Johann Wolfgang von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ ragt in der Geschichte der Literaturrezeption ohne Zweifel heraus. Kaum ein anderes Werk wird sich eines so breiten Rezeptionsspektrums rühmen können, selten war die Rezeption eines Werkes in einer ähnlichen Weise von Diskussionen in diesem Ausmaße begleitet. Die Bedeutung des Lesers eines Werkes und dessen Art und Weise der Rezeption und des Umganges mit einem Roman erfreute sich besonderer Aufmerksamkeit, sowohl in der damaligen Anschlussdiskussion unmittelbar nach Veröffentlichung als auch in der späteren Werther-Forschung.
Doch nicht nur der tatsächliche Umgang der Leser mit dem Werther ist für die Lesekultur des 18. Jahrhunderts von besonderer Bedeutung. Das Werk selbst bietet inhärente Hinweise, wie ein Werk allgemein gelesen werden kann beziehungsweise sollte, es artikuliert eine Art werkimmanente Lesekultur mittels zweier Wege. Erstens wendet sich der Herausgeber mit einem Vorwort an den Leser, indem er eine Weise der Rezeption empfiehlt. Zweitens tritt Werther im Roman augenscheinlich als lesender Protagonist in Erscheinung, dessen Auswahl der Literatur und dessen Umgang mit und Rezeption von Texten eine besondere Bedeutung erfährt.
Diese Arbeit möchte die Funktion der von Werther jeweils geschätzten oder gemiedenen Literatur und seine Beziehung zur Literatur anhand der Literatur in der Romanhandlung untersuchen und die Art und Weise der Literaturrezeption Werthers mit den 'Leitlinien der Literaturrezeption' des Vorwortes kontextualisieren und der Frage nachgehen, inwieweit Werthers „Lesekultur“ eine paradigmatische Rolle zuteil wird und schließlich, welche Aspekte eines Zusammenhanges zwischen Vorrede und Werthers Rezeption des Homer, der Gesänge des Ossian, von Klopstock sowie Lessings Emilia Galotti, vorliegen.
Der Begriff der 'Lesekultur' bedarf angesichts der Zentralität des Begriffs in dieser Arbeit und der häufigen Nennung vorab einer kurzen Erläuterung. Es geht hierbei um eine spezifische Art des Umganges mit Texten beim Lesen, die über die „Rezeption als 'Sinnverstehen'“ hinausgeht. In diesem Zusammenhang erscheint es notwendig, die Vorstellung vom Lesen „als kognitive[s] Verstehen“ mit dem Ziel, „'eine Bedeutungsproduktion aus dem Text' zum Ergebnis zu haben“ um den Begriff des „Lektüreerlebnisses“ zu erweitern oder gar zu ersetzen. [...]
Inhaltsverzeichnis
Goethes Werther: ein lesender Held
Die Vorrede in Goethes Werther
'Werthers Lesekultur'
Werther und die Bücher – eine Einführung
Werther und Homer: Das Buch als 'Freund'
Werther, Lotte und Klopstock: Die Literatur als Code
Werther und Ossian: Lektüre als Spiegelbild der eigenen Seele
Werther und Emilia Galotti: Literaturrezeption als Botschaft
Literaturrezeption als primäre Möglichkeit der Distinktion
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Rezeptionshaltung des Protagonisten Werther in Goethes Roman und setzt diese in Bezug zu den im Vorwort des Herausgebers artikulierten Erwartungen an den Leser. Ziel ist es, zu analysieren, ob und inwiefern Werthers Umgang mit Literatur als vorbildlich oder als warnendes Beispiel für eine "Lesekultur" des 18. Jahrhunderts verstanden werden kann.
- Analyse der Bedeutung des Vorworts für die Lenkung der Leser
- Untersuchung von Werthers Beziehung zu spezifischen Werken (Homer, Klopstock, Ossian, Emilia Galotti)
- Erörterung der Funktion von Literatur als "Ersatzfreund" oder Identifikationsmedium
- Gegenüberstellung von Werthers tatsächlichem Leseverhalten und der geforderten kritischen Distanz
Auszug aus dem Buch
Werther und Homer: Das Buch als 'Freund'
Werthers Lektüre von Homers „Odyssee“ ist vor seiner Ossian-Lektüre geradezu omnipräsent: viermal fällt der Ausdruck „mein Homer“, der auf eine „tiefergehende Beziehung“ zwischen Werther und der Odyssee hindeutet. Werther freut sich zudem über das Geschenk Alberts in Form einer kleineren Ausgabe der Odyssee, da er sich nun nicht mehr „auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen [...] zu schleppen[braucht]“, und somit stets einen Begleiter bei sich hat. Das Buch als treuer Begleiter kompensiert dadurch einen wesentlichen Mangel, den Werther ausmacht – nämlich das Fehlen menschlicher Nähe und das Empfinden des Fremdseins: „es mögen mich ihrer so viele, und hängen sich an mich, und da thut mir's weh, wenn unser Weg nur eine kleine Strecke mit einander geht.“ Das Buch als Freund „reist“ mit Werther, ist auf „passive Weise [...] treu“ und „verändert sich nicht“. Werther umgeht mit seiner Freundschaft zum Buch eine unabdingbare Voraussetzung einer realen menschlichen Freundschaft: er muss sich weder anpassen noch Kompromisse eingehen und vermeidet so mögliche Konflikte.
Die Funktion, die Homer für ihn hat, bringt Werther auf den Punkt, als er Wilhelm mitteilt, dass dieser ihm seine Bücher „vom Halse“ lassen solle: Er „brauche Wiegensang, und den habe [er] in seiner Fülle gefunden in [seinem] Homer“. Marx sieht in der Homer Lektüre eine „therapeutische Funktion“ und stellt fest: „Was die vielen Bücher angerichtet haben, soll das eine Buch beheben“. Zum einen wird hier eine Anspielung auf die Verherrlichung der ratio und deren negative Folgen geäußert, zum anderen wird deutlich, dass sich Werther von seinem Homer Hilfe und Beruhigung erhofft, wie bei einem vertrauten Freunde. Deutlich wird dies besonders nach seiner Demütigung anlässlich des Empfanges bei Graf von C.... Nach einem Abgang, der einer Flucht gleicht, liest er im Homer „herrlichen Gesang“ und kommentiert: „Das war alles gut.“
Zusammenfassung der Kapitel
Goethes Werther: ein lesender Held: Einleitung in die Rezeptionsgeschichte von Goethes Werk und Definition des Forschungsinteresses an Werthers spezifischem Umgang mit Texten.
Die Vorrede in Goethes Werther: Analyse der Lenkungsabsicht des Herausgebers, der den Leser zu einer Mischung aus Identifikation und kritischer Distanz anleiten möchte.
'Werthers Lesekultur': Untersuchung der verschiedenen Lesepraktiken und Funktionen, die Literatur für den Protagonisten im Verlauf der Romanhandlung einnimmt.
Werther und die Bücher – eine Einführung: Darstellung von Werthers grundlegender Haltung zur Literatur, die sich eher durch emotionale Identifikation als durch rationalen Wissenserwerb auszeichnet.
Werther und Homer: Das Buch als 'Freund': Untersuchung der instrumentellen Nutzung Homers zur Kompensation menschlicher Einsamkeit und als psychologisches Schutzmittel.
Werther, Lotte und Klopstock: Die Literatur als Code: Erörterung der Klopstock-Szene als Beispiel für Literatur als emotionalen Verständigungscode zwischen Werther und Lotte.
Werther und Ossian: Lektüre als Spiegelbild der eigenen Seele: Analyse der gefährlichen Identifikation Werthers mit Ossians melancholischer Dichtung, die sein Bedürfnis nach Selbstauflösung verstärkt.
Werther und Emilia Galotti: Literaturrezeption als Botschaft: Interpretation der finalen Lektüre Werthers als Indiz für seine Entscheidung zum Suizid und als Kommunikation an Lotte.
Literaturrezeption als primäre Möglichkeit der Distinktion: Zusammenfassung von Werthers Haltung gegenüber anderen Lesern, die sein elitär-subjektives Verständnis von Literatur unterstreicht.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, Lesekultur, Rezeptionsästhetik, Vorrede, Identifikation, Homer, Ossian, Klopstock, Emilia Galotti, Literaturrezeption, Selbstbild, Subjektivität, Romananalyse, Leseverhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Leseverhalten des Protagonisten Werther im gleichnamigen Roman von Johann Wolfgang von Goethe und analysiert, wie diese Rezeptionsweise zu den Empfehlungen des Herausgebers im Vorwort in Bezug steht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Vorworts bei der Steuerung der Leser, die therapeutische oder destruktive Funktion von Lektüre sowie die Differenz zwischen dem "identifizierenden" und dem "kritisch-distanzierten" Lesen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird gefragt, inwiefern Werthers Umgang mit Literatur als ein vorbildliches oder warnendes Beispiel für die zeitgenössische Lesekultur gedeutet werden kann und ob er die Erwartungen des Herausgebers erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der spezifische Textstellen und Lektüreszenen aus dem Roman systematisch mit den theoretischen Vorgaben des Vorworts und fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur verknüpft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert einzelnen Lektürepraktiken des Protagonisten, unterteilt in die Analyse spezifischer Werke wie Homer, Klopstock, Ossian und Emilia Galotti, sowie Werthers Abgrenzung zu anderen Lesertypen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie "Literaturrezeption", "Werther", "Lesekultur", "Identifikation" und "Subjektivität" beschreiben.
Warum spielt die Klopstock-Szene eine so wichtige Rolle für das Verständnis des Romans?
Die Szene zeigt, wie Literatur als emotionaler "Code" oder "Schlüssel" fungiert, der eine tiefere nonverbale Verständigung zwischen Werther und Lotte ermöglicht, und damit die verbindende Kraft von Lektüre illustriert.
Welche Bedeutung hat die Lektüre von "Emilia Galotti" am Ende des Romans?
Sie deutet darauf hin, dass Werther Literatur nicht mehr als bloße Unterhaltung oder Trostmittel sieht, sondern als eine Art Testament oder Botschaft, mit der er sein Schicksal und seine Verbindung zu Lotte final legitimiert.
Wird Werthers Leseverhalten vom Autor als positiv bewertet?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Werthers pathologische Identifikation mit dem Gelesenen eher als Warnung zu verstehen ist; sie verhindert die vom Herausgeber geforderte kritische Distanz und führt den Protagonisten in die Isolation.
- Citar trabajo
- Claudio Fuchs (Autor), 2013, Die Vorrede des Herausgebers und Werther als lesender Protagonist, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270175