Nur sieben Menschen kamen zu seiner Beerdigung. Die Trauergemeinde erwies die letzte Ehre einem Mann, der zeit seines Lebens einen Begriff prägte und damit versuchte, die Verbrechen an den Armeniern durch die Türken und der Deutschen an Millionen Juden, Tausenden Sinti & Roma und anderen in einem Wort zu kulminieren.
Die Rede ist von Raphael Lemkin, einem polnischen Juristen, der in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts den Begriff ‚Genozid’ schuf.
Selten hat er in seinem Leben die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm gebührt hätte. Seine Ideen waren zu fortschrittlich und vorausschauend für jene Zeitumstände. Eher als phantasierender Spinner denn als Jurist wurde er damals von seinen Zeitgenossen angesehen.
Im folgenden Beitrag wird zunächst das Leben Raphael Lemkins vorgestellt. Verschiedene Stationen seines Lebens zeigen die Gründe auf, weshalb er sich intensiv mit der Bestrafung und Verhinderung von Genoziden befasste.
Beginnend wird versucht darzulegen, was der Auslöser für Lemkins Werdegang war. In seiner Kindheit und Jugend erfuhr er in seinem Heimatdorf durch Tradierung von Neuigkeiten mindestens zweimal von Massakern und Völkermorden. Fraglich ist, ob und wenn ja welcher Völkermord das Zünglein an der Waage war, dass er sich dem Schutz von Minoritäten und Schwächeren verschrieb.
Danach werden die ursprünglichen Ideen, Konzeptionen und Definitionen Lemkins bezüglich des Genozid-Begriffs dargelegt, um aufzeigen zu können, wie sehr und warum sich Lemkin darum bemühte.
Im Wesentlichen wird die Kritik heutiger Genozid-Forscher an der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes behandelt. Ebenso wird versucht, die zugrunde liegenden Leitfragen zu klären.
Schließlich werden Abwandlungen des Genozid-Begriffs aufgezeigt und und die Art und Weise, wie er heute definiert beziehungsweise von der internationalen Staatengemeinschaft gehandhabt wird.
Die Leitfragen sind, inwiefern Raphael Lemkin seinen ursprünglichen Entwurf, den er bereits vor Ende des Zweiten Weltkriegs prägte, bei der Schöpfung der UN-Konvention durchsetzen konnte. Welche Verluste und Restriktionen musste er hinnehmen, um wenigstens einen Teil seiner Ideen und Überlegungen in dieselbige zu integrieren oder um überhaupt ihre Verabschiedung zu erreichen?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Wer war Raphael Lemkin?
Der Genozid-Begriff Raphael Lemkins
Kritik an der Genozid-Formulierung der Vereinten Nationen
Kennzeichen des Genozids
Heutige Definitionen des Genozid-Begriffs
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Leben und Wirken von Raphael Lemkin, dem Begründer des Genozid-Begriffs. Das primäre Ziel ist es, die Entstehungsgeschichte seiner juristischen Konzepte, deren Umsetzung in die UN-Konvention sowie die anhaltende wissenschaftliche Kritik an dieser Definition zu analysieren.
- Biographische Hintergründe und Motivationen von Raphael Lemkin
- Die historische Genese des Genozid-Begriffs und dessen Etablierung
- Die Entstehungsgeschichte und der Inhalt der UN-Genozid-Konvention
- Wissenschaftliche Debatten zur Reichweite und den Schwachstellen der aktuellen Definition
- Strukturmodelle der Genozidentstehung und alternative Definitionsansätze
Auszug aus dem Buch
Kennzeichen des Genozids
Fünf Kennzeichen fasst Mihran Dabag, auf Raul Hilberg basierend, zusammen: Definition, Entrechtung, Selektion, Deportation, Vernichtung. Ergänzend beschreibt Steven Baum in seinem Buch ‚The Psychology of Genocide“ acht Stufen „of genocide formation“.
1. Klassifizierung: Hier meint der Autor, dass es schon beginnt mit dem Klassifizieren in ‚wir und sie’ in ethnische, rassische, religiöse oder nationale Untergruppen.
2. Benennung: Die verschiedenen oben genannten Gruppen werden als ‚Juden’, ‚Zigeuner’ usw. bezeichnet. Dazu zählen auch Benennungen nach der Hautfarbe.
3. Entmenschlichung: Hierzu zählt, dass eine Gruppe eine andere ablehnt oder leugnet. Meist werden diese Gruppen dann mit Tieren, Insekten oder ähnlichem verglichen.
4. Organisation: Genozid ist immer geplant (durch Staaten oder auch Terroristen). Dafür werden die ausführenden Kräfte bewaffnet und ausgebildet.
5. Polarisierung: Die beiden Gruppen werden von einander getrennt. Hierzu zählen beispielsweise das Verbieten der interrassischen Heirat oder der sozialen Interaktion.
6. Identifikation: Die Opfer müssen sich nun durch Symbole kennzeichnen, damit ihre Andersartigkeit sofort sichtbar ist. Auch eine ‚Unterbringung’ in Lagern ist kennzeichnend.
7. Ausrottung: Der Genozid beginnt. Die Opfergruppe wird spätestens jetzt nicht mehr als menschlich angesehen.
8. Leugnung: Die Täter leugnen ihre Tat, lassen Beweise verschwinden und verschwinden möglicherweise in ein Exil-Land.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umriss der Thematik, der Motivation des Autors und der Forschungsfragen bezüglich Raphael Lemkins Wirken.
Wer war Raphael Lemkin?: Darstellung der Lebensgeschichte Lemkins, seiner frühen Prägungen durch historische Gräueltaten und seiner juristischen Laufbahn.
Der Genozid-Begriff Raphael Lemkins: Analyse der semantischen Herkunft und der ersten juristischen Entwürfe Lemkins für einen internationalen Schutz gegen Völkermord.
Kritik an der Genozid-Formulierung der Vereinten Nationen: Diskussion über die Reichweite, mögliche Lücken und die Wirksamkeit der UN-Konvention von 1948.
Kennzeichen des Genozids: Erläuterung struktureller Stufenmodelle zur Entstehung und Identifizierung von Völkermord.
Heutige Definitionen des Genozid-Begriffs: Überblick über inflationäre oder spezialisierte Begriffsableitungen wie Politizid oder Linguizid innerhalb der Forschung.
Fazit: Abschließender Hinweis auf das unveröffentlicht gebliebene Hauptwerk Lemkins und seine Bedeutung als Pionier der Genozid-Studien.
Schlüsselwörter
Raphael Lemkin, Genozid, Völkermord, UN-Konvention, Kriegsverbrechen, Menschenrechte, Minderheitenschutz, Holocaust, Staatsouveränität, Definitionsdebatte, Politizid, Entmenschlichung, internationale Strafgerichtsbarkeit, Menschengruppen, Rechtsschutz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem juristischen Lebenswerk von Raphael Lemkin und der Geschichte des von ihm geprägten Genozid-Begriffs.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die biographischen Ursprünge Lemkins, die Genese der UN-Genozidkonvention sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Semantik und den Schwachstellen dieser Konvention.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Lemkins Rolle bei der Schöpfung der Konvention zu beleuchten und zu hinterfragen, inwieweit seine ursprünglichen Forderungen durch die UN umgesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Untersuchung, die auf der Auswertung juristischer Entwürfe, biographischer Notizen und aktueller forschungsspezifischer Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Lemkins Werdegang, seine frühen Versuche der Definition, die Entstehung der UN-Konvention sowie die Kritik von Forschern wie Goldhagen und Chaumont.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Raphael Lemkin, Völkermord, Genozid, Menschenrechte und internationale Souveränität geprägt.
Warum blieb Lemkins Hauptwerk zu Lebzeiten unveröffentlicht?
Trotz mehrfacher Nominierung für den Friedensnobelpreis fand Lemkin keinen Verleger für sein Manuskript zur Geschichte des Genozids.
Welche Kritik üben Forscher an der UN-Definition?
Kritiker bemängeln unter anderem die fehlende Berücksichtigung politischer und sozialer Gruppen sowie die mangelnde Durchsetzungskraft der Konvention durch politische Vetomächte.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Genozid nach der UN-Konvention?
Die Konvention fokussiert sich auf nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppen, während moderne Ansätze teilweise breitere oder spezifischere Definitionen fordern.
- Citation du texte
- Moritz M. Schmidt (Auteur), 2013, Das Leben Raphael Lemkins und die Geschichte des Genozid-Gedankens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270675