René Magritte

"Baum und Mond" (1948) und "Der Zorn der Götter" (1960)


Seminararbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. René Magritte – Der malerische Philosoph

II. Zwei Werke der Sammlung Gunter Sachs
1. Baum und Mond (1948)
2. Der Zorn der Götter  (1960)

III. René Magritte und der Surrealismus

IV. Anhang

I. René Magritte – Der malerische Philosoph

Der belgische Künstler René Magritte, 1898 geboren und 1967 in Brüssel gestorben, gehört heute zu einem der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, einer Kunst des Fantastischen und Absurden, die das Traumhafte und Unbewusste zum Thema hat. Mit Ende Zwanzig zieht er für drei Jahre nach Paris und lernt dort bereits berühmte Surrealisten wie André Breton, Salvador Dalí oder Max Ernst kennen. Der Einfluss der Surrealisten während des Paris-Aufenthalts auf Magritte und damit verbundene Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Seiner und der Kunst der französischen Surrealisten sollen im späteren Verlauf dieser Arbeit noch näher beleuchtet werden.

Sowohl die Dada – Bewegung, als auch der italienische Künstler Giorgio de Chirico sind unmittelbare Vorläufer der surrealistischen Bewegung und beeinflussen maßgeblich die Kunst René Magrittes. Die Erklärung alltäglicher Gegenstände zu Kunstwerken, und das Extrahieren derselben aus ihrer gewohnten Umgebung erwecken Irritation und Unsicherheit. Das Irrationale, Paradoxe und Absurde werden zum künstlerischen Programm. De Chirico, Begründer der „pittura metafisica“ und großes Vorbild des belgischen Malers, wendet sich bereits Anfang des 20. Jahrhundert von Kunstströmungen, wie dem Impressionismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und abstrakten Entwicklungen seiner Zeit, ab. Die „Malerei des schönen Scheins“[1] gilt es zu überwinden, um den „inneren Sinn der Dinge“[2] erkennen zu können. Inspiriert durch die italienischen Frührenaissance-Künstler, kehrt de Chirico zurück zu einer präzisen Wiedergabe der Realität, unübersehbar auch in dem Werk Magrittes. Durch verkürzte Perspektive, bedachte Farbauswahl und Verfremdung des Vertrauten, konstruiert der Italiener verlassene, von Angst bestimmte und melancholische Schauplätze. „Das Lied der Liebe“ (1914 / Abb. 1) zeigt rätselhaft kombinierte Dinge an einem geheimnisvollen Platz während der Dämmerung. Ein überdimensionaler Gummihandschuh hängt neben einem monumentalen Gipsabdruck des Apoll von Belvedere an einer Hauswand. Davor liegt auf dem Boden ein grüner Ball und im Hintergrund ist eine Eisenbahn zu sehen. Die verwirrende Kombination von Gegenständen, die keinen sinnvollen Zusammenhang ergibt und die gleichzeitig äußerst konventionell realistische Ausführung dergleichen, sorgt für Unsicherheit. „Das Lied der Liebe“ lässt Magritte in den zwanziger Jahren erkennen, was er malen muss. Ihn fasziniert die „ganz neuen Art des Sehens“, wie er es später beschreibt.[3] Magritte folgt dem Beispiel de Chiricos sein Leben lang. Ab 1927 thematisiert er schließlich systematisch das Verhältnis von Sprache, Gegenstand und Abbild. Dabei entwickelt er grundlegende Bildprinzipien, die sein gesamtes Œuvre bestimmen. Uwe M. Schneede schlägt in seiner Monographie über Magritte folgende Kategorien vor: 1. Die kriminalistischen Bilder, 2. Die Collage-Bilder, 3. Die Sprach-Bilder, 4. Die Bild-Bilder, 5.  Die Verwandlungs-Bilder und 6. Die Kombinations-Bilder.[4] Seine Kompositionen weisen stets kalkulierte Bildräume auf, die jedoch die gewohnte Ordnung des Alltäglichen aufgegeben haben. Magritte durchkreuzt unsere selbstverständliche Wahrnehmung der Wirklichkeit und fordert auf den abbildhaften Charakter der Bilder kritisch zu betrachten. Alltägliche Erfahrungen und übliche Erwartungen sollen überwunden werden, um die Begrenztheit unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit zu begreifen und Raum für neue Erkenntnisse schaffen zu können. Die Verwirrung, die uns bei der Beschäftigung mit Magrittes Bilder ergreift, evoziert der Maler oft nur mit geringfügigen Eingriffen in die Wirklichkeit: Zum Beispiel durch die Umkehrung von Licht und Schatten, durch Negation, Auslassung, Verschiebung einer Proportion oder schlicht durch das bloße Verdecken eines Details oder Gegenstandes, der normalerweise im Fokus der Betrachtung steht.[5] Kunst bietet dem belgischen Maler den nötigen Raum, um Darstellungs-und Wahrnehmungsprobleme aufzuzeigen, die sich ergeben, wenn man erkennt, dass weder Sprache noch Bild Realität wiedergeben können, sondern lediglich stellvertretend begriffen werden dürfen.[6] René Magritte betont Zeit seines Lebens ein Denker, und kein Künstler zu sein. Bilder sind ausschließlich Träger seiner Gedanken: ‚Malerei ist für mich lediglich ein Mittel. Dies erlaubt mir, einen Gedanken zu beschreiben, der einzig durch das gebildet wird, was die Welt an Sichtbarem bietet’[7] Seine Bilder sind weder illustrativ im Sinne einer Bebilderung einer Geschichte, noch allegorisch im Sinne der Visualisierung einer Idee zu verstehen. Sie befinden sich in einem ständigen Wechsel zwischen Gegenständlichkeit und Gedanklichkeit.[8] Magritte selbst dazu: ‚Ich male keine Ideen. Ich beschreibe, soweit ich kann, durch meine gemalten Bildnisse Gegenstände und das Zusammentreffen von Gegenständen  mit dem Ziel, dass ihnen keine unserer [vertrauten] Ideen und keines unserer [vertrauten] Gefühle anhaftet.’[9] Subjektivität und Ausdruck des Inneren sind in Magrittes Werk nicht zu finden. Kalkuliert und selbst reflektierend stellt er den Betrachter vor ein Problem, denn „Magrittes Bilder sind keine Lösungen, sondern Auslöser, keine Aufhebungen von Problemen, sondern Problematisierungen“[10]. Sein gesamtes Werk widmet Magritte diesen geradezu philosophischen Fragestellungen. Dies soll im Folgenden an Hand zwei exemplarischer Werke, die sich heute im Besitz der Familie Sachs befinden, herausgearbeitet werden.

II. Zwei Werke der Sammlung Gunter Sachs

1.Baum und Mond (1948)

Das hochformatige Gemälde Abre et Lune (dt.: Baum und Mond / Abb. 2) mit den Maßen 35 x 27 cm entsteht im Jahr 1948 und zeigt eine landschaftliche Szene. Im Vordergrund ist ein Baum zu sehen, der einen großen Teil des Bildraumes einnimmt. Sein Stamm kennzeichnet exakt die Mittellinie des Bildes. Er steht verlassen auf einer Wiese, die nach hinten von einem Waldrand begrenzt wird. Dieser erstreckt sich auf die ganze Bildbreite und bildet zusammen mit der Wiese circa das unter Drittel des Bildes. Die restliche obere Bildfläche zeigt den großen Baum vor einer bläulich, gelben Himmelszone. Sterne sind bereits aufgegangen und der Mond erhellt die dunkle Nacht. Doch unmittelbar über dem Wald, erinnert der hellgelb gestaltete Himmel an eine Abenddämmerung und verweist somit auf die gerade noch untergehende Sonne. Die Ausgestaltung der Wiese, des Waldes im Hintergrund und die differenzierten Atmosphäre lassen deutlich Magrittes Bemühungen erkennen, alle einzelnen Bildelemente möglichst real zu konstruieren. Keine individuellen Spuren des Malvorgangs dürfen zu sehen sein, kein Gefühl vermittelt werden. Sein Malstil ist seinem Vorbild de Chirico folgend konservativ. ‚Meine Art zu malen ist ganz und gar banal, akademisch.’[11] Nur der große Baum im Vordergrund erscheint sehr flächig und erinnert an einen Scherenschnitt, der collageartig auf das Bild aufgeklebt sein könnte. In sehr dunkle Farben gestaltet, hebt er sich mit scharfen Konturen und einer klaren Silhouette vom Hintergrund deutlich ab. Berücksichtigt man die natürlichen Lichtverhältnisse, kann eine derartig extreme Verschattung nur bei einer Beleuchtung von Hinten zu Stande kommen. Vorstellbar während eines Sonnenuntergangs oder durch einen Mond, der hinter dem Baum aufgeht, oder bereits aufgegangen ist. Während demzufolge der helle Horizont über den Wipfeln der Bäume auf eine solche Lichtsituation verweisen würde, steht im Gegensatz dazu die erhellte übrige Landschaft. Diese müsste nämlich von einer anderen Lichtquelle, als der Baum im Vordergrund beleuchtet werden. Magritte treibt die Irritation auf die Spitze, wenn er den sichelförmigen Mond, wie einen Aufkleber vor den Baum setzt. Sieht man seine Position in Verbindung mit dem Hintergrund, also dem Himmel, so befindet er sich zwar in Höhe des nächtlichen Sternenhimmels, doch wird eine logische Verbindung durch den Baum verwehrt. Der Künstler konfrontiert uns mit einem auf den ersten Blick sehr alltäglichen und jedem bekannten Sujet, doch bei genauerer Betrachtung fällt bald auf, dass die vertraute Wahrnehmung durch eine gezielte Verästelung des Bildes ad absurdum geführt wird. Die Positionierung des Mondes an einer ganz und gar unlogischen Stelle, sorgt für Verwirrung und bestimmt unsere nachdenklich reflektierende Haltung gegenüber Magrittes Bild. Auch die Lichtverhältnisse, ein Thema in zahlreichen anderen Werken ebenfalls wieder aufgegriffen wird, spielen dabei eine bedeutende Rolle. Ein weiteres Beispiel dafür ist Das Reich der Lichter aus dem Jahr 1954. Magritte zeigt uns ein Haus vor einem See, eingebettet in einen dunklen Wald. Es ist Nacht. So scheint es auf den ersten Blick, denn nur eine Laterne erleuchtet die Hausfassade und Licht scheint aus zwei Fenstern. Richtet man aber seinen Blick auf die obere Hälfte des Bildes, erkennt man deutlich einen blauen Himmel mit ein paar Wolken. Dieser verweist klar auf den helllichten Tag, während, wie bereits angedeutet, in der gesamten unteren Bildhälfte bereits oder noch Nacht herrscht. Nur durch die Veränderung weniger Elemente, entwickelt der Künstler aus einem “einfachen“ Sujet, eine philosophische Dimension, die die Problematiken der Verbindung zweier Welten, nämlich der Wirklichkeit, unserer Welt, und der Welt des Bildes aufzeigen möchte.

[...]


[1] Ingo F. Walther (Hrsg.): Kunst des 20. Jahrhunderts. Malerei, Band I, Köln 2010, S. 133

[2] Walther 2010, S. 133

[3] E.H, Gombrich: Die Geschichte der Kunst, 16. Auflage in Broschur, London 2000, S. 591

[4] Uwe M. Schneede: René Magritte. Leben und Werk, Köln 1973

[5] Ralf Konersmann: Die verbotene Reproduktion. Über die Sichtbartbarkeit des Denkens, Frankfurt a. M. 1991,

S. 33f.

[6] Schneede 1973, S. 8

[7] A.M. Hammacher: René Magritte, Köln 1975

[8] Konersmann 1991, S. 21

[9] Schneede 1973, S. 102

[10] Schneede 1973, S. 8

[11] Uwe M. Schneede: Die Kunst des Surrealismus: Malerei, Skulptur, Dichtung, Fotografie, Film. München 2006, S. 119

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
René Magritte
Untertitel
"Baum und Mond" (1948) und "Der Zorn der Götter" (1960)
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Institut für Neuere und Neueste Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Kunst nach 1945 – Positionen in der Präsentation zweier ganz unterschiedlicher Sammlungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V270446
ISBN (eBook)
9783656618300
ISBN (Buch)
9783656693970
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rené, magritte, baum, mond, zorn, götter
Arbeit zitieren
Sophia Reinhard (Autor), 2014, René Magritte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270446

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