Rituale in der Kindheit

Wie Gewohnheiten helfen, das Leben zu meistern


Fachbuch, 2014
131 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Warum Rituale in der Kindheit wichtig sind
Einleitung
Klärung des Begriffs „Ritual“
Rituale in der Kindheit
Rituale im Kindergartenalltag
Fazit
Literatur

Kinder und Rituale
Einleitung
Rituale – Definition und Funktionen
Kinder und Rituale
Zusammenfassung und Fazit
Literaturverzeichnis

Rituale für Kinder: Ein pädagogisch wertvolles Hilfsmittel
Teil
Teil
Quellenangabe
Anhänge
Diagramme
Eltern- / Erzieherbrief
Vorlage Fragebogen Kinder
Vorlage Fragebogen Erzieher
Vorlage Fragebogen Eltern

Rituale und Regeln
Einleitung
Rituale
Regeln
Interview zu Ritualen und Regeln in der Schule
Resümee
Quellen
Anlage

Rituale und Zeremonien als soziokulturelles Gut
Einleitung
Vorgehensweise
Definition und Wortgeschichte
Ritual, Ritus, Ritualisierung, Ritualismus
Ritual und Symbol
Ritual und Religion
Ritual als Form der Kommunikation und Mittel zur Bewältigung von Allgemeinheiten und Besonderheiten im Alltag
Rituale im Gesundheitswesen
Übergangsriten
Entritualisierung oder Renaissance der Rituale?
Zusammenfassende Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis

Warum Rituale in der Kindheit wichtig sind

Von Carina Groth, 2009

Einleitung

Was machen Rituale aus und wozu dienen sie? Was genau ist ein Ritual? Diese Fragen werde ich im ersten Teil meiner Arbeit klären. Zunächst werde ich den Begriff Ritual klären und gehe dabei auf die Ansichten von Arnold van Gennep und Lorelies Singerhoff näher ein.

Im nächsten Teil geht es um die Rituale in der Kindheit. Hier gibt es viele rituelle Handlungen und Abläufe, die zu bestimmten Ereignissen stattfnden (z.B. Namensgebung, Einschulung, die „Gutenachtgeschichte“). Aber was bedeuten Rituale für Kinder? Viele Abläufe nehmen in der Kindheit rituellen Charakter an, sei es durch die Erwachsenen vorgegeben oder durch die Kinder, die sich selbst oft ihre eigenen kleinen Rituale schaffen. Warum das so ist und warum Rituale so wichtig für Kinder sind, werde ich im Folgenden beschreiben. Dabei gehe ich auf die verschiedenen Entwicklungsbereiche ein, die im Kindergarten auch durch Rituale gefördert werden. Mit Hilfe von rituellen Handlungssequenzen können nämlich unterschiedliche Fähigkeiten bei Kindern sensibilisiert und ausgebaut werden. Hierzu fnden sich dann im weiteren Verlauf meiner Arbeit zwei Praxisbeispiele aus dem Alltag in Kindertageseinrichtungen. Zunächst wird der „Morgenkreis“ als Beispiel angeführt, den man in den meisten Einrichtungen für Kinder fndet. Da ich während meiner Ausbildung zur Erzieherin und auch später wieder in einem Montessori-Kinderhaus gearbeitet habe, stelle ich die Stille-Übung vor, die ich für ein gutes Beispiel einer rituellen Handlungssequenz sehe.

Klärung des Begriffs „Ritual“

In einer Gesellschaft wechselt jedes Individuum im Laufe seines Lebens von einer Altersstufe zur nächsten. Dabei ist der Übergang von einer Gruppe zur anderen durch spezielle Handlungen, die bei tribalen Kulturen in Zeremonien eingebettet sind, gekennzeichnet. Übergänge von einer Gruppe zur anderen oder von einer sozialen Situation zur anderen sind notwendig im Leben bzw. von Natur aus vorgegeben und gehören dazu, wie beispielsweise die Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg in eine höhere Klasse, Tätigkeitsspezialisierung. Solche Ereignisse haben immer eine Anfangs- und eine Endphase, zu denen Zeremonien mit einem identischen Ziel gehören. Das Individuum wird aus einer genau definierten Situation in eine andere, auch genau definierte Situation hinübergeführt. Durch das Gelangen von einer Etappe zur nächsten und das Überschreiten von Grenzen, verändert sich das Individuum. Diese Abläufe im Leben richten sich nach und gleichen den Abläufen in der Natur, wovon weder das Individuum, noch die Gesellschaft unabhängig sind. So wirken sich auch die rhythmischen Veränderungen des Universums auf das Leben eines jeden Individu- ums und der Gesellschaft an sich aus. Beispiele hierfür sind der Übergang von einer Jahreszeit zur anderen oder von einem Jahr zum anderen. (vgl. van Gennep 1981, S. 13 – 16)

Arnold van Gennep beschreibt eine besondere Kategorie der Übergangsriten („rites des passages“). Diese unterteilen sich in Trennungsriten („rites de separation“), Schwellen- bzw. Umwandlungsriten („rites de marge“) und Angliederungsriten („rites d’agregation“).

Übergangsriten erfolgen also, theoretisch zumindest, in drei Schritten: Trennungsriten kennzeichnen die Ablösungsphase, Schwellen- bzw. Umwandlungsriten die Zwischenphase (die Schwellen- bzw. Umwandlungsphase) und Angliederungsriten die Integrationsphase. Diese drei Phasen sind jedoch nicht in allen Kulturen oder in allen Zeremonialkomplexen gleich stark ausgebildet. (van Gennep 1981, S. 21)

Bei Bestattungen finden sich dementsprechend vorwiegend Trennungsriten, bei Hochzeitszeremonien Angliederungsriten und bei einer Schwangerschaft oder Verlobung beispielsweise kommen vor allem Umwandlungsriten vor. Diese dreigliedrige Struktur der Übergangriten kann sich in manchen Fällen noch weiter differenzieren. Arnold van Gennep beschreibt hier beispielsweise die Zeit des Verlobtseins, die einen Übergang von der Adoleszens zum Verheiratetsein darstellt. Dabei finden sowohl beim Übergang von der Adoleszens zum Verlobtseins, als auch beim Übergang vom Verlobtsein zum Verheiratetsein verschiedene Trennungs-, Umwandlungs- und Angliederungsriten statt. (vgl. van Gennep 1981, S.21)

Lorelies Singerhoff beschreibt Übergänge von einer Lebensphase in eine andere als Scheidepunkte. Die Entwicklung eines Individuums ist danach in verschiedene Richtungen möglich. Solche Scheidepunkte sind von rituellen Handlungen begleitet, um zu versinnbildlichen, was geschieht, d.h. das etwas abgeschlossen wird und etwas Neues beginnt.

Für Übergänge muss ein Individuum jedoch offen sein und sich darauf einlassen, da die Auswirkungen misslungener Übergänge krank machen können (z.B. Depressionen). In unserer Gesellschaft, die danach strebt, alles kontrollieren und lenken zu können, haben wir auf viele Übergangssituationen keinen Einfluss. So fällt es vielen Menschen schwer, sich darauf einzulassen und sich an die neue Begebenheit zu gewöhnen. Rituale sind bei vielen Übergangssituationen sehr wichtig. (vgl. Singerhoff 2006, S. 59)

„Rituale erleichtern diese Erfahrung und stützen den Menschen in seiner Entwicklung.“ (Singerhoff 2006, S. 59)

Rituale in der Kindheit

Auch und besonders im Kleinkindalter findet man eine ganze Reihe von Riten, welche das Kind von einer Lebensphase zur nächsten begleiten.

Der wichtigste Übergang ist erst einmal der Übergang aus dem „Nichts“ ins Leben, also von der Zeugung bis zur Geburt. Weitere Übergänge, die auch von Ritualen begleitet werden, sind die Phasen vom Säugling zum Kleinkind, vom Kleinkind zum Kindergartenkind, vom Kindergartenkind zum Schulkind usw. Diese Übergänge werden von rituellen Handlungen begleitet und helfen dem jeweiligen Individuum sich in dem neuen Lebensabschnitt zurechtzufinden. Beispiele hierfür sind der Eintritt in den Kindergarten und später in die Schule, wobei die Einschulung meist in einem größeren Rahmen geschieht. (vgl. Singerhoff 2006, S. 59)

Arnold van Gennep führt zu diesen Übergängen weitere Beispiele an:

Das Schema der Kindheitsriten umfaßt […] folgende Riten: Zertrennung der Nabelschnur; Besprühen und Baden des Kindes; Abfallen der vertrockneten Nabelschnur; Namengebung; erster Haarschnitt; erste Mahlzeit im Familienkreis; erstes Zahnen; erstes Laufen; erstes Verlassen des Hauses; Beschneidung; erstes Anlegen geschlechtsspezifischer Kleidung usw. (van Gennep 1981, S. 67)

Weiter geht Gennep auf den Ritus der Namensgebung ein, die als Angliederungsritus gesehen werden kann. Dabei wird das Kind auf der einen Seite individualisiert und auf der anderen gleichzeitig in eine soziale Gemeinschaft aufgenommen. Bei der Taufe, die früher als Trennungsritus bzw. als Reinigungs- und Befreiungsritus gesehen wurde, sollte der Getaufte von der früheren profanen oder unreinen Welt gelöst werden. Hierbei weist van Gennep jedoch darauf hin, dass man bei der Interpretation dieses Rituals vorsichtig sein sollte. Denn, wenn die Taufe mit geweihtem Wasser statt gewöhnlichem Wasser vollzogen wird, kann es auch die Funktion eines Angliederungsritus haben. Somit würde der Getaufte auch etwas hinzugewinnen und nicht nur etwas verlieren. (vgl. van Gennep 1981, S. 69)

Rituale in der Kindheit sind kulturell unterschiedlich. In der christlichen Tradition durften gefährdete Kinder schon im Mutterleib getauft werden, wenn nicht sicher war, ob das Kind lebend geboren wird oder die Geburt eventuell nicht übersteht. Auch werden viele Kinder noch im Taufkleid getauft, das von Generation zu Generation wei- tergegeben wird. Weitere religiös geprägte Rituale in der Kindheit sind Kommunion, Firmung und Konfirmation.

Rituale im Kindergartenalltag

Warum sind Rituale wichtig für Kinder?

Damit ein Kind sich leichter in der Welt zurechtfinden kann, laufen viele Dinge bzw. Handlungen in einer bestimmten Art und Weise ab. Dadurch kommt es zu Abläufen, die rituellen Charakter haben. Ein Beispiel sind die täglichen Mahlzeiten, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort eingenommen werden. Diese Regelmäßigkeiten geben dem Kind Sicherheit und auch eine Hilfestellung, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie vermitteln Kindern Geborgenheit, Liebe und Zuneigung.

Beobachtet man Kinder, kann man bemerken, dass sie viele Dinge, die sie täglich tun, ganz von alleine in einem immer wiederkehrenden Ablauf tun. Sie entwickeln selbst eine Regelmäßigkeit in bestimmten Situationen und lernen somit ihre Umgebung und die Dinge, von denen sie täglich umgeben sind, besser kennen. (vgl. Biermann 2002, S. 11 – 12)

Dadurch, dass Dinge und Handlungen eine Regelmäßigkeit aufweisen, kann man sie leichter aufnehmen, sie leichter verstehen, sie leichter nachvollziehen, sie leichter in sein Leben mit aufnehmen, man kann sich leichter orientieren, man bekommt Mut mitzumachen, es selbst zu tun, denn das, was von einem erwartet wird, ist bekannt. (Biermann 2002, S. 12)

Damit erleichtern solche Regelmäßigkeiten und immer wiederkehrenden Abläufe unseren Alltag.

Auch in Kindergärten und sonstigen Tageseinrichtungen für Kinder findet man verschiedene Tätigkeiten, die einen immer wiederkehrenden Ablauf haben. Sie sollen auch dort den Kindern helfen, sich in der Einrichtung und der Gruppe zurechtzufinden. So sollen Ängste und Unsicherheiten überwunden werden und neue Verbindungen z. b. in Form von sozialen Kontakten entstehen. Rituelle Handlungen haben somit vor allem auch eine große Bedeutung für das soziale Verhalten der Kinder.

Diese Rituale im Kindergarten sind positiv bewertet, sie sollen Spaß machen. Das bedeutet, sie gliedern sich vielmehr spielerisch in den Tagesablauf der Kinder ein. Rituale können den Kindern „Halt, Geborgenheit, Freude und Sicherheit geben, sie in der Entwicklung ihrer Sozialkompetenz unterstützen, dazu beitragen, ihnen neue Werte zu vermitteln, […] sie dazu anleiten […] ihre Sinne zu gebrauchen, ihre Phantasie anzusprechen […].“ ( Biermann 2002, S. 13 – 14)

Rituale sind in den verschiedenen Tageseinrichtungen teilweise unterschiedlich in ihrem Ablauf, da sie immer an die jeweilige Gruppe oder die gesamte Einrichtung und deren Ziele und Bedürfnisse angepasst sind.

Wichtig sind Rituale aber in allen Kindertageseinrichtungen. Durch das bewusste Inszenieren von Zeit und Raum, werden Erlebnisse geschaffen, die das Bewusstsein der Kinder erweitern. So bieten Rituale eine Möglichkeit, Kinder im sprachlichen, kognitiven, emotionalen, motorischen und sozialen Bereich zu fördern. Als Ausgleich zu dem aktiven und anstrengenden Geschehen in der Kindergartengruppe während des freien Spielens, können Rituale, zeitlich und räumlich gelöst vom Gruppengeschehen, für Entspannung sorgen.

Rituale sind in Kindertageseinrichtungen feststehende Handlungssequenzen, die in verlässlicher Art und Weise ablaufen. So können die Kinder sich darauf freuen und das Ritual hat eine emotionale Wirkung. Werden diese mit immer gleichen Sprachmustern bewältigt, wirkt sich dies auch auf die sprachliche Entwicklung der Kinder aus. Rituelle Handlungen stellen Strukturierungshilfen bei der Selbstorganisation des Tagesablaufes dar und wirken damit kognitiv. Sie laufen automatisiert ab, gelten als Ordnung und Orientierung für alle Gruppenmitglieder und wirken sich so auf die soziale Entwicklung der Kinder aus. Die motorische Entwicklung wird gefördert, wenn diese rituellen Handlungssequenzen mit immer gleichen oder ähnlichen motorischen Abläufen bewältigt werden. (vgl. Jackel 1999, S. 17)

Praxisbeispiel: Morgenkreis

Einen Stuhl- oder Sitzkreis, in dem alle Mitglieder einer Gruppe oder Klasse zusammen kommen, fndet sich in den meisten Tageseinrichtungen für Kinder, sei es im Kindergarten, Hort oder Schule, wieder. In den meisten Einrichtungen fndet dieser zu Beginn des Tages statt (Morgenkreis) und stimmt auf den kommenden Vormittag ein.

Zu Beginn eines solchen Morgenkreises steht oft ein Begrüßungslied, das jeden Tag wiederkehrt und somit einen verlässlichen Bestandteil des morgendlichen Ablaufs darstellt. (vgl. Jackel 1999, S. 73) Das Zusammenfinden der Gruppe mit dem gemeinsamen Singen des Liedes hebt sich vom vorherigen Ablauf in der Gruppe ab und kann so als Trennungsritus gesehen werden. Nach solch einem Begrüßungslied wird den einzelnen Kindern meist die Möglichkeit gegeben, etwas zu erzählen oder zu zeigen. Zum Beispiel kann ein „Erzählstein“ dazu genutzt werde. Dieser wird reihum weitergegeben und wer ihn in der Hand hält, darf sich mitteilen. Die Kinder werden jedoch nicht dazu gezwungen, sich mitteilen zu müssen. Wer nichts beitragen möchte, kann den Stein z.B. auch einfach dem nächsten Kind weitergeben. Somit wird jedes Kind respektiert, hat aber trotzdem die gleiche Chance, wie alle anderen, am Gruppengeschehen teilzunehmen und muss sich nicht ausgeschlossen fühlen. Bei einer Gruppe, zu der gerade neue Mitglieder gestoßen sind, wird oft ein Kennenlernspiel eingebaut, um die Namen der neuen Mitglieder und die Gruppe an sich spielerisch kennen zu lernen. „Steht zum besonderen Anlaß eines Kindergeburtstages ein Geburtstagsritual an, kann es durchaus hier im Morgenkreis seinen Platz fnden; […] die Geburtstagskerze, das Geburtstagslied, ein von ihm gewünschtes Spiel und/oder sein Lieblingslied […]“ finden zum Geburtstag eines Kindes im Kreis der Gruppe statt. (Jackel 1999, S. 75) Alles Dinge, die im mittleren Teil des Morgenkreises stattfnden, sind auch Teil der Zwischenphase bzw. Schwellen- oder Umwandlungsphase.

Der letzte Teil eines Morgenkreises beinhaltet ein Planungsritual, welches die ErzieherInnen nutzen, um die weiteren Angebote oder Vorhaben des Tages anzukündigen und / oder zu besprechen. (vgl. Jackel 1999, S. 76) Dieser Teil kann als Angliederungsritus oder Integrationsphase gesehen werden, da er in den nächsten Teil des Vormittags einleitet. Anschließend können die Kinder entspannt ins Freispiel gehen oder an geleiteten Angeboten teilnehmen. (vgl. Jackel 1999, S. 76)

Praxisbeispiel: Stille-Übung

Eine der Hauptübungen in der Montessori-Pädagogik sind die Lektionen des Schweigens oder der Stille. Maria Montessori sieht dies als eine selbsttätige kindliche Einübung ins Menschsein. (vgl. Steenberg 1997, S. 190)

Die Stille ist für sie eine Gegebenheit, die entweder die Einsamkeit oder aber die Zustimmung einer Anzahl von Menschen fordert. Dabei wird das Bewusstsein geschult, gemeinsam zu handeln, um ein Ergebnis zu erreichen. Denn wenn einer nicht damit einverstanden ist, bricht die Stille. Soziales Handeln wird hierbei gefordert und gefördert. Ein wichtiger Aspekt bei einer Stille-Übung ist auch die Vorbereitung der Umgebung, der sich in drei Teile gliedert. Die Absicht dabei ist, dass die Stille nicht von einem Erzieher / einer Erzieherin herbeigeführt wird, sondern von den Kindern selbst. Als erstes wird bei der Vorbereitung alles „leer“ gemacht, womit das Fortlegen aller Materialien vom Platz gemeint ist und eine Ordnung geschaffen wird. (vgl. Steenberg 1997, S.191) Dieses „Leermachen“ kann mit einem Trennungsritus verglichen werden, da hier bewusst eine völlig andere Situation als das freie Spiel der Kinder geschaffen wird. Der zweite Punkt beinhaltet, die eigene Person in Ordnung zu bringen, d.h. eine bequeme Stellung (z.B. Sitzposition) einzunehmen, so dass man sich ganz wohl fühlt und in dieser Position ruhig verweilen kann, ohne sich bewegen zu müssen. Dies schließt den dritten Aspekt mit ein, Bewegungsantriebe zu hemmen bzw. Bewegungen zu kontrollieren, wie z.B. geräuschlose Atembewegungen, bewegungslose Arme und Beine. Um Kindern das Schweigen bzw. still sein zu lehren, beschränkt sich die Erzieherin darauf, dies zu demonstrieren, also es selbst vor zu machen ohne mit Worten zu beschreiben, was die Kinder tun sollen. Die Kinder ahmen diese Haltung nach und nach und nach werden äußere Geräusche immer mehr wahrgenommen, ohne jedoch die innere Stille zu stören. Die Übung kann intensiviert werden, indem der Raum abgedunkelt wird oder die Augen geschlossen werden. So wird die Intensität der Wahrnehmung gesteigert. Die Bedeutung dieser Lektion der Stille oder des Schweigens liegt darin, Kindern Stille erfahrbar zu machen und diese genießen zu können. (vgl. Steenberg 1997, S. 191 ff.) „Der Genuß der Stille besteht im Genuß der Früchte der Konzentration des Geistes – Ausgeglichenheit, Ruhe, Freude und Heiterkeit. Das Gemüt bildet sich heraus. Die Fähigkeit geistiger Wert-Schätzungen als Basis geistiger Bindungsprozesse entwickelt sich.“ (Steenberg 1997, S. 195)

Nach Montessori führt die Fähigkeit, die Stille zu genießen, über die Verfeinerung von Gehörwahrnehmungen hin zur Öffnung des Geistes. Über die Verfeinerung der Bewegung (Koordination, Gleichgewicht, Kontrolle, Gehorsam, Anmut, Geschicklichkeit) führt sie hin zu spontan auftretender höherer Disziplin, der Freiheit im Sinne der Selbstkontrolle. Insgesamt haben Stille-Übungen eine sensibilisierende Wirkung und fördern die Entwicklung des sozialen, moralischen und religiösen Sinnes. (vgl. Steenberg 1997, S. 195 ff.)

Fazit

In Kindertageseinrichtungen haben viele Handlungen rituellen Charakter, die nicht ausschließlich zur Strukturierung des Tagesablaufs dienen. Sie geben Kindern alswie auch Erziehern Sicherheit. Kinder gewinnen dadurch einen leichteren Überblick über den Tagesablauf und können das Geschehen im Laufe eines Tages auch zeitlich bes- ser einordnen. Beispielsweise orientieren sie sich daran, dass nach dem Morgenkreis gespielt und gefrühstückt werden kann. Ein bestimmtes Signal (z.B. das Läuten einer Glocke) deutet das gemeinsame Aufräumen an und lässt absehen, dass die Kinder bald von ihren Eltern abgeholt werden oder es Mittagessen gibt.

Aus meiner Erfahrung werden rituelle Handlungen im Kindergarten teilweise nur als Regelungen angesehen, woran die Kinder sich strikt halten sollen. Hier werden solche Handlungen manchmal einfach unbewusst übernommen, ohne über den Sinn nachzudenken. Da Rituale aber auch dem Erwerb neuer Fähig- und Fertigkeiten der Kinder dienen, sollte sich bewusst gemacht werden, was als Gewohnheit gesehen werden kann und was ein Ritual ist. Bei einer rituellen Handlung sollten die Teilnehmer dabei in vollem Bewusstsein handeln, was bei der Gewohnheit nicht der Fall ist. Auch sollten die Rituale nicht unbedingt einem starren Ablauf folgen, sondern sich an die Bedürfnisse der Kindergruppe richten. Aus meiner Erfahrung helfen rituelle Handlungssequenzen, wie z.B. der Morgenkreis und auch Stille-Übungen den Kindern, sich im Alltag zurechtzufnden. Sie bilden einen verlässlichen Punkt im Laufe eines Kindergartenvormittages. Sie erweitern das Bewusstsein der Kinder und fördern alle Bereiche ihrer Entwicklung.

Kinder verlassen sich auf diese regelmäßig wiederkehrenden Abläufe, sind enttäuscht, unsicher oder unruhig, wenn diese Handlungen, nicht wie gewohnt ihren Platz im Tagesablauf fnden. Dafür steht auch beispielhaft das abschließende Zitat:

Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen“, sagte der Fuchs. „Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, umso glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll … Es muss feste Bräuche geben. (Antoine de Saint-Exupery)

Literatur

Van Gennep, Arnold (1986): Übergangsriten. Campus: Frankfurt/Main

Biermann, Ingrid (2002): Rituale machen Kinder stark. Kösel-Verlag: München

Steenberg, Ulrich (1997): Handlexikon zur Montessori-Pädagogik. Kinders: Ulm Jackel, Birgit (1999): Rituale als Helfer im Grundschulalltag. Borgmann: Dortmund

Singerhoff, Lorelies (2006): Rituale. mvgVerlag: Heidelberg

Kinder und Rituale

Warum sind Rituale für Kinder in der Familie sinnvoll und wichtig?

Von Sandy Brunner, 2007

Einleitung

Heutzutage stellen sich viele Eltern die Frage, wie sie ihren Kindern moralische und ethische Werte vermitteln können in einer von Oberflächlichkeit, Materialismus und Medienkonsum beeinflussten Gesellschaft. Die heutigen gesellschaftlichen Bedingungen sind nicht gerade förderlich für ein harmonisches Familienleben. Die Individualisierung und die Auflösung traditioneller Bindungen führt zu einem Rückgang des öffentlichen Lebens, „… dem eine erhöhte Erwartung an das Private und im speziellen an die familiären Beziehungen in der Kernfamilie folgt.“ (vgl. Sennet, 1998, S. 189/190; zit. nach Lossin, 2003, S. 19) Wenn sich heute Eltern für ein Kind entscheiden, geschieht dies vorwiegend (im Hinblick auf heutige Verhütungsmöglichkeiten) aufgrund emotionaler Bedürfnisse. Kinder sollen den emotionalen Wunsch erfüllen, den sowohl die Gesellschaft als auch die Partnerschaft häufig nicht mehr erfüllen können. Eltern wollen im Umgang mit dem Kind „…Fähigkeiten wieder entdecken und Bedürfnisse äußern, die in der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation schmerzhaft vermisst werden: Geduld und Gelassenheit, Fürsorglichkeit und Einfühlungsvermögen, Zärtlichkeit, Offenheit, Nähe. (…)“ (vgl. Beck, Beck-Gernsheim, 1990, S. 139; zit. nach Lossin, 2003, S. 28) Die Fähigkeit sich gegenseitig in der Familie Freude, Halt, Trost, Sinn und Identität zu geben, soll die Familie aus sich selbst heraus entwickeln und sich ständig erneuern. Unterstützung bekommt sie von außen in der Regel wenig, sondern wird mit Konkurrenz und Rechtfertigungsnöten konfrontiert. Das Familienleben soll zudem die Wünsche und Gefühle aller Beteiligten berücksichtigen, auch die der Kinder, wodurch ein dauerndes Aushandeln und Diskutieren erforderlich ist. Helfen können hier Rituale. Sie können in einer sich ständig verändernden Gesellschaft Halt und Stabilität bieten. Rituale schaffen in der Familie Gemeinsamkeiten, die im Alltag sonst unter gehen und sie können den Zusammenhalt der Familie stärken. Sie werden in der Familie entwickelt und gepflegt, stehen jedoch im Kontext mit der Kultur und Gesellschaft, in der die Familie lebt. Familienrituale können vielfältig sein und sich auf die kleinsten Handlungen oder Gefühle beziehen. (vgl. Lossin, 2003, S.1-28)

Besonders Kinder brauchen Rituale, um sich in der Welt wohl zu fühlen und in ihr Orientierung zu finden. In einer Zeit, in der der familiäre Alltag auseinander zu laufen droht, geben Rituale Kindern ein Gefühl von Sicherheit, Dazugehörigkeit und Geborgenheit.

In meiner Arbeit möchte ich mich diesbezüglich mit Kindern und Ritualen auseinandersetzen. Von zentralem Interesse ist, warum Rituale gerade für Kinder sinnvoll und wichtig sind und welche Bedeutung diese sie für haben.

Ein persönliches Interesse an der Thematik Rituale entstand durch das Seminar „Spiritualität im Alltag“.

Ich denke, viele Menschen meinen, dass sich hinter Ritualen mystische Elemente verbergen. Doch Rituale sind mehr als Mystik und Feste. Ich möchte gerade jene Leser für das Thema sensibilisieren und informieren, die häufig mit Kindern Umgang haben, wie Eltern, Erzieher oder Pädagogen, denn durch Rituale können kindliche Krisen bewältigt werden, was diese Arbeit zeigen soll.

Der Inhalt der Arbeit gliedert sich in zwei Teile und im Folgenden sollen die einzelnen Teile kurz skizziert werden.

Im ersten Teil werde ich auf grundlegende Aspekte zu Ritualen eingehen.

Es wir der Begriff Ritual geklärt und von dem Begriff Gewohnheit unterschieden, bevor ich auf die vielseitigen wissenschaftlich begründeten Funktionen von Ritualen eingehe.

Im zweiten Teil der Arbeit werden zunächst die Begriffe Familie geklärt. Danach gilt es Rituale in der Familie zu betrachten, insbesondere wie sich die Familie als Entwicklungsort von Ritualen gestaltet. Im Anschluss wird deutlich, warum für Kinder Rituale von Bedeutung sind und es werden einige Beispiele diesbezüglich aufgeführt. Zum Schluss werde ich kurz auf die Grenzen von Ritualen eingehen bevor ich mein Thema mit der Zusammenfassung und dem Fazit beende.

Rituale – Definition und Funktionen

Zu Beginn möchte ich den Begriff „Ritual“ klären, da er Hauptbestandteil meiner Arbeit ist und die Grundlage bildet. Bei den Begriffen Familie und Kinder bietet es sich an, diese erst im II. Teil zu definieren.

Was sind Rituale?

„Ein Ritual ist eine metaphorische Aussage über die Widersprüche der menschlichen Existenz.“ C. Crocker (vgl. Shaughnessy, 1973, S. 43; zit. nach Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S. 28)

Im Alltag wird der Begriff Ritual relativ problemlos verwendet. Meist werden darunter feierlich-religiöse oder auch weltliche Zeremonien verstanden, die nach einem genau festgelegten Schema vollzogen werden, wie z.B. die Messe, die Krönung eines Königs oder bestimmte Feste wie Weihnachten und Geburtstag.

Wissenschaftlich gesehen, stößt man auf einige Schwierigkeiten, da sich im Laufe der Zeit die Auffassung, was genau unter einem Ritual zu verstehen ist, gravierend geändert hat. Die Definition ist von dem Kontext abhängig, in dem das zu definierende Ritual steht, z.B. ob es sich um biologische, politische oder soziale Rituale handelt.

„Tatsächlich sind Rituale in einer derart großen morphologischen Vielfalt vorhanden und haben derart viele verschiedene Funktionen in menschlichen Gesellschaften, dass die Wissenschaft bis heute keine eindeutige Definition hat finden können.“ (vgl. Tambiah, 1979, S. 115-16; zit. nach Belliger & Krieger, 2003, S. 173)

Der Begriff Ritual kommt aus den lateinischen von ritualis = „den Ritus betreffend“. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rituale#Funktionen_des_Rituals)

Ursprünglich bedeutete „Ritual“, „Gottesdienst“ oder die schriftliche Anweisung dazu. Seit der Jahrhundertwende wird der Ritualbegriff auf symbolische Handlungen ganz allgemein angewandt. Wenig gegenwärtige Ritualtheorien haben noch mit Religion zu tun. Das Wort „Religion“ kommt zwar in heutigen Analysen noch immer vor, aber spezifische Riten und das Ritual im Allgemeinen werden kaum noch als ausschließlich religiöse Phänomene betrachtet. ( vgl. Belliger & Krieger, 2003, S. 7)

Laut Kaiser (2001) sind Rituale ganz allgemein betrachtet, besonders sozial gestaltete situative und aktionale Ausdrucksformen von Kultur. „ Sie sind geschlossene Erlebnisse, die durch wiederholende Handlungen, einen erkennbaren szenischen Aufwand und eine Aufmerksamkeit für Details im Ablaufgeschehen wie auch der räumlichen Kontextgestaltung eines Rituals zum Ausdruck kommen.“ (zit. nach Kaiser, 2001 in http://astrid-kaiser.de/lehre/veranstaltungen/ritualesu.php)

Das Ritual erzeugt einen gemeinsamen Bezugspunkt, der die teilnehmenden Individuen als Einheit zusammenfasst, die aus Sicht der jeweiligen Ritualisten unverzichtbar sind. Sie haben einen symbolischen Charakter und eine interaktive Dimension. (vgl. Kaiser, 2001 in http://astrid-kaiser.de/lehre/veranstaltungen/ritualesu.php)

Des Weiteren ist ein Ritual „…eine (aufmerksam vollzogene) Sequenz von verbalen und/oder nonverbalen Äußerungen und Handlungen symbolischen Gehalts ….“ (zit. nach Kaiser, 2001 in http://astrid-kaiser.de/lehre/veranstaltungen/ritualesu.php) Die vielschichtige Bedeutung eines Rituals kann nicht einfach und in jeder Beziehung auf andere Weise wiedergegeben werden, sondern es wird bestimmt in Entwurf und Ausführung durch eine Leitidee. Es umfasst, sowohl festgelegte und unveränderlich als auch variable, jeweils konkret auszugestaltende Elemente. (vgl. Kaiser, 2001 in http://astrid-kaiser.de/lehre/veranstaltungen/ritualesu.php)

Es gibt viele verschiedene Arten von Ritualen doch bisher gibt es keine allgemeine Einteilung. Es werden in der Gesellschaft unterschiedliche soziale Praktiken als Ritual oder Ritualisierung bezeichnet. Laut Fuchs-Heinritz (1995) wird unter Ritualisierung die aktive „…Verfestigung von Verhaltens-, Mitteilungs- und Ausdrucksweisen…“ verstanden. (vgl. Fuchs-Heinritz, 1995, S.566; zit. nach Lossin, 2003, S. 5)

Neben Zeremonien, Magien, Liturgien, Feiern und Anstandregeln lassen sich je nach Anlass unterscheiden: Übergangsrituale/Jahreszeiten-Rituale, Intensifikationsrituale / Rebellionsrituale, religiöse Rituale/profane (oder säkulare) Rituale. (vgl. Grimes, 1995 in Krieger, 2003, S. 119)

Aus welcher wissenschaftlichen Perspektive Rituale auch betrachtet werden, gemeinsam ist ihnen, dass sie nach ganz bestimmten Regeln ablaufen, häufig über einen längeren Zeitraum gleich bleiben und im engen Zusammenhang mit Traditionen stehen. Rituale können auch ihren Sinn verlieren, in einer sich schnell verändernden Gesellschaft, wenn sie nicht mit neuem Sinn gefüllt werden oder sie können ganz verloren gehen bzw. werden leere Handlungen, die niemanden etwas bedeuten. (vgl. Kaufmann – Huber, 1995, S.10)

Es muss deshalb zwischen Gewohnheiten und Ritualen unterschieden werden.

„Als Gewohnheit (auch Usus, lat. Uti – gebrauchen) wird eine unter gleichartigen Bedingungen reflexhaft entwickelte Reaktionsweise bezeichnet, die durch Wiederholung stereotypisiert wurde und beim Erleben gleichartiger Situationsbedingungen wie „automatisch“ nach dem selben Reaktionsschema ausgeführt wird, wenn sie nicht bewusst vermieden oder unterdrückt wird.“ (zit. nach http://de.wikipedia.org/wiki/Gewohnheit)

Wenn Gewohnheiten in einer besonderen Weise zelebriert werden oder eine emotionale Bedeutung erlangen, werden sie zu Ritualen. (vgl. Basle`& Maar, 1999, S.19 in Lossin, 2003, S.5) Der Fokus liegt somit auf der Sinngebung der Handlung.

Welche Funktionen haben Rituale?

Rituale haben verschiedene Funktionen, die von zahlreichen Wissenschaftlern, wie Soziologen, Anthropologen, Psychoanalytikern, Religionsphilosophen, Pädagogen usw. hervorgehoben worden sind.

Im Folgenden möchte ich auf einige theoretische Funktionen von Ritualen eingehen. Die unterschiedlichen Ritualtheorien werden aus systematischen Gründen nicht in ihrer ganzen Komplexität und Ausführlichkeit, sondern nur selektiv angesprochen.

Die soziologischen Ritualtheorien heben hervor, „…das Rituale solidarisierend, kontrollierend, hierarchisierend, stabilisierend, rebellierend sind. Ihr Zeremoniell, ihr Einüben, ihre Öffentlichkeit und Theatralität dienen dazu, die Gemeinschaft über das Individuum zu stellen und zugleich zu überholen.“ (zit. nach Caduff / Pfaff-Czarnecka, 1999, S. 26)

Nach Durkheims (1981) These gibt es eine natürliche Tendenz, wann immer Menschen zusammenkommen, ihre Handlungen aufeinander abzustimmen, zu koordinieren, zu standardisieren und zu wiederholen, dieses sei die ursprüngliche Form des Rituals. Diese Art des gemeinsamen Handelns erzeugt ein Gefühl der Teilnahme an etwas Überindividuellen, etwas Transzendenten. Durkheim geht davon aus, dass Menschen ihre individuelle Identität durch das gemeinsame Handeln beim Ritual teilweise aufgeben und in einer „Gruppenidentität“ aufgehoben werden. Nach Durkheim bezeichnen die Symbole im Ritual, das Gefühl der Teilnahme und repräsentieren die Existenz und die Solidarität der Gemeinschaft. (vgl. Durkheim, 1981 in Belliger & Krieger, 2003, S.15)

Demnach sind Rituale Bündnisse. Sie reflektieren und stützen eine soziale Ordnung und markieren spezifische Verknüpfungen des sozialen Umfeldes. (vgl. Hallowell, 1941 in Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S. 31)

Nach Comstock (1972) wurde innerhalb von Gruppen das Ritual als stabilitätsfördernd angesehen, „…als ein kontrollierter Sicherer Ort, an dem man persönliche und soziale Probleme lösen und zeitübergreifende soziale Strukturen bestätigen kann.“ (vgl. Comstock, 1972; zit. nach Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S. 31)

Laut Davis (1984) sind Handlungskomponente von Ritualen ganz besonders wichtig, „…da sie nicht über Rollen, Regeln, Beziehungen und Weltbilder sprechen, sondern in Rollen, Regeln, Beziehungen und Weltbildern, während sich diese Elemente im Ritual wandeln.“ (vgl. Davis, 1984; zit. nach Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S.28)

Laut Bergesen (1984) haben Rituale einen großen Anteil an der persönlichen Identitätsbildung, „ … indem z.B. Sprechhandlungen ritualisiert werden, um die persönliche Identität in einem klar umgrenzten Milieu zu bestätigen.“ (vgl. Bergesen, 1984 in Belliger & Krieger, 1998, S. 49 ff.; zit. nach Lossin, 2003, S. 8)

Auch die soziale Identität ist nach Goffman (1971) im Wesentlichen von ritualisierenden Interaktionen abhängig. Durch ritualisiertes Handeln wird die soziale Position, Status, Rang und Macht bestätigt und reproduziert. Die soziale Identität ist abhängig von der Bestätigung und der Erfüllung der Rollenerwartung. (vgl. Goffman, 1971 in Belliger & Krieger, 1998, S. 323 ff. in Lossin, 2003, S.8)

Formalistische Theorien heben die Technik der Rituale hervor, d.h. sie untersuchen die Sprache, Symbole, Kommunikation und soziale Pragmatik sowie Performanz oder Dramatisierung. (vgl. Caduff /Pfaff-Czarnecka, 1999, S.26)

Laut Douglas (1966) stellen Rituale einen „Erwartungsrahmen“ zur Verfügung, in dem durch den Gebrauch von Wiederholung, Vertrautheit und der Umwelthandlung des schon Bekannten neue Verhaltensweisen, Handlungen und Bedeutungen entstehen können. Auf vergangenen Traditionen basieren gegenwärtige Veränderungen, während zukünftige Beziehungen definiert werden. (vgl. Douglas, 1966, in Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S.28) Des Weiteren werden durch Rituale symbolische und moralische Grenzen gezogen. Durch die Unterscheidungen zwischen gut und böse, rein und unrein, loyal und subversiv, heilig und profan usw. werden Ordnung und System in die kulturelle Welt gebracht. Rituale ziehen Grenzen und schaffen auf diese Weise Unterschiede, mit welchen sich der Einzelne identifizieren kann. (vgl. Douglas, 1984 in Belliger & Krieger, 1998, S. 77 ff. in Lossin, 2003, S. 8) Rituale „…erfüllen die Funktion der Kontrolle gesellschaftlicher Tabus und Verbote und dienen der Abwehr von Ängsten.“ (vgl. Douglas, 1970; zit. nach Von Kardorff, 2003, III in Lossin, 2003)

Laut Turner (1967) besitzen Rituale die Vieldeutigkeit und Dichte von Symbolen. Sie sind die kleinsten Einheiten eines Rituals und können vielfältige, unterschiedliche Bedeutung haben. Symbole beschreiben das, was nicht in wenigen Worten ausgedrückt werden kann. Ein Netz kann so beispielsweise sowohl als Symbol des Gefangenseins angesehen werden als auch als Sicherheit, so Turner. (vgl. Turner, 1967 in Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S.28)

Psychologische Theorien heben besonders den angstreduzierenden Anteil von Ritualen hervor. Laut van Gennep (1986) dienen Rituale der Abreaktion von Spannungen. (vgl. Gennep, 1986, S.15 in Caduff / Pfaff-Czarnecka, 1999, S.25)

Laut Scheff (1979) können Rituale für manche Menschen ein Mittel sein um starke Emotionen auszuhalten, wie beispielsweise die ritualisierten Aspekte von Beerdigungen, die dazu dienen können, tiefe Gefühle im Zaume zu halten. (vgl. Scheff, 1979 in Imber – Black, Roberts, Whiting, 2001, S. 35 f.)

Freud (1907) hingegen deutete angstneurotische Zwangshandlungen und Ritualisierungen des Alltags als religiös zeremoniell. Er schrieb ihnen also keine Positive, sondern eine schädliche Funktion zu. (vgl. Freud, 1907, S.130 ff. in Caduff /Pfaff-Czarnecka, 1999, S. 26)

Die psychologischen Theorien sind beliebt, da sie helfen erklären warum in Krisen und Angst machenden Situationen besonders häufig Rituale praktiziert werden. Aufgrund ihrer Angst reduzierenden Funktion, dienen Rituale auch als Therapie und können somit Krisenintervention sein. (vgl. Caduff /Pfaff-Czarnecka, 1999, S. 25)

Rituale haben vielfältige Funktionen. Sie helfen Widersprüche zu lösen, mit Ängsten, Spannungen und Emotionen umzugehen. Es können neue Verhaltensweisen entstehen und das soziale Zusammenleben sowie die Kommunikation und Interaktion werden gefördert. Auch die Entwicklung der persönlichen und sozialen Identität steht im Zusammenhang mit Rituale.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich jede Funktion des Rituals im Kern mit der Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft beschäftigt.

Kinder und Rituale

In diesen Teil der Arbeit werde ich spezifischer auf die Familie insbesondere auf Kinder eingehen. Zunächst sollen aber die Begriffe Familie und Kinder geklärt werden.

Begriff: Familie

Unter Familie wird in westlichen Kulturkreisen meist die so genannte Kernfamilie verstanden, d.h. Vater, Mutter und deren Kinder. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Familie)

Nach Korte/Schäfers ist die Familie eine soziale Gruppe und eine verwandtschaftliche Konstellation, „…in der sich Ältere um die Erziehung des Nachwuchses über einen längeren Zeitraum bemühen, …“. Sie kann als Urform des Gruppenlebens angesehen werden. (zit. nach Korte/Schäfers, 2002, S. 134)

Das Statistische Bundesamt (1995) definiert Familie als „… Elternpaare bzw. alleinstehende Elternteile zusammen mit ihren im gleichen Hauhalt lebenden ledigen Kindern …“ (vgl. Statistisches Bundesamt, 1995; zit. nach Lakemann, 2004)

Begriff: Kinder

„Kinder sind eine Altersgruppe, die sich in ihren sozialen Beziehungen zu ihrer Umwelt konstituiert und ein eigenes Element der Sozialstruktur einer Gesellschaft bildet.“ (zit. nach Nauck, Joos, 1997 in Otto/Thiersch, 2001, S. 927) Häufig wird die Abgrenzung der Altersgruppe „Kinder“ von anderen Altersgruppen (Jugendliche, Erwachsene, Alte) beliebig vorgenommen. Meist werden unter „Kindern“ allgemein alle minderjährigen Personen subsumiert, d.h. in der Regel Personen unter 14 Jahren. (vgl. Nauck, Joos, 1997 in Otto/Thiersch, 2001, S. 927)

Die Familie als Entwicklungsort

Das Hauptmerkmal des Rituals ist seine Wiederholung und seine Regelmäßigkeit. Es vermittelt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und sozialer Verlässlichkeit. Ein Ritual ist eine Äußerung auf der Metaebene, d.h. es verdeutlicht besondere Ereignisse wie z.B. ein bestimmtes Fest, ein Geburtstag, eine Malzeit usw. . (vgl. Goldbach, 1999, S. 161)

Rituale hatten ursprünglich den Sinn, menschliches Leben zu regeln. Laut Kaufmann – Huber (1995) findet man Rituale häufig an Krisenstellen. Immer wenn Menschen sich auf etwas Neues einstellen müssen, was beängstigend wirkt, durchlaufen Menschen eine Krise. Rituale mussten zum Beispiel in der Urzeit inszeniert werden, weil man Angst hatte die Sonne würde nicht mehr aufgehen. Der Inhalt der Krise war der Wendepunkt von der Nacht zum Tag. Ebenso war es mit den Jahreszeiten, denn mit Fruchtbarkeitsritualen beschwor man die Götter, gutes Wetter zu senden, um eine gute Ernte zu erhalten, denn eine schlechte Ernte konnte den Hungertod bedeuten. Durch die Rituale konnten sich die Menschen von ihren Existenzängsten befreien. In allen Kulturen gibt es Rituale, denn Rituale sind menschenspezifische Verhaltensweisen. Nach dem Psychologen Jung (1962) handelt es sich tiefenpsychologisch um ein archetypisches Verhalten. (vgl. Jung, 1962 in Kaufmann – Huber, 1995, S. 10 ff.)

Auch im Alltagsleben der Menschen, in der Familie und bei der Erziehung von Kindern haben Rituale eine wichtige Funktion. So können sie in der Familie den Zusammenhalt bzw. das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken und bieten die Möglichkeit, sich im gemeinsamen Handeln zu begegnen, miteinander zu kommunizieren und zu integrieren. (vgl. Goldbach, 1999, S. 161) Es wird bei den Ritualen in der Familie zwischen bewussten und unbewussten Ritualen unterschieden.

-> Bewusste Rituale

Unter bewussten Familienritualen werden die „ …nichtalltäglichen Höhepunkte im Wochen- und Jahresablauf der Familie …“ verstanden. (vgl. Jons, 1997, S.13; zit. nach Lossin, 2003, S. 5) Es sind vorrangig jene die sich aus dem Alltagsleben abheben, z.B. Geburtstags-, Hochzeits-, Oster- oder Beerdigungsrituale.

Die Durchführung von bewussten Familienritualen scheint aber heute immer weniger vorhanden zu sein. Der persönliche Einsatz, das Aufbringen von Zeit und Motivation für die Durchführung von Ritualen, sind im modernen Leben durch Ersatzrituale ausgetaucht worden, die man kaufen kann, ohne Aufwand haben zu müssen. Das allgemeine Klima und die Stärke des Zusammengehörigkeitsgefühls in der Familie sind häufig schon an der Art und Weise, in der Familienfeiern stattfinden erkennbar. Die Individualisierung führt zur Pluralisierung der Familie und duch die Doppelbelastung von Haushalt, Beruf und Kindererziehung der Eltern bzw. der Frau sind Familien immer mehr auf den engsten Kreis, d.h. die Kernfamilie beschränkt, so das im zunehmenden Maß all die Rituale wegfallen, die den Umgang mit der erweiterten Familie fordern. Laut Jons (1997), ist eines der grundlegendsten Übel, aus dem dann unzählige Familienprobleme resultierten, „…das die Menschen sich keine Zeit mehr füreinander nehmen, dass sie einander nicht mehr zuhören, nicht miteinander sprechen, zum Beispiel auch nicht spielen, tanzen, wandern und dergleichen. Darum erkennen und verstehen sie einander immer weniger. All diese Umgangsweisen miteinander sind an Rituale geknüpft und ohne sie nicht denkbar.“ (vgl. Jons, 1997, S. 44; zit. nach Lossin, 2003, S. 36)

-> Unbewusste Rituale

Zu den unbewussten Familienritualen gehören z.B. Begrüßungs- und Abschiedsrituale, Berührungsrituale, Zwangsrituale, Streitrituale und viele andere.

„Unbewusste Rituale werden von uns befolgt, ohne dass wir sie durchschauen, sie haben uns im Griff und können Macht, zum Beispiel in Form von Abhängigkeit auf uns ausüben.“ (vgl. Jons, 1997, S. 27; zit. nach Lossin, 2003, S. 36) Es muss hier zwischen Gewohnheiten und Familienritualen unterschieden werden. Wenn die Familienmitglieder die Familiengewohnheiten als bedeutend und wichtig empfinden für das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie, kann davon ausgegangen werden, dass sich die Gewohnheiten zu Familienritualen entwickelt haben. Das Klima der Familie wird hauptsächlich durch unbewusste Rituale bestimmt, z.B. durch Tonfall, Bewegung, Gesten, Worte und Handlungen. (vgl. Lossin, 2003, S. 36 f.)

Die wichtigsten familiären Rituale für Eltern und Kinder sind: Weihnachts-, Kindergeburtstags- und Essensrituale sowie der jährliche Familienurlaub. Bei kleinen Kindern spielt das Ritual des Ins-Bett-Bringens eine wichtige Rolle. Einschlafrituale, um den Tag nach festen Regeln zu beenden, gehören zu den wichtigsten Alltagsritualen zwischen Eltern und Kindern. Mit ihrer Hilfe lernen Kinder, angstfrei vom Tag in die Nacht, vom Wachen in den Schlaf zu kommen.

Bei Kindergeburtstagen organisieren Eltern ein Kinderfest, bei dem ihre Kinder und ihre gleichaltrigen Freundinnen und Freunde im Mittelpunkt stehen.

Mit dem Weihnachtsfest feiert sich die Familie in kreativer Nachahmung der „heiligen Familie“ selbst.

Auch im Familienurlaub verbringen Eltern und Kinder eine besondere Zeit. Familienurlaub hebt sich vom alltäglichen Leben ab, denn Kinder erleben und lernen hier vieles, was ihnen sonst nicht zugänglich ist. (vgl. Wulf, 2006 in http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2006/ts_20060211/ts_20060211_07.html)

„Die Familie ist der Rahmen, in dem einen Kind die Bausteine für die Konstruktion seiner eigenen Lebenswelt einschließlich Strategien für den Umgang mit Krisen und Veränderungen vorfindet.“ (vgl. Kreppner in Herlth, 2000, S. 137; zit. nach Lossin, 2003, S. 23)

Erinnert man sich an die eigene Kindheit, so sind es insbesondere die Rituale der Familie, die ein Bild entstehen lassen.

„Sie bündeln Erinnerungen, sie verdichten die Erlebnisse zu der einen Erinnerung: So war`s immer bei uns.“ (vgl. Basle` & Maar, 1999, S. 14; zit. nach Lossin, 2003, S. 34)

Der Ablauf des familiären Zusammenlebens wird durch Familienrituale geprägt. Sie sind Ausdruck der Familienidentität, d.h. Rituale in der Familie vermitteln die Wertvorstellungen und Überzeugungen der Familie – sozusagen das Bild, das sie von sich selbst hat. In Alltäglichen Gewohnheiten zeigen sich Familienrituale, z.B. in der Art wie Feste gefeiert werden, wie miteinander gesprochen wird oder wie sich nonverbal durch die Verwendung von Symbolen verständigt wird, deren Bedeutung nur die Familie kennt. Lossin (2003) unterscheidet zwischen positiven und negativen Ritualen. Unter positiven Familienritualen fallen jene die die Gemeinschaft der Familie aufbauen, beleben und fördern. Zu den negative Familienritualen zählen diejenigen, welche sich hemmend und zerstörerisch auf das familiäre Zusammenleben auswirken.

Familienrituale können die Organisation des Familienalltags erleichtern, wenn sie bewusst positiv gestaltet werden. Sie sind dann unerlässlich, geben der Familie Stabilität und ein angenehmes Klima. (vgl. Lossin, 2003, S. 34 f.)

„Ohne Rituale in der Familie wäre unser Alltag anstrengend und trostlos. Sie geben unserem Leben Gestallt und sind ein Bollwerk nach außen und innen. Neben der Gefahr, zum bloß verordneten Reglement zu werden, bieten sie vielfältige Anregungen, unser Familienleben kreativ zu formen, d.h. die Weise unseres Miteinanders durch Wiederholung, Regelmäßigkeit und Kontinuität zu festigen und zu vertiefen.“ (vgl. Jons, 1997, S. 13; zit. nach Lossin, 2003, S. 35)

Warum sind Rituale für Kinder wichtig?

„Mit viel Liebe und Geduld ordnet die kleine Sophia vor dem zu Bett gehen ihre Kuscheldecke, stellt jedes der Stofftiere an seinen Platz und sagt ihnen gute Nacht. Dann kommt das Gute-Nacht-Lied oder die Geschichte mit Mama, und nun ist alles gut, und sie kann schlafen gehen.“ (zit. nach Kaufmann-Huber, 1995)

Familienrituale sind für Kinder besonders wichtig, da sie ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Zufriedenheit vermitteln, wenn es sich um positive Rituale handelt. (vgl. Lossin, 2003, S. 34)

Kinder lieben es, immer wieder denselben Spruch zu hören, das gleiche Lied, das gleiche Märchen mit dem immer gleichen Wortlaut zu hören. Wenn sie genau schon vorher wissen was passiert und dann das genau auch eintrifft, freuen sie sich darüber. Kinder brauchen den immer gleichen Ablauf und die Wiederholung, um erfahren zu können, dass etwas für sie vorhersehbar und überschaubar ist. Verlässliche Ankerpunkte im Alltag durch Rituale gibt Kindern das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Durch regelmäßig gemeinsam verbrachte Zeit bekommen Kinder die Bestätigung, dass sie einen sicheren Platz in der Familie haben und dazugehören. (vgl. Basle`& Maar, 1999, S. 39 in Lossin, 2003, S.35)

Im Folgenden möchte ich aus der Vielzahl an Familienritualen einige herausgreifen, welche die spirituelle Entwicklung von Kindern unterstützt und womit deutlich wird warum gerade für Kinder, Rituale sinnvoll und wichtig sind. Ich beziehe mich hierbei vorwiegend auf die Literatur von Angela Goldbach und Gertrud Kaufmann-Huber.

Rituale helfen gegen Angst

Ängste sind der ständige Begleiter des Menschen. Ohne Auftauchen von Angstgefühlen würde man sich in größere Gefahr begeben. Ängste sind somit nicht immer nur etwas negatives, sondern auch im positiven Sinn ein „Alarmsystem“. Das gilt natürlich auch für Kinder. Durch Angstgefühle lernen Kinder, wie gefährlich der Alltag sein kann. Sie unterscheiden was sie dürfen, was verboten und was ihnen wirklich schadet. Demgegenüber gibt es aber auch Ängste, welche die kindliche Entwicklung erschweren und blockieren. Wird z.B. Kindern zu viel vorgeschrieben, gedroht und verboten, können sich pathologische Ängste einstellen. Grundsätzlich sollten alle Ängste ernst genommen werden und nicht versucht werden sie zu verharmlosen. Es gibt Ängste, denen man nachgehen sollte, denn oft würden dann Leiden und Missbräuche von Kindern verhindert. (vgl. Kaufmann-Huber, 1995, S.49 f.)

-> Magische Rituale

„Im Ritual werden Zauberkräfte freigesetzt, die das Kind sich aneignet.“ (zit. nach Goldbach, 1999, S. 163)

Das Ritual ist ein wichtiges Element bei der Entwicklung des Selbstbewusstseins des Kindes und dessen Identität. Besonders wenn Kinder in einem von ihnen selbst geschaffenen Ritual die Gelegenheit haben, sich als aktiv Handelnde und nicht als passiv Hinnehmende zu erfahren, lassen sich Angst auslösende Situationen und Krisen bewältigen. Kindern hilf es besonders, wenn die Rituale individuell entworfen werden. Zu den „Zauberkraftaktivierenden“ Ritualen zählt zum Beispiel, das Lieblingsspielzeug (evtl. das Kuscheltier, die Kuscheldecke), was überall mit hingenommen wird und beim aufräumen und einschlafen hilft oder schmerzlindernd wirkt. Die Zahnfee, welche kleine Geschenke unter das Kissen legt, wenn das Kind einen Milchzahn verliert. Oder die kleinen Wetten, die Kinder mit sich abschließen: „ Wenn ich es schaffe, bis zur Haustür zu kommen, bevor das Auto an mir vorbeigefahren ist, dann…“ Mit diesen Ritualen versuchen Kinder Kontrolle über Situationen zu erlangen, die Angst machen. (vgl. Goldbach, 1999, S.163)

[...]

Ende der Leseprobe aus 131 Seiten

Details

Titel
Rituale in der Kindheit
Untertitel
Wie Gewohnheiten helfen, das Leben zu meistern
Autoren
Jahr
2014
Seiten
131
Katalognummer
V270153
ISBN (eBook)
9783656612124
ISBN (Buch)
9783956871276
Dateigröße
936 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rituale, kindheit, gewohnheiten, leben
Arbeit zitieren
C. Groth (Autor)S. Brunner (Autor)N. Wuttke (Autor)M. Quinzer (Autor)P.-M. Schulz (Autor), 2014, Rituale in der Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270153

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rituale in der Kindheit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden