Die Geschichtsdarstellung im Annolied


Hausarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung
1.1 Überlieferung, Literatur- und gattungsgeschichtliche Einordnung

2. Geschichtsdarstellung im frühen Mittelalter
2.1 Die Sechs- Weltalter- Lehre
2.2 Das Buch Daniel und die Vier - Reiche - Lehre

3. Zahlensymbolik im Annolied

4. Die Konzeption des Annolieds und der Anno- Biographie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß sagen, wie es eigentlich gewesen.“1

Dieses Zitat von Leopold von Ranke, einem preußischen Historiker, deutet schon an, womit sich diese Arbeit beschäftigen wird, zu sagen „wie es eigentlich gewesen“. Darüber hinaus aber soll hier die Art und Weise, in der Geschichte im Mittelalter aufgefasst und aufgeschrieben wurde, Schwerpunkt sein - die Funktion und die Rezeption der Geschichte.

Ich werde versuchen darzustellen, wie sich das Verhältnis zur eigenen Geschichte und das Verlangen nach einer grundlegenden Ordnung der Dinge durch und in der Geschichtsschreibung widerspiegelt. Gerade in Zeiten von Kriegen, Revolutionen oder Epidemien suchen Menschen nach einem grundlegenden Sinn, nach einer ordnenden Instanz. Daraus entwickelte sich eine Geschichtsschreibung, die eben diese Funktion inne hat: Sie legt verbindliche Ordnungsprinzipien an. Wo vorher Verwirrniss herrschte, schafft sie Ordnung. Die zu stellende Frage ist, wodurch schafft es die Geschichtsschreibung, dass sich die Menschen nicht mehr ‚hoffnungslos’ verloren in der eigenen Zeit fühlen? Dies werde ich am Beispiel des Annolieds und der Konzeption der Anno- Biographie dokumentieren.

Was die Geschichte mitunter so faszinierend macht, ist ihre jeweilige Auslegung und auch die resultierende Zweckentfremdung von Geschichtsschreibung. Dieses Mittel der subjektiven, ‚zielorientierten’ Geschichtsauffassung und -darstellung zeigt sich schon im frühesten Mittelalter. Die Ereignisse und Taten der Vergangenheit zu rechtfertigen oder im Nachhinein zu verstehen, ist geprägt vom betrachtenden Menschen und seiner Einstellung. Deshalb werde ich aufzeigen, wie Geschichte im Annolied aufgefasst und wofür sie genutzt wurde.

Ob nun Herrschaftshäuser ihre Legitimation anhand der Geschichte zu untermauern suchten, oder die Existenz fiktiver Heldenfiguren durch diese begründet werden sollte, die Geschichtsdarstellung wird zum Mittel der Legitimation. Im Annolied wird diese Legitimation durch konkrete Bezüge zur Heilsgeschichte, Wundern und Heiligen, sowie zur Antike begriffen.

Dies legt ein Verständnis von Geschichte zugrunde, welches auch Schwerpunkt dieser Arbeit sein wird. Anhand der Konzeption der Anno- Biographie und der Zahlensymbolik im Annolied werde ich darstellen, wie Geschichte genutzt werden kann, um bestimmte Verfasserintentionen aufzuzeigen und Werbung für deren Ziele zu machen.

1.1 Überlieferung, Literatur- und gattungsgeschichtliche Einordnung

Wie bei vielen Texten ist die Überlieferungslage des Annolieds eher schlecht. Es sind keine deutschsprachigen Handschriften des Annolieds erhalten geblieben, nur einige lateinische Fragmente. Das AL ist nur in einem Druck von Martin Opitz aus dem Jahr 1639 komplett erhalten , unter dem Titel Incerti Poetae Teutonici Rhythmus de Sancto Annone Coloniensi Archiepiscopo. Ein Teildruck des AL von Vulcanius im De Literis et Lingua Getarum sive Gothorum aus dem Jahr 1597 zeigt außerdem, dass beide Drucke auf verschiedenen Hss - *V, *O - des AL beruhen, da *V andere Abschnittsgrenzen aufweist, der Prolog fehlt und drei Plusverse nach AL 2, 7 aufweist. Auch ist das Annolied in Teilen der ‚Kaiserchronik’, entstanden zwischen 1140 und 1150, eingearbeitet. Dies wird zurückgeführt auf den ehemaligen Abt in Siegburg, Bischof Kuno von Regensburg, der 1105 bis 1126 in Siegburg Abt war und so durchaus als Vermittler der Annolieds in der ´Kaiserchronik` in Frage käme.

Das Annolied wird der Gattung der Geschichtsdichtung zugeschrieben und datiert auf den Zeitraum zwischen 1077 und 1081. Anhaltspunkt für diese Datierung ist die verwendete Sprache, welche im AL eine nicht vorhandene oder gerade erst beginnende Nebensilbenschwächung aufweist. Dies ist ein Anzeichen für das sich herausbildende bzw. frühe Mittelhochdeutsch. Zum Beispiel: liebin und ûffin2.

Die genauere Datierung erfolgt aufgrund der Mitteilung im Text, Meginza [...] dâ ist nû dere kuninge wîchtûm.3 Dies bezieht sich auf die Zeit zwischen März 1077, der Krönung Rudolfs von Rheinfelden in Mainz und Dezember 1081, der Krönung Hermanns von Salm in Goslar.4

Das AL umfasst sowohl Heils- und Profangeschichte als auch Reichsgeschichte. Hinzu kommt noch die Biographie des Erzbischof Anno II von Köln. Diese Art der Geschichtsverknüpfung findet sich vor allem in der lateinischen Historiographie des Rhein-Maas- Gebiets.

2. Geschichtsdarstellung im frühen Mittelalter

„Die großen Linien des Heilsgeschehens zu verbürgen, die moralisch-religiöse Entscheidungssituation des Menschen zu zeigen, das Eingreifen Gottes in Wunderzeichen und geheimnisvoller Führung ahnen zu lassen - das ist die Aufgabe des Geschichtsdichters.“5

Die Periodisierung im Mittelalter ist geprägt von unterschiedlichen Auffassungen und Lehren. Es gibt sowohl Einteilungen der Geschichte in Bezug auf die Heilsgeschichte und Schöpfungsgeschichte als auch Einteilungen in Bezug auf Profangeschichte. Das Verhältnis des Menschen im Mittelalter zur Geschichte ist eng verknüpft mit der Religion. Ich erkläre das dadurch, dass das Wort Gottes, die Bibel, vor allem aber die Predigten der Priester in der Kirche, einziger Trost waren, den die Menschen hatten. Das Leben der meisten war sehr hart, von Entbehrung und Ungerechtigkeit geprägt. Was die Religion den Menschen in dieser Situation gab, war die Hoffnung, dass sie nach ihrem Tod in das Himmelreich einziehen würden. Ewiges Leben und Frieden im Paradies und in Gott. Damit nun aber diese - ich setze das Wort in Anführungszeichen- `Prophezeiung´ auch rechtens ist, muss die Geschichte oder die Geschehnisse um die Menschen herum in das Schema, des von der Kanzel gepredigten Ablaufs der Geschichte, passen. Was dem Einzelnen als ungeordnet und willkürlich erscheint, wird - in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gerückt - klar und geordnet. Jeder Aspekt der Profangeschichte kann so in den Kontext der Heilsgeschichte eingeflochten werden. So werden Ereignisse umgedeutet, Dinge, für die die Menschen keine Erklärung fanden - beispielsweise die Heimsuchung durch die Pest- im Nachhinein durch die Religion zur Strafe Gottes für die Sünder erklärt. Ähnlich ist es auch mit dem Annolied. Hier wird ein Mann gelobt und nahezu verherrlicht, der in seinem Leben ebenso gesündigt hat, wie andere Menschen auch. Die Art der Darstellung der geschichtlichen Abläufe, sowie deren Umstellung, führt zu einem Bild von Anno, das nicht der Wirklichkeit entsprach, bzw. einigermaßen zweifelhaft erschien. Um die vom Verfasser dargelegte Heiligenfigur des Anno zu belegen, wird wiederum die Geschichte bemüht. Von Babylon bis zum Römischen Reich Deutscher Nation, vom Apostel Petrus bis zu Anno II werden Verbindungen geknüpft, um den Anspruch Annos auf die wahrscheinlich vom Verfasser intendierte Heiligsprechung zu befürworten.

Die Darstellung von Geschichte im Mittelalter geschieht teils durch die Anwendung bestimmter, strukturierender Modelle - die Vier- Reiche- Lehre von Hieronymus, basierend auf der Lehre von Pompeius Trogus als auch die Sechs- Weltalter- Lehre von Augustinus.

Ich stelle diese beiden Modelle einander gegenüber, um die unterschiedlichen Periodisierungsansätze aufzuzeigen.

2.1 Die Sechs- Weltalter- Lehre

Die Sechs- Weltalter - Lehre von Augustinus bezieht sich nicht auf die Geschichte der weltlichen Reiche in erster Instanz, sondern auf eine Einteilung nach den Geschehnissen der Bibel.

Das erste Weltalter umfasst die Zeit von Adam bis zur Sintflut; das zweite die Zeit von Noah bis Abraham, das dritte die Zeit von Abraham bis David und das vierte geht von David bis zur babylonischen Gefangenschaft. Das fünfte Weltalter erstreckt sich von dort bis zur Geburt Christi und das sechste und damit letzte Zeitalter beginnt mit der Geburt Christi und dauert fort. Diese sechs Weltalter werden legitimiert durch die typologische Verbindung zu den sechs Schöpfungstagen. Gott erschuf die Welt in sechs Tagen und am siebten, dem heiligen Sabbat, ruhte er. Seine Schöpfung ist vollendet. Im Anschluss an das sechste Weltalter, wird das ewige Reich kommen, in dem die Zeit nicht mehr existiert. Die Weltgeschichte findet ihr Ende in Gott und somit ewige Ruhe.

2.2 Das Buch Daniel und die Vier - Reiche - Lehre

Die Vier- Reiche- Lehre beruht auf dem Buch des Propheten Daniel der Bibel, besonders den Kapiteln zwei und sieben. Daniel deutet einen Traum des Königs Nebukadnezar. In dem Traum wird eine Statue aus fünf verschiedenen Materialien -Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Ton- durch einen Stein, der ohne menschliches Zutun vom Himmel fällt, zerstört. Dn 2, 35: „[...] Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg, sodass er die ganze Welt füllte.“

Daniel deutet nun diesen Traum nach einer Eingebung Gottes: Nebukadnezar steht für das goldene Haupt der Statue. Er ist der Herrscher über alles Lebendige und alle Reiche. Nach ihm wird ein anderes Königreich aufkommen, das allerdings geringer ist. Dieses verkörpert die silberne Brust und Arme der Statue. Das dritte niedere Königreich wiederum verkörpert den kupfernen Bauch und Lenden, das vierte und geringste die eisernen Beine und halb eisernen und tönernen Füße der Statue. Diese Königreiche werden alle durch den ‚Gott des Himmels’ zerstört werden, welcher dann ein neues ewiges Reich erschaffen wird.

Im siebten Kapitel des Buches hat Daniel eine Vision von den vier Tieren, die aus dem Meer heraussteigen. Das erste Tier ist ein Löwe mit Adlerflügeln, das zweite ein Bär, auf einer Seite aufgerichtet mit drei Rippen im Maul. Das dritte Tier ist ein Panther mit Flügeln auf dem Rücken und vier Köpfen. Das vierte Tier hat große eiserne Zähne, zehn Hörner und ähnelte den anderen gar nicht. Auf seinem Kopf bricht dann ein neues Horn hervor, das kleiner ist, aber drei Hörner zum Ausfallen bringt.

Noch im Traum wird Daniel die Bedeutung des Traums geoffenbart:

Die vier Tiere sind vier Königreiche, die bestehen werden. Aber nur die Heiligen werden in das ewige Reich eingehen. Das vierte Tier symbolisiert das vierte Königreich der Erde, welches anders sein wird als die vorigen. Es wird alle Königreiche zerstören und in sich vereinen. Die zehn Hörner stehen für zehn Könige dieses Königreichs. Das neue kleine Horn ist der neue Herrscher, der anders sein wird, als alle vor ihm. Er wird drei Könige stürzen, diese sind die drei ausgefallenen Hörner. Dieser neue Herrscher wird gegen die Heiligen reden, versuchen, die Festtage zu ändern und die Heiligen verfolgen. Mit ihm ist der nahezu erwartete Antichrist gemeint. Am Tag des Gerichts wird ihm jedoch alle Macht genommen. Nur die Höchsten und Heiligen werden dann das ewige Reich bekommen und die Herrschaft darüber.

Dieses Schema der vier Reiche wird von Pompeius Trogus in seiner Weltgeschichte Historiae Philippicae genutzt. Er beschreibt die Geschichte vom Reich der Assyrer und König Ninus bis hin zu Kaiser Augustus. Dieses Vier- Reiche- Schema wird erstmals vom Kirchenvater Hieronymus (350 - 420) in Verbindung mit der Vier - Reiche - Lehre Daniels gebracht. So wechseln sich die großen Reiche der Welt gemäß dieser Lehre. Das erste ist das babylonische Reich; es folgt das persische, das griechische und schließlich das Römische Reich, welches durch Karl den Großen und dessen neu gegründetes Kaisertum zur Fortdauer verbürgt wird.

Was die Modelle der Vier-Reiche- Lehre und der Sechs- Weltalter- Lehre gemeinsam haben, ist ein Charakteristikum für die Geschichtsschreibung der Zeit. Die Welt hat nur begrenzte Zeit. „(E)s war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte.“6 Im Grunde läuft alles daraus hinaus, dass der Mensch sich in seinem Leben auf die Ankunft des Antichristen und auf das Ende der Welt am jüngsten Tag einstellen muss und soll, denn nur die ´die Höchsten und Heiligen` werden in das ewige Reich, das Paradies aufgenommen. So auch im Prolog des AL: dabî wir uns sulinbewarin, wante wir noch sulin varin von disime ellendin lîbe hin cin êwin, dâ wir îmer sulin sîn.7

[...]


1 von Ranke, Leopold: Geschichten der romanischen und germanischen Volker von 1494 bis 1535, Vorrede (1824), Sämtliche Werke (Leipzig, 1872 ff.), Bd. 33, S. VII.

2 AL 1, 5/11

3 AL 30, 11/13

4 basiert auf dem Artikel im VL

5 Wehrli, Max: Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. S. 179-180

6

7 Kompass Bibel: Daniel 7, 12 AL 1, 15-18

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Geschichtsdarstellung im Annolied
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V269631
ISBN (eBook)
9783656606116
ISBN (Buch)
9783656606055
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Annolied, Geschichtsdarstellung;, Buch Daniel, Bibel
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Alexa Hof (Autor), 2008, Die Geschichtsdarstellung im Annolied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269631

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