Analyse von Dimiter Gotscheffs "Iwanow" im Hinblick auf den Melancholie-/Depressionskomplex


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen
1.2. Der Melancholiebegriff im Wandel der Zeit

2. „Iwanow“ - Das Drama
2.1. Inhalt und Thematik

3. Analyse von Dimiter Gotscheffs Inszenierung
3.2. Das Konzept der zwei Tode
3.3. Gotscheffs „Iwanow“: Eine Gesellschaftskritik?

4. Schluss

Bibliographie

1. Einleitende Bemerkungen

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Inszenierung des Dramas „Iwanow“ (A.P. Tschechow) von Dimiter Gotscheff unter Berücksichtigung der Melancholie - und Depressionsproblematik. Bei der Themenwahl war für mich der Bezug zum aktuellen Melancholie/ bzw. Depressionsdiskurs besonders interessant, insbesondere wenn man Gotscheffs von der Fachpresse viel beachtete Inszenierung als eine Aktualisierung von Tschechows Drama begreift.

Ziel dieser Untersuchung ist es, „neuere“ Theorien der Melancholie und Depression des 20./21. Jahrhunderts (Freud, Lacan, Kristeva) auf Gotscheffs Inszenierung zu beziehen und den Zusammenhang zwischen Depression und Tod zu herauszuarbeiten.

Der Einstieg in die Thematik erfolgt durch einen historischen Exkurs und soll dem Leser einen ersten Überblick über die historische Entwicklung des Melancholiebegriffs verschaffen. Alsdann erläutere ich kurz Inhalt und Thematik von Tschechows Drama „Iwanow“, was die nachfolgende Lektüre der Inszenierungsanalyse erleichtern soll. Im weiteren Verlauf wende ich mich solchen Aspekten wie der Beziehung von phantasmatischen Objekt und Subjekt sowie dem Objektverlust (Freud) zu, wobei Žižeks Kommentar zu Lacans Psychoanalyse und Kristevas Ausführungen zur Depression relevant sind.

Abschließend verweise ich auf die aktuelle Depressionsproblematik in unserer Gesellschaft und setzte mich mit Gotscheffs Inszenierung aus soziologischer Perspektive auseinander.

1.2. Der Melancholiebegriff im Wandel der Zeit

Die antike Melancholievorstellung steht im engen Zusammenhang mit der Humoralpathologie, der Lehre von den vier Säften (Blut, gelbe und schwarze Galle und Phlegma). Nach Aristoteles, basiert die Melancholie auf einem Übermaß an schwarzer Galle („melaina kole“), was eine rein physiologische Erklärung für einen Gemütszustand darstellt.

Seit der Spätantike wurde die Acedia (Trägheit) als eines der sieben Hauptlaster aufgefasst.[1]

Vor allem Mönche sind aufgrund ihres einsamen und einsiedlerischen Lebens im Kloster anfällig für dieses Laster, welches oftmals auf Trauer (tristitia) oder auf den mit dem Klosterleben verbundenen Entbehrungen oder Verlusterfahrungen basiert.

In der Renaissance wurden dem Melancholiker „große intellektuelle Kräfte“ zugeschrieben, wobei die Nachdenklichkeit zum wichtigsten Charakteristikum des Melancholikers avancierte.

Für den neuzeitlichen Melancholiediskurs (20./21 Jahrhundert) war Freuds psycho-analytischer Ansatz prägend. Laut Freud, „ist sie (die Melancholie) einerseits wie die Trauer, Reaktion auf den realen Verlust des Liebesobjekts, aber sie ist überdies mit einer Bedingung behaftet, welche der normalen Trauer abgeht oder dieselbe, wo sie hinzutritt, in eine pathologische verwandelt“.[2]

Dabei ist die Grenze zwischen der pathologischen Form und der „normalen“ Trauer fließend: Hat der Betroffene sein narzisstisch besetztes Liebesobjekt verloren und es nicht geschafft, seine Libido auf ein anderes Objekt zu projizieren, kommt es zur „Einverleibung“ des verlorenen Objekts ins „Ich“ und zur Entwicklung von ambivalenten Gefühlen sich selbst gegenüber (stellvertretend für das Objekt), welche sich in der Melancholie manifestieren.[3]

2. „Iwanow“ - Das Drama

Bei „Iwanow“ handelt es sich um ein vieraktiges Theaterstück von Anton P. Tschechow, das zunächst im Jahre 1887 als Komödie veröffentlicht und noch im selben Jahr in Moskau uraufgeführt worden ist.

Zwei Jahre später erschien eine zweite, überarbeitete Fassung, welche, im Gegensatz zur ersten Version, nicht mit der Hochzeit der Hauptfigur, sondern mit deren Suizid endet. Diese entscheidende Änderung machte die Komödie zum Drama und verdeutlichte die Tragik des „überflüssigen Menschen“, welche bei der Erstaufführung der Komödie kaum Beachtung fand.

2.1. Inhalt und Thematik

Die Handlung findet in der mittelrussischen Provinz Ende des 19. Jahrhunderts statt. Die Hauptfigur, Nikolai Alexejewitsch Iwanow ist ein typischer Vertreter der verarmten ländlichen Aristokratie. Er ist dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, Gutsbesitzer, mit einer seinetwegen vor fünf Jahren aus dem Judentum konvertierten Frau (Anna Petrowna) verheiratet, die todkrank ist und von ihm nicht mehr geliebt wird.

Um der drückenden, für Iwanow unerträglichen Atmosphäre zu Hause zu entfliehen, verbringt er seine Abende regelmäßig bei seinen Nachbarn, der Familie Lebedjew, bei der er beträchtliche Schulden hat. Als er sich der achtzehnjährigen Tochter der Lebedjews mit seinen Problemen anvertraut, gesteht Sascha ihm ihre Liebe, woraufhin sie sich küssen. In diesem Moment erscheint Anna Petrowna in Begleitung ihres Arztes (Lvow) und fällt, als sie Iwanow und Sascha zusammen sieht, in Ohnmacht.

Im weiteren Verlauf erfolgt ein Gespräch mit Lvow, der Iwanows Verhalten offen kritisiert und ihn für den sich zunehmend verschlechternden gesundheitlichen Zustand Annas verantwortlich macht. Auch fordert Lebedejew die sofortige Begleichung seiner Schulden. Sascha besucht ihn heimlich, was Anna Petrowna nicht entgeht. Als sie ihren Mann endlich zur Rede stellt und ihn beschuldigt, sie nur aus finanziellen Motiven geheiratet zu haben, verliert dieser die Geduld: Er nennt sie „Judenweib“ und sagt ihr, dass sie bald sterben würde, was er sofort bereut.

Einige Monate nach Anna Petrownas Tod beginnen die Vorbereitungen für Saschas und Iwanows Hochzeit, allerdings ist Iwanow noch resignierter und desillusionierter als zuvor.

Kurz vor der Hochzeit kommt es zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Lebedjew, nach welcher Iwanow sich erschießt.

[...]


[1] Der Lasterkatalog wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals modifiziert, sodass in der mittelalterlichen Doktrin statt acht nur sieben Hauptlaster vorkommen.

[2] Freud, Sigmund: Melancholie oder Vom Glück, unglücklich zu sein. Ein Lesebuch. Hrg. Peter Sillem. 1997. S.171

[3] Außerdem tendiert die Melancholie, laut Freud, zum Umschlagen in ihr Gegenteil, die Manie: „In einigen Fällen kommt es zur „Abwechslung von melancholischen und manischen Phasen“. Ebd. S. 174

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Details

Titel
Analyse von Dimiter Gotscheffs "Iwanow" im Hinblick auf den Melancholie-/Depressionskomplex
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Figurationen des Melancholischen in Theater und Performance
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V269921
ISBN (eBook)
9783656612490
ISBN (Buch)
9783656612445
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, dimiter, gotscheffs, iwanow, hinblick, melancholie-/depressionskomplex
Arbeit zitieren
Natalia Livshitz (Autor), 2012, Analyse von Dimiter Gotscheffs "Iwanow" im Hinblick auf den Melancholie-/Depressionskomplex, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269921

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