Ernst Jünger - Agitator oder 'Seismograph'

Versuch einer Systematisierung der politischen Kurzpublizistik anhand ausgewählter Schriften und thematischer Konstrukte (1919-1933)


Seminararbeit, 2004
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Aufbau
1.3 Forschungsstand

2 Ernst Jünger zu Krieg und Frieden – Agitator und Apologet oder „Barometer“ und „Seismograph“
2.1 Vom Soldat zum Krieger – Was „Der“ Krieg im Menschen bewirke
2.2 Der Neue Mensch – Symbiose aus Frontsoldat und Arbeiter
2.3 „Nationalismus“ vs. Nationalismus

3 Schlussbetrachtung

4 Bibliographie
4.1 Selbstständig erschienene Literatur
4.2 Unselbstständig erschienene Literatur

1 Einleitung

1.1 Fragestellung

Das 20. Jahrhundert, insbesondere die Zeit der sog. Weimarer Republik, ließ in Deutschland eine Geistes- und Ideenströmung entstehen, die heute unter der Bezeichnung „Konservative Revolution“ firmiert und als solche in die Geschichte der politischen Ideen Eingang gefunden hat. Einer ihrer bedeutendsten Vertreter war Ernst Jünger, der wie nur wenige deutsche Schriftsteller und Intellektuelle im deutschsprachigen Raum mit seinen Ideen die geistige Umwelt zu polarisieren vermochte.

Für die folgende Arbeit sind seine Schriften aus der Zeit zwischen 1919 und 1933 von Relevanz. Eben diese stellen seinen Beitrag zur Konservativen Revolution dar. Darin widmet er sich der Erörterung mehrerer schlagwortartiger Konstrukte, die seiner Meinung nach der Entwicklung eines bestimmten neuen Menschentyps Kennzeichnung sind. Besonders häufig greift er dabei die Begriffe „Blut“, „Frontsoldatentum“, „Nationalismus“, „Rasse“ oder „Technik“[1] auf und konstruiert aus diesen, aufbauend auf Nietzsche und Sorel, eine neue, streckenweise noch absolutere, Form des sog. „heroischen Nihilismus“.

Die vorangehend benannten Begriffe sind bei Jüngers Schriften dieser Jahre eingebettet in folgende Elemente, die in unterschiedlicher Intensität bei den meisten Vertretern der Konservativen Revolution thematisiert werden. Es sind im Besonderen der „Persönliche Erfolg“ von Jünger selbst während des Ersten Weltkrieges, „Nationalismus, Heimatgefühle, Patriotismus, religiöse Gefühle“, das „Preußentum“ als Konstrukt ideengeschichtlicher Überlegungen, der „Nietzscheanismus“[2], das „Gemeinschaftserlebnis“, das Empfinden und Leben des Krieges als „Abenteuer“, eine gewisse, in ihrer Intensität unübersehbare „Jagd-, Sport- und Duellmetaphorik“ sowie der besondere „Realismus“, mit dem Jünger es vermag seine Erlebnisse an der Front zu schildern (sie verfügen über z. T. so ausgeprägte Sachlichkeit, dass sie den Krieg als solchen in seiner unbeschreiblichen Fülle an subjektiven Eindrücken und Erlebnissen, auch was die Intensität des Erlebten anbelangt, bereits entstellen)[3].

Inhalt der Arbeit soll es nun sein, die politische Kurzpublizistik Jüngers zwischen 1919 und 1933 anhand ausgewählter Beispiele auf drei Kernelemente seiner Schriften zu überprüfen und eventuelle Unterschiede herauszuarbeiten. Es sind dies sein Überlegungen zum sich durch den Ersten Weltkrieg im Entstehen befindenden neuen Typ eines Soldaten, dem Frontsoldaten, sein Konzept eines Neuen Menschchen, das maßgeblich Elemente des Frontsoldaten verarbeitet, sowie seine Interpretation des auf den Geschehnissen des August 1914 aufbauenden neuen Nationalismus, den er zu erkennen meint.

Wie positioniert er sich gegenüber Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus, auch wenn dieser noch nicht verstaatlicht ist?

Auch der Frage, ob er lediglich „Seismograph“[4] gesellschaftlicher Zustände oder aber Agitator und Propagandist eines bestimmten Konzeptes eines Neuen Menschen in der Zeit der Weimarer Republik gewesen sei, versucht die Arbeit nachzugehen. War er Ideologiegeber der Nationalsozialisten oder zumindest der Initiator eines neuen und äußerst gefährlichen Lebensgefühls?

1.2 Aufbau

Die folgende Arbeit wird sich nach einem kurzen Abriss zum Forschungsstand (Kap. 1.3) den Überlegungen Ernst Jüngers bezogen auf die unter Kap. 1.1 genannten einzelnen Konstrukte, aus denen er seinen Neuen Menschen zusammenfügt bzw. mit denen er die gesellschaftspolitischen Entwicklungen des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik kennzeichnet, widmen.

Dazu werden die drei angeführten Aspekte in mehreren Unterkapiteln näher erörtert. Mit dem persönlichen Erfolg Jüngers im Ersten Weltkrieg und dessen Empfinden des Krieges als Abenteuer, des Angriffes als „Wettlauf gegen den Feind“[5] sowie der Technik beschäftigt sich Kap. 2.1, Kap. 2.2 nimmt Bezug zu seinen Ausführungen zu einem – wie er ihn sieht – Neuen Menschen, dessen Höhepunkt eine Symbiose aus Krieger und Arbeiter darstellen solle. Diesem inhärent sind seine inhaltlichen und stilistischen Annexionen vom Nietzscheanismus, den er bisweilen zu übertreffen weiß, und den ideengeschichtlichen Entlehnungen des Friderizianismus aus dem Preußentum.

In Kap. 2.3 soll versucht werden, anhand einiger seiner zwischen 1919 und 1933 angefertigten Kurzschriften herauszustellen, dass Jünger einen beträchtlichen Unterschied zwischen dem Nationalismus alter Prägung – wie er ihn erlebt zu haben glaubt –, den er mit Patriotismus umschreibt und im Zeitalter Wilhelms II. zu entdecken meint, und dem neuen, dem er sich selbst verpflichtet fühlt, sieht.[6]

Hierbei wird ebenfalls kurz auf sein Verhältnis und die Wirkung seiner Schriften auf den Nationalsozialismus eingegangen.

Abschließend versucht die Schlussbetrachtung (Kap. 3) eine Systematisierung und Zusammenfassung der Erkenntnisse, die sich aus den vorangemachten Ausführungen synthetisieren lassen.

1.3 Forschungsstand

Über Ernst Jünger, die Konservative Revolution und deren Interpretation liegt ein umfangreiches „Reservoir“ an Sekundärliteratur vor. Besonders häufig beschäftigt sich diese mit verschiedenen Vertretern und deren Interpretationen der gesellschaftlichen Prozesse vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg.[7]

Grundlage für diese Arbeit ist die Zusammenstellung sämtlicher Kurzschriften Jüngers aus den Jahren 1919 bis 1933, besonders in Form von Zeitschriftenartikeln, durch Sven Olaf Berggötz, die 2001 im Klett-Verlag erschien.[8]

Sekundärschriften, die sich speziell mit Ernst Jünger befassen, liegen mannigfach zum Lesen bereit. Bereits 1948 erschien „Der heroische Nihilismus und seine Überwindung. Ernst Jüngers Weg durch die Krise“ von Alfred von Martin, der meiner Meinung nach besonders trefflich die Jüngerschen Frühschriften typologisierend, ausdrücklich nicht biographisch oder individuell psychologisierend, bearbeitet. Ihm geht es nicht um eine Verurteilung Jüngers, sondern stattdessen um Analyse.[9] V. Martins zuweilen scharfe Kritik[10] an Jünger schmälert die Qualität seiner Ausführungen keinesfalls, begründet er doch stets seine Auffassung durch Textbelege.

Die Promotionsschrift Klaus Gaugers aus dem Jahre 1997, betitelt mit „Krieger, Arbeiter, Waldgänger, Anarch. Das kriegerische Frühwerk Ernst Jüngers“[11], sei ebenfalls erwähnt. Diese geht, kurz vor Jüngers Tod veröffentlicht, sehr strukturiert und kleinteilig auf die literarischen Elemente von Jüngers frühen Werken ein, jedoch weniger auf dessen politische Kurzpublizistik als seine größeren Werke wie „Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt“, dem sich gleich ein ganzes Kapitel widmet.

Die mehr vergleichend vorgehenden Schriften von Werth oder Lenk u.a. sind ebenfalls erwähnenswert. Während Lenk u.a. biographisch vorgeht und den besprochenen Vertretern, wie der Titel schon erkennen lässt, Aktualität zuspricht, klassifiziert Werth die von ihm genannten Schriftsteller nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch. Friedrich Naumann und Oswald Spengler nennt er die „Wegbereiter“[12], Ernst Jünger erhält ein eigenes Kapitel. Bei der Anzahl der von Werth aufgeführten Vertreter der Konservativen Revolution kann der Exkurs zu Jünger jedoch nur fragmentarisch, ja oberflächlich bleiben.

Im Gegensatz zu Werth, der betont objektiv vorgeht, betreibt Lenk u.a. die Analyse zeitweilig fast ein wenig populistisch. U.a. ist zu lesen, dass „ ... nachdem das Ende des Ost-West-Gegensatzes zu einer kurzen Euphorie geführt hatte, die Beschwörung der ‚Mächte der Finsternis’ erneut Konjunktur“ habe und „das Bedürfnis nach simplen Lösungen“[13] wachse. Sicher trifft diese Bemerkung auf den besonders zwischen 1991 und 1993 in Deutschland offen ausbrechenden Konflikt der „Schläger“ der Neuen Rechten zu, doch wird sie meiner Meinung nach den Thesen der meisten Vertreter der Konservativen Revolution nicht gerecht, da diese i.d.R. keinesfalls von Simplizität geprägt waren, wenngleich deren Konsequenzen oft in Unverantwortlichem, ja Verbrecherischem gipfelten. Da Lenk u.a. aber auch die „Junge Freiheit“ erwähnt, kann man selbstverständlich deren Vergleich der Schriftsteller der Konservativen Revolution nicht auf einen solchen mit den „Schlägern“ reduzieren.

Es ist allerdings zu bezweifeln, ob sich gerade diese Zeitung damit emanzipiert hat, mit einem neuen „Sinn“, der „aus der Mystifizierung eines großen gemeinschaftlichen ‚Geschicks’ erwachsen“ solle, „das die Herzen der Menschen stählt und sie in einer Art Wolllust der Entsagung dazu erzieht, auf den dürftigen Ausweg des Glücks zu verzichten“.[14] Allenthalben scheint jedoch dieses Buch besonders gut geeignet, Überblickscharakter tragend, grundlegende Denkmuster der Konservativen Revolution und einiger ihrer Vertreter zu vermitteln.

Schlussendlich sei noch Reinhard Brennekes Werk „Militanter Modernismus. Vergleichende Studien zum Frühwerk Ernst Jüngers“[15] genannt. Brennekes Absicht ist, mit Hilfe der Kontrastierung von Jüngers Frühschriften der Jahre 1920 bis 1934 mit dem italienischen Futurismus sowie des deutschsprachigen Dadaismus, deren besondere Aktualität herauszuarbeiten. Gleichsam versucht er Parallelen zwischen futuristischen, hier v.a. bei Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944), dadaistischen, da besonders bei Hugo Ball, und eben den Gedanken der Konservativen Revolution, verdeutlicht weniger exemplarisch als spezifisch auf Ernst Jünger gemünzt, aufzuzeigen, was ihm vortrefflich gelingt. Er knüpft hierzu an Karl Heinz Bohrers „Ästhetik des Schreckens“[16] aus dem Jahre 1978 an, die sich erstmals an einer Einbettung von Jüngers Frühwerk in die „gesamteuropäische Avantgarde“[17] versucht, dabei aber, wie Brenneke konstatiert, dessen „kulturrevolutionären Impetus“[18] ignorierte. Der Vergleich mit dem Futurismus italienischer Provenienz sowie dem im deutschen Sprachraum ansässigen Dadaismus ermöglicht neue Vergleichs- und Interpretationsmuster von Jüngers Frühwerk, was diese Arbeit als besonders interessant erscheinen lässt, wenngleich sie vornehmlich literaturwissenschaftlich[19] vorgeht.

[...]


[1] Vgl. Berggötz, Sven Olaf (Hrsg.): Ernst Jünger. Politische Publizistik. 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 893-898.

[2] Vgl. Martin, Alfred v.: Der heroische Nihilismus und seine Überwindung. Ernst Jüngers Weg durch die Krise, Krefeld 1948, S. 29ff.

[3] Gauger, Klaus: Krieger, Arbeiter, Waldgänger, Anarch. Das kriegerische Frühwerk Ernst Jüngers, Frankfurt/ Main 1997, S. 7-8.

[4] Werth, Christoph H.: Sozialismus und Nation. Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945, Opladen 1996, S. 188.

[5] Jünger, Ernst: Skizze moderner Gefechtsführung, „Militärwochenblatt“ vom 13. November 1920; in: Berggötz, Sven Olaf (Hrsg.): Politische Publizistik. 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 15.

[6] Vgl. v.a. Jünger, Ernst: „Nationalismus“ und Nationalismus, „Das Tagebuch“ vom 21. September 1929; in: Berggötz, Sven Olaf (Hrsg.): Ernst Jünger. Politische Publizistik. 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 501-509.

[7] U.a. Klemperer, Klemens v.: Konservative Bewegungen. Zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München/ Wien, 1957; Werth, Christoph H.: Sozialismus und Nation. Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945, Opladen 1996; Lenk, Kurt u.a.: Vordenker der Neuen Rechten, Frankfurt/ Main, New York 1997; Eickhoff, Volker/ Ilse Korotin (Hrsg.): Sehnsucht nach Schicksal und Tiefe. Der Geist der Konservativen Revolution, Wien 1997.

[8] Berggötz, Sven Olaf (Hrsg.): Ernst Jünger. Politische Publizistik. 1919 bis 1933, Stuttgart 2001.

[9] Vgl. Martin, Alfred v.: Der heroische Nihilismus und seine Überwindung. Ernst Jüngers Weg durch die Krise, Krefeld 1948, S.10.

[10] Vgl. ebenda, z.B. S. 11.

[11] Vgl. Gauger, Klaus: Krieger, Arbeiter, Waldgänger, Anarch. Das kriegerische Frühwerk Ernst Jüngers, Frankfurt/ Main 1997, S. 7-9.

[12] Werth, Christoph H.: a.a.O., S. 13.

[13] Lenk, Kurt u.a.: Vordenker der Neuen Rechten, Frankfurt/ Main, New York 1997, S. 16.

[14] Ebenda, S. 17.

[15] Brenneke, Reinhard: Militanter Modernismus. Vergleichende Studien zum Frühwerk Ernst Jüngers, Stuttgart 1992.

[16] Bohrer, Karl Heinz: Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk, München 1978.

[17] Brenneke, Reinhard: a.a.O., S. 354.

[18] Ebenda.

[19] Vgl. ebenda, z.B. S. 11-15.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ernst Jünger - Agitator oder 'Seismograph'
Untertitel
Versuch einer Systematisierung der politischen Kurzpublizistik anhand ausgewählter Schriften und thematischer Konstrukte (1919-1933)
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Fachgebiet Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Konservative Revolution und Nationalsozialismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V27030
ISBN (eBook)
9783638291781
ISBN (Buch)
9783638648929
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst, Jünger, Agitator, Seismograph, Konservative, Revolution, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
M.A. Michael Kunze (Autor), 2004, Ernst Jünger - Agitator oder 'Seismograph', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27030

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