Neologismen und deren Übersetzung ins Englische. Walter Moers’ Zamonien-Romane


Bachelorarbeit, 2013
45 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neologismen im Deutschen
2.1 Definition und Abgrenzung
2.2 Die Funktion von Neologismen
2.3 Neologismentypen
2.3.1 Neulexeme
2.3.2 Neuformative
2.3.3 Neubedeutungen

3. Arten der Wortneubildung
3.1 Komposition
3.2 Derivation
3.3 Affixoid- und Konfixbildung
3.4 Zusammenrückung und Zusammenbildung
3.5 Wortgruppenlexembildung
3.6 Kurzwortbildung
3.7 Kontamination
3.8 Fremdwortübernahme und -bildung

4. Das Übersetzen von Neologismen am Beispiel von Walter Moers’ Zamonien-Romanen
4.1 Ein kurzer Überblick: Walter Moers’ Zamonien
4.2 Übersetzungsmethoden
4.2.1 Die Übersetzung von Wortschöpfungen
4.2.2 Die Übersetzung von Komposita
4.2.3 Die Übersetzung von Derivaten
4.2.4 Die Übersetzung von Affixoid-/Konfixbildungen
4.2.5 Die Übersetzung von Zusammenrückungen und Zusammenbildungen
4.2.6 Die Übersetzung von Wortgruppenlexemen
4.2.7 Die Übersetzung von Kurzwörtern
4.2.8 Die Übersetzung von Wortkreuzungen
4.3 Interpretation der Übersetzungsprozeduren

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Neologismen begegnen uns Tag für Tag. Wir googeln, simsen oder gehen zum Public viewing. Unsere Gesellschaft befindet sich in ständigem Wandel – ebenso wie unsere Sprache. Dennoch treffen Neologismen vor allem in der Sprachpflege oftmals auf anfängliche Skepsis. Warum sind solche neuen Worte überhaupt notwendig? Wie werden sie gebildet und wie können sie übersetzt werden? Diese Fragen sollen im Verlauf dieser Arbeit eingehend untersucht werden, damit ein Überblick über das Phänomen Neologismus und dessen Übersetzung gewährt werden kann.

Dazu werden zunächst Neologismen im Deutschen auf allgemeiner Ebene betrachtet. Das erste Kapitel klärt den Begriff Neologismus und zeigt die mit der Definition verbundenen Uneinigkeiten zwischen Lexikographen und Lexikologen auf. Anschließend wird die Funktion von Neologismen untersucht und eine semantische Einteilung vorgenommen. Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit den Arten der Wortneuschöpfung bzw. -neubildung. Dabei soll vor allem die Morphologie von Neologismen im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen.

Nach dieser theoretischen Einarbeitung in das Thema soll ein deutsch-englischer Übersetzungsvergleich anhand der Zamonien-Romane von Walter Moers vorgenommen werden. Letzterer wird vom Goethe-Institut (www.goethe.de) als der „wohl aktuellste deutsche Märchenerzähler“ bezeichnet und weiß mit der deutschen Sprache zu spielen wie nur wenige andere. Seine international erfolgreiche Zamonien-Reihe, bestehend aus „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, „Die Stadt der Träumenden Bücher“, „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, „Der Schrecksenmeister“ und „Rumo und die Wunder im Dunkeln“, bietet eine außergewöhnlich hohe Bandbreite an Neologismen und ermöglicht daher eine vielseitige Auseinandersetzung mit den damit verbundenen Übersetzungsschwierigkeiten und Lösungsansätzen. Dabei sollen nach einer kurzen Einführung in die Phantasiewelt der ausgewählten Romane die im vorigen Kapitel erarbeiteten Neologismenformen auf die jeweils angewandte Übersetzungsmethode hin untersucht werden. Basierend auf dieser Analyse werden daraufhin die Übersetzungstendenzen der besagten Bücher herausgearbeitet und interpretiert.

In der abschließenden Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und bewertet.

2. Neologismen im Deutschen

2.1 Definition und Abgrenzung

Eine wichtige Voraussetzung für die Untersuchung von Neologismen ist natürlich zunächst die Auseinandersetzung mit dem Begriff Neologismus. Schon allein der Versuch, das Wort eindeutig zu definieren, gestaltet sich recht schwierig. Neologismus stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Bausteinen neos, neu, und logos, Wort, zusammen, steht also für neues Wort oder Neuwort. Ein weiterer Blick ins Fremdwörterlexikon liefert lediglich das Synonym Neuwortbildung (vgl. Lexikon der Fremdwörter 1999:199). Tatsächlich scheint die Tatsache, dass es sich bei Neologismen um neue Worte zur Schließung von Benennungslücken handelt (Heller et al. 1988:4), die einzige Schnittmenge zu sein, über die sich Lexikologen und Lexikographen bezüglich der Bedeutung ganzheitlich einig sind.

Ein wesentliches Definitionshindernis stellt der Zeitfaktor dar. So gibt es keine festgelegte Regelung, „ab wann und bis wann [...] ein neues Wort als Neologismus zu bezeichnen [ist]“ (Elsen 2004:19), da die Vorsilbe neo - einen sehr subjektiven Charakter aufweist.

Außerdem ist umstritten, welches Verhältnis von Inhalt und Form vorliegen muss, damit ein Wort zu den Neologismen gezählt werden kann. Es herrscht vor allem Uneinigkeit bezüglich der Zugehörigkeit von Neubedeutungen, also Wörtern, deren ursprünglicher Form ein neuer oder weiterer Inhalt zugeordnet wird. Während für den Lexikographen Michael Kinne „ein neu zu beobachtender deutlicher Konnotations- oder Wertungswandel kein ausreichendes Kriterium für den Status eines Neologismus“ (1996:347) ist, zählt die Lexikologin Thea Schippan „eine bewusste Neuzuordnung von Formativ und Bedeutung“ (1992:246) durchaus zur Gruppe der Neologismen.

Nicht zuletzt spielt auch der Gebrauch bzw. die Verbreitung von Neologismen und somit die Einordnung der Okkasionalismen eine bedeutende Rolle. Okkasionalismen, auch Einmal-, Individual- oder Ad-hoc-Bildungen genannt, sind punktuell auftretende Neuwörter, die im alltäglichen Sprachgebrauch entstehen können und zu einem unterschiedlichen Grad lexikalisiert werden (vgl. Elsen 2004:21). Während Herberg und Kinne Okkasionalismen nicht zu den Neologismen zählen (vgl. 1998:2), beschreibt Kühn sie aus lexikologischer Sicht als den Teil der Neologismen, der nicht usuell wird und verschwindet, ohne Aufnahme in Wörterbücher gefunden zu haben (vgl. 1994:100).

Die Definition des Neologismusbegriffs hängt demnach stark vom Untersuchungszweck ab. Es ist nur verständlich, dass Lexikographen bei der Erstellung von Wörterbüchern punktuell auftretende Okkasionalismen außer Acht lassen, da sich diese noch nicht als sprachliche Norm etabliert haben. Lexikologen hingegen untersuchen die Neubildung von Wörtern so umfassend wie möglich, um neue sprachwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Diese Arbeit wird sich ebenfalls auf die umfangreichere lexikologische Neologismusdefinition stützen und sowohl Neubedeutungen als auch Okkasionalismen in die Betrachtungen miteinbeziehen, da übersetzungswissenschaftlich betrachtet das womöglich fehlende Äquivalent in der Zielsprache von viel größerer Bedeutung ist als die Verbreitung in der Ausgangssprache.

2.2 Die Funktion von Neologismen

In der Sprachpflege werden Neologismen häufig kritisiert und für den Verfall einer Sprache verantwortlich gemacht (vgl. Elsen 2004:11). Dabei ist die Neuwortbildung ein Prozess, der schon seit jeher die Entwicklung von Sprachen vorantreibt. Neologismen entstehen bewusst oder unbewusst aus verschiedenen Motivationen heraus und können zahlreiche Funktionen erfüllen. Erben hat die Notwendigkeit der Neuwortbildung in drei Kategorien eingeteilt (objektiv, subjektiv, sprachstrukturell), auf die sich die folgenden Darstellungen ebenfalls stützen werden (vgl. zum Folgenden Erben 2006:21ff.).

Die objektive Notwendigkeit der Neologismenbildung bezieht sich auf die Tatsache, dass sich der Mensch permanent mit seiner ständig wandelnden Umgebung sowohl geistig als auch sprachlich auseinandersetzt. Neue Sachverhalte, Entdeckungen, Erfindungen oder zum Beispiel auch neue Tätigkeitsfelder wie die erst seit wenigen Jahren praktizierte Energiepolitik bedürfen einer expliziten Benennung.

Die subjektive Ausdrucksnotwendigkeit beschäftigt sich hingegen „weniger mit der zu benennenden Sache als mit Bedürfnissen des Sprechers und eventuell beabsichtigten Wirkungen auf den (die) Hörer“ (ebd.:22). So wurde das frühere Kriegsministerium zum Frieden suggerierenden Verteidigungsministerium oder der Müllmann zur sozial aufgewerteten Fachkraft für Abfallversorgung. Weiterführend kann es dazu kommen, dass auf diese Weise ganze Begriffsfelder aus stilistischen oder ethischen Gründen umstrukturiert beziehungsweise umbenannt werden.

Die subjektive Notwendigkeit der Neuwortbildung spielt vor allem in der Werbebranche eine wichtige Rolle. Dort macht man sich den Neuheitseffekt der Neologismen zunutze um Aufmerksamkeit zu erregen und das Kaufverhalten der Konsumenten zu beeinflussen. Neologismen wie Duscherlebnis oder Luminous-Technologie (vgl. Elsen 2004:91) haben in diesem Zusammenhang eine gewisse Reiz- beziehungsweise Manipulationsfunktion.

In der Fantasy-Literatur, welche im zweiten Teil dieser Arbeit genauer auf Neologismen untersucht wird, sind Neuwörter nicht nur Stilmittel mit poetischer Funktion wie in vielen anderen Prosatexten, sondern erfüllen vor allem pragmatische Zwecke. Der Autor oder die Autorin beschreibt fremde Welten mit unbekannten Kreaturen und benötigt für diese neuen Sachverhalte ein eigenständiges Vokabular. Abgesehen von der Erfindung von Eigennamen stellt die Neologismenbildung außerdem die ideale Möglichkeit dar, beim Leser den gewünschten Verfremdungseffekt zu bewirken.

Die dritte Kategorie der Wortbildungsnotwendigkeit, die Erben anführt, ist sprachstruktureller Natur. Dieser Bereich der Wortbildungsnotwendigkeit umfasst zahlreiche einzelne Aspekte. In lexikalischer Hinsicht erwähnt Erben „das Bedürfnis nach motivierten Zeichen oder durchsichtigen Wörtern“ (2006:23), aufgrund dessen Begriffe wie Perron von durchschaubareren Komposita, in diesem Falle Bahnsteig, verdrängt wurden.

Auch grammatikalische Faktoren wie das Fehlen einer Plural- oder Steigerungsform erklären die Bildung neuer Worte: Regen-fälle, Schnee-massen oder mause-tot, quick-lebendig, ratze-kahl. Des Weiteren besteht vor allem auf syntaktischer Ebene oft strukturbedingter Bedarf an Wortneubildung, da diese den Wortartenwechsel ermöglicht, das heißt, eine Transpositionsfunktion erfüllt. So hat es sich beispielsweise inzwischen eingebürgert, dass neben dem aus dem Englischen übernommenen Substantiv „date“ auch das neu abgeleitete Verb „daten“ verwendet wird.

Die letzte wichtige Funktion, die in diesem Zusammenhang genauer ausgeführt werden soll, ist die Informationsverdichtung. So ist es weitaus ökonomischer, auf eine umständliche, mehrgliedrige Zeichenkette zu verzichten und an Stelle dessen ein einziges komplexes Wort zur Benennung der bezeichneten Sache zu verwenden (vgl. ebd.:25).

Wortneubildung ist also ein vielseitiger Prozess, der aus objektiven, subjektiven und sprachstrukturellen Notwendigkeiten heraus den Sprachalltag eines jeden begleitet.

2.3 Neologismentypen

Ein Neologismus ist eine lexikalische Einheit, die wie jedes andere Wort auch ein bilaterales Zeichen darstellt, bestehend aus Bedeutung (Signifié) und Form (Signifiant). Einer Bedeutung wird meist dem Arbitraritätsprinzip entsprechend ein Zeichen zugewiesen (vgl. Saussure 1931:77). Die Neuheit eines Neologismus kann sich diesbezüglich auf drei verschiedene Arten manifestieren: Es können entweder sowohl Inhalt als auch Form neu entstanden sein oder aber nur eines dieser beiden Elemente (Heller et al. 1988:8).

2.3.1 Neulexeme

Als Neulexeme oder Neubildungen bezeichnet man Einwort- und Wortgruppenlexeme, deren Form und Bedeutung neu sind. Es handelt sich bei ihnen um neue Sachverhalte, Ideen, Konzepte oder auch Gegenstände, die in der Realität erstmalig benannt werden. Aktuelle Neulexeme sind zum Beispiel die momentan diskutierte Bankenaufsicht, das Smartphone oder die in Deutschland vorangetriebene Energiewende. Dieser Neologismentyp lässt sich der Bildung nach in Entlehnungen und Neuprägungen, die „nach heimischen oder entlehnten Wortbildungsmustern gebildet wurden“ (Herberg/Kinne 1998:2), und Neuschöpfungen aufteilen. Letztere sind sehr selten und entstehen ohne analoge Wortbildungsmuster. In Kapitel 3 wird noch einmal ausführlicher auf diese Form der Neologismenbildung eingegangen.

2.3.2 Neuformative

Neuformative, auch Neubezeichnungen genannt, liegen vor, wenn einem bereits bekannten Sachverhalt eine neue Form, das heißt ein neuer Ausdruck, zugeordnet wird. An dieser Stelle soll das Beispiel der Putzfrau aufgegriffen werden, die im Laufe der letzten Jahre vermehrt als Raumpflegerin bezeichnet wird. Die Idee, die hinter dieser Tätigkeit steckt, das Signifié, ist unverändert geblieben. Lediglich die Bezeichnung, das Signifiant, hat sich (in diesem Falle aufgrund politischer Korrektheit) gewandelt. Dabei kann natürlich diskutiert werden, ob nicht sogar schon die veränderte Bewertung des Sachverhaltes – pejorativ oder meliorativ – als eine Bedeutungsveränderung angesehen werden kann und ob der „Neubenennung nicht auch [die] Qualitätsveränderung des Denotats vorausging“ (Heller et al. 1988:8).

2.3.3 Neubedeutungen

Das Gegenstück zu den Neuformativen bilden die Neubedeutungen. Wie bereits erwähnt, ist ihre Zugehörigkeit zur Gruppe der Neologismen umstritten. Neubedeutungen, oft auch als Neusememe bezeichnet, entstehen, wenn zu der bereits existierenden Bedeutung (Semem) eine weitere hinzukommt, die sich eindeutig vom Ursprungssemem unterscheiden lässt (vgl. Herberg/Kinne 1998:2). So bezieht sich der Begriff Maus heutzutage nicht mehr nur auf das Nagetier, sondern auch auf das Eingabegerät eines Computers. Selbst wenn sich eindeutig herleiten lässt, dass die Computermaus ihren Namen aufgrund ihrer Form und Größe erhielt, so hebt sich das Signifié doch klar vom Nagetier, dem ursprünglichen Semem, ab. Die Entstehung solcher Neubedeutungen ist auf zahlreiche Arten semantischer Entwicklung zurückzuführen. Sie können sich sowohl abrupt, wie im Falle der Computermaus durch Terminologiebildung, oder aber in einem langsamen Herausbildungsprozess entwickeln.

3. Arten der Wortneubildung

Neologismen können entsprechend der Wortbildungsregeln in vielfacher Weise entstehen. In diesem Zusammenhang ist nur sehr selten von Wortschöpfung die Rede. Diese tritt in der Regel nur in der Anfangsphase der Entwicklung einer Sprache auf, wenn neue Lautformen erstmals neuen Inhalten zugeordnet und Sprachzeichen konventionalisiert werden (vgl. Erben 2006:20). Die tatsächliche Neuschöpfung ist ein Prozess, der in der heutigen Entwicklungsstufe des Deutschen dementsprechend nur noch äußerst selten vorkommt, jedoch nicht komplett auszuschließen ist. Produktnamen oder sonstige Eigennamen werden hin und wieder mit unüblichen Lautkombinationen gebildet, da diese mit einer gewissen Signalwirkung verbunden sind (vgl. ebd.:20). Meist wird bei der Bildung neuer Worte jedoch auf bereits bestehende Formen zurückgegriffen. In einem solchen Falle spricht man von Wortbildung. Im Folgenden sollen die verschiedenen Wortbildungsprozesse genauer untersucht und dabei vor allem auf die zahlreichen morphologischen Vorgänge eingegangen werden.

3.1 Komposition

Eine der Wortbildungsformen, die in der deutschen Sprache am häufigsten auftreten, ist die Komposition, bei der mindestens zwei Grundmorpheme miteinander verbunden werden (vgl. zum Folgenden Elsen 2004:23ff.). Die Kombinationsmöglichkeiten sind in der Tat unerschöpflich, da man im Deutschen alle großen Wortklassen in gewisser Weise für die Kompositabildung verwenden kann. Somit kann nahezu jedes deutsche Wort Bestandteil eines zusammengesetzten Neuwortes werden und in unzähligen Variationen und Verbindungen auftreten.

Die umfangreichste Gruppe der deutschen Komposita bilden die Determinativkomposita, deren erstes Wortglied das zweite näher bestimmt, wie zum Beispiel bei dem Wort Vergnügungspark. Ein solches primäres Kompositum kann durch das Voranstellen weiterer Grundmorpheme präzisiert werden und ein sogenanntes Dekompositum (vgl. Grimm 1878:902ff) gebildet werden. Das mehrgliedrige Determinativdekompositum Wasserrutschenvergnügungspark ließe sich aus vier Grundmorphemen wie folgt zusammensetzen: Wasser-Rutschen-Vergnügungs-Park oder G4+G3+G2+G1. „Die paarweise Zusammengehörigkeit der Grundmorpheme im Gesamtkomplex lässt sich durch Klammern symbolisieren“ (Erben 2006:35): (G4+G3)+(G2+G1). Es handelt sich also um einen Vergnügungspark (G2+G1) mit vielen Wasserrutschen (G4+G3). Die Zusammensetzung dieses Determinativkompositums lässt sich anhand eines Baumdiagramms besonders gut veranschaulichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zusammensetzung eines Determinativdekompositums

Solche Determinativkomposita mit vier Grundmorphemen treten vergleichsweise selten auf. Am häufigsten sind zwei- und dreigliedrige Komposita wie zum Beispiel Handyhülle, Fußhocker, Plastikklappstuhl oder Grünteepflanze.

Eine Subgruppe der Determinativkomposita bilden die Possessivkomposita. Sie verfügen über das gleiche hierarchische Verhältnis von Grund- und Bestimmungswort und setzen sich meist aus nur zwei Elementen zusammen. Possessivkomposita sind „ idiomatisierte Bildungen, die sich nicht aus ihren Teilen erklären lassen, wie: Milchgesicht, Schafskopf, Lästermaul“ (Kühn 1994:25). Die Bedeutung dieser Zusammensetzungen weicht insofern von den Formativa ab, als dass sich die Bezeichnungen auf eine ganze Person und nicht nur auf das genannte Körperteil (in diesem Falle Gesicht, Kopf oder Mund) beziehen.

Die nun folgende Art der Komposition dient sehr häufig der Okkasionalismenbildung. Es handelt sich hierbei um Sonderkomposita, die wie auch die Possessivzusammensetzungen zu den Determinativkomposita gezählt werden. Sie setzen sich aus ganzen Wortgruppen zusammen, die mittels Bindestrich eine lexikalische Einheit bilden. Die entstehenden Worte sind meist spontane Einmalbildungen, die oftmals sehr stark vom jeweiligen Kontext abhängen: Halt-den-Mund-Blick, Face-to-face-Gespräch, Wir-haben-geschlossen-Schild (vgl. Elsen 2004:25).

Ebenfalls zur Gruppe der Determinativkomposita gehören verdeutlichende Komposita. Diese zeichnen sich durch eine meist aus einer anderen Sprache entlehnte Wurzel aus, die aus Verständnisgründen mit Hilfe einer inhaltlich ähnlichen heimischen Wurzel genauer erklärt wird (vgl. ebd.:24), wie in Prozessablauf oder Grundprinzip. Dass es sich bei dem näher beschriebenen Element nicht zwangsweise um ein Fremdwort handeln muss, zeigen verdeutlichende Komposita wie Haifisch oder Eichbaum.

Im Gegensatz zu den bisher untersuchten Determinativkomposita verbinden Kopulativkomposita zwei oder mehrere gleichwertige Elemente miteinander. Die einzelnen Wortglieder stehen nicht in einem determinierenden Verhältnis, sondern ergänzen sich gegenseitig: blaugrün, süßsauer, feuchtwarm, deutsch-türkisch, Hosenrock, Hassliebe. Wie an den Beispielen zu erkennen ist, nehmen Kopulativkomposita fast immer die Form von Adjektiven oder Nomen an. Auch wenn sich der Unterschied zwischen Determinativ- und Kopulativkomposita leicht erklären lässt, so ist doch die Bestimmung sehr stark subjektiv (vgl. Donalies 1996:173ff.). So ließe sich das oben genannte Beispiel feuchtwarm auch als determinativ intepretieren. Aus dieser Perspektive würde es sich um eine feuchte Art von Wärme handeln.

Die letzte Gruppe von Wortzusammensetzungen, die an dieser Stelle aufgegriffen werden soll, sind die Reduplikativkomposita, welche eine „ganz[e] oder teilweise Verdopplung und damit Verstärkung eines Elements“ (Elsen 2004:24) herbeiführen. Als Beispiele wären hier die Worte zackzack, hophop, Schnickschnack, Pingpong oder Yoyo zu nennen. Reduplikativkomposita gehen sehr häufig fließend in onomatopoetische Ausdrücke über: dingdong, kuckuck, ritschratsch. Es lassen sich dementsprechend nicht immer klare Grenzen zwischen den Wortbildungsformen definieren.

Diese Einteilung von Komposita findet in den meisten Werken zu Lexikologie und Wortbildung Anwendung. Irmhild Barz jedoch verwendet in ihrer Abhandlung „Neologie und Wortbildung“ eine andere interessante Art der Klassifizierung. So teilt sie Zusammensetzungen nach ihrem Neuheitseffekt in unauffällige Komposita (Tierart), auffällige Komposita (Igeldesinfektion) und indifferente Komposita (Igelspezialist) ein (vgl. 1998:20ff.).

3.2 Derivation

Die Derivation, auch als Ableitung bezeichnet, stellt ebenfalls eine sehr häufig angewandte Form der Neologismenbildung dar. Man unterscheidet zwischen zwei Derivationstypen: der expliziten und der impliziten Ableitung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Schematische Übersicht der Derivation (Kühn 1994:30)[1]

Die explizite Ableitung bezeichnet eine Morphemkonstruktion aus mindestens einem freien Morphem, das durch Derivationsaffixe erweitert wird. Zu diesen Affixen gehören Präfixe, Suffixe und Zirkumfixe. Es ist hierbei anzumerken, dass nicht alle Sprachwissenschaftler mit dieser Auffassung übereinstimmen. So führt Kühn zufolge nur das Anhängen von Suffixen oder Zirkumfixen zur externen Derivatbildung (vgl. 1994:27). Sie betrachtet die Präfixbildung als gesonderte Wortbildungskategorie.

Die Suffixe -schaft, -heit, -keit oder -nis kennzeichnen die Ableitung hin zu Substantiven, wie Feind-schaft, Dankbar-keit und Ärger-nis. Das Suffix -keit kann nur an Adjektive, welche sich durch Suffixe wie zum Beispiel -ig, -lich oder -bar auszeichnen, angehängt werden: neuart-ig (Neuart-ig-keit), freund-lich (Freund-lich-keit), erkenn-bar (Erkenn-bar-keit). Es gibt also Kombinationsrestriktionen. Durch beispielsweise das Hinzufügen des Suffixes -eln lassen sich Verben wie kränk-eln bilden.

[...]


[1] Die in dieser Übersicht aufgeführte Zusammenbildung wird von vielen Sprachwissenschaftlern gesondert gehandhabt und nicht direkt zur Derivation gezählt. Auch diese Arbeit widmet sich ihr in einem anderen Kapitel (3.4 Zusammenrückung und Zusammenbildung).

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Neologismen und deren Übersetzung ins Englische. Walter Moers’ Zamonien-Romane
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Übersetzen und Dolmetschen)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V270500
ISBN (eBook)
9783656614197
ISBN (Buch)
9783656614180
Dateigröße
15208 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neologismen, Übersetzung, Neologismus, Wortbildung
Arbeit zitieren
Jule Zenker (Autor), 2013, Neologismen und deren Übersetzung ins Englische. Walter Moers’ Zamonien-Romane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270500

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