Es ist Ende Juni. Die im Südosten der Stadt Naumburg/Saale gelegene „Vogelwiese“ verwandelt sich vom einfachen, zum Teil ungepflasterten Parkplatz zu dem wohl beliebtesten Festplatz der Region. Fragt man einen alteingesessenen Naumburger spontan nach einem berühmten Fest seiner Heimat, so wird er sehr wahrscheinlich sogleich das Hussiten-Kirschfest nebst der Peter-Pauls-Messe nennen. Doch was ist das Besondere an diesem Volksfest, wie es wohl in jeder größeren Gemeinde ähnliche gibt?
Die Erklärung ist nicht ganz einfach, da es „bekanntermaßen unbekanntermaßen“ auf einer falschen Geschichte basiert. In den Chroniken der Stadt Naumburg wird es zum ersten Mal im Jahre 1526 als „Schul- und Kirschfest“ erwähnt, welches um den 25. Juli gefeiert und mit dem „Rutenschlagen“ im Buchholz als Auftakt begangen wurde. Dabei mussten die Schulkinder die Zweige/Ruten schneiden, mit denen sie der Lehrer später in der Schule bei unartigem Verhalten züchtigte. Sechzehn Jahre später berichtete man nur noch von einem rein protestantischen Schulfest, was wohl im Spätsommer stattfand und mit getrennten Mädchenund Jungenfestzügen gefeiert wurde. Kurios daran ist, dass...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Legende und ihre historische Herkunft
3. Das moderne Naumburger Hussiten-Kirschfest
4. Zwischen Mythos und Heimatgefühl
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Naumburger Hussiten-Kirschfest hinsichtlich seiner historischen Entstehung, der Entwicklung der zugrunde liegenden Legende und seiner heutigen Bedeutung als soziales und kulturelles Ereignis für die Stadtgemeinschaft.
- Historische Aufarbeitung der Hussiten-Sage und ihrer Fälschung durch Johann Georg Rauhe.
- Analyse der Transformation eines protestantischen Schulfestes zu einem modernen Volksfest.
- Beschreibung der heutigen Festivitäten inklusive Festumzug und Hussiten-Lager.
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen historischer Wahrheit und lokalem Identitätsstiftungsprozess.
Auszug aus dem Buch
Die Legende und ihre historische Herkunft
Erst 1811 erlebte die Sage einen kurzen Bruch, als Carl Peter Lepsius (Vater des bekannten Ägyptologen Karl Richard Lepsius) eine auf Quellen beruhende Studie über die Herkunft des Naumburger Hussiten-Kirschfests veröffentlichte. Er deckte die Fälschung Johann Georg Rauhes auf und führte die Entstehungsgeschichte der Sage auf die sächsischen Bruderkriege (1446-1451) zurück, bei denen die Hussiten zwar tatsächlich einige Thüringer Städte belagert hatten, jedoch nie an Naumburg direkt vorbeikamen. Die Erzählungen stammen möglicherweise vom Ort Dornburg/Saale, der nachweislich von den böhmischen Truppen verwüstet wurde. Durch die Fälschungen von Rauhe wurden einfach Elemente dieser Belagerung auf Naumburg umgemünzt. Leider hatte Lepsius mit seiner Erkenntnis wenig Erfolg, denn die Naumburger hielten an ihrer traditionellen Volksfeier fest und zelebrierten sie weiterhin Jahr für Jahr.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Naumburger Hussiten-Kirschfest als regional bedeutendes Ereignis ein und wirft die Frage nach seinem besonderen Charakter auf.
2. Die Legende und ihre historische Herkunft: Hier wird der Ursprung der Sage beleuchtet, insbesondere die Aufdeckung der historischen Fälschung durch Johann Georg Rauhe im 18. Jahrhundert.
3. Das moderne Naumburger Hussiten-Kirschfest: Dieser Abschnitt beschreibt die heutigen Abläufe des Festes, wie den Festumzug und das Hussiten-Lager, und ihre Einbettung in das städtische Leben.
4. Zwischen Mythos und Heimatgefühl: Das abschließende Kapitel reflektiert, warum das Fest trotz der entlarvten Fälschung seine hohe identitätsstiftende Bedeutung für die Bevölkerung behalten hat.
Schlüsselwörter
Naumburg, Kirschfest, Hussiten, Legende, Johann Georg Rauhe, Carl Peter Lepsius, Festumzug, Heimatgefühl, Tradition, Stadtgeschichte, Volksfest, Identität, Sagenbildung, Thüringen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Naumburger Hussiten-Kirschfest unter dem Aspekt der Verschränkung von historischer Fälschung und gelebter lokaler Tradition.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Herkunft der Hussiten-Sage, die Entlarvung dieser Sage durch die Forschung sowie die soziokulturelle Bedeutung des Festes in der heutigen Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein Fest, das auf einer historisch nachweisbaren Fälschung beruht, dennoch eine zentrale Rolle für die Identität einer Stadt spielen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine volkskundliche bzw. kulturwissenschaftliche Untersuchung, die auf der Auswertung von Chroniken, historischen Studien und Quellenanalysen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl die historische Entwicklung der Sage – von der Fälschung bis zur Korrektur durch Carl Peter Lepsius – als auch der heutige Ablauf des Festes detailliert beschrieben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie Naumburg, Kirschfest, Tradition, Identität, Sage und historische Fälschung beschreiben den Kern der Untersuchung.
Wer war Johann Georg Rauhe?
Johann Georg Rauhe war ein Geschichtsfälscher, der im Jahr 1782 die Legende über die angebliche Belagerung Naumburgs durch die Hussiten im Jahr 1432 maßgeblich mitgestaltete.
Warum wird das Fest trotz der historischen Falschheit weiterhin gefeiert?
Das Fest ist heute ein wichtiger Bestandteil des Heimatgefühls; es dient als Anlass für Zusammenkünfte und die Pflege sozialer Bindungen, unabhängig vom Wahrheitsgehalt der zugrunde liegenden Erzählung.
Welche Rolle spielen die Kinder beim Kirschfest?
Die Kinder nehmen eine zentrale Rolle ein, indem sie im Festumzug mitwirken, die Sage durch das Kirschfestlied lernen und symbolisch die Tradition in die nächste Generation tragen.
Was unterscheidet das heutige Fest vom historischen Ursprung?
Ursprünglich war es ein protestantisches Schulfest mit strengen Ritualen, heute ist es ein großes, mehrtägiges Volksfest, das neben dem Umzug vor allem durch Unterhaltung und Rummel geprägt ist.
- Arbeit zitieren
- Marianne Kupetz (Autor:in), 2013, Das Naumburger Hussitenkirschfest, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270427