Kriegsverbrecherprozesse in der DDR

Die Fälle Heinz Barth und Josef Blösche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

27 Seiten, Note: 2,0

Julius Ledge (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Fall Josef Blösche
2.1 Leben
2.1.1 Herkunft und Jugendjahre
2.1.2 Parteisoldat und SS-Mann
2.1.3 Warschauer Ghetto
2.1.4 Kriegsgefangenschaft und Rückkehr in die DD
2.2 Ermittlungen
2.3 Verhaftung und Vernehmungen
2.4 Gerichtsverfahren und Urteil

3. Der Fall Heinz Barth
3.1 Leben und Kriegsverbrechen
3.2 Ermittlunge
3.3 Gerichtsverfahren und Urteil

4. Vergleic

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Literatur
6.2 Internetseiten
6.3 Zeitungsartikel

1. Einleitung

Ein Foto, dass zu einem Symbol für den Holocaust geworden ist. Bewohner des Warschauer Ghettos werden von SS-Männern aus einem Gebäude getrieben. Ganz vorn ein Junge mit einer Mütze, erhobenen Armen und einem angsterfüllten Gesicht. Dieses Foto ist zu einem Sinnbild der deutschen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs geworden und heute in fast jedem Schulbuch für den Geschichtsunterricht zu finden.

In dieser Hausarbeit geht es jedoch nicht um den kleinen Jungen, sondern um den Mann in SS-Uniform, der hinter ihm steht, mit einem Stahlhelm auf dem Kopf und die Maschinenpistole auf sein Opfer gerichtet. Sein Name ist Josef Blösche, ein Mitläufer aus dem Sudetenland, der schon früh mit dem nationalsozialistischen Gedankengut sympathisiert. Nach seiner Ausbildung zum SS-Soldaten, wird er sich später einen besonders grauenhaften Namen im Ghetto von Warschau machen. Ein Teilaspekt dieser Hausarbeit liegt dabei auf dem Werdegang des Josef Blösche. Welche Stationen prägen ihn in seinem Leben besonders? Ist er von Anfang an die Person, die sich später in den Gräueltaten in Osteuropa zeigt?

Nachdem ein besonderer Blick auf das Leben und die Taten des Josef Blösche geworfen ist, schließt sich der Hauptaspekt dieser Arbeit an. Dabei geht es um die Strafverfolgung von Kriegsverbrechen in der DDR. Auch Blösche musste sich in einem solchen Kriegsverbrecherprozess verantworten. Um jedoch Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten, wird außer dem Fall Blösche noch ein weiterer Prozess behandelt. Es ist der Gerichtsprozess des ehemaligen SS-Untersturmführers Heinz Barth, der nach dem „Massaker von Oradour-sur-Glane“ schwere Schuld auf sich geladen hatte und nach dem Krieg, ähnlich wie Blösche, lange Zeit unerkannt in der DDR lebte.

Ziel dieser Hausarbeit ist nicht in erster Linie, die Lebensgeschichte der beiden Täter zu analysieren, obwohl ein Einblick in darin, in Hinsicht auf ihre Verbrechen unablässig ist, sondern die Kriegsverbrecherprozesse in der DDR genauer zu beleuchten. Warum wurde der SED-Staat mit seinem spezialisierten Ermittlungs- und Überwachungsinstrument erst so spät auf die Kriegsverbrecher aufmerksam, gab es Unterstützung von außen? Auf welchem Wege erfolgten die Ermittlungen? Wurden die Täter auf Grundlage der Rechtmäßigkeit verurteilt oder sollte an ihnen nur ein Exempel statuiert werden? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit analysiert und geklärt werden. Im Vordergrund stehen also die Art der Ermittlungsverfahren gegen die Täter sowie der Charakter der darauf folgenden Gerichtsverfahren. Dabei wird auch beleuchtet, welche Strategien die Verteidiger der Angeklagten anwendeten, um ihre Mandanten vor der erdrückenden Beweislast zu schützen. Interessant ist auch die Frage, ob es sich bei dem Gerichtsverfahren nur um die Zuführung einer gerechten Strafe für die Täter handelte oder ob der Partei- und Führungsapparat der DDR auch andere Ziele damit verfolgte. Dienten beide Fälle der DDR für einen ausgeschlachteten, politischen Schauprozess, sodass man die viel verwendete Bewertung als Unrechtsstaat in Hinsicht auf die Rechtspraxis ohne weiteres übernehmen könnte? Interessant ist auch die Überlegung, wie beide Täter im anderen deutschen Staat verurteilt worden wären. Diese Thematik soll im abschließenden Vergleich der beiden Fälle angeschnitten werden.

Um all diese Fragen zu klären, stützt sich die Hausarbeit auf Quellen und Forschungsliteratur. Der Fall Josef Blösche war bis zum Anfang des neuen Jahrtausends noch weitgehend unbekannt. Erst im Jahr 2000 recherchierte der Westdeutsche Rundfunk in der Berliner Birthler-Behörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in der ehemaligen DDR. Heribert Schwan produzierte auf dieser Grundlage zusammen mit der Psychologin Helgard Heindrichs eine umfassende Fernsehdokumentation, deren Erweiterung auch als Buch erschien. Dieses Buch ist bis heute umfangreichste Werk zum Thema Josef Blösche und bildet daher die Grundlage dieser Hausarbeit. Zu finden sind hier zahlreiche Quellen aus den Vernehmungen und dem Gerichtsverfahren sowie Abbildungen von Originalschriftstücken des Kriegsverbrechers. Zusätzlich wird die Arbeit gestützt auf Werke von anderen renommierten Historikern, die sich mit Kriegsverbrecherprozessen und der DDR Justiz befassen. Zu erwähnen wäre hier Joachim Jahns, Henry Leide und Norbert Frei. Der Fall Heinz Barth ist lediglich in einigen Sekundärwerken zum Massaker von Oradour oder zu der Verfolgung von NS-Tätern erwähnt. Eine entsprechendes Werk zur Person Heinz Barth wurde 1984 in der DDR von Horst Busse und Peter Przybylski veröffentlicht. Obwohl dem Buch recht deutlich die SED Ideologie anzumerken ist, liefert es jedoch eine Vielzahl wichtiger Fakten rund um Barths Tätigkeit, Prozess und Urteil.

2. Der Fall Josef Blösche

2.1 Leben

2.1.1 Herkunft und Jugendjahre

Um den Fall Josef Blösche auswerten zu können, um vielleicht zu verstehen, wie ein einfacher Kellner und späterer treusorgender Familienvater zum gefürchtetsten Henker des Warschauer Ghettos werden konnte, ist es unerlässlich, seine Lebensgeschichte genauer zu betrachten und dabei die Faktoren zu analysieren, die maßgeblich zu seiner Entwicklung beitrugen.

Josef Blösche wird am 5. Februar 1912 in Friedland, einer kleiner böhmischen Stadt am Isergebirge geboren. Nach seinen zwei Geschwistern Berta und Gustav, ist Josef nun der jüngste der Familie. Seine Eltern sind in der Landwirtschaft tätig und besitzen einen kleinen Ziegeleibetrieb mit zwei Angestellten, sowie eine größere Gastwirtschaft, die Treffpunkt für die kleinstädtisch-ländliche Gemeinschaft ist. Der Familie, der es finanziell nie schlecht geht, stehen jedoch unruhige Zeiten bevor. Als Josef zwei Jahre alt ist, bricht nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo der Erste Weltkrieg aus. Nun wird auch sein Vater zum Kriegsdienst als Soldat herangezogen. Die Mutter muss sich nun allein um Betrieb, Gaststätte und Kinder kümmern. Für letzteres bleibt allerdings kaum Zeit. Während der Kriegsjahre muss sich Josef an seinen älteren Geschwistern orientieren. Statt selbstständig Entscheidungen zu treffen, was nach dem Entwicklungspsychologen Erik Erikson zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung führt, muss er sich der autoritären Erziehung der Mutter unterordnen. [1] Gehorchen und Anweisungen ausführen, ohne zu widersprechen entsprechen dem Erziehungsverhalten auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dem heranwachsenden Josef Blösche ist damit jegliche Möglichkeit auf Selbstständigkeit verwehrt, was nach der heutigen Entwicklungspsychologie zu starken Störungen der Persönlichkeit führen kann. [2]

Während der Vater 1918 aus dem Krieg wiederkehrt, wird sein jüngster Sohn in die erste Klasse eingeschult. Der verlorene Krieg sorgt, wie in ganz Europa auch in Friedland für zahlreiche Entbehrungen. Auch Blösches Heimat ist nicht mehr die selbe. Plötzlich lebt seine Familie im neu gegründeten Staat Tschechoslowakei und bildet hier, zusammen mit weiteren drei Millionen Deutschen eine Minderheit. Die sogenannten Sudetendeutschen erfahren in der CSR Anfeindungen und politische Anfeindungen. Es bilden sich rechtsgerichtete Vereine und Verbände, die die reichsdeutschen Gedanken der deutschen Minderheit aufnehmen und politisch propagieren. Auch Josefs Vater ist Mitglied in verschiedenen Vereinen. Der inzwischen 14-jährige Josef Blösche, beendet nach nur sieben Klassenstufen seine Schullaufbahn. Er arbeitet fortan als Knecht und macht eine Ausbildung zum Kellner am elterlichen Gasthof. Sein Vater führt ein strenges Regiment. Anpassung und bedingungsloser Gehorsam sind die Regel. Josef muss sich seinem Vater unterordnen und hat seinen Weisungen, ohne Fragen zu stellen Folge zu leisten. [3] Da die Pubertät eine der wichtigsten Phasen der Charakterbildung ist, werden höchstwahrscheinlich bereits hier die Grundsteine für Blösches späteres Auftreten im Warschauer Ghetto gelegt. Ähnlich wie der Vater ist auch Josef in verschiedenen Vereinen engagiert. [4] Er sammelt hier immer mehr Erfahrungen mit dem reichsdeutschen Gedankengut und vom eigenen Status der Minderheit.

Als Sprachrohr für die deutschen Interessen der Sudetendeutschen fungiert die „Sudetendeutsche Partei“, deren Mitglied ab 1935 auch Josef Blösche ist. Er ist hier unter anderem im „Freiwilligen Schutzdienst“ engagiert und übernimmt Aufgaben als Ordner und Saalschutz. Bei häufigen gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Parteigegnern, macht sich Blösche schon früh einen Namen als radikaler Schläger. [5]

Das nationalsozialistische Deutschland mit Adolf Hitler an der Spitze erkennt unterdessen den Konflikt der sudetendeutschen Minderheit in der Tschechoslowakei und nutzt diesen, um unter dem Vorwand der Selbstbestimmungsrechte und des Minderheitenschutzes, die sudetendeutschen Gebiete dem deutschen Reich einzugliedern. [6] Blösches Heimat gehört nun zu Deutschland.

2.1.2 Parteisoldat und SS-Mann

Friedland, die Geburtsstadt Blösches ist nun Teil Nazi-Deutschlands. Die Sudetendeutsche Partei und ihre Mitglieder werden nahtlos in die NSDAP übernommen. Der 26-jährige Josef Blösche gliedert sich ebenso in den Verband der SS ein. Anders als die Sudetendeutsche Partei sind die NSDAP und die SS bestens organisierte Körperschaften. Blösche ist nun in der Pflicht, an Schulungs- und Propagandaveranstaltungen teilzunehmen. Hier kommt er immer mehr mit der Ideologie der Nationalsozialisten in Berührung. Vermittelt werden ihm Hass gegen Andersdenkende und die Überlegenheit der eigenen Rasse. Inwiefern er sich politisch engagierte kann heute nicht mehr, ohne Spekulationen mit ins Spiel zu bringen geklärt werden. Fakt ist jedoch, dass er damals keine ungewöhnliche Position einnahm, denn es war weder selten Mitglied der Sudetendeutschen Partei und später der NSDAP zu sein, noch war es bei einem Großteil der Bevölkerung unmoralisch, sich mit der Ideologie der Nationalsozialisten zu identifizieren. Wirft man einen Blick auf Blösches spätere Verbrechen im Warschauer Ghetto, so wird schnell klar, dass er ein überzeugter Verfechter der NS-Rassenideologie gewesen sein muss. Denn als einfacher Mitläufer, der sich mit diesen Ideen kritisch auseinandersetzt, sind vor allem seine Einzeltaten nicht zu erklären. Nur jemand, der sich völlig mit den Vorstellungen von der Überlegenheit der eigenen Rasse und der Minderwertigkeit des propagierten jüdischen Feindbildes identifiziert ist imstande, derartige Verbrechen zu begehen, die weit über den erhaltenen Befehl hinausgehen.

Im Winter 1939 erhält der inzwischen 27-jährige Josef Blösche eine Dienstverpflichtung der SS. [7] Zunächst wird er zur Grenzpolizeischule nach Pretzsch, einer kleinen Stadt an der Elbe abkommandiert. Neben der theoretischen Ausbildung für seine spätere Tätigkeit als Grenzsoldat, wird ihm hier auch der Umgang mit Schusswaffen vermittelt. Nach der dreimonatigen Ausbildung wird er im Frühjahr 1940 nach Warschau versetzt. Obwohl er hier noch keine nennenswerten Aufgaben zu verrichten hat, kommt er doch zum ersten Mal mit dem laufenden Kriegsgeschehen in Berührung. Die polnische Hauptstadt ist nach einer dreiwöchigen Bombardierung und Belagerung durch deutsche Truppen zum Teil schwer beschädigt. Es gibt tausende Tote, zerstörte Gebäude und sehr schlechte ökonomische Lebensbedingungen. Hinzu kommt der Terror der deutschen Truppen auf die einheimische Bevölkerung. Wahllose Verhaftungen, Deportationen, Mord und Erschießungsaktionen bestimmen das Bild der besetzten Stadt. Josef Blösche ist jedoch noch nicht in dieses Bild integriert. Bereits nach wenigen Wochen wird der Grenzsoldat Richtung Osten versetzt. In Platerow ist er damit beauftragt, auf Streife an der sowjetischen Grenze zu gehen. Ein ganzes Jahr verbringt er in seiner neuen Dienststelle, dann verschlägt es ihn weiter nach Siedlce. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gibt es die sowjetische Grenze jedoch nicht mehr, also auch keine Aufgaben mehr für Josef Blösche. Er wird zurück nach Warschau abkommandiert. Hier hat das Warten auf einen „richtigen“ Einsatz für Blösche ein Ende.

[...]


[1] Heindrichs, Helgard; Schwan, Heribert: Der SS-Mann. Leben und sterben eines Mörders. München 2005. S. 28.

[2] Ebenda.

[3] Heindrichs; Schwan. S. 34 f.

[4] Josef Blösche ist Mitglied im „Bund der Deutschen Landjugend“, einer landwirtschaftlichen Organisation, ebenso im „Volkssport“, einem Sport- und Turnverein und zusätzlich engagiert er sich in der „Deutschen Nationalen Jugend“, einer erklärt rechtsgerichteten Organisation. (Heindrichs; Schwan. S. 37.)

[5] Heindrichs; Schwan. S. 40.

[6] Kershaw, Ian: Hitler. 1936 – 1945. München 2002. S. 218 ff.

[7] Heindrichs; Schwan. S. 49.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Kriegsverbrecherprozesse in der DDR
Untertitel
Die Fälle Heinz Barth und Josef Blösche
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Kriegsverbrecherprozesse nach 1945
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V270133
ISBN (eBook)
9783656614982
ISBN (Buch)
9783656614999
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Josef Blösche, Heinz Barth, SS, oradour sur glane, Nachkriegsverbrecherprozesse, Kriegsverbrecherprozesse, Kalter krieg, Nürnberger Prozesse, DDR, Staatssicherheit, Stasi, Massaker von Oradour, Warschauer Ghetto, Ghetto, Henker von Warschau, Auschwitz
Arbeit zitieren
Julius Ledge (Autor), 2013, Kriegsverbrecherprozesse in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270133

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