Integration oder Diversity?

Möglichkeit der Umsetzung in der Schule


Bachelorarbeit, 2012
42 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Begriffserklärungen
1.1 Interkulturalität
1.2 Migration
1.3 Akkulturation/ Assimilation
1.4 Diversity/ Diversity Management

2. Bildungspolitische und pädagogische Maßnahmen in Deutschland mit besonderer Berücksichtigung von Schülern mit Migrationshintergrund
2.1 Aufteilung der Schüler auf die Schulformen mit Einbezug der Bildungspolitik
2.2 Institutionelle Diskriminierungen
2.3 Bildungspolitische Ausblicke
2.4 Mögliche pädagogische Interventionen

3. Integration in der Schule
3.1 Integrationspolitik in Deutschland
3.2 Bildungsmaßnahmen als Integrationsmöglichkeit
3.2.1 Sprache und Integration
3.2.2 Lehrer/Innenbildung als Vorrausetzung für erfolgreiche Integration
3.2.3 Interkulturelle Curricula
3.3 Integration durch Kooperation

4. Diversity Konzept in der Schule

5. IGS Koblenz
5.1 Konzepte der IGS Koblenz
5.2 Schulleben an der IGS Koblenz

6. Fazit und Ausblick.

Einleitung

Wenn wir durch die Stadt gehen und an den zahlreichen Mitmenschen vorbei laufen, nehmen wir diese selten oder gar nicht wahr. Beim Erledigen unserer täglichen Aufgaben treten wir in direkte Interaktion mit unserer Umwelt und der in ihr vorkommenden Lebewesen. Doch kein einziges Mal wird uns dabei bewusst, in was für einer vielfältigen Kultur wir doch leben und von welchem Glück wir eigentlich sprechen könnten, wenn wir von dieser Vielfältigkeit profitieren würden. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Schlimm genug, dass jeder von uns direkt Vorurteile entwickelt, wenn er etwas Unbekanntes oder Fremdes wahrnimmt, doch noch schlimmer ist die Tatsache, dass wir über die Jahre hinweg keine andere Wahrnehmungsmöglichkeit kennengelernt haben. Dabei geht es in einem Einwanderungsland wie der Bundesrepublik Deutschland doch in nahezu jeder politischen Debatte um Integration, Chancengleichheit und Initiative gegen Diskriminierung einzelner Bürger. Genau diese Einstellung der Gesellschaft überträgt sich auch auf die Bildung. In dieser Arbeit soll daher untersucht werden, in wieweit Integration oder Diversity in der Schule umgesetzt werden können, um der Diskriminierung einzelner Schüler vorzubeugen und der Chancenungleichheit entgegen zu wirken.

Im ersten Kapitel werden daher wichtige Grundbegriffe erklärt, damit der Gesamtkontext der Arbeit verständlicher wird. Im zweiten Kapitel erfolgt ein Überblick über den aktuellen Bildungsstand in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern unter besonderer Berücksichtigung der Kinder mit Migrationshintergrund. Hierbei ist wichtig, dass mögliche Missstände aufgezeigt werden, die im dritten Kapitel auf die Integration übertragen werden können. Abgesehen von den eben erwähnten Missständen, die im dritten Kapitel anhand der Integrationspolitik erörtert werden, sollen die integrativen Maßnahmen in der Schule vorgestellt und abschließend ein positives Beispiel für Integration gegeben werden. Nachdem ebenfalls ein kurzer theoretischer Teil zum Diversity Konzept in der Schule erfolgt, wird auch hier ein praktisches Beispiel der Umsetzung, das Diversity Konzept in der Schule, der Integrierten Gesamtschule (IGS) Koblenz, vorgestellt. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem Fazit und einem kurzen Ausblick.

Bei der Literatursuche wurde versucht, ein breites Spektrum mit einzubeziehen. Positiv ist dabei aufgefallen, dass die kooperierenden Stiftungen besonders zuvorkommend und hilfreich waren.

1. Begriffserklärungen

Wie bereits erwähnt, erfolgt in diesem Kapitel die Erläuterung der Begriffe Interkulturalität, Migration, Akkulturation/Assimilation sowie der des Diversity Managements und der Diversity. Diese Begrifflichkeiten sind besonders zu Beginn wichtig, da ihre semantische Bedeutung in den folgenden Aspekten wenig Zuwendung erhält, ihre Bedeutung jedoch für den Gesamtkontext der Arbeit enorm wichtig ist.

1.1 Interkulturalität

Wie bei fast jedem Begriff ist auch die Interkulturalität auf verschiedene Bereiche anwendbar und somit auch nicht genau definierbar, da der Begriff immer in den Zusammenhang der Verwendung zu setzen ist. Zumeist taucht er im Kontext mit der Ausländer- und Einwanderungspolitik auf. Im Zuge der Gastarbeiterbewegung und der sich immer schneller entwickelnden Globalisierung gewann die Interkulturalität immer mehr an Bedeutung. Die Vorsilbe „Inter“ stammt aus dem lateinischen und bedeutet „zwischen“, sie bezieht sich auf ein gemeinsames Leben in unserer multikulturellen Gesellschaft auf engstem Raum nebeneinander und auf ein gemeinsames Miteinander. Dies wird auch durch den folgenden Versuch einer Definition von Yousefi (2010) deutlich: „Interkulturalität ist der Name einer Theorie und Praxis, die sich mit dem historischen und gegenwärtigen Verhältnis aller Kulturen und der Menschen als ihr Träger auf der Grundlage völliger Gleichwertigkeit beschäftigt.“ (Yousefi 2010, S. 35). Hierbei wird deutlich, dass die Thematik der Interkulturalität nicht nur ein gegenwärtiges Phänomen ist, sondern dass dieses, auch historisch betrachtet, seine Tradition aufweist. Yousefi (2010) nimmt hierbei die „[…]völlige Gleichwertigkeit[…]“ (Yousefi 2010, S. 35) der verschiedenen Kulturen als Grundlage für ein gemeinsames Zusammenleben. Weiterhin versteht sich die Interkulturalität auch als eine wissenschaftliche Disziplin, welche sich neben der Historie und der Gegenwart auch mit der Theorie und Praxis beschäftigt (vgl. Yousefi 2010, S. 35f). Vor allem der Einbezug der Praxis rückt bei dieser Definition in den Vordergrund. Denn nur durch das praktische Erfahren der verschiedenen Kulturen untereinander findet ein „[…]Paradigmenwechsel und eine Bewusstseinserweiterung[…]“ (Yousefi 2010, S. 35) statt. Dieses ermöglicht den Menschen voneinander zu lernen und die einzelnen Besonderheiten, die jede Kultur mit sich bringt, für sich selbst zu verwenden. Ferner kann auch das neu gewonnene Lebensgut für den Alltag, sei es in gewissen Lebensentscheidungen, den Gedanken oder auch in den täglichen Verhaltensweisen verwendet werden.

Es ermöglicht einen Perspektivenwechsel, welcher zum kritischen Hinterfragen der neuen und der eigenen Kultur führen kann. Dadurch wäre es auch möglich Empathie hervorzurufen, die auch für ein besseres Miteinander sorgen würde.

1.2 Migration

Mit dem Begriff der Migration ist ein Prozess gemeint, hinter dem sich ein längerfristiger oder kurzfristiger Wohnortwechsel verbirgt. Dieser bezieht sich ausschließlich auf Zuwanderung (Immigration) oder Abwanderung (Emigration) des jeweiligen Landes in ein anderes. Gründe für einen derartigen “Wohnortwechsel“ gehen mit verschiedenen Motiven einher. Die Suche nach Arbeit, politische Verfolgung, Kriege, Armut oder auch Unzufriedenheit sind lediglich einige Gründe (vgl. Tenorth et al. 2007, S. 506). Bei dieser Definition wird die Problematik des Begriffs Migration deutlich. Sie kratzt lediglich an der Oberfläche und weist einige Lücken auf. Jedoch werden auch wichtige Ansätze und Faktoren der Migrationserscheinung genannt. Laut Elias und Scotson (1990) ist unter Migration ein vielschichtiger Prozess zu verstehen, der sich nicht nur auf die Bewegung in einem bestimmten Raum bezieht, sondern auch die Verhältnisse und ihre Veränderungen in der neuen Gesellschaft betrachtet (vgl. Oswald 2007, zit. nach Elias/Scotson 1990). Somit bezieht sich die Migration nicht nur auf einen Ortswechsel sondern auch auf eine soziale Komponente. „Was geschieht scheint nur zu sein, dass Menschen sich physisch von einem Ort zum anderen bewegen. In Wirklichkeit wechseln sie immer von einer Gesellschaftsgruppe in eine andere über.“ (Oswald 2007, S. 17, zitiert nach Elias/Scotson 1990). Somit ist die Migration nicht nur eine Fokussierung auf die Raum- und Zeitdifferenz, sondern ebenso auf soziale Aspekte. So heißt es auch im Zitat von Wenning (1995): “Leben und Handeln in einer modernen Gesellschaft bedeutet: von dieser Gesellschaft mit ihrer sozialen, sprachlichen, kulturellen und ethnischen Vielfalt - die auch durch Migration beeinflusst wird - auszugehen und sich auf ein Leben in dieser Gesellschaft, in der existierenden Pluralität, einzustellen“ (Schmalz-Jacobson et al. 1995, S. 340, zitiert nach Norbert Wenning 1995). Auch hierbei wird wieder deutlich, dass eine einstimmige Definition sehr schwierig ist, da jeder sein Hauptaugenmerk auf ein anderes Phänomen des Begriffs legt. Ein weiterer Aspekt, der nicht berücksichtigt wird, ist der zeitliche Aspekt, also die begrenzte Migration gegenüber der permanenten Migration. Beispielsweise wäre für die permanente Migration die dauerhafte Niederlassung zu nennen. Im Gegensatz dazu stehen Flüchtlinge, die „geduldet“ werden als Beispiel für eine begrenzte Migration.

Weiterhin gibt es die räumlichen Aspekte: Hierbei wird zwischen Migration innerhalb eines Landes (Binnenmigration) und der Migration, die bereits oben aufgeführt wurde, unterschieden. Des Weiteren wird noch zwischen den Ursachen und dem Umfang der Migration unterschieden. Es wird im Bezug auf die Ursachen zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration unterschieden. Beim Aspekt des Umfangs wird die Migration auf die Aspekte der Anzahl hin untersucht. Hierbei werden einzelne Personen, ganze Gruppen oder „Massenmigranten“ unterschieden (vgl. Oswald 2007, S. 65). Bei exakter Betrachtung dieser Definitionen sind nicht nur die Migranten in diesem Phänomen eingeschlossen. Jeder einzelne von uns tritt mit Menschen einer anderen Kultur in Kontakt und hat somit ebenfalls einen großen Anteil an der Migration.

1.3 Akkulturation/ Assimilation

Akkulturation und Assimilation sind Begriffe, die sich sehr ähneln. Daher ist eine genaue Betrachtung der Definitionen notwendig, um die Unterschiede herausarbeiten und verdeutlichen zu können. Wie bei Tenorth (2007) beschrieben, meint „[…] Akkulturation die allmähliche Aneignung von Verhaltensmustern und Wertehaltungen einer neuen Kultur bei Personen, die vorher bereits eine kulturelle Identität erworben haben, zum Beispiel bei Migranten oder Flüchtlingen, allgemein auch Phänomene, die aus dem andauernden Kontakt von Mitgliedern verschiedener kultureller Gruppen resultieren, und die zu einem Wandel vorherigen kulturellen Muster führen.“ (Tenorth et al. 2007, S. 13). Akkulturation bedeutet nicht nur das Aneignen oder Übernehmen von neu kennengelernten Werten und Verhaltensweisen, vielmehr bezieht sich der Begriff auf eine Rückbesinnung an die eigenen Werte und Normen. Durch diese, seit der Kindheit, erlernten Segmente und durch den Kontakt mit der neuen Kultur, mit ihren Besonderheiten, erfolgt gegebenenfalls ein Überdenken oder eine Umstrukturierung des Orientierungssystems, welches die Konsequenz einer Re-Sozialisation mit sich führen kann (vgl. Auernheimer 2007, S. 78). Diesen Versuch des Anpassens an sein Umfeld bezeichnet der Soziologe Prof. Dr. Esser (1980) als „[…] Lernprozess des Wanderers […]“ (Auernheimer 2007, S. 79, zitiert nach Esser 1980). Als aller wichtigste Voraussetzung für das Gelingen der Akkulturation ist die Motivation des Migranten, also das Interesse an der neuen Kultur in seinem Umfeld. Weiterhin ist ein Zusammenspiel der Gesellschaft und des Migranten erforderlich. Die Herausforderungen für eine Eingliederung in die Gesellschaft dürfen nicht zu schwierig sein und die Eingliederung des Migranten sollte ebenfalls im Interesse der Gesellschaft liegen. Scheitert der Migrant an einem Eingliederungsversuch, so führt dies zur Distanzierung der neu kennengelernten Kultur und einer Abschottung von dessen Gesellschaft beziehungsweise zur Fragmentierung von Ethnien. Sind seine Versuche jedoch erfolgreich, findet laut Prof. Dr. Esser (1980) ein „[…]

Rezeptwissen für erfolgreiches Handeln in der neuen Umgebung […]“ (Auernheimer 2007, S. 78f, zitiert nach Esser 1980) statt. Nach Tenorth (2007) bezeichnet Assimilation hingegen das „Ähnlich-Werden durch Angleichung“ (Tenorth et al. 2007, S. 39) an die vorherrschende Kultur. Hierbei wird deutlich, dass sich beide Begriffe sehr ähnlich sind. Jedoch unterscheiden sich beide in einem kleinen, dennoch wichtigen Aspekt. Während bei der Akkulturation lediglich von einem Prozess des Annäherns an die neue Kultur gesprochen wird, beschreibt die Assimilation einen Prozess, welcher einer Verschmelzung ähnelt. Hierbei ist gemeint, dass durch den Kontakt mit der neuen Kultur die Herkunftskultur verblasst und im nächsten Schritt ein Übernehmen der neuen Kultur erfolgt. (vgl. Oswald 2007, S. 94) Dieser Prozess erfolgt allerdings nicht sofort, sondern braucht seine Zeit, welche sich über Generationen hinzieht. Der Soziologe Park entwickelte hierfür ein Generationenmodell, welches auf der Grundlage der Untersuchungen der Chicago School zur europäischen Einwanderung in die US-amerikanischen Städte des 20. Jahrhunderts basiert (vgl. Oswald 2007, S. 94) und erläutert die Assimilation im Vergehen von drei Generationen. Der ersten Generation der Einwanderer obliegt lediglich ein oberflächlicher Eindruck der neuen Kultur, welche nur zur ersten Eingewöhnung dient. Die zweite Generation ist in einem Doppelbesitz von zwei Kulturen (natürlich sind diese Ergebnisse von Parks Modell lediglich ein Idealfall der Entwicklung.). Die Eingewöhnungszeit der ersten Generation, und die damit verbundenen Herausforderungen, bekommt die zweite Generation nicht aus eigener Erfahrung mit. Sie erlernt im besten Fall durch die Eltern die positiv wahrgenommenen und übernommenen Werte und Normen der neuen Kultur sowie die der eigenen. Jedoch ist die zweite Generation durch den Besitz beider Werte- und Normenvorstellungen in einigen Alltagssituationen von beiden Kulturen beeinflusst, so dass keine Verschmelzung erfolgen kann. Lediglich die dritte Generation wäre demnach in der Lage, mit der Aufnahmegesellschaft zu verschmelzen und die Akkulturationsprozesse zu überwinden (vgl. Oswald 2007, S. 94f).

1.4 Diversity/ Diversity Management

Mit dem Zitat von Andre Schulz (2009): „Mittlerweile ist „diversity“ auch in Deutschland angekommen“ (Schulz 2009, S. 1) wird die Wichtigkeit und die Bekanntheit des Begriffs der diversity aufgezeigt. Dieser Begriff hat die meiste Bedeutung in der Politik und im Management. Grob beschrieben fasst er die Themenkomplexe der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und der ethnischen Diskriminierung zusammen. (vgl. Schulz 2009, zit. nach Wagner/Voigt 2005) Als besonders wichtiger Faktor tritt der Begriff im positiven Sinne in der Dynamik der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts auf. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass die Semantik des Begriffs sich von einer Diskriminierungs-Thematik zu einer Betonung von Diversity ändert. (vgl. Schulz 2009, S. 1 ) Nach Dass und Parker (1999) ist die Charakterisierung des Begriffs diversity äußerst schwierig, da der Begriff aus verschiedenen Perspektiven, Funktionen und Motivationsgründen analysiert werden kann. (vgl. Schulz 2009, zit. nach Dass/ Parker 1999) Vor diesem Hintergrund ist zunächst die ursprüngliche Bedeutung des Wortes diversity wichtig. Die lateinischen Vokabeln diversitas (= Verschiedenheit) beziehungsweise divers (= entgegengesetzt, völlig verschieden) setzen sich aus der Vorsilbe di (= auseinander) und dem Verb vertere (= wandern, drehen) zusammen (vgl. Schulz 2009, zit. nach Hermann 2001). Demzufolge beschreibt das englische Wort „Diversity“ sowie die deutsche Übersetzung Diversität eine „Auseinanderwendung“ und spricht somit von einer grundsätzlich bestehenden Vielfalt, Verschiedenartigkeit, Mannigfaltigkeit und Unterschiedlichkeit. (vgl. Schulz 2009, S. 26)

Des Weiteren ist es wichtig zwischen „diversity“ und „Diversity“ zu differenzieren. Unter diversity werden individuelle Unterschiede sowie das Verständnis, dass kein Mensch dem anderen gleicht verstanden. Diversity (mit großem „D“) hingegen beschreibt ein Unternehmenskonzept. Bei diesem Unternehmenskonzept geht es hauptsächlich um die positive Wahrnehmung von Vielfalt. Die Leitidee beziehungsweise der Leitgedanke von Diversity befasst sich nicht mit der Fokussierung von Unterschiedlichkeiten, sondern berücksichtigt Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten gleichermaßen. (vgl. [http://www.wgs.cidsnet.de/aktuelles/WGSSPI.pdf], zuletzt am 15.03.2012 um 12 Uhr) Becker (2006) stellte jedoch fest, dass Diversität als gestaltende Vielfalt zunächst nicht mehr als ein Rohmaterial ist, dass durch Diversity Management formbar wird. (vgl. Schulz 2009, zit. nach Becker 2006) Somit ist es die Aufgabe der Unternehmensführung, einen strategisch und ökonomisch sinnvollen Umgang mit Diversity herzustellen. Besonders wichtig ist hierbei auch, dass bei einem schlecht gemanagten Umgang mit Diversity Spannungen und Konflikte auftreten können. Da jedoch dieser Ansatz in Deutschland nicht weit verbreitet ist, stellte Süß (2008) auch fest, dass die Suche nach einem passenden inhaltlichen Kern für das Managementkonzept bis heute andauert. (vgl. Schulz 2009,zit. nach Süß 2008) „Der Begriff Diversitätsmanagement beschreibt als Instrument der Unternehmensführung die Gesamtheit aller Maßnahmen, die dazu führen, dass organisationsexterne und -interne Diversität von einem Unternehmen anerkannt, wertgeschätzt, genutzt und gefördert wird.“ (Schulz 2009, S. 38, zitiert nach Süß 2008). Nach Stubers (2004) Verständnis von Diversitätsmanagement wird die Vielfalt nicht als Barriere, sondern als Ressource angesehen. (vgl. Schulz 2009, zit. nach Stuber 2004) Malik (1999) geht mit seiner Aussage weiter und kritisiert die „Gleichmacherei“. Assimilation verhindert manche Potenziale der Menschen, welche es eigentlich zu fördern gilt. Es wird versucht, die Existenz von Vielfalt zu verleugnen um monokulturell-geschlossene Unternehmen zu erhalten. (vgl. Schulz 2009, zit. nach Malik 1999) Nach Vedder und Stuber (2004) ist dies der falsche Weg. Denn die Vielfalt zeigt die Tatsache, dass wir alle verschieden sind und auch somit verschieden behandelt werden müssen, um unsere Potenziale nutzen zu können. (vgl. Schulz 2009, zit. nach Vedder/ Stuber 2004) “Mithilfe dieses Denkansatzes forciert Diversitätsmanagement die Entwicklung einer stärkeren sozialen Akzeptanz der Individualität jedes einzelnen Mitarbeiters und umfasst die Wahrnehmung und das Verständnis der vorhandenen Unterschiede, die Wertschätzung der Individualität von Menschen, das positive Ausnutzen der kreativen Potenziale von Diversität sowie der gezielten Diversität im Hinblick auf den Erfolg des gesamten Unternehmens.“ (Schulz 2009, S. 39, zitiert nach Stuber 2004). Somit ist das Diversity Management ein neuer, jedoch durchaus legitimer Versuch, einen anderen Weg einzuschlagen als die, die bereits bekannt sind. Dies versuchen auch Schulen auf ihre kulturelle Vielfalt umzusetzen und neue Wege einzugehen, um die vorhandenen Potenziale zu nutzen.

2. Bildungspolitische und pädagogische Maßnahmen in Deutschland mit besonderer Berücksichtigung von Schülern mit Migrationshintergrund

Um in den folgenden Aspekten die Zusammenhänge verstehen zu können, ist es erforderlich, einen groben Überblick über die in Deutschland lebenden Migranten zu erlangen. In diesem Kapitel soll zunächst die Verteilung der in Deutschland lebenden Ausländer, die Konstellation und die Verteilung auf den verschiedenen Schulformen im Bezug auf die Bildungspolitik dargestellt werden. Ferner wird ein bildungspolitischer Ausblick zur Bildungs- und Migrationspolitik gegeben. Abschließend werden pädagogische Veränderungen im Bezug auf die Schulpolitik angesprochen, deren Umsetzung in den folgenden Kapiteln genauer betrachtet wird.

2.1 Aufteilung der Schüler auf die Schulformen mit Kontext der Bildungspolitik

Der in Deutschland lebende Anteil an Ausländern umfasst Ende 2003 laut des Statistischen Bundesamtes 7,3 Millionen Menschen und hat somit einen Anteil von 7,9% an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Ein Drittel von ihnen lebt mindestens seit 20 Jahren in Deutschland und 1,5 Millionen Ausländer sind in Deutschland geboren. (vgl. Herwartz-Emden 2005, S. 7) Wenn diese Übersicht betrachtet wird, ist offensichtlich, dass Deutschland ein Einwanderungsland und die Immigration maßgeblich für die Bevölkerungsentwicklung ist. Eine besondere Auffälligkeit bei Betrachtung der ausländischen Bevölkerung ist die Altersstruktur. Anders als bei der deutschen Bevölkerung ist der Anteil der älteren Bevölkerung bei den Ausländern geringer, im Gegensatz dazu der der jüngeren Bevölkerung höher. Im Jahr 2002 waren 12,4 Millionen Deutsche fünfzehn Jahre alt oder jünger. Das macht einen Anteil von 15% an der Gesamtbevölkerung aus. Bei der ausländischen Bevölkerung liegt der Anteil bei 16,6% und umfasst 1,2 Millionen Menschen. (vgl. Herwartz-Emden 2005, S. 7) „Kinder mit Migrationshintergrund stellen im Schulalltag keine Minderheit dar, sie sind eine beachtliche Gruppe im Bildungssystem. In den Einschulungsjahrgängen vieler deutscher Großstädte haben bis zu einem Drittel der Schüler/- innen einen Migrationshintergrund; entweder sind sie selbst im Ausland geboren und anschließend nach Deutschland gekommen oder ihre Eltern sind eingewandert.“ (Herwartz- Emden 2005, S. 8).

Wie bei der Verteilung der ausländischen Bevölkerung stammt der überwiegende Teil der ausländischen Schüler/Innen aus der Türkei (beziehungsweise ihre Eltern oder Großeltern). Weitere Bevölkerungsgruppen setzen sich aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Russischen Föderation, Italien, Griechenland und Polen zusammen. Erschwerend kommt hinzu, dass zu Beginn der 1990er Jahre die Zuwanderung stark anstieg. Dies ist darin begründet, dass viele Bürgerkriegsflüchtlinge, Asylsuchende und Auswanderer wegen der angespannten Situation in ihren Heimatländern nach Deutschland kamen. Diese fasst Herwartz-Emden unter dem Begriff „Seiteneinsteiger“ (Herwartz-Emden 2005, S. 8) zusammen. Hierbei wirken neben den vorhandenen sprachlichen Problemen auch Unterschiede im Lehrplan und im Bildungssystem sehr erschwerend für eine rasche Eingliederung. In der folgenden Abbildung wird der rasante Anstieg der ausländischen Bevölkerung und deren Verteilung auf die Schulformen veranschaulicht:

Abb.1:

Ausländische Schüler/-innen an Allgemein bildenden und berufsbildenden Schule 1970 bis 2000 (in Zehntausend)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Darstellungen von Leoni Harwartz-Emden nach Statistischem Bundesamt 2001a, 2001b)

Wie auf der Abbildung zu sehen ist, steigt die Anzahl der ausländischen Schüler/Innen an Allgemein bildenden Schulen von 1970 bis 1997 und nimmt auch an den Berufsschulen bis 1994 stetig zu.

Gingen lediglich 55.000 Schüler/Innen anderer Staatsangehörigkeit 1960 in Westdeutschland auf Allgemeinbildende oder Berufsausbildende Schulen, so waren es im Jahr 1989 (vor der Wiedervereinigung) nahezu eine Millionen. (vgl. Herwartz-Emden 2005, zit. nach Hopf 2005) Im Jahr 2004 sind nach Angaben des Statistischen Bildungsamtes 961.400 Schüler/Innen auf eine Allgemeinbildende Schule und weitere 194.300 auf Berufsbildende Schulen gegangen. Seit den 1950er Jahren bis zum Jahr 2002 kamen insgesamt 4,3 Millionen Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland. Dabei ist der Anteil an jungen Menschen beachtlich. Von den im Jahr 2002 eingewanderten 91.146 Aussiedlern/Innen waren alleine 25.561 unter 18 Jahre, das entspricht einem relativen Anteil von 28%. (vgl. Herwartz-Emden 2005, S. 8f) Wie Herwartz-Emden (2005) mit einer regionalen Studie belegte, ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund deutlich höher als angenommen, da lediglich die mit eingeschlossen sind, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Jedoch gibt es einen großen Anteil derer, die in der zweiten oder dritten Generation hier leben, aber eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und somit zu der deutschen Bevölkerung zählen. (vgl. Herwartz-Emden 2005, S. 9) Die IGLU-Studie1 hat ergeben, dass 40% der Kinder, die jährlich in Familien mit Migrationshintergrund geboren werden, automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Seitdem Deutschland 1955 mit der systematischen Anwerbung von ausländischen Gastarbeitern begonnen hat, ist es zu einem multikulturellen Land „herangewachsen“. (vgl. Fereidooni 2011, S. 45) Diesen Aspekt unbeachtet gelassen, wird es interessant, wenn die Abbildung von Lohauß, Nauenburg, Rehkämpfer, Rockmann und Wachtendorf (2010) betrachtet wird:

Abb. 2:

Absolventen/Abgänger (Deutsche, Ausländer) des Abgangsjahres nach Abschlussraten sowie Anteile an Abschlussraten insgesamt, einschließlich externen, Deutschland in % (2008)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Fachserie 11, Reihe 1, Tab. 6.4, Bearbeitung durch Lohaus/Nauenburg/Rehkämpfer/Rockmann/Wachtendorf) *Daten Teilweise geschätzt.

Bei genauer Betrachtung dieser Abbildung fällt auf, dass ein deutliches Gefälle zwischen den verschiedenen Schulformen und vor allem zwischen deutschen und ausländischen Schüler/Innen vorhanden ist. Auf der einen Seite sind es lediglich 6,2% der Deutschen die keinen Hauptschulabschluss erreichen und auf der anderen Seite sind 15% der Ausländer ohne Hauptschulabschluss. Umso höher der Bildungsgrad in der Schule wird, desto weniger Schüler sind vorhanden. Dieses klingt soweit logisch, da auch die Ansprüche steigen und nicht jeder Schüler dieses Niveau halten kann oder will. Jedoch fällt ganz deutlich auf, dass bei den Deutschen mit 41% die meisten Schüler/Innen Absolventen der Realschule sind, wobei bei den Ausländern mit 40,2% die höchste Absolventenrate beim Hauptschulabschluss liegt. Genauso verhält es sich mit dem Abschluss der Allgemeinen Hochschulreife. Liegt der Anteil bei den deutschen Absolventen bei 30,5%, erlangen lediglich 10,7% der ausländischen Schüler/Innen die Allgemeine Hochschulreife. (vgl. Lohaus et al 2010, S. 187) Einwanderer leben häufiger in „prekären ökonomischen Verhältnissen“ (Neumann 2006, S. 242) als diejenigen, die in Deutschland geboren wurden. Jugendliche, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind, besuchen zu 50% die Hauptschule. 70% der Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben ihre gesamte Schulzeit in Deutschland absolviert. (vgl. Neumann 2006, S. 242) Bei der Betrachtung der Ergebnisse einer solchen Untersuchung ist auffällig, dass es eine Diskrepanz zwischen Deutschen und Ausländern gibt. Natürlich gehen wir nicht davon aus, dass die einen klüger als die anderen sind. Jedoch lassen die Ergebnisse keine andere Schlussfolgerung zu als die von Söhn und Özcan (2005): „Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben in Deutschland drastisch geringere Bildungschancen als andere Kinder und Jugendliche. Trotz kleiner Fortschritte in den letzten Jahrzehnten besuchen Schüler/-innen mit ausländischer Staatsangehörigkeit seltener weiterführende Schulen wie das Gymnasium, sie verlassen häufiger die allgemein bildende Schule ohne einen Schulabschluss und sind somit im Schnitt mit deutlich schlechteren Ausgangschancen für das Berufsleben ausgestattet. Diese Situation ist nicht neu. Sie gewinnt aber an Brisanz, seit die Zweifel an einer kontinuierlichen Annäherung der zweiten Ausländergeneration an die Situation der Deutschen ohne Migrationshintergrund wachsen, seitdem die Arbeitsmarktchancen gering Qualifizierter sinken und Sorgen hinsichtlich möglicher, aus sozialer Ausgrenzung gespeister Konflikte wachsen.“ (Söhn/ Özcan 2005, S. 117). Durch solche Erhebungen wird nochmals verdeutlicht, dass die Integrationsdebatten durchaus legitim sind und dass bei fehlenden Lösungen dieses Problems weitere Konsequenzen mit sich bringt.

Beispiele hierfür waren aktuell in Frankreich zu sehen oder sind es zum Teil noch in Griechenland. Der nächste Schritt, der auf mangelnde Bildung folgt, ist unweigerlich Armut und diese bringt, wie von Söhn und Özcan (2005) beschrieben, Spannungen und Konflikte mit sich. (vgl. Söhn/ Özcan 2005, S. 117) Wie kommt es nun zu so einer unnatürlichen Selektion im Bildungsniveau zwischen Ausländern und Deutschen? Diese Frage wird im folgenden Teil der Arbeit untersucht.

2.2 Institutionelle Diskriminierungen

Zunächst einmal ist eine genauere Betrachtung des Begriffs „Institutionelle Diskriminierung“ notwendig. Der Begriff „institutionell“ lokalisiert die Ursachen von Diskriminierungen im organisatorischen Handeln speziell unter dem Gesichtspunkt der Ungleichheit in zentralen

[...]


1Internationale-Grundschule-Lese-Untersuchung 2001

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Integration oder Diversity?
Untertitel
Möglichkeit der Umsetzung in der Schule
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
42
Katalognummer
V270534
ISBN (eBook)
9783656656616
ISBN (Buch)
9783656656579
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
integration, diversity, möglichkeit, umsetzung, schule
Arbeit zitieren
Almer Smajlagic (Autor), 2012, Integration oder Diversity?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270534

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