Der Jihad im 12. Jahrhundert. Von seinen Ursprüngen und seiner Rolle im Kampf gegen die Kreuzfahrer


Hausarbeit, 2009

48 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I: Der Qur´ān und der Ğihād

II: Die klassische Ğihād-Doktrin

III: Die Entwicklung des Ğihād vom 7-10. Jahrhundert

IV: Die muslimische Welt im 10. und 11. Jahrhundert

V: Muslime und Kreuzfahrer im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert

VI: Imād ad-Dīn Zengī (1128-1146)

VII: Nūr ad-Dīn (1146-1174)

VIII: Saladin (1174-1193)

Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis
Quellen:
Sekundärliteratur

Einleitung

Als die Kreuzfahrer am 15. Juli 1099 Jerusalem einnahmen und dabei ein in seinen Dimensionen unter Historikern umstrittenes Massaker an der einheimischen muslimischen Bevölkerung verübten, hätte man einen Aufschrei in der muslimischen Welt erwarten können und eine religiös motivierte Bereitschaft, den aus Europa kommenden „Ungläubigen“ mit dem Schwert in der Hand zu begegnen. Schließlich stellte dieser brutal geführte Angriff der Franken, der Ifranğ, wie sie von den Muslimen bezeichnet wurden, auf das „Haus des Islam“ die Muslime seit Jahrhunderten vor die Notwendigkeit, ihr eigenes Territorium zu verteidigen[1], nachdem sie unter der Fahne des Islam innerhalb eines Jahrhunderts ein ganzes Weltreich erobert hatten. Die erwarteten Reaktionen blieben jedoch aus.

In diesem Essay wird es daher darum gehen, sowohl die politisch-militärischen Konstellationen als auch den mentalitätsgeschichtlichen Wandel innerhalb der Umma, d.h. der Gemeinschaft der Gläubigen zu beleuchten, um das anfängliche Ausbleiben militanter Antworten auf die „ungläubige“ Invasion zu erklären.

Methodologisch gehe ich dabei folgendermaßen vor:

- 1. Schritt: Untersuchung der koranischen Aussagen zum „Ğihād“[2] bzw. der in der Offenbarungsschrift der Muslime enthaltenen Zielsetzungen bzgl. der „Anstrengung auf dem Wege Allahs“
- 2. Schritt: Darstellung der klassischen „Ğihād“-Doktrin, die von den islamischen Rechtsgelehrten im Laufe des 8. und 9. Jahrhunderts elaboriert wurde und deren Schlussfolgerungen sich natürlich in erster Linie, wenngleich nicht exklusiv, auf koranische Belege und auf das prophetische Vorbild stützten. Nicht exklusiv, weil der Qur´ān auf bestimmte, für die šarī´a, d. h. das islamische Gesetz aber relevante Fragestellungen nicht detailliert eingeht und weil die Sunna des Propheten, d.h. seine überlieferten Aussprüche und Handlungen ebenfalls nichts zur Beantwortung der entsprechenden juristischen Streitfrage beitragen konnten.
- 3. Schritt: Beschreibung der politischen Situation der arabisch-muslimischen Welt beim Erscheinen der Kreuzritter und der sich in den folgenden Dekaden verstärkenden Tendenz zur religiösen Aufladung des Kampfes gegen die sich etablierenden Kreuzfahrerstaaten bzw. der Zunahme religiöser Propaganda im Machtkampf der muslimischen Herrscher untereinander. Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei den aus muslimischer Perspektive vorbildlichen „muğāhidïn“ Imād ad-Dïn Zengï (ca. 1085-1146), Nūr ad-Dïn Zengï (1118-1174) und Salah ad-Dīn (Saladdin) ibn Ayyūb (ca. 1137/1138-1193).

I: Der Qur´ān und der Ğihād

Der Qur´ān enthält eine Vielzahl von Aussagen, die sich mit dem Kampf „auf Gottes Weg“ auseinandersetzen. Insgesamt finden sich 41 Derivative der Wortwurzel j-h-d- im Qur´ān[3], die aufgrund einer am Kontext orientierten Interpretation nicht exklusiv gewalttätig gedeutet werden können und von den islamischen Rechtsgelehrten (fuqahā´) auch nicht ausschließlich so ausgelegt wurden. Neben den Auseinandersetzungen um die konziliante oder militante Auslegung der entsprechenden Ableitungen im Qur´ān, die sich innerhalb der muslimischen Qur´ān-Experten entwickelten, sahen sie sich darüber hinaus mit der scheinbaren Widersprüchlichkeit koranischer Aussagen konfrontiert. Denn man konstatierte einerseits die Existenz militanter, d. h. gegen die Götzendiener (die mekkanischen Heiden) und Schriftbesitzer (Juden und Christen) gerichteter Verse. Andererseits die Existenz ausgleichsbereiter, Frieden und Dialog fordernder Verse. Der Forderung an die Muslime nach auch kriegerischem Einsatz gegen Götzendiener (abadat al-awthān[4]) und Schriftbesitzer (ahl al-kitāb) stand die Aufforderung Gottes an den Propheten gegenüber, sich mit den „Schriftbesitzern“[5] argumentativ zu messen, um die Überlegenheit des Islam zu demonstrieren.

Da im religiösen Verständnis der muslimischen Theologen (´ulamā´) und Rechtsgelehrten (fuqahā´) der Qur´ān die widerspruchsfreie göttliche Offenbarung darstellt(e), entwickelten sie Methoden der Interpretation des Qur´ān, um die scheinbare Widersprüchlichkeit koranischer Verse mit Hilfe einer „Evolutionstheorie“[6] zu überwinden. Inhaltlich bedeutete dies, dass sie die Qur´ān-Suren in einen chronologischen Kontext (mekkanische oder medinensische Suren) stellten, die entsprechenden Qur´ān-Stellen mit konkreten biographischen Ereignissen aus dem Leben des Propheten verknüpften und die Technik der „aufhebenden und aufgehobenen Verse“[7] anwandten, um den Wandel des Gesandten Gottes vom „Warner“[8] zum Staatsgründer und militärisch agierenden Führer der muslimischen „Ur“-Gemeinschaft gegen die mekkanischen Heiden nachzuvollziehen.

Trotz entsprechender Vorbehalte seitens westlicher Islamwissenschaftler an der von den muslimischen Rechtsgelehrten und Theologen etablierten Chronologie der Suren, will ich der „Evolutionstheorie“ folgend einige exemplarische Koran-Zitate herausgreifen, um die Entwicklung zum bewaffneten Ğihād nachzuzeichnen bzw. darzulegen, in welcher Form sich die Mission des Propheten in der Sichtweise muslimischer Kommentatoren des Qur´āns veränderte.

Muslimischen Quellen zufolge begann die Prophetie Muhammads in seinem 40. Lebensjahr (610), nachdem ihm auf dem Berg Hira die erste Sure des Qur´ān durch den Engel Gabriel (arab. Ğibrīl[9]) offenbart worden war. Nachdem zwei Jahre später der göttliche Befehl an seinen Gesandten erging, die Botschaft von Seiner Einzigartigkeit und dem unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Gericht in der heidnischen Öffentlichkeit Mekkas zu verkünden[10], sah sich die kleine muslimische Gemeinde zunehmenden Repressionen ausgesetzt. Die Verfolgung erklärt sich aus dem Auftreten des Propheten für soziale Gerechtigkeit und der Drohung mit dem Jüngsten Gericht gegenüber den sich egoistisch und materialistisch gebärdenden Großhändlern der Stadt. Solche Predigten verschärften natürlich die Spannungen zwischen dem Propheten und den tonangebenden Kreisen. Denn diese wirtschaftliche Elite verdankte ihren Reichtum einerseits dem Wallfahrtstourismus (die Ka´ba als Zentrum des Götzenkults auf der Arabischen Halbinsel!) und andererseits bzw. in erster Linie dem Fern und Karawanenhandel mit Syrien und dem Jemen und sie war zunehmend bereit, die soziale Kluft zwischen Arm und Reich durch die Aufkündigung der alten arabischen Stammessolidarität mit den weniger begüterten Stammesangehörigen zu vertiefen[11].

Aber trotz der sich für die „Ur“-Muslime in Mekka verschärfenden Situation, die bereits in den Jahren 615-617 zu einem ersten Exodus von Muslimen ins christliche Äthiopien und der Boykottierung der Banū Hašim, also der unmittelbaren Prophetenfamilie[12], führte, blieb die göttliche Erlaubnis zum bewaffneten Kampf für die Muslime aus. Stattdessen erhielt der „Gesandte Allāhs“ fortgesetzt die Anweisung, die Demütigungen durch die Götzendiener zu ertragen, die ihn als „Magier“, „Dichter“ und sogar „Lügner“ titulierten, sie zu meiden und Standhaftigkeit zu wahren[13]. Aufgrund des immer stärker werdenden Drucks in Mekka erteilte Gott seinem Gesandten schließlich die Erlaubnis zur „Hiğra“, d.h. zur Auswanderung nach Medina (September 622)[14], wo der Prophet das erste islamische Staatswesen begründete und von wo er 8 Jahre später, am 11. Januar 630[15], als Triumphator nach Mekka zurückkehrte. Nach Ansicht der muslimischen Rechtsgelehrten autorisierte Gott den Propheten nach seiner Ankunft in Medina erstmalig zur defensiven Kriegsführung, wobei sie die Verse 39-40 der 22. Sure[16] des Qur´ān als die ersten[17] Verse interpretierten, in denen Gott den Muslimen die Erlaubnis zum bewaffneten Kampf gegen die mekkanischen „Ungläubigen“ erteilte. Vom politischen Standpunkt betrachtet, verfolgten die vom Propheten angestrengten „ġazwas“, d. h. die gegen den mekkanischen Karawanenhandel gerichteten überfallartigen Kriegszüge das doppelte Ziel der ökonomischen und damit auch der machtpolitischen Schwächung der mekkanischen Heiden und der materiellen Versorgung der ausgewanderten Muslime, die ihren Besitz in Mekka hatten zurücklassen müssen[18].

Ein weiterer qualitativer Schritt in Richtung des uneingeschränkten Kampfes gegen die götzendienerischen Mekkaner erfolgte mit der Legitimierung des bewaffneten Kampfes zu Angriffszwecken, der jedoch partiell den vorislamischen Restriktionen unterworfen blieb[19]. Denn einerseits wird die fortwährende Unverletzlichkeit der aus der präislamischen Zeit stammenden „Heiligen Monate“, in denen Blutvergießen untersagt war, durch die Offenbarung bestätigt, andererseits allerdings herausgestrichen, dass die Bedrohung durch die „Fitna“, d.h. die Versuchung bzw. Verfolgung seitens der „Ungläubigen“, einen Verstoß gegen die Friedenspflicht im „Schutzmonat“[20] rechtfertigt. Das Fortbestehen vorislamischer Einschränkungen in der Offenbarung, die Firestone zufolge die Verwurzelung der Muslime in den vorislamischen Denk und Tabustrukturen widerspiegelt, manifestiert sich auch in Sure 2, Vers 191[21] des Qur´ān, in dem der Kampf bei der Ka´ba außer zu Verteidigungszwecken den Muslimen verboten wird.

Der Endpunkt der bereits erwähnten, von den islamischen Rechtsgelehrten entwickelten „Evolutionstheorie“ war mit den Versen 5 und 29 der 9. Sure[22] des Qur´ān erreicht, in denen der göttliche Befehl zum uneingeschränkten Kampf gegen „Götzendiener“ und „Schriftbesitzer“ erging. Diese beiden Verse zeigen auch die Zielsetzung der „Anstrengung auf dem Wege Gottes“ in ihrer gewaltsamen Ausprägung auf. Während es im Kampf gegen Pagane um deren Konversion bzw. deren Hinwendung zum Islam (Das Gebet (as-salāt) und die Armensteuer (az-zakāt) gehören nach Auffassung der muslimischen Rechtsgelehrten zu den fünf Säulen des Islam!) geht, besteht die Zielsetzung des gegen „Schriftbesitzer“ gerichteten „Heiligen Kampfes“[23] in der Herstellung der politischen Herrschaft über diese und der Etablierung eines tributären Verhältnisses, wobei muslimischen Juristen Sure 2, Vers 256 als Rechtfertigung für die Ablehnung der Zwangsbekehrung der „Schriftbesitzer“ diente[24]. In der Qur´ān-Rezeption der muslimischen Rechtsgelehrten repräsentierten die beiden oben genannten „Schwertverse“ den finalen Status in Bezug auf den „Ğihād“ in seiner militant-gewalttätigen Gestalt, die bis zu 120 andere Koranverse in ihrer rechtlichen Gültigkeit aufhob.

Andere in der Offenbarung erwähnte Motive für den „Heiligen Kampf“ stellten das Engagement für schwächere in Mekka zurückgebliebene Muslime[25] und Vergeltung für das Aufbegehren der „Ungläubigen“ gegen „Allah und seinen Gesandten“[26] dar.

II: Die klassische Ğihād-Doktrin

Mit der Ergreifung der Macht durch die Abbasiden ab 750 (den Nachkommen des Prophetenonkels al-Abbās) und der Übernahme des Kalifats durch diese begann nicht nur die Transformation des arabisch dominierten Imperiums zum muslimischen Universalreich, in dem zunehmend nicht arabische Muslime die Geschicke der „Umma“ bestimmten, sondern es setzte auch eine Entwicklung ein, die Tilman Nagel als „Islamisierung des Rechts“[27] beschrieb und die von den Begründern der vier sunnitischen Rechtsschulen energisch vorangetrieben wurde[28]. Aus den Bemühungen muslimischer Gelehrter um eine Systematisierung bzw. Kodifizierung islamischer Gesetzgebung entstand die šarī´a, in der auch die klassische „Ğihād“-Doktrin enthalten war.

Die islamischen Juristen nahmen eine religiös begründete Zweiteilung der Welt vor. Dem „dar al-islam“, dem „Haus des Islam“, stand das „dar al-harb“, das „Haus des Krieges“ gegenüber[29]. Im „Haus des Islam“ galt das Gesetz Gottes, die šarī´a, und infolgedessen herrschte im „Haus des Islam“ Brüderlichkeit und Harmonie unter den Muslimen. Im „Haus des Krieges“ dagegen, im Reich der „Ungläubigen“, im Reich der Nicht-Muslime, herrschten Ignoranz und Anarchie, da man sich dort sowohl der göttlichen Gerechtigkeit in Gestalt der šarī´a als auch der einzig legitimen Religion, dem Islam, entzog.

Die Konsequenz dieses von den muslimischen Rechtsgelehrten vertretenen bzw. entwickelten Konzepts bestand in der Besiegelung eines permanenten Kriegszustandes gegen das „Haus des Krieges“, der aber nicht zwangsläufig militärisch ausgetragen zu werden brauchte. Gleichwohl konnte es solange keinen wirklichen Frieden mit den „Ungläubigen“ geben, solange nicht der gesamte Erdkreis der „Religion Allahs“ unterworfen war oder das Jüngste Gericht über alle Menschen hereinbrach.

Erlaubt war hingegen der Abschluss von Waffenstillständen (muhādana, musālaha), wobei aber zwischen den Juristen Uneinigkeit über die maximal zulässige Dauer solcher Waffenstillstände herrschte. Nach Meinung der meisten Juristen betrug die maximale Dauer von Waffenstillstandsverträgen ohne die Herstellung eines tributären Verhältnisses über den Feind vier Monate oder einen näher zu bestimmenden Zeitraum, der allerdings zwei Jahre nicht überschreiten durfte.

Prinzipiell bestand auf Seiten der Muslime die Verpflichtung, die Vertragsbestimmungen einzuhalten, allerdings wurden die signifikante Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der „Gläubigen“ oder die Befürchtung des Vertragsbruchs[30] durch die „Ungläubigen“ als legitime Gründe der einseitigen Annullierung des Vertragsverhältnisses anerkannt. Der Vertragspartner musste allerdings nach Auffassung der meisten Juristen (mit Ausnahme des Begründers der hanafitischen Rechtsschule, Abū Hanīfa, gest. 767) von der einseitigen Annullierung des Waffenstillstandsabkommens in Kenntnis gesetzt und ihm eine gewisse Frist eingeräumt werden, um sich auf den bevorstehenden Angriff der Muslime vorzubereiten. Diese Einschränkung im Kampf gegen die „Ungläubigen“ entfiel, wenn diese selbst die von ihnen akzeptierten Vertragsbedingungen verrieten. In diesem Falle fiel dann auch die Notwendigkeit weg, den „ungläubigen“ Vertragspartner vor der Ausführung des eigenen Angriffs zu warnen.

In einer außergewöhnlichen Notlage, in der die Muslime einem weit überlegenen „ungläubigen“ Feind gegenüberstanden, war ein Abrücken von der muslimischen Norm, die Tributzahlungen an die „Ungläubigen“ untersagte, erlaubt. Denn nach Auffassung der muslimischen Gelehrten bzw. Juristen galt es in erster Linie, die „Umma“, d. h. die Gemeinschaft der Gläubigen intakt zu erhalten und erst in zweiter Linie um die Brechung der Machtressourcen des „ungläubigen“ Gegners[31].

Sure 2, Vers 216[32] des Qur´āns erhebt den bewaffneten Kampf in den Rang eines göttlich erlassenen Befehls und damit in den Rang einer für jeden Muslim bindenden Verpflichtung. In diesem Sinne interpretierten zumindest der Sunnit aš-Šafī´i[33] (gest. 820) und der Schiit Ibn Hayyūn[34] (gest. 974) die Aufrufe des Qur´āns zum Ğihād. Sie betrachteten den „Ğihād“ als eine der „Säulen des Islam“ und erhoben die keineswegs zwangsläufig gewaltsame „Anstrengung auf dem Wege Gottes“ zu einer individuellen Pflicht für jeden freien, gesunden und erwachsenen Muslim. Bei der Mehrheit der muslimischen Juristen setzte sich allerdings die pragmatische Überzeugung durch, dass der „Ğihād“ in seiner gewaltsamen Ausprägung eher als eine kollektive (fard´alā al-kifāya) Verpflichtung anzusehen sei, von dem die große Masse der Muslime befreit sei, wenn sich eine ausreichende Zahl von „muğāhidūn“ bereit fände, dieser Aufgabe nachzukommen. Diese Betrachtungsweise entsprang nicht nur der realistischen Einschätzung, dass die individuelle Wahrnehmung der Pflicht zum „Ğihād“ angesichts der inzwischen erreichten Ausdehnung des islamischen Weltreiches[35] unmöglich bzw. undurchführbar war, sondern konnte auch unter Verweis auf den Qur´ān[36] selbst verteidigt werden. Im Falle der unmittelbaren Bedrohung einer muslimischen Stadt oder einer zum islamischen Universalreich gehörigen Provinz wandelte sich der kollektive Charakter des „Ğihād“ zu einer individuellen Pflicht (fard´alā al-ayn) für jeden betroffenen Muslim. Sollten sich die betroffenen Muslime als unfähig erweisen, den Angriff der „Ungläubigen“ zurückzuschlagen, dann erweiterte sich der verpflichtende Charakter des „Ğihād“, in diesem Kontext als bewaffneter Einsatz zur Verteidigung der „Umma“ bzw. ihrer Subgruppen verstanden, auf die nächstliegenden Gebiete. Im Falle einer das gesamte „Haus des Islam“ bedrohenden Gefahr seitens der „Ungläubigen“ galt das Gebot des „Ğihād“ für jedes einzelne Mitglied der „Umma“[37].

III: Die Entwicklung des Ğihād vom 7-10. Jahrhundert

Im Zeitraum 632 (Todesjahr des Propheten) bis 716 (Abschluss der weitgehenden Eroberung der Iberischen Halbinsel) gelang den Muslimen im Rahmen der frühislamischen Expansion bzw. der frühislamischen Eroberungen (arab. futūh) die Aufrichtung eines Weltreiches. Der Erfolg dieser Expansion resultierte aus einer Vielzahl unterschiedlicher Ursachen[38]. Aber einer dieser Ursachen war zweifelsohne die Glaubensstärke der Muslime, der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit infolge des koranischen Versprechens, dass Gott den „Gläubigen“ auch in der Schlacht[39] selbst beistand, schließlich die Überzeugung, ein auserwähltes göttliches Werkzeug zur Aufrichtung der göttlichen Heilsordnung auf Erden[40] zu sein. Die im Qur´ān enthaltene Kombination himmlischer Verheißungen (Paradies) und irdischer Erträge (Kriegsbeute) als Entlohnung für den (auch kriegerischen) Einsatz auf dem „Wege Gottes“[41] motivierte die frühen Muslime zu überdurchschnittlichen Leistungen und erklärt ihre im Zuge der frühislamischen Expansion erzielten beeindruckenden Erfolge, zumal der „Gläubige“ zwischen der Aussicht auf den „Märtyrertod“[42] und reiche Beute nichts zu verlieren, aber ausschließlich etwas zu gewinnen hatte.

Wie bereits ausgeführt, begründete(n) der Prophet selbst bzw. die ihm nachfolgenden Generationen die militante Tradition des „Ğihād“: Nämlich „Anstrengung“ als militärisch-gewalttätiger Einsatz gegen die „Ungläubigen“ in Gestalt von Polytheisten, Götzendienern und „Schriftbesitzern“ verstanden. Und diese vom Propheten selbst begründete Tradition wirkte auch in den nachfolgenden Jahrhunderten nach und bestimmte einerseits die Lebensweise frommer, asketischer Kreise und andererseits die Lebensweise auch einzelner politischer Persönlichkeiten.

Da im Laufe des 8. und 9. Jahrhunderts das Zeitalter des (mehr oder weniger) staatlich organisierten Heidenkampfes zu Ende ging, begaben sich die „Ğihād“-Freiwilligen[43] in die Grenzfestungen (ribāt) oder in die Grenzregionen (tuġūr), um der höchst verdienstvollen Aufgabe der „Anstrengung auf dem Wege Gottes“ nachzukommen. In inzwischen zwecks Sicherung der See und Landgrenzen errichteten Festungen verteidigten diese „murābitūn“ nicht nur islamischen Boden, sondern unternahmen auch regelmäßig Einfälle in „ungläubiges“ Territorium ohne unmittelbare Autorisierung durch den Kalifen[44], dem als Befehlshaber der „Umma“ auch die Führung des Ğihād oblag. Geographische Zentren dieser Freiwilligenbewegung bildeten insbesondere Chorāsan und Transoxanien im Kampf gegen die paganen Turkstämme Zentralasiens bzw. das an das Byzantinische Reich angrenzende Syrien, das religiös motivierte Kämpfer aus allen Regionen des Islamischen Imperiums anzog[45].

Das freiwillige kriegerische Engagement auf dem „Wege Gottes“ erklärt sich aber nicht nur durch das vom Propheten bzw. der muslimischen „Ur“-Gemeinschaft gesetzte Beispiel, in späteren Jahrhunderten erklärt sich die Attraktivität dieses freiwilligen Engagements zusätzlich durch die theologische Weihe, die der private, vom Kalifen nicht autorisierte, „Ğihād“ erfuhr. Bis auf aš-Šafī´i[46] (gest. 820) sprach sich die Mehrheit der einflussreichen theologischen Stimmen für die Rechtmäßigkeit dieser persönlichen, individuellen Hinwendung zur „Anstrengung auf dem Wege Gottes“ aus. Und führende muslimische Gelehrte (ulamā´) beschränkten sich nicht exklusiv auf die theologische Rechtfertigung dieser Unternehmungen, sondern beteiligten sich aktiv[47] an ihnen, was sich in ihrer nicht unbeträchtlichen zahlenmäßigen Beteiligung widerspiegelte.

Im Laufe des 10. Jahrhunderts stagnierte allerdings der Zulauf von Freiwilligen zu den Schauplätzen des Heidenkampfes, es kam generell zu einer Vernachlässigung der Grenzfestungen und zu einem Rückgang der „Ğihād“-Sensibilität. Diese abnehmende Begeisterung für den „Ğihād“ in seiner militant-gewaltsamen Ausgestaltung erfasste selbst diejenigen, die vorher als Exponenten des „Ğihād“-Gedankens fungiert hatten. Die im 10. und 11. Jahrhundert zu beobachtende Abnahme des kämpferischen Eifers schloss jedoch die Möglichkeit nicht aus, dass einzelne politische Persönlichkeiten mit entsprechender Unterstützung religiöser Milieus bzw. eines effizienten Propagandaapparates zumindest punktuell den Geist des „Ğihād“ wiederbeleben konnten.

IV: Die muslimische Welt im 10. und 11. Jahrhundert

Im 10. Jahrhundert manifestierte sich die politische Zersplitterung der „Umma“ darin, dass drei Kalifen zeitgleich nebeneinander bestanden. Diese Zersplitterung wies einerseits eine konfessionelle, andererseits eine dynastische Komponente auf.

In Nordafrika gelang den sich innerhalb der „Umma“ in der Minderheit befindenden und von den sunnitischen Muslimen als „Häretiker“ betrachteten Schiiten die Begründung eines relativ langlebigen eigenen Staatsgebildes. Am 6. Januar 910 ließ sich der Führer der Ismā´īliten oder der sog. „Siebener-Schiiten“[48] ´Abdallāh al-Mahdī“ (909-934) in der Nähe von al-Qairawān (Kairuan) im heutigen Tunesien zum Kalifen proklamieren[49]. Von diesem zeitweiligen Herrschaftszentrum gelang seinen Nachfolgern im Kalifat, die ihre Abstammung auf die Prophetentochter Fātima zurückführten, der Ausgriff nach Ägypten (969) und sogar bis nach Syrien. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht garantierten die schiitischen Imam-Kalifen sogar die Sicherheit der Pilgerwege nach Mekka und Medina, den heiligsten Stätten des Islam[50].

[...]


[1] Abgesehen von der machtvoll vorgetragenen Offensive der Byzantiner, die im 10. Jahrhundert unter der makedonischen Dynastie in Gestalt des Nikephoras Phokas (963-969) und Johannes Tzimiskes (969-976) an der Taurusgrenze zum Angriff übergingen und deren wichtigstes Ergebnis, neben anderen, aber temporären syrischen Eroberungen, die Einnahme von Antiochia am 28. Oktober 969 darstellte. Siehe hierzu: Halm, Heinz: Die Fatimiden, S. 166-199. In: Geschichte der Arabischen Welt, Hg. Haarman, Ulrich, 4. Auflage, München, 2001, S. 175

[2] Der Begriff wird immer noch fälschlicherweise mit „Heiliger Krieg“ wiedergegeben, obwohl die wörtliche Übersetzung von „Heiliger Krieg“ im Arabischen „harb al-muqqadas“ wäre. Siehe hierzu: Lewis, Bernard: The political language of Islam, Chicago University Press, 1988, S. 71.

Das Wort Ğihād leitet sich hingegen von der Wortwurzel j-h-d ab und könnte mit Anstrengung, Belastung, Bemühung übersetzt werden.

[3] Encyclopaedia of Qur´ān, Band III., J-O, Hg. McAuliffe, Jane Dammen, Bill-Leiden-Boston, 2003, S. 35

[4] Patricia Crone unterscheidet in ihrem Werk „Medieval Islamic Political Thought”, Edinburgh University Press, 2004, S. 358 zwischen Polytheisten (mušrikūn) und Götzendienern (abadat al-awthān).

[5] Sure 16, Vers 125: „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung und streite mit ihnen [d.h. den in Medina ansässigen Juden] in bester Weise...“

[6] Firestone, Reuven: Jihād-The Origin of Holy War in Islam, New York-Oxford, 1999, S. 50

[7] „an-nasikh wa al-mansūkh“, ebenda, S. 49

[8] Sure 11, Vers 12:“Du aber bist nur ein Warner. Und Allah ist Sachwalter über alles“.

[9] Sure 2, Vers 97: „Sag: Wer Ğibrīl feind ist, so hat er ihn (den Qur´ān) mit Allahs Erlaubnis in dein Herz offenbart, das zu bestätigen, was vor ihm (offenbart) war und als Rechtleitung und als frohe Botschaft für die Gläubigen“.

[10] Sure 15, Vers 94-95: „So verkünde denn laut, was dir befohlen wird und wende dich von den Götzendienern ab. Wir genügen dir vor den Spöttern,

[11] Watt, Montgomery W.: Muhammad, S. 30-56. In: Cambridge History of Islam, Band 1a, Hg. Holt, Peter M./, Lambton, Ann K.S/Lewis, Bernard, Cambridge University Press, 1970, S. 34. Zur ökonomischen Aktivität der mekkanischen Händler siehe auch Sure 106 des Qur´ān.

[12] Morabia, Alfred: Le Gihad dans l´Islam médiéval. Le « combat sacré » des origines au XIIe siècle, Paris, 1993, S. 53

[13] Sure 16, Vers 127-128: „Sei standhaft; deine Standhaftigkeit ist nur durch Allah. Sei nicht traurig über sie und sei nicht in Beklommenheit wegen der Ränke, die sie schmieden. Gewiss Allah ist mit denjenigen, die gottesfürchtig sind und Gutes tun“.

[14] Lings, Martin: Muhammad-Sein Leben nach den frühesten Quellen (englische Originalversion: Muhammad: His Life Based on the Earliest Sources), aus dem Englischen übersetzt von: Full, Shukriya U., Kandern, 2000, S. 160-175

[15] Ebenda, S. 406-414

[16] „Erlaubnis ist denjenigen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen ja Unrecht zugefügt wurde und Allah hat wahrlich die Macht ihnen zu helfen, die zu Unrecht aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden, nur weil sie sagen: Unser Herr ist Allah...“

[17] Firestone, R.: Jihād, S. 53

[18] Watt, M. W.: Muhammad-In: The Cambridge History of Islam, Band 1a, Hg. Holt, P. M./Lambton, K.S.A./Lewis, B., S. 42

[19] Firestone, R.: Jihād, S. 56-57

[20] Sure 2, Vers 217: „Sie fragen dich nach dem Schutzmonat, danach in ihm zu kämpfen. Sag: In ihm zu kämpfen ist schwerwiegend. Aber von Allahs Weg abzuhalten und Ihn zu verleugnen und von der geschützten Gebetsstätte [d.h. der Ka´ba, S. Z.] (abzuhalten) ist schwerwiegender bei Allah. Und Verfolgung [auch Unglauben, Abhalten anderer vom Glauben] ist schwerwiegender als Töten. Und sie werden nicht eher aufhören gegen euch zu kämpfen, bis sie euch von eurer Religion abgekehrt haben, wenn sie können. Wer aber unter euch sich von seiner Religion abkehrt und dann als Ungläubiger stirbt, das sind diejenigen, deren Werke im Diesseits und im Jenseits hinfällig werden. Das sind Insassen des Feuers. Ewig werden sie darin bleiben“.

[21] „Und tötet Sie, wo immer ihr auf sie trefft und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben, denn Verfolgung ist schlimmer als Töten! Kämpft jedoch nicht gegen sie bei der geschützten Gebetsstätte, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie aber gegen euch kämpfen, dann tötet sie. Solcherart ist der Lohn der Ungläubigen“.

[22] Die beiden Verse werden von den muslimischen Rechtsgelehrten als „Schwertverse“ (ayāt as-saif) bezeichnet.

Sure 9, Vers 5: „Wenn nun die Schutzmonate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf! Wenn sie aber bereuen, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen. Gewiss Allah ist allvergebend und barmherzig“.

Sure 9, Vers 29: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Allah und den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Allah und sein Gesandter verboten haben und nicht die Religion der Wahrheit befolgen, von denjenigen, denen die Schrift gegeben wurde, bis sie den Tribut aus der Hand entrichten und gehorsam sind!“. Zum historischen Kontext und der unter muslimischen Theologen umstrittenen Exegese der beiden Verse siehe Firestone, R.: Jihād, S. 61-64

[23] Albrecht Noth („Heiliger Krieg und Heiliger Kampf in Islam und Christentum-Beiträge zur Vorgeschichte und Geschichte der Kreuzzüge, Diss., Bonn, 1966) prägte den Begriff „Heiliger Kampf“ als Synonym für den „Ğihād“, um den „Ğihād“ der Muslime vom „Heiligen Krieg“ der Christen abzugrenzen.

[24] „Es gibt keinen Zwang im Glauben“.

[25] Sure 4, Vers 75: „Was ist mit euch, dass ihr nicht auf Allahs Weg und für die Unterdrückten unter den Männern, Frauen und Kindern kämpft, die sagen: Unser Herr bringe uns aus dieser Stadt heraus, deren Bewohner ungerecht sind und schaffe uns von dir aus einen Schutzherrn und schaffe uns von dir aus einen Helfer“.

[26] Exemplarisch hierfür Sure 5, Vers 33: „Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah und seinen Gesandten und sich abmühen, auf der Erde Unheil zu stiften, ist indessen, dass sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden,.oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das ist für sie eine Schande im Diesseits und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe,“

[27] Nagel, Tilman: Das Kalifat der Abbasiden, S. 101-165. In: Geschichte der Arabischen Welt, Hg. Haarman, Ulrich, S. 118

[28] Zu den Begründern der vier Rechtsschulen (arab. Madhāhib) bzw. für eine knappe Einführung in den sunnitischen Islam siehe: Radtke, Bernd: Der sunnitische Islam, S. 54-69. In: Der Islam in der Gegenwart-Entwicklung und Ausbreitung-Staat, Politik und Recht-Kultur und Religion, Hg.Ende, Werner/Steinbach, Udo, 2. Auflage, München, 1989

[29] Morabia (Le ğihād, S. 201) verweist darauf, dass das Begriffspaar „dar al-islam“ und „dar al-harb“ nicht koranischen Ursprungs ist.

[30] Als Beleg für ihre Ansichten diente den muslimischen Juristen der 58. Vers der 8. Sure des Qur´āns: „Und wenn du dann von irgendwelchen Leuten Verrat befürchtest, so verwirf ihnen in gleicher Weise. Gewiss, Allah liebt nicht die Verräter“.

[31] Morabia, A.: Le ğihād, S. 204-207

[32] „Vorgeschrieben ist euch zu kämpfen, auch wenn es euch zuwider ist..“

[33] Bei aš-Šafī´i handelt es sich um den Begründer der nach ihm benannten schafiitischen Rechtsschule. Siehe hierzu: Hillenbrand, Carole: The Crusades-Islamic Perspectives, Edinburgh University Press, 1999, S. 97

[34] Morabia, A.: Le ğihād, S. 189

[35] Im 8. und 9. nachchristlichen Jahrhundert umfasste das Islamische Imperium nordafrikanische, zentral und südasiatische Gebiete und die Iberische Halbinsel.

[36] Sure 9, Vers 122: „Es steht den Gläubigen nicht zu, allesamt auszurücken“.

[37] Morabia, A.: Le ğihād, S. 215-216

[38] Eine knappe Diskussion der Erfolgsursachen der frühislamischen Expansion bietet: Noth, Albrecht: Die arabisch-islamische Expansion, S. 58-73. In: Geschichte der Arabischen Welt, Hg. Haarman, U.; eine detaillierte Darstellung der frühislamischen Expansion bietet: Kennedy, Hugh: The Great Arab Conquests-How the Spread of Islam changed the world we live in, Philadelphia, 2008

[39] Sure 9, Vers 25-26: „Allah hat euch doch an vielen Orten zum Sieg verholfen und auch am Tag von Hunain, als eure große Zahl euch gefiel, euch aber nichts nutzteDaraufhin sandte Allah seine innere Ruhe auf Seinen Gesandten und auf die Gläubigen herab und Er sandte Heerscharen, die ihr nicht saht, herab und strafte diejenigen, die ungläubig waren“. Die Schlacht von Hunain fand im unmittelbaren Anschluss an die Eroberung Mekkas durch die Muslime im Januar 630 statt. In ihr standen sich Muslime und noch nicht zum Islam konvertierte Mekkaner einerseits und die Angehörigen des Stammes Hawāzin andererseits gegenüber. Nach anfänglichen Erfolgen der Hawāzin endete die Schlacht mit einem Sieg der Muslime bzw. ihrer noch nicht islamisierten mekkanischen Verbündeten. Zu Details der Schlacht siehe: Lings, M.: Muhammad, S. 415-419

[40] Sure 3, Vers 110: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah“. Die Hervorhebung stammt von mir.

[41] Exemplarisch verdeutlicht Sure 9, Vers 20, dass auch der Auszug aus dem ungläubigen Mekka als „Gottesdienst“ bzw. als Einsatz auf dem „Wege Gottes“ gilt und dementsprechend belohnt wird: „Diejenigen, die glauben und ausgewandert sind und sich auf Allahs Weg mit ihrem Besitz und ihrer eigenen Person abgemüht haben, haben einen größeren Vorzug bei Allah. Das sind die Erfolgreichen“. Die Hervorhebung stammt von mir.

[42] In der Interpretation der muslimischen Juristen besaßen die „Märtyrer“ besondere Privilegien. Die im Islam obligatorische Leichenwaschung erfolgt bei „Blutzeugen“ nicht, da sich diese durch ihren Märtyrertod von allen Sünden gereinigt haben und ihre Wunden am Tage der Auferstehung einen Moschusduft versprühen werden, der die Großartigkeit der vom „Märtyrer“ für den Glauben erbrachten Leistungen bezeugt. Auch erübrigte sich nach Meinung der meisten muslimischen Juristen das Totengebet für den gefallenen „Märtyrer“, da dessen Einzug ins Paradies außer Frage stand. Siehe hierzu: Morabia, A.: Le ğihād, S. 252-253

[43] Die Freiwilligen wurden in den zeitgenössischen Quellen als „al-mutatawwi´a“ bezeichnet, um sie von den Berufssoldaten bzw. Söldnern im Dienste des Kalifen oder anderer Regionaldynasten zu unterscheiden.

[44] Nach dem Tode des Propheten am 8. Juni 632 entstand in der muslimischen „Ur“-Gemeinschaft eine Führungskrise. Die Überwindung dieser Führungskrise gelang erst, als der Prophetengefährte Abū Bakr (632-634) die Leitung der „Umma“ übernahm. Da der Qur´ān in Sure 33, Vers 40 Muhammad als „Siegel der Propheten“ bezeichnet und infolgedessen Abū Bakrs Führungsanspruch über die „Umma“ nicht auf Prophetie beruhen konnte, nahm er den bescheidenen Titel eines „halīfat rasūl Allāh“ an, d. h.  „des Stellvertreters des Gesandten Gottes“, der gleichwohl als Kalif die weltliche und auch geistliche Leitung der „Gläubigen“ innehatte. Siehe hierzu: Crone, P.: Medieval Islamic Political Thought, S. 18

[45] Sivan, Emmanuel: L´Islam et la Croisade-Idéologie et Propagande dans les réactions musulmanes aux Croisades, Paris, 1968, S. 10-11

[46] Aš-Šafī´i wandte sich mit der Begründung gegen das „Privatkriegertum“ (Noth, A.: Heiliger Krieg, S. 45), dass nicht vom Kalifen persönlich autorisierte Feldzüge dem Staat wertvolle Einnahmen vorenthielten, da durch private „Ğihād“-Unternehmungen dem Imām der Umma, d. h. dem Kalifen das ihm reservierte Fünftel der Beute entgehen würde.

[47] Um nur ein Beispiel aufzugreifen: Der berühmte Gelehrte ´Abdallāh ibn Mubārak starb 797 bei einem solch privaten „Ğihād“-Unternehmen als „Märtyrer“. Siehe hierzu: Morabia, A.: Le ğihād, S. 185

[48] Nach dem Tode des 6. Imams, Ğa´far as-Sādiqs, kam es zu einer Spaltung innerhalb des schiitischen Islams. Während die Zwölferschia die Imamatslinie bis zum 12. Imam weiterführte, ließen die Ismā´īliten diese Linie mit dem frühverstorbenen und zum Nachfolger designierten Sohn Ğa´far as-Sādiqs,Ismā´īl, enden. Siehe hierzu: Heinz, Halm: Die Schiiten, München, 2005, S. 25-26; Daftary, Farhad: The Ismā´īlīs-Their History and Doctrine, 2. Auflage, Cambridge University Press, 2007, S. 88

[49] Halm, Heinz: Die Fatimiden, S. 166-199. In: Geschichte der Arabischen Welt, Hg. Haarman, U., S.  169. Farhad Daftary („The Ismā´īlīs, S. 128) datiert die Proklamation allerdings auf den 4. Januar 910.

[50] Halm, H.: Die Fatimiden. In: Geschichte der Arabischen Welt, Hg. Haarman, U., S. 171-174

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Der Jihad im 12. Jahrhundert. Von seinen Ursprüngen und seiner Rolle im Kampf gegen die Kreuzfahrer
Autor
Jahr
2009
Seiten
48
Katalognummer
V270394
ISBN (eBook)
9783656617808
ISBN (Buch)
9783656617747
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzzug-Jihad d.h."Anstrengung auf dem Wege Gotte, fälschlicherweise mit "Heiliger Krieg" übersetzt-Erster (1096-1099) bis Dritter Kreuzzug (1189-1192)-Imad ad-Din Zengi-Nuraddin-Saladdin
Arbeit zitieren
Magister Artium Suad Zumberi (Autor), 2009, Der Jihad im 12. Jahrhundert. Von seinen Ursprüngen und seiner Rolle im Kampf gegen die Kreuzfahrer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270394

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