht zu erhalten. Man könnte durchaus attestieren, dass Gawan immer nur so viel kämpft, wie nötig ist, um seine Ziele zu erreichen. Nicht wie etwa Parzival, der nur um des Kampfes Willen kämpft. Gawans w î sheit ist also der ausschlaggebende Faktor bei der Entscheidung, ob er zu den Waffen greifen soll oder nicht. Sieverding bezeichnet diese Art des Rittertums als reagierendes Rittertum: „Gawan [sucht] zwar den ritterlichen Kampf in der Regel nicht, […]er [vermag] aber jeden Angreifer sehr wohl zurechtzuwei- sen.“16 Diese Art des passiven, reagierenden Rittertums zeichnet Gawan aus und ist grundlegender Bestandteil seiner Vorbildfunktion. Indem Gawan nicht von sich aus den Kampf sucht, sonder vielmehr nur dann kämpft, wenn er herausgefordert, wird eine neue Funktion des Rittertums herausgestellt: nämlich primär die der Defensive. Wolfram kon- zipiert somit einen Ritter, der anders als seine vielen Vorlagen, einem idealen Rittertum nacheifert, dessen Schwerpunkt nicht in der kämpferischen Auseinandersetzung liegt, sondern vielmehr im Erhalt des Friedens durch alternative Lösungswege.

[...]


1 Sieverding: Kampf bei Hartmann und Wolfram. S.240

2 Sieverding: Kampf bei Hartmann und Wolfram. S.238

3 Vrgl: Bumke: Die Blutstropfen im Schnee. S. 159: „Bei Wolfram ist diese Handlungsfolge so verändert, daß Gawan als der überlegen Planende und selbstständig Handelnde erscheint.“

4 Vrgl. Mohr: Obie und Meljanz. S. 108 „Gawans Hauptaufgabe ist die Erlösungstat wie die Parzivals; Schastel Marveille ist seine Gralsburg.“

5 Sieverding: Kampf bei Hartmann und Wolfram. S. 239

6 Ebd. S. 239

7 Sieverding: Der Kampf bei Hartmann und Wolfram.. S. 226

8 Bumke: Wolfram von Eschenbach. S. 145

9 Dallapiazza: Wolfram von Eschenbach: Parzival. S. 113

10 Scheuer: wîsheit. Grabungen in einem Wortfeld zwischen Poesie und Wissen. S. 86

11 Sieverding: Kampf bei Hartmann und Wolfram. S.242

12 Bumke: Wolfram von Eschenbach. S. 185

13 Sieverding: Kampf bei Hartmann und Wolfram. S.244

14 Bumke: Wolfram von Eschenbach. S. 185

15 Ebd. S. 150

16 Sieverding: Kampf bei Hartmann und Wolfram. S. 241

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Gestaltung der Gawan - Figur im siebten Buch von Wolframs >Parzival<
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistische Mediävistik)
Note
1,6
Autor
Jahr
2010
Seiten
35
Katalognummer
V269622
ISBN (eBook)
9783656616344
ISBN (Buch)
9783656616269
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gawan;, wolfram von Eschenbach;, Parzival;, Obilot;, Obie;, 7. Buch;, erste Partie;, strît;, wîsheit;, Gespräch;, Chretien de Troyes;
Arbeit zitieren
Alexa Hof (Autor), 2010, Die Gestaltung der Gawan - Figur im siebten Buch von Wolframs >Parzival<, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269622

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