Lesen kann jeder. Zumindest geht die Mehrheit davon aus. Schließlich besucht in Deutschland jedes Kind die Schule. Und dort lernt man ja genau das: Neben Schreiben und Rechnen eben auch Lesen. Wenn mit Lesen gemeint ist, dass fast jeder im Stande ist, einen Text vorzulesen, dann mag das stimmen. Aber unter Lesekompetenz versteht man deutlich mehr als nur das. So gehören zur Lesekompetenz, welche auf der Realschule erreicht werden soll, Fähigkeiten wie „Informationen zielgerichtet entnehmen, ordnen, vergleichen, prüfen und ergänzen“ oder etwa „Intention(en) eines Textes erkennen, insbesondere Zusammenhang zwischen Autorintention(en), Textmerkmalen, Leseerwartungen und Wirkungen“ (Helmke et al., 2013, S. 6). Zu Arbeitstechniken des Lesens auf der Realschule gehören auch produktive Techniken wie die Zusammenfassung von Texten und die Wiedergabe von Inhalten. (Helmke et al., 2013) Das sind sehr komplexe Kompetenzen, die nicht einfach mit der Alphabetisierung abgehakt sind. Das Lesen und Verstehen von Texten sowie deren Wiedergabe mit eigenen Worten in schriftlicher Form ist eine komplexe Anforderung, die ein Schüler, der gerade auf die weiterführende Schule kommt, in der Regel nicht ohne Weiteres beherrschen kann. Erschwert wird dies noch, wenn nicht literarische Texte sondern Sachtexte zusammengefasst werden sollen.
Diese Hausarbeit verknüpft die Notwendigkeit, Schülern der siebten Klasse der Realschule die Kompetenz, Sachtexte zusammenfassen zu können, mit der Möglichkeit, ein Lernszenario zu entwickeln, das auf dem four‐component instructional design model (4C/ID) basiert, welches 1997 von Jeroen van Merriënboer entwickelt wurde. Dieses Instruktionsdesignmodell ist das weltweit am weitesten Verbreitete. Hierbei werden aufgrund empirischer Erkenntnisse aus der Psychologie und der Erziehungswissenschaft authentische Lernaufgaben gestellt, welche den Lernenden ins Zentrum rücken und ihm ermöglichen, die geforderten Kompetenzen (in diesem Fall die Zusammenfassung eines Sachtextes) zu erlernen und zu verinnerlichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Exkurs
3 Hierarchische Kompetenzanalyse
4 Bildung von Aufgabenklassen
5 Entwicklung von Lernaufgaben
6 Prozedurale und unterstützende Informationen
7 Part-task practice
8 Didaktische Szenarien
9 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Hausarbeit verfolgt das Ziel, für Schüler der siebten Klasse einer Realschule ein Lernszenario zur Kompetenz „Sachtexte zusammenfassen“ zu entwickeln, das auf dem 4C/ID-Modell (four-component instructional design model) basiert, um den Lernprozess unter Berücksichtigung kognitionswissenschaftlicher Erkenntnisse effizient zu gestalten.
- Analyse der komplexen Kompetenz „Sachtexte zusammenfassen“ mittels Fertigkeitenhierarchie.
- Anwendung des 4C/ID-Modells zur Strukturierung des Instruktionsdesigns.
- Entwicklung von Aufgabenklassen basierend auf dem Prinzip der vereinfachenden Annahmen.
- Konzeption konkreter Lernaufgaben sowie Einsatz von Just-in-time Informationen.
- Überprüfung didaktischer Szenarien zur Umsetzung des Modells im Unterrichtskontext.
Auszug aus dem Buch
3 Hierarchische Kompetenzanalyse
Den ersten Schritt der ersten Komponente „Lernaufgaben“ bilden die Analyse der Kompetenz und die darin enthaltene Fertigkeitenhierarchie (siehe Abbildung 1). Hierfür wird die zu erlernende Kompetenz unterteilt in Teilfertigkeiten, welche größtenteils dem Hirschgraben-Sprachbuch für die siebte Jahrgangsschule der Realschule in Bayern (Kreibich, Seuffert-Erhard & Stellberger, 2005) entnommen wurden. Diese werden vertikal konsekutiv und horizontal temporär geordnet. Das bedeutet, dass die Teilfertigkeiten, die unter anderen Fertigkeiten stehen, die Grundlage für diese übergeordneten Fertigkeiten bilden. Temporär ist die Hierarchie von links nach rechts geordnet. Das bedeutet, dass die Teilfertigkeiten, die weiter links stehen, temporär vor den weiter rechts liegenden Fertigkeiten stehen, es sei denn, beide Teilfertigkeiten sind durch einen soliden Doppelpfeil verbunden, was deren Gleichzeitigkeit ausdrückt, oder sie sind mit einem gestrichelten Doppelpfeil verbunden, was ausdrückt, dass die zeitliche Abfolge keine Rolle spielt und beide Fertigkeiten temporär vertauschbar wären. (Bastiaens et al., 2009).
Für diesen Entwurf wird die temporäre und konsekutive Hierarchie anhand eines Beispiels verdeutlicht: Die Teilfertigkeit „Den Text verstehen“ steht über der Teilfertigkeit „Den Text genau durchlesen“. Das hat gute Gründe, weil der Text nicht von selbst verständlich wird, sondern erst durch das Lesen des Textes verstanden wird. Die obere Teilfertigkeit setzt also die untere konsekutiv voraus. In diesem Fall liegt keine temporäre Hierarchie zu Grunde, weil das Verständnis bereits zeitgleich mit dem Lesen eintreten kann. Rechts neben der Teilfertigkeit „Den Text verstehen“ befindet sich die Teilfertigkeit „Den Inhalt des Textes wiedergeben“. Diese Wiedergabe des Inhalts kann erst temporär nach dem Verständnis kommen. Beides geschieht nicht gleichzeitig. Es sind aufeinander folgende Schritte, die befolgt werden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung der Lesekompetenz bei Sachtexten und begründet die Anwendung des 4C/ID-Modells für Realschüler der siebten Klasse.
2 Theoretischer Exkurs: Dieses Kapitel vergleicht das Instruktionsdesign, insbesondere das 4C/ID-Modell, mit der Allgemeinen Didaktik und erläutert die theoretische Fundierung durch die Cognitive Load Theory.
3 Hierarchische Kompetenzanalyse: Hier wird die Zielkompetenz durch die Zerlegung in Teilfertigkeiten analysiert und hierarchisch in einer Fertigkeitenhierarchie dargestellt.
4 Bildung von Aufgabenklassen: Das Kapitel beschreibt die Einteilung der Lernaufgaben in Komplexitätsstufen unter Anwendung des Prinzips der vereinfachenden Annahmen.
5 Entwicklung von Lernaufgaben: Es werden konkrete Beispiele für Lernaufgaben präsentiert, die den unterschiedlichen Aufgabenklassen zugeordnet sind.
6 Prozedurale und unterstützende Informationen: Dieses Kapitel erläutert, wie durch Just-in-time Informationen und zusätzliche Materialien der Lernprozess gezielt gesteuert wird.
7 Part-task practice: Es wird die Bedeutung von wiederkehrenden Übungen für die Festigung essenzieller Teilfertigkeiten, wie das Schreiben einer Einleitung, dargelegt.
8 Didaktische Szenarien: Die Anwendbarkeit verschiedener didaktischer Grundformen auf das Lernszenario wird kritisch überprüft.
9 Fazit: Das Fazit bewertet die Praktikabilität des 4C/ID-Modells für den schulischen Kontext und reflektiert Stärken sowie mögliche Schwächen bei der Umsetzung.
Schlüsselwörter
4C/ID-Modell, Sachtext zusammenfassen, Lesekompetenz, Instruktionsdesign, Fertigkeitenhierarchie, Aufgabenklassen, Cognitive Load Theory, Scaffolding, Lernaufgaben, Just-in-time Information, Part-task practice, Mediendidaktik, Realschule, Didaktik, Kompetenzanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung eines didaktischen Lernszenarios für Realschüler der siebten Klasse, um die komplexe Kompetenz des Zusammenfassens von Sachtexten systematisch zu vermitteln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind Instruktionsdesign, die Anwendung des 4C/ID-Modells, kognitive Lernpsychologie (insbesondere Cognitive Load Theory) und die methodische Vermittlung von Lesetechniken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist der Entwurf einer Unterrichtsreihe, die es Schülern ermöglicht, durch authentische Lernaufgaben und gezielte Unterstützung die Kompetenz zur eigenständigen Sachtextzusammenfassung zu erwerben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Als wissenschaftliche Methode dient das 4C/ID-Modell (four-component instructional design model) von Jeroen van Merriënboer, ergänzt durch eine kompetenzbasierte Analyse der Fertigkeiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kompetenzanalyse, die Strukturierung von Aufgabenklassen, die Gestaltung konkreter Lernaufgaben, den Einsatz von unterstützenden Informationen sowie die Evaluation didaktischer Szenarien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie 4C/ID-Modell, Sachtextzusammenfassung, kognitive Entlastung, Aufgabenklassen und Scaffolding charakterisiert.
Warum spielt die Unterscheidung in wiederkehrende und nicht wiederkehrende Teilfertigkeiten eine Rolle?
Diese Unterscheidung ist essenziell für die didaktische Entscheidung, welche Fähigkeiten durch Part-task practice automatisiert werden sollten (wiederkehrend) und welche durch unterstützende Informationen bei komplexen, variablen Anforderungen begleitet werden müssen (nicht wiederkehrend).
Warum wird für die erste Lernaufgabe ein Lösungsbeispiel und kein offenes Problem gewählt?
Dies dient der anfänglichen Entlastung des Arbeitsspeichers der Lernenden, damit diese zunächst das Modell und die Vorgehensweise an einem vollendeten Beispiel nachvollziehen können, bevor sie bei steigendem Anforderungsgrad selbst produktiv werden.
- Arbeit zitieren
- Arne Gies (Autor:in), 2013, Einen Sachtext zusammenfassen (4C/ID). Deutsch 7. Klasse Realschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270699