„Döner-Morde“ ist das Unwort des Jahres 2011.(http://www.sueddeutsche.de) Kein anderer Begriff sorgte im letzten Jahr und darüber hinaus für so große Kontroversen. Er meint nicht nur den vorsätzlichen Tod mehrerer Menschen. Vielmehr spiegelt sich in diesem Wort die beständige Diffamierung türkischstämmiger Bürger in Deutschland und die Stigmatisierung dieser nach Stereotypen wider. Zudem ruft er erneut zu einer verstärkten Integration von Migranten in Deutschland auf und fordert mehr Toleranz gegenüber deren Kultur. Daher ist zentraler Punkt dieses Papers die Frage danach, inwieweit die bundesdeutsche Gesellschaft weiterhin durch Fremdzuschreibungen eine eigentlich integrierte Gruppe, die der türkischen Ausländer, immer noch exkludiert. Exklusion wird hier verstanden, dass durch Stereotype die Mehrheit der türkischen Mitbürger bspw. nach wie vor unter eine homogene Gruppe der Muslime subsumiert wird. Wieso ist das so? Und wie können sich Migranten in diesem Wechselspiel aus Fremdzuschreibung und stereotyper Wahrnehmung der deutschen Gesellschaft positionieren? Diese Fragen sollen im Folgenden diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konstruktion des Fremden durch die Mehrheitsgesellschaft
3. Religion als Charakteristikum der Exklusion
4. Selbst-Ethnisierung und politische Alltagspraxis
5. Strategien zur Selbstpositionierung
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Wechselspiel zwischen Fremdzuschreibungen durch die Mehrheitsgesellschaft und der Selbstpositionierung türkischstämmiger Migranten in Deutschland. Dabei wird analysiert, wie durch Mechanismen der Ethnisierung und religiöse Stigmatisierung Kollektividentitäten konstruiert werden und welche Strategien Einwanderer entwickeln, um sich in diesem gesellschaftlichen Spannungsfeld zu behaupten.
- Konstruktion des „Fremden“ durch staatliche und mediale Diskurse
- Die Rolle der Religion als Integrations- und Ausgrenzungsmerkmal
- Prozesse der Selbst-Ethnisierung im politischen Alltag
- Ambivalenzen der Identitätsbildung in der zweiten Einwanderungsgeneration
- Einfluss der Integrationspolitik auf die gesellschaftliche Teilhabe
Auszug aus dem Buch
Herstellung kollektiver Identitäten zwischen Selbstpositionierung und Fremdzuschreibung
In der Konstruktion des Fremden ist der Staat der Mehrheitsgesellschaft die erste legitimierte Instanz. Wer Ausländer oder Einheimischer ist, wird durch sie bestimmt und statistisch festgehalten. Auf dieser ersten, juristischen Ebene findet eine staatliche Konstruktion des Fremden statt. Es wird entlang von Herkunft hierarchisiert, klassifiziert und differenziert. Gleichzeitig aber wird zur Integration aufgerufen. Diese Prozess erschafft eine Minderheit, die es einzugliedern gilt, welches jedoch selbst nach etlichen Integrationsdebatten und -gipfeln weiterhin als Problem deklariert wird. Erst durch diese Ethnisierung der Migranten wird für die Mehrheitsgesellschaft ein 'Problem' konstruiert.
Die Herstellung kollektiver Identitäten findet hierbei meiner Ansicht nach geschlossen von außen statt – durch die Aufnahmegesellschaft. Das heißt, dass durch die Exklusion der türkischen Einwanderer mithilfe von kulturellen Stereotypen, wie z.B. der Religion, dem Tragen eines Kopftuchs oder dem Glauben an eine patriarchalische Hierarchie, eine Gruppe von Individuen zusammengefasst wird, welche sich besonders durch Heterogenität auszeichnet. Dennoch ist es mehr als nur die Ethnisierung „der Anderen“. Vielmehr ist es auch ein Prozess der Selbst-Ethnisierung, welche eine wesentliche Ressource des politischen Alltags darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Fremdzuschreibung und Stigmatisierung türkischstämmiger Bürger am Beispiel aktueller Debatten.
2. Konstruktion des Fremden durch die Mehrheitsgesellschaft: Analyse der staatlichen Rolle bei der Klassifizierung und Hierarchisierung von Einwanderern.
3. Religion als Charakteristikum der Exklusion: Untersuchung der Rolle der Religion bei der Konstruktion einer homogenen 'muslimischen Einheit' durch die Mehrheitsgesellschaft.
4. Selbst-Ethnisierung und politische Alltagspraxis: Betrachtung der bewussten Abgrenzung und Identitätsbildung als Instrument im politischen Alltag.
5. Strategien zur Selbstpositionierung: Diskussion der Möglichkeiten zwischen religiöser Identifizierung und der Ablösung von traditionellen Herkunftsmustern.
6. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Wechselwirkungen von Selbst- und Fremdzuschreibung und der Notwendigkeit eines Bewusstseinswandels.
Schlüsselwörter
Migration, Identität, Fremdzuschreibung, Selbstpositionierung, Ethnisierung, Integration, Mehrheitsgesellschaft, Religion, Islam-Diskurs, Stigmatisierung, Kollektividentität, Kulturkonflikt, Assimilation, Diversität, Einwanderungsgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Identitätsbildung von türkischstämmigen Migranten im Spannungsfeld zwischen der Fremdwahrnehmung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft und der eigenen Selbstpositionierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen staatliche Konstruktionen des Fremden, die Rolle von Religion als Identitätsmerkmal, den gesellschaftlichen Umgang mit Integration und die Auswirkungen von medialen Diskursen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Fremdzuschreibungen die Möglichkeiten der Selbstpositionierung einschränken und warum eine Eingliederung oft durch die künstliche Konstruktion von Kulturkonflikten erschwert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, die theoretische Ansätze der Migrationsforschung mit der Analyse aktueller politischer und gesellschaftlicher Debatten verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Ethnisierung, die Rolle der Religion in Integrationsdebatten sowie die Strategien, die Migranten zur Identitätsfindung zwischen Herkunft und Geburtsland anwenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Identität, Ethnisierung, Fremdzuschreibung, Integration, Kulturkonflikt und der gesellschaftliche Diskurs über den Islam.
Welche Rolle spielen türkischstämmige Frauen in der Analyse?
Die Arbeit beleuchtet am Beispiel von Frauen die „Andersartigkeit“ als Konstrukt der Mehrheitsgesellschaft, welches zu einer verstärkten Hinwendung zur religiösen Identität als Schutzmechanismus führen kann.
Inwiefern beeinflusst der Begriff „Döner-Morde“ die Argumentation?
Der Begriff dient als Beispiel für eine stigmatisierende Berichterstattung, die zur Ausgrenzung beiträgt und die Notwendigkeit unterstreicht, Stereotype in der öffentlichen Wahrnehmung kritisch zu hinterfragen.
Wie bewertet der Autor das Konzept des Multikulturalismus?
Unter Bezugnahme auf politische Aussagen wird kritisch diskutiert, wie das Scheitern von Multikulti proklamiert wird und welchen Einfluss dies auf die Zementierung von Identitäten hat.
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- Suzanne Seif (Author), 2011, Herstellung kollektiver Identitäten zwischen Selbstpositionierung und Fremdzuschreibung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270874