Der Essay gilt der Frage nach der Relevanz künstlerischen Arbeitens für angehende Lehrerinnen und Lehrer im Fach Musik. Aufgrund einer eingehenden Reflexion über die Eigenart des Künstlerischen einerseits, der schulischen Bildungsaufgabe andererseits wird herausgestellt, was im Rahmen eines einschlägigen Studiums möglich, sinnvoll und notwendig ist. Anlässlich des Nachdenkens über den Gehalt des Instrumental- bzw. Gesangsunterrichts im Rahmen der Lehramtsstudiengänge Musik ist nicht nur ein didaktischer Leitfaden, sondern darüber hinaus eine grundlegende Reflexion zur Frage künstlerisch-ästhetischer Bildung in Musik entstanden.
Inhaltsverzeichnis
1. Prolegomena: Zur Begründung des Themas
1.1 Konzeptioneller Wandel
1.2 Monokultur versus kulturelle Pluralität
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Kunst und Handwerk
2.2 Kunst zwischen Bildung und Ausbildung
2.2.1 Kunst und Bildung
2.2.2 Bildung und Ausbildung
2.3 Ästhetische Erfahrung im Kontext von Kompetenz- und Bildungserwerb
2.3.1 Ästhetische Einstellung, ästhetische Erfahrung und ästhetische Praxis
2.3.2 Ästhetische Kompetenzen
2.3.3 Ästhetische Bildung an Musik
3. Praktische Perspektiven
3.1 Musikalisch-künstlerische Bildung und schulische Realität
3.2 Bildung für „die Schule“ und Studium
3.2.1 Schwerpunkte setzen
3.2.2 Exemplarizität
3.2.3 Authentizität fördern
3.2.4 Spezifische Qualitäten
3.2.5 Institutionelle Konsequenzen
4. Paralipomena: Zur Pragmatik didaktischer Reflexion
4.1 Optimierung von Kultur
4.2 „Bilder“ von Musiken und Menschen
4.3 Relevanz
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den Wandel der Ausbildungsinhalte im Lehramtsstudium Musik, insbesondere die Verschiebung vom bildungsorientierten Ansatz hin zu einer rein kompetenzbasierten Ausbildung. Dabei wird argumentiert, dass für angehende Musiklehrkräfte künstlerische Bildung – verstanden als ein unabschließbarer, authentischer Prozess – essenziell ist, um den Anforderungen schulischer Realität jenseits rein funktionaler Vorgaben gerecht zu werden.
- Kritische Analyse des Kompetenzbegriffs in der Musikdidaktik
- Differenzierung zwischen handwerklicher Ausbildung und künstlerischer Bildung
- Bedeutung ästhetischer Erfahrung für die Professionalisierung
- Herausforderungen künstlerischer Arbeit im schulischen Kontext
- Reflexion des Lehrerbildes und seiner kulturellen Relevanz
Auszug aus dem Buch
2.1 Kunst und Handwerk
Regelwerke sorgen für Ordnung; wer sie einhält erreicht, dass akzeptiert wird, was er hervorbringt. Im Bereich handwerklicher Arbeiten regeln staatlich erlassene Ordnungen das Handeln: Die Deutsche Industrienorm (DIN) z. B. sorgt u. a. dafür, dass Briefpapier in dazugehörige Umschläge und Drucker passt, die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) regelt weitgehend die Leistungsbezogenen Verhältnisse zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer; wer dagegen verstößt, macht sich regresspflichtig. Im Bereich musikalischer, dichterischer, malerischer und sogar architektonischer Hervorbringungen haben normative Vorstellungen lange Zeit dafür gesorgt, dass die Menschen nicht nur wussten, wie ein Tonsatz beschaffen sein muss, wie ein Gedicht rhythmisch und vom Reim her beschaffen zu sein hat, wie ein Bild aussehen soll und wie ein Haus zu konstruieren ist; darüber hinaus haben diese Vorstellungen auch bewirkt, dass man lange glaubte, zu wissen, was Musik, Dichtung, Malerei und Architektur ist.
Regelwidrigkeiten wurden als Fehler geahndet („Quintparallelen sind verboten!“; in Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg befasst sich Beckmesser an zentraler Stelle damit, Verstöße gegen Form und Inhalt eines „Meisterliedes“ zu benennen; eine Putzfrau entfernte das Fett aus einer Badewanne, die Joseph Beuys u. a. dadurch zum Kunstwerk hatte werden lassen). Wer Fehler beging, indem er gegen Regeln verstieß, gehörte nicht zu denen, die als Musiker, Dichter, Maler oder Architekten anerkannt wurden – zumindest nicht von denjenigen, deren Denken bewusst oder unbewusst den jeweiligen normativen Vorstellungen verpflichtet war. Als Künstler galt vielmehr, wem es gelang, im Rahmen des jeweils geltenden Regelwerks etwas zu gestalten, was dadurch Akzeptanz erlangte, dass es neu war, ohne das Alte in Frage zu stellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Prolegomena: Zur Begründung des Themas: Das Kapitel analysiert den konzeptionellen Wandel in der Lehrerausbildung durch PISA-Reformen und den Übergang von einem Bildungsbegriff zu einem normativen Kompetenzbegriff.
2. Theoretische Grundlagen: Hier wird das Verhältnis von Handwerk und Kunst sowie die Bedeutung ästhetischer Erfahrung für eine tiefgreifende künstlerische Bildung fundiert erörtert.
3. Praktische Perspektiven: Das Kapitel überträgt die theoretischen Überlegungen auf den Schulalltag und diskutiert Strategien zur Verankerung künstlerischer Bildung im Musikunterricht trotz widriger Rahmenbedingungen.
4. Paralipomena: Zur Pragmatik didaktischer Reflexion: Der abschließende Teil fasst die Argumentation zusammen und plädiert für einen Raum des „Nicht-Nachprüfbaren“ in der Lehrerausbildung als Voraussetzung für kulturelle Erneuerung.
Schlüsselwörter
Künstlerische Ausbildung, Ästhetische Bildung, Musikalische Kompetenz, Musikdidaktik, Schulische Realität, Instrumentalunterricht, Handwerk, Ästhetische Erfahrung, Lehrerbildung, Interpretationspraxis, Kulturelle Pluralität, Bildungsprozess, Autonomie, Kunstverständnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Publikation befasst sich mit der aktuellen Situation der instrumentalen und vokalen Ausbildung im Lehramtsstudiengang Musik und deren Spannungsverhältnis zur schulischen Praxis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die kritische Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff, die Abgrenzung von handwerklicher Ausbildung zu künstlerischer Bildung sowie die Notwendigkeit einer ästhetisch fundierten Lehrerpersönlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Stellenwert des Künstlerischen im Lehramtsstudium zu verteidigen und Argumente für eine Bildung zu liefern, die über messbare Kompetenzkataloge hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine musikpädagogisch-didaktische Reflexion, die auf philosophischen und bildungstheoretischen Ansätzen (u.a. Cassirer, Heidegger, Bieri) beruht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen wie das Verhältnis von Kunst und Handwerk dargelegt und praktische Perspektiven für die Arbeit an Schulen aufgezeigt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie ästhetische Bildung, musikalische Ausbildung, Lehrerpersönlichkeit und künstlerische Selbständigkeit charakterisieren.
Welche Rolle spielt die "schulische Realität" für den Autor?
Der Autor betont, dass die schulische Realität nicht starr gegeben ist, sondern von den Akteuren – insbesondere den Musiklehrkräften – aktiv und künstlerisch gestaltet werden kann.
Wie bewertet der Autor den aktuellen "Kompetenzbegriff"?
Der Autor sieht im vorherrschenden Kompetenzbegriff eine bürokratische Einschränkung, die Bildungsprozesse auf quantifizierbare Ergebnisse reduziert und damit deren eigentlichen Gehalt verfehlt.
- Citation du texte
- Prof. Dr. Peter W. Schatt (Auteur), 2014, Musikalische Bildung? Gesangs- und Instrumentalunterricht im Studium Lehramt Musik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270858