Die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht am 07. Februar 1992 gilt als offizielle Gründung der europäischen Union. Mit ihm wurden die 1957 in Rom unterschriebenen Gründungsverträge zur Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ausgeweitet. Der Unterzeichnung von zunächst 12 Mitgliedsstaaten ging ein Einigungsprozess voraus, der in diesem Essay mit Blick auf die Außenpolitik Großbritanniens betrachtet werden soll.
Im europäischen Integrationsprozess spielt Großbritannien seit jeher eine besondere Rolle. So
unterschied sich die britische Außenpolitik in Hinsicht auf eine europäische Integration von den
kontinentaleuropäischen Partnern in wesentlichen Punkten. Die besondere Auffassung des britischen Volkes und der Regierung von einem zentral organisierten Europa, zieht sich konstant durch die Integrationsgeschichte der EU. So trat die Insel zum Beispiel erst 1973 der EG bei. Deutlich werden die politischen Unterschiede Großbritanniens eben vor Allem auch bei diesem bisher größten Schritt der europäischen Integration seit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft, dem Vertrag von Maastricht. So wollte Großbritannien auch am EU- Binnenmarkt zunächst nicht teilnehmen, dieser beinhaltet unter anderem die Abschaffung der Zölle und einen freien Verkehr von Waren, Kapital, Dienstleistung und Personen. Die aufkommende Frage bei dem Zustandekommen dieses Integrationsschrittes ist: Warum einigte sich Großbritannien trotz seiner
skeptischen politischen Einstellung gegenüber einem gemeinsamen Europa, mit den anderen Mitgliedsstaaten auf den Vertrag von Maastricht? Diese Frage soll nun anhand des Liberalen Intergouvernementalismus von Andrew Moravcsik analysiert werden. Hierfür werden im nächsten Kapitel die für uns relevanten Aspekte der Integrationstheorie des Liberalen Intergouvernementalismus herausgearbeitet und die Theorie anschließend im darauffolgenden Kapitel auf den Fall Großbritannien und den Vertrag von Maastricht angewendet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Liberale Intergouvernementalismus nach Andrew Moravcsik
3 Großbritanniens Außenpolitik zur europäischen Integration – Der Vertrag von Maastricht
4 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die europapolitische Haltung Großbritanniens im Kontext des Vertrags von Maastricht unter Anwendung des Liberalen Intergouvernementalismus nach Andrew Moravcsik. Ziel ist es, das scheinbare Paradoxon zwischen der britischen Skepsis gegenüber der europäischen Integration und der tatsächlichen Zustimmung zum Vertragswerk durch die Analyse nationaler Interessen und Verhandlungsprozesse zu erklären.
- Grundlagen des Liberalen Intergouvernementalismus (LI)
- Stufenmodell der europäischen Integration nach Moravcsik
- Britische Außenpolitik und nationale Präferenzbildung
- Verhandlungsstrategien und "Grand Bargaining" am Beispiel von Maastricht
- Institutional Choice und die Bedeutung von Opting-Out-Klauseln
Auszug aus dem Buch
Der Liberale Intergouvernementalismus nach Andrew Moravcsik
Die Theorie des Liberalen Intergouvernementalismus (nachfolgend LI) nach Andrew Moravcsik stellt den internationalen europäischen Integrationsprozess von Staaten als eine Abfolge von Vertragsverhandlungen dar, denen ein Drei-Stufen-Modell zu Grunde liegt. Er berücksichtigt hierbei vor Allem die innerstaatliche Präferenzbildung im ersten Schritt des Integrationsvorgangs und sieht die Wahl oder Gründung einer supranationalen Organisation, zur Sicherung der Integrationsverhandlungen, als Ergebnis.
Moravcsik stellt Staaten hierbei als die wichtigsten Akteure im Integrationsprozess heraus, die nach außen rational handeln und ihre eigenen Interessen verfolgen. Wie dies möglich ist beschreibt er in den drei Stufen seines Integrationsmodells. Die erste Stufe beinhaltet die innerstaatliche Präferenzbildung. Vor Allem ökonomische Interdependenzen beeinflussen während dieser ersten Stufe die unterschiedlichen Präferenzen rationaler innerstaatlicher Akteure. Die sozialen Akteure (z.B. Parteien, Gewerkschaften, Interessenvertreter) liefern sich einen Wettstreit um die politische Ausrichtung der nationalen Positionen.
'By preferences, I designate not simply a particular set of policy goals but a set of underlying national objectives independent of any particular international negotiation to expand exports, to enhance security vis-à-vis a particular threat, or to realize some ideational goal.' (Moravcsik 1998: 20)
Die staatlichen Präferenzen sind laut Moravcsik auch keinesfalls fest verankert und in jedem Land gleich. Viel mehr variieren sie zwischen den unterschiedlichen Ländern oder innerhalb eines Landes während der Zeit und je nach Themengebiet (Moravcsik 2008). Vor Allem unterschiedliche Themengebiete führen dazu, dass verschiedene Gruppen, mit unterschiedlichen Präferenzen miteinander konkurrieren und sich somit, abhängig von diesem Wettbewerb auch je nach Sachverhalt, der innerstaatliche Willen bildet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Rolle Großbritanniens im europäischen Integrationsprozess und führt in die zentrale Fragestellung ein, warum das Land trotz einer skeptischen Grundhaltung dem Vertrag von Maastricht zustimmte.
2 Der Liberale Intergouvernementalismus nach Andrew Moravcsik: Dieses Kapitel erläutert das theoretische Drei-Stufen-Modell von Moravcsik, welches innerstaatliche Präferenzbildung, zwischenstaatliche Verhandlungen und Institutional Choice als Grundlage für europäische Integration betrachtet.
3 Großbritanniens Außenpolitik zur europäischen Integration – Der Vertrag von Maastricht: Das Kapitel wendet die Theorie des Liberalen Intergouvernementalismus auf den konkreten Fall Großbritanniens an und analysiert die strategische Verhandlungsführung unter John Major sowie die Rolle der Opting-Out-Klauseln.
4 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und resümiert, dass Großbritannien den Integrationsprozess durch geschickte Verhandlungen und die Wahrung nationaler Souveränität aktiv mitgestaltet hat, wenngleich die Zukunft der britischen Europapolitik ungewiss bleibt.
Schlüsselwörter
Liberaler Intergouvernementalismus, Andrew Moravcsik, Vertrag von Maastricht, Europäische Integration, Großbritannien, EU-Binnenmarkt, Grand Bargaining, Souveränität, Opting-Out-Klausel, Internationale Institutionen, Nationale Präferenzen, John Major, Währungsunion, Außenpolitik, Europäische Union.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die europapolitische Strategie Großbritanniens während der Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht unter Anwendung politikwissenschaftlicher Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Theorie des Liberalen Intergouvernementalismus, die britische Integrationsgeschichte, nationale Präferenzbildung und zwischenstaatliche Verhandlungsprozesse.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, warum Großbritannien trotz seiner traditionellen Skepsis gegenüber einer tieferen europäischen Integration letztlich den Vertrag von Maastricht unterzeichnete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Theorie des Liberalen Intergouvernementalismus nach Andrew Moravcsik als analytisches Instrument zur Untersuchung historischer politischer Entscheidungsprozesse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Liberalen Intergouvernementalismus und eine darauf aufbauende empirische Analyse der britischen Politik im Kontext des Maastrichter Vertrags.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Liberaler Intergouvernementalismus, EU-Integration, nationale Souveränität, Grand Bargaining und britische Europapolitik.
Welche Rolle spielte der Regierungswechsel von Thatcher zu Major für die Verhandlungen?
Der Wechsel markierte laut Text einen strategischen Richtungswechsel, bei dem die Regierung Major die machtpolitischen Möglichkeiten konstruktiver nutzte, um britische Interessen innerhalb des Integrationsrahmens zu wahren.
Warum war die Opting-Out-Klausel für Großbritannien essenziell?
Die Nichtteilnahme-Klausel fungierte als notwendige Bedingung für die britische Zustimmung, da sie es dem Land ermöglichte, sich von Bereichen wie der Währungsunion oder der Sozialcharta fernzuhalten, während es gleichzeitig vom Binnenmarkt profitierte.
Wie bewertet die Arbeit die Verhandlungsmacht Großbritanniens?
Großbritannien wird eine hohe "Bargaining-Power" zugeschrieben, da die übrigen Mitgliedsstaaten ein starkes Interesse an der Beteiligung der britischen Volkswirtschaft am EU-Binnenmarkt hatten.
- Citation du texte
- Tatjana Brütting (Auteur), 2013, Großbritanniens Weg zum Vertrag von Maastricht. Analysiert anhand des Liberalen Intergouvernementalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270841