In meiner Hausarbeit möchte ich die Frage klären, ob in der heutigen Gesellschaft die Solidarität in der Familie in der Krise ist, oder nicht. Dazu beschränke ich mich auf Deutschland, da die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, welche die Solidarität beeinflussen, in anderen Ländern sich von denen in Deutschland unterscheiden. Dadurch muss die Lage der Solidarität in Deutschland nicht auf andere Länder zutreffen.
Ich vertrete die Meinung, dass die familiale Solidarität auch heute noch besteht. Um meine Ansicht näher zu erläutern, werde ich zunächst die Frage beantworten, was unter Solidarität zu verstehen ist (Punkt 2) und daraufhin eine Definition der Familie liefern (Punkt 3). Diese Erläuterungen nehme ich vor, damit besser herausgestellt werden kann, was unter familialer Solidarität überhaupt zu verstehen ist.
Im weiteren Verlauf stelle ich meine Argumente dar, wobei ich diese in mehrere Punkte unterteile. Ich erläutere zunächst, wie die Reziprozität mit der Solidarität zusammenhängt (Punkt 4.1.) und gehe dann auf Verpflichtungen, Normen und Ideale genauer ein (Punkt 4.2.). Daraufhin lege ich die Interaktion des Staates mit der Familie dar (Punkt 4.3.) und beschäftige mich auch mit dem heute zu verzeichnenden gesellschaftlichen Wandel (Punkt 4.4.). Des weiteren betrachte ich asymmetrische Tauschbeziehungen in der Familie und welche Rolle die Dankbarkeit in diesem Kontext spielt (Punkt 4.5.). Auch auf das Zusammenspiel zwischen Liebe und Geld möchte ich eingehen (Punkt 4.6.). Zu guter Letzt behandle ich die Individualisierungsthese (Punkt 4.7.) und schließe mit einer Zusammenfassung meiner Argumente (Punkt 5).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Solidarität?
3. Die Familie
4. Familiale Solidarität heute
4.1. Generalisierte Reziprozität
4.2. Verpflichtungen, Normen und Ideale
4.3. Schwächt die Interaktion des Staates das solidarische Miteinander?
4.4. Die Gesellschaft im Wandel
4.5. Asymmetrische Ressourcenverteilung versus Dankbarkeit
4.6. Die Liebe und das Geld – ein Widerspruch bezüglich der Solidarität?
4.7. Die Individualisierungsthese
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Forschungsfrage, ob die familiale Solidarität in Deutschland aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen in der Krise ist. Dabei wird argumentiert, dass familiale Solidarität keineswegs schwindet, sondern sich in ihrer Form wandelt und durch freiwillige, emotionale Bindungen sowie neue Lebensmodelle weiterhin Bestand hat.
- Wesen und Definition der Solidarität
- Strukturwandel der Familie (von der Großfamilie zur multilokalen Mehrgenerationenfamilie)
- Einfluss staatlicher Leistungen auf die familiale Unterstützungsbereitschaft
- Rolle von Reziprozität, Dankbarkeit und Liebe in Familienbeziehungen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Individualisierungsthese
Auszug aus dem Buch
4.3. Schwächt die Interaktion des Staates das solidarische Miteinander?
Was die Regelung der Solidarität angeht, interveniert auch der Staat in familiale Bindungen. In diesem Punkt wird allerdings oft diskutiert, ob die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen als positiv oder negativ bezüglich der familialen Solidarität eingestuft werden müssen. Doch obwohl oft die Argumente erbracht werden, dass Familienmitglieder sich auf staatliche Leistungen verlassen, bevor sie sich selber einbringen, sehe ich die Solidarität in der Familie nicht in der Krise. Nach Prisching sprechen drei Gründe für eine Schwächung der Solidarität im privaten Bereich. Hierzu zählt er die Verfügbarkeit öffentlicher Hilfssysteme, die unsichtbar werdende Armut und die Einkommenserhöhung (vgl. Prisching 2003: 180). Jedoch stellen diese Argumente für mich keine ausreichende Begründung für eine Schwächung der Solidarität dar. Was die öffentlichen Hilfssysteme angeht, werden diese benötigt, damit eine gewisse Schwelle an Notstand nicht unterschritten wird, denn Familienmitglieder können manchmal nicht alle Last tragen beziehungsweise alle Hilfe leisten, die nötig ist – auch wenn sie es wollen.
Generell kann der Wohlfahrtstaat aber nur als zweite Anlaufstelle für solidarische Handlungen angesehen werden, denn Hilfe und Unterstützungsleistungen sind in unserer Gesellschaft im wesentlichen familiär organisiert (vgl. Bertram 2000: 114). Nicht umsonst gilt die Familie schließlich, wie ich in Punkt 3 bereits erläutert habe, auch heute noch als „Welt größter Pflegedienst“ (Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.) 1998: 41). Zudem erlaubt es die Staatsverschuldung dem Staat wohl kaum genügend finanzielle Unterstützung zu leisten, um die familiale Solidarität vollständig zu ersetzen. Im Gegenteil, so sind doch immer wieder Debatten um Leistungskürzungen unseres Wohlfahrtstaats aktuell. Selbst wenn die finanziellen Bedürfnisse in einer Familie durch den Staat weitgehend abgedeckt werden können, finden weiterhin finanzielle Transfers unter den Familienmitgliedern statt. Gerade Menschen, die ein hohes Einkommen aufweisen, geben eher als Geringverdiener (Attias-Donfut / Ogg / Wolff 2005: 169). Somit lässt sich auch Prischings Argument bezüglich der Einkommenserhöhung entkräften.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur Krise der familialen Solidarität und Skizzierung des methodischen Vorgehens.
2. Was ist Solidarität?: Theoretische Herleitung des Begriffs Solidarität und Abgrenzung verschiedener Solidaritätsformen.
3. Die Familie: Definition und soziologische Einordnung der modernen Familie im Wandel.
4. Familiale Solidarität heute: Zentrale Auseinandersetzung mit Faktoren wie Reziprozität, Normen, Staatsinteraktion und Individualisierung.
5. Zusammenfassung: Fazit, dass familiale Solidarität trotz gesellschaftlichen Wandels bestehen bleibt und ihre Bedeutung behält.
Schlüsselwörter
Familiale Solidarität, Reziprozität, Familie, Generationenvertrag, Individualisierung, Wohlfahrtsstaat, Pflegedienst, Soziologie, soziale Bindung, Unterstützung, Dankbarkeit, Generationenbeziehungen, gesellschaftlicher Wandel, Altruismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die familiale Solidarität in Deutschland heute in einer Krise steckt oder ob sie sich lediglich an neue gesellschaftliche Gegebenheiten anpasst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Definition von Solidarität und Familie, die Bedeutung von Reziprozität, den Einfluss des Staates auf familiale Bindungen sowie die Rolle der Liebe und Individualisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die These zu widerlegen, dass familiale Solidarität aufgrund moderner Entwicklungen wie Individualisierung oder staatlicher Sozialleistungen abnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Hausarbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse soziologischer Definitionen und aktueller Konzepte zur Familiensoziologie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert, wie Reziprozität, Normen, staatliche Hilfe, der Wandel der Familienstrukturen (multilokale Mehrgenerationenfamilie) und die Individualisierung die familiären Beziehungen beeinflussen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Familiale Solidarität, Reziprozität, Generationenvertrag, Individualisierung und soziale Bindungen charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss des Staates auf die Familie?
Der Autor argumentiert, dass staatliche Leistungen die familiale Solidarität nicht ersetzen, sondern als notwendige Ergänzung dienen, wenn die Familie ihre Hilfeleistungen nicht mehr allein bewältigen kann.
Warum wird die Individualisierung nicht als Gefahr für die Solidarität gesehen?
Die Individualisierung wird als Zuwachs an Handlungsoptionen interpretiert, wodurch Solidarität auf einer bewussteren, freiwilligen Basis beruht und dadurch ihren wahren Charakter erhält.
- Arbeit zitieren
- Rebecca Biermann (Autor:in), 2010, Ist die familiale Solidarität in der Krise?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270016