Case Management als Möglichkeit der Betreuung, Förderung und Unterstützung von hörgeschädigten Kindern und deren Eltern


Studienarbeit, 2013
15 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hören – die Grundlage lautsprachlicher Entwicklung
2.1 Ursachen von Hörverlust bei Kindern
2.2 Möglichkeiten der Therapie der Hörstörung
2.2.1 Schallleitungsschwerhörigkeit
2.2.2 Schallempfindungsschwerhörigkeit

3 Der Case Management Prozess
3.1 Begriffsklärung
3.2. Ablauf des Case Management Prozesses
3.2.1 Klärungsphase
3.2.2 Assessment
3.2.3 Hilfeplanung
3.2.4 Linking/ Durchführung
3.2.5 Monitoring/ Kontrolle
3.2.6 Evaluation

4 Case Management als individuelles Beratung- und Unterstützungskonzept am Beispiel der Frühförder- und Beratungsstelle für hörgeschädigte Kinder in Dresden
4.1 Hilfebedarf der betroffenen Familien
4.2 Gesetzliche Grundlagen und Finanzierung
4.3 Case Management als Konzept für eine familienzentrierte und begleitende Hilfe

5 Zusammenfassung/ Fazit

1 Einleitung

Die Diagnose „Schwerhörigkeit“ des eigenen Kindes ist für viele Eltern ein schwerer Schicksalsschlag. Die meisten Eltern sind geschockt. Sie stehen vor massiven Problemen und durchleben eine Bewährungsprobe.

„Es ist, als ob sich ein schwarzer Abgrund vor einem auftut, und man fällt hinein.“ (Fritsche et al., 2006, S. 56). Dieses Zitat beschreibt treffend die Situation nach der Diagnosestellung. Es drückt die Hilflosigkeit, den Kummer bei den Eltern aus. Wer kann sagen, was das alles bedeutet? Für das Kind und für die Eltern? Das Leben scheint aus den Angeln gehoben.

Nichts ist mehr normal. Manche betroffenen Menschen fühlen sich völlig hilflos und ausgeliefert, wissen gar nicht mehr, was sie tun sollen. Vielleicht verfallen sie sogar in eine depressive Lähmung (Fritsche et al., 2006 S. 56).

Durch meine persönlichen Erfahrungen als Mutter eines schwerhörigen Kindes weiß ich wie wichtig Unterstützung und Prozessbegleitung ist.

Bei meinen Nachforschungen zu diesem Thema entdeckte ich eine Umfrage aus dem Jahr 2010/2011, bei der die Erwartungen werdender Mütter an das Neugeborenen-Hörsreening (NHS) untersucht wurden. Dabei wünschen sich 94,1% der befragten Mütter Prozessbegleitung während des NHS und dessen Auswertung. Immerhin 1/4 der Mütter dachten, dass ein positives Screeningergebniss die Beziehung zwischen Mutter und Kind beeinträchtigen würde und etwas mehr sahen eine große bis sehr große Belastung der Eltern durch eine sehr frühe Diagnose. Etwa eine Hälfte der befragten Schwangeren empfanden den Beginn von begleitenden/ unterstützenden Maßnahmen erst nach sicherer Diagnose sinnvoll. Die andere Hälfte sah die Notwendigkeit schon eher, davon 20% dringender.

Es ergeben sich lt. der Umfrage u. a. folgende Schwerpunkte für die Praxis:

- „Durch einen positiven Erstbefund können psychosoziale Herausforderungen entstehen.
- Zu ihrer Bewältigung ist ein differenziertes Beratungs- und Unterstützungskonzept nötig, welches sich individuell an den Bedürfnissen der Eltern orientieren sollte.
- Im Zusammenhang mit dem NHS sind die Fachkräfte sowohl hinsichtlich der Kommunikation mit den Familien gefordert als auch in Bezug auf die Bereithaltung spezifischer Beratungs- und Hilfsangebote.
- Effektive familienzentrierte Trackingsysteme[1] sind der beste Garant für eine begleitende Hilfe der Betroffenen.“ (Hintermaier et al., 2011 S. 337 ff).

Ist Case Management eine Möglichkeit der Betreuung und Förderung von hörgeschädigten Kindern und deren Eltern? Kann Case Management die Familien unterstützen, um im neuen Familienalltag zurecht zukommen?

2 Hören – die Grundlage lautsprachlicher Entwicklung

Etwa 1 – 2 von 1000 normal geborenen Babys haben bei der Geburt eine Hörminderung oder erlangen diese in der Neugeborenenphase (Hoth et al., 2006, S. 15). Unbehandelte Hörstörungen haben schwerwiegende Konsequenzen für die Entwicklung des Kindes. Schwerhörigkeit ist keine isolierte Behinderung - neben der eingeschränkten sprachlichen Fähigkeit bei unbehandelter Schwerhörigkeit, kann auch die Entwicklung in anderen Ebenen z. B. in der kognitiven, der emotionalen und der psychosozialen eingeschränkt sein. Durch beschränkte Kommunikationsfähigkeit und die dadurch veränderte Sprechweise werden diese Kinder zu Außenseitern. Die intellektuellen Grundfähigkeiten können nicht vollständig ausgeschöpft werden, viele sind auch in anderen Bereichen entwicklungsverzögert. Dadurch können sie unter Minderwertigkeitsgefühlen und mangelnden Selbstbewusstsein leiden und bleiben anhaltend von der Hilfsbereitschaft Dritter abhängig. Ihre Zukunft ist durch verringerte Bildungs- und Berufswahlmöglichkeiten und damit mit geringerem Einkommen verbunden. So kann aus einer Hörbehinderung eine lebenslange Beeinträchtigung des Kindes werden (Münch, 2006, S. 1). Angeborene Hörstörungen sind für das Individuum und für die Gesellschaft ernst zu nehmende Erkrankungen.

Das NHS ist seit 01. Januar 2009 in Deutschland gesetzlich verankert (www.g-ba.de). Es besteht ein eng umrissenes Zeitfenster für die Behandlung konnataler[2] Hörstörungen. Die sensible Hauptphase der Hörbahnreifung endet etwa mit Abschluss des ersten Lebensjahres. Durch die frühe Diagnose gelingt es in der Regel eine zeitige Versorgung mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten[3] (CI) einzuleiten (Hoth et al., 2006, S. 17). Die meisten von den mit einer Hörminderung geborenen Kindern profitieren dadurch umso mehr von der Therapie. „So besuchten beispielsweise 56% der Kinder, die im Alter von 3-6 Jahren mit einem CI versorgt wurden, eine Schwerhörigen- oder anderweitige Sondereinrichtung, wohingegen dieser Anteil bei Kindern, die vor Abschluss des dritten Lebensjahres versorgt waren, nur 24% betrug.“(Hoth et al., 2006, S.17).

2.1 Ursachen von Hörverlust bei Kindern

Bei circa 50% der betroffenen Kinder sind die Ursachen für die Hörminderung auf Risikofaktoren zurück zu führen. Zu diesen Risikofaktoren gehören u. a. Gendefekte (welche auch zu familiären Häufungen führen können), Infektionen in der Schwangerschaft z. B. durch Röteln[4], Herpes[5], Toxoplasmose[6] oder Zytomegalie[7], extreme Unreife bei Frühgeburten (Geburtsgewicht <1500g), Anwendung innenohrschädigender Medikamente oder auch eine mehrtägige Beatmung. Auch die Versorgung auf einer neonatologischen Intensivstation[8], egal aus welchen Gründen, die länger als 48 Stunden dauert, kann zu konnatalen Hörstörungen führen. Oft aber lassen sich keine Ursachen für den Hörverlust feststellen (Hoth et al., 2006, S.15 f).

2.2 Möglichkeiten der Therapie der Hörstörung

Die Therapie von kindlichen Schwerhörigkeiten richtet sich nach der Ursache. Diese werden unterteilt nach Sitz der Hörstörung.

2.2.1 Schallleitungsschwerhörigkeit

Unter einer Schallleitungsschwerhörigkeit versteht man Störungen der Schallleitung im Bereich des äußeren Ohres (Ohrmuschel, Gehörgang) oder des Mittelohres (Trommelfell und Gehöhrknöchelchen). Angeborene Fehlbildungen im Bereich des äußeren Ohres oder des Mittelohres können Schallleitungsstörungen verursachen. Viele Behandlungsverfahren sind mechanisch, d. h. Entfernen von verstopfenden Ohrenschmalzpfropfen, Operation einer unterbrochenen Gehörknöchelkette.

Die häufigste Ursache einer so genannten Mittelohrschwerhörigkeit ist der Paukenerguss, eine Sekret- oder Schleimansammlung im Mittelohr, bzw. eine Mittelohrentzündung.

Hat das Kind innerhalb von 12 Monaten länger als 3 Monate eine relevante Hörminderung, muss der Erguss operativ beseitigt werden. Durch einen Schnitt ins Trommelfell wird das Sekret abgesaugt und eventuell muss ein Paukenröhrchen eingesetzt werden. Die Kinder hören in der Regel nach der Operation sofort besser (Ptok, 1997, S. 1935 f).

2.2.2 Schallempfindungsschwerhörigkeit

Eine Hörstörung im Bereich des Innenohres, der zuleitenden Nervenbahnen oder dem zerebralen Verarbeitungssystem des Gehirns nennt man Schallempfindungsschwerhörigkeit.

Frühkindliche Schallempfindungsschwerhörigkeiten können genetisch bedingt sein, aber auch pränatal[9], perinatal[10] oder postnatal[11] erworben sein. Erworbene Hörstörungen werden nach dem Zeitpunkt des eigentlichen Ereignisses eingeteilt. Vor der Geburt können Infektionen der Mutter, aber auch die Einnahme von ototoxischen[12] Medikamenten eine wichtige Rolle spielen. Nach der Geburt in der Perinatalzeit[13] können extreme Unreife bei Frühgeburt mit einem Gewicht>1500g, Sauerstoffmangel unter der Geburt oder Hyperbilirubinämie[14] eine Hörstörung hervorrufen. Erst später auftretende Hörstörungen sind Folge von Infektionen z. B. Meningitis (Hoth et al., 2006, S. 16).

Kann man die Schwerhörigkeit weder operativ noch konservativ beseitigen, muss geklärt werden, ob eine Hörhilfe angepasst werden muss. Die Versorgung mit Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten gilt als Therapie, da durch die verbesserte akustische Stimulation eine Weiterentwicklung innerhalb der sensiblen Phase der postnatalen Reifung des Gehörs ermöglicht werden kann.

Aufgrund der audiometrischen Daten[15] des betroffenen Kindes wird das passende (hinsichtlich der technischen Daten) Hörgerät ausgesucht. Normalerweise wird bei einem Kind ein Hinter-dem-Ohr-Gerät (HdO) verwendet. Die Feineinstellung erfolgt dann in der Wochen bis Monate dauernden Probephase. Dabei werden subjektive Angaben der Kinder oder der Bezugsperson, audiometrische Ergebnisse und sprachliche Fähigkeiten, wenn schon vorhanden, überprüft.

Ein Cochlea-Implantat (CI) wird bei einem vollständigen Ausfall des peripheren Gehörs eingesetzt. Man bezeichnet es auch als Innenohrstimulationsprothese. Dabei wird ein Elektrodenkabel in die Hörschnecke eingeführt und der Hörnerv, dieser muss noch erhalten sein, wird stimuliert.

„Die Hörgeräte und die Cochlearimplantatversorgung müssen immer in ein übergeordnetes Behandlungskonzept eingebunden sein, das auch die Betreuung, Beratung und Anleitung der Eltern sowie gegebenenfalls sonderpädagogische Maßnahmen umfasst.“ (Ptok, 1997, S. 1936 ). Case Management ist ein übergeordnetes Behandlungskonzept.

[...]


[1] Verfahren

[2] angeborener

[3] Elektronisches Gerät zur Hörverbesserung bei Innenohrschwerhörigkeit, der Hörnerv wird durch eine eingesetzte Elektrode direkt gereizt

[4] Infektion mit dem Röteln - Virus

[5] Viruserkrankung durch Herpes – simplex – Virus hervorgerufen

[6] Infektion mit Toxoplasma gondii, die zwischen Wirbeltier und Mensch übertragen wird

[7] Infektion mit Zytomegalie - Virus

[8] Intensivstation für Früh- und Neugeborene

[9] der Geburt vorausgehend

[10] kurz vor, während und kurz nach der Geburt

[11] nach der Geburt

[12] Schädliche Wirkung von Substanzen auf das Innenohr, insbesondere die Sinneszellen des Hör- und Gleichgewichtsorgan oder den zugehörigen Hirnnerven

[13] ab der 28. Schwangerschaftswoche bis zum 7. Lebenstag

[14] Erhöhung des Bilirubins mit Gefahr einer Bilirubinvergiftung

[15] Daten, die durch Messung des Hörvermögens gewonnen werden

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Case Management als Möglichkeit der Betreuung, Förderung und Unterstützung von hörgeschädigten Kindern und deren Eltern
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V270422
ISBN (eBook)
9783668706590
ISBN (Buch)
9783668706606
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Case Management, Hörschädigung, pädagogische Frühförderung, hörgeschädigten Frühförderung, Hören, Prozessbegleitung
Arbeit zitieren
Yvonne Rülker (Autor), 2013, Case Management als Möglichkeit der Betreuung, Förderung und Unterstützung von hörgeschädigten Kindern und deren Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270422

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Case Management als Möglichkeit der Betreuung, Förderung und Unterstützung von hörgeschädigten Kindern und deren Eltern


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden