Utopia und Sonnenstaat in Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

2. Die Utopie der sozialen Freiheit bei Thomas Morus (1516)
a) Zur Entstehung des inhaltlichen Konzepts
b) Grundvoraussetzung
c) Freiheitsvorstellung in der Gemeinschaft

3. Die Utopie der sozialen Ordnung bei Campanella (1623)
a) Sozio-ökonomische Situation
b) Die Organisation des „Sonnenstaats“
c) Soziale Ordnung und Implikationen

4. Unaufhebbare Gegensätze? Freiheit und Ordnung revisited.
a) Freiheit, näher betrachtet
b) Ordnung, janusköpfig
c) „Sokrates hätte viel Hebammenkunst nötig“

5. Dialektische Überwindung und gemalte Vorstellung

Literatur

Einleitung

Das „Stammhaus aller Utopiebücher“ – so nennt Ernst Bloch in seiner Tübinger Einleitung zur Philosophie[1] die Sozialutopien, die er im vierten Teil des Prinzip[s] Hoffnung als historischen Abriss darstellt – beherbergt das immer wiederkehrende Wunschbild menschenmöglichen Glücks: die beste Form des Zusammenlebens. Die Suche nach der idealen Gemeinschaftsform beginnt Bloch mit antiken Vor-Bildern bei Solon, Diogenes, Aristipp, gefolgt von der ersten ausgeführten Schrift vom besten Staat, der Politeia Platos. Über hellenistische Vorstellungen und den „internationalen Weltstaat“ der Stoiker, frühchristlichen Bestrebungen und deren Weiterentwicklungen in Augustins „Civitas Dei“ zum „Jenseits auf Erden“, leitet Bloch zur frühmittelalterlichen Idee einer “societas amicorum“ bei Joachim di Fiore ein. Dem kalabrischen Abt gelingt als erstem die Erwägung „historischer Zukunft“, und er erkennt den repressiven Kern der sozialen Prinzipien des Christentums (das „Sich-Schicken in Furcht, duckmäuserischer Knechtschaft und Jenseits-Vertröstung“[2]). Von nun an finden die Sozialutopien „endlich auf die Füße“. Der Modus ist nicht nur futurisch, auch indikativ, „anzeigend“: Missstände an ausbeuterischen Institutionen ebenso wie Zweck und Ziel. Das joachitische Modell enthielte „utopisches Gewissen in seiner Utopie“[3], so Bloch, den bewussten Fokus aufs letzte Wozu, mehr als manche rationale Konstruktion der Neuzeit dies leisten könne.

Vor dem Hintergrund der „Staatsromane“, die sich als Vor-Schein dessen, was noch nicht ist, lesen, taucht mit Thomas Morus´ “De optima rei publica statu sive de nova insula Utopia“ (1516) das Nirgendwo auf, nach dem sich alle sehnen: die Insel der sozialen Freiheit. In derselben Form eines „Schiffermärchens“ erzählt, tritt ihm hundert Jahre später die italienische Version der insulären Utopie entgegen – der „Sonnenstaat“ Campanellas. Hier ist das höchste Glück aller dem Ordnungssinn verbunden.

Für Bloch repräsentieren die beiden Modelle die Pole zu einer dialektischen Anlage. Der Kon-Front-ation der beiden miteinander interagierenden Wunschbilder soll im Folgenden nachgegangen werden.

2. Die Utopie der sozialen Freiheit bei Thomas Morus (1516)

a) Zur Entstehung des inhaltlichen Konzepts

Das Zukunftsmodell des Thomas More, einem englischen Kanzler und Anhänger der Papstkirche, wie ein ideale Gesellschaft auszusehen habe, ist trotz oder gerade aufgrund seines märchenhaften Gewandes zum Vorbild zahlreicher Nachfolge-Utopien geworden. [Schon allein der Titelbegriff „Utopia“ gab der Sehnsuchtsdiskussion die bürgende Vokabel hierzu.] Die Schriften des Amerika-Erkunders Amerigo Vespucci verwendend, zeichnet Morus – wie er in der ´latinisierenden´ Zeit des europäischen Humanismus genannt wird – das Bild einer „naturgemäß lebenden Gemeinschaft, die der der „Indianer“ nicht unähnlich scheint. Ein aufkeimendes Bürgertum, das gegen Standesvorurteile anging, fing an, unter Freiheit mehr zu verstehen als bloß kapitalistische „Freiheiten“, so deutet Bloch das Zustandekommen des liberalen Bedenk- und Gedenkbuchs des Sozialismus und Kommunismus.[4] Zum Leben gemäß der Natur gehört aber mehr als die vielbeschworene Rückkehr zu dieser; Dreh- und Angelpunkt des Konzepts ist die Abschaffung des „Sondereigentums“, sprich: jeglichen Privateigentums in der insulären Gesellschaft. Gleichheit bedeutet hier nicht , die Erlaubnis aller zu gleichem Gewinnstreben entsprechend seiner Standeskaste, sondern die humanistische Variante des „Aus-dem-selben-Holz-geschnitzt-seins“. Der Anspruch aller auf alles ist dem Christen More wegweisend, und erklärt sich auch aus seinem christlichen Glauben („eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich“) kommentiert Bloch lakonisch) heraus. Dass jedoch der Glaubensstreit abgeschafft sei und ein epikureisch diesseitsseliges Völkchen sich des Lebens freue, führt Bloch ein, um auf das bekannte Gerücht aufmerksam zu machen, die „Utopia“, wie sie überliefert vorliegt, stamme aus er Feder eines anderen: derjenigen Erasmus` von Rotterdam.

Dieser Verdacht gereichte einigen Philologen zum Vorwand, das gesamte System in Frage zu stellen  sowie die von Erasmus eingeführten vor-kommunistischen Politika als Entstellung zu diskreditieren.[5] Den religiösen Gehalt mitsamt der reformativen Intention reicherte Erasmus in seiner Redaktion der Ur-Utopia mit irdischer Konkretion an. Und gewann dadurch an utopischer Aussage. Die Brüche innerhalb der Rede, die Verschiedenartigkeit der beiden Teile, wandelt Bloch in eigenen Erkenntnisgewinn um; ganz gleich, ob die Widersprüchlichkeit nun aus der Autorenschaft zweier herrührt – es sind gerade die Inkonsequenzen, die auf den zeitgeschichtlichen (Problem-)Stand der vorbürgerlichen Dinge hinweisen. Es ist für Bloch eine Art Geburtsfehler der frühen Utopie kommunistischer Denkungsart, dass gerade die Abschaffung  des Eigentums innerhalb der „bürgerlichen Antizipationen“ als Anomalie sich darstelle.[6] Den tiefsten Graben sieht er zwischen der höchst friedfertigen Existenz auf Utopia und der dennoch möglichen Kriegsführung um Bodenbesitz gezogen, und auch die Haltung von Verbrechersklaven vermag dem Anspruch von „Brüderlichkeit“ nur noch Hohn zu sprechen. Nichtsdestotrotz gilt für Bloch: Die „Utopia“ ist und bleibt, mit all ihren Schlacken, das erste neuere Gemälde demokratisch-kommunistischer Wunschträume. [7] Über die Grundvoraussetzung hierzu und der konkreten Einlösung im Gemeinschaftsleben nun im Detail.

b) Grundvoraussetzung

Die angeführten Dissonanzen überlagern nicht den Grundton der Idee „Utopia“; sie tastet als erste nach sowohl formaler Demokratie, welche den Kapitalismus entbindet, wie die der materiell-humanen, welche ihn aufhebt.[8] Demokratie findet sich verbunden mit Kollektivwirtschaft; eine Demokratie mit Freiheit und Toleranz im „humanen Sinn“ klingt neuzeitlich an und sprengt die „Festung des Besitzes“, also Königreich und Klerus, zu gleichen Teilen. „Freiheit ist dem Kollektiv eingeschrieben“, stellt Bloch fest; für diese Kollektivform ist materiell-humane Demokratie „naturgemäßes“ Programm und Inhalt. Als Voraussetzung für den ersten Schritt zur sinneinlösenden Demokratie gilt 1.) die Abschaffung von Privatbesitz. Denn: Wo es noch Privatbesitz gibt, wo alle Menschen und Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben. So kann denn der Besitz durchaus nicht auf irgendeine billige oder gerechte Weise verteilt werden, so kann das Glück  der Sterblichen überhaupt nicht begründet werden, wenn nicht vorher das Eigentum aufgehoben ist. Solange es bestehen bleibt, werden vielmehr auf dem weitaus größten und weitaus besten Teil der Menschheit Armut, Sorge als unentrinnbare Bürde lasten. Sie gänzlich zu beseitigen, ist ohne Abschaffung des Eigentums unmöglich. (Morus, Utopia) Nicht nur von Besitzbeschränkungen und Privatansprüchen frei lässt es sich auf Utopia friedlicher und gerechter leben; auch die tägliche Arbeitszeit wird weitgehend reduziert. Hieraus erwächst die zeitliche Freiheit abseits der Arbeit: Die Wirtschaftsverfassung Utopias hat es in erster Linie das Ziel vor Augen, allen Bürgern möglichst viel Zeit freizumachen für die Pflege geistiger Bedürfnisse.[9]

Der dritte Komplex der Freiheit umfasst den Glauben. „Frömmere Gedanken“ als die des eher epikureischen Genussstrebens der Utopia-Lebensform, enthalte auch das Christentum nicht. Wenn Jesus die kommunistische Lebensführung seiner Jünger gutgeheißen habe, so sei das auch nichts anderes als das schön praktizierte Leben auf Utopia. Vielfältigkeit in der Anbetung Gottes ist erwünscht; handelt es sich dabei um Sonnengötter oder andere Glaubensziele. Diese Toleranz in Glaubensrichtungen bzw. der Wegfall des Glaubenszwanges an sich muss für das streng klerikal geprägte England – denn an die Verfassung des eigenen Staates richtet sich die inhärente Kritik Mores – als radikale Anklage der Hierarchien überhaupt geklungen haben. Auch Bloch sieht an dieser Stelle die Öffnung bereitet, die „ersten Hauch von Aufklärung“ verspreche und Gegenmittel gegen jedwedes Obrigkeitssystemsein kann.[10] Die Kraft zu dieser Freiheit sieht Bloch in er „ersten“ Freiheit begründet, die aus der Abschaffung des Eigentums erfolgt ist. Das Bedürfnis nach Macht und Obrigkeit verliert sich auf Utopia wie von selbst mit dem Verschwinden eigener Güter und dem Gebrauch von Geld. Gerade diese irdischen Unwegsamkeiten zeigen an, dass es weder transzendenter Unterstützung noch der hierarchisch-strukturierten Kirche bedarf, um schon zu Lebzeiten das gemeinschaftliche Glück auf Erden zu ermöglichen.

[...]


[1] Ebd., S. 127.

[2] Vgl. Ernst Bloch, Freiheit und Ordnung – Abriss der Sozialutopien, 1959, S. 55)

[3] Ebd., S. 54.

[4] Ernst Bloch, Freiheit und Ordnung – Abriss der Sozialutopien , Auskopplung des 36. Kapitels vom Prinzip

[5] Vgl. ebd., S. 60m.

[6] Freiheit und Ordnung, S. 63o.

[7] Ebd., S. 63 m.

[8] Ebd.

[9] Zit. nach Bloch, S. 64u.

[10] Sie brechen den Obrigkeitsstaat an seiner härtesten Stelle entzwei, an der des Glaubens- und Gewissens-zwanges. Ebd., S. 66o.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Utopia und Sonnenstaat in Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophie)
Veranstaltung
Grundrisse einer besseren Welt - Die Philosophie Ernst Blochs als offenes, utopisches System
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
18
Katalognummer
V270370
ISBN (eBook)
9783656616832
ISBN (Buch)
9783656616818
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prinzip Hoffnung, Ernst Bloch, Utopie, Freiheit, Ordnung, Thomas Morus, Tommaso Campanella, Sozialutopien
Arbeit zitieren
M.A. Britta Aelken (Autor), 1998, Utopia und Sonnenstaat in Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270370

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