In dem letzten Jahrzehnt wurde Migration zu einem großen Thema sowohl, in der Politik als auch in der Wissenschaft. Ein Meilenstein in dieser Entwicklung war die Tatsache, dass Deutschland im Jahr 2001 von Seiten der Politik offiziell als Einwanderungsland anerkannt wurde (Geis 2001). Ein Jahr zuvor wurde nach dem StAG (Staatsangehörigkeitsgesetz) festgelegt, dass neben dem üblichen "Ius singuinis" – dem Recht des Blutes auch "Ius soli" – das Recht des Bodens anerkannt wurde. Im Zuge dieser Gesetzesänderung bekamen alle Mitbürger eine deutsche Staatsangehörigkeit, die innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik zur Welt gekommen waren. In der Wissenschaft lässt sich das vermehrte Interesse an diesem Thema anhand der explodierenden Zahl an Lehrstühlen, die sich mit Migration, Integration, Interkulturalität etc. beschäftigen, erkennen. Die Anzahl von wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema ist mittlerweile sehr hoch. Die Legitimation für dieses Interesse lag in den statistischen Angaben, die eine demographische Wirklichkeit wiedergegeben haben. Zurzeit leben in Deutschland etwa 16 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund (Deutscher Bundestag, 2012).
Mit der Normalisierung der Erscheinung des Migrationshintergrundes wurde zugleich den natürlichen Begleitern der Migrationsbiographie Beachtung geschenkt, unter anderem der Mehrsprachigkeit. Lange Zeit wurde Mehrsprachigkeit von Lehrkräften durchgehend stigmatisiert, als schädlich und überflüssig angesehen. Die Entwicklungen der letzten Dekade haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Mehrsprachigkeit zunehmend als eine Chance gesehen und akzeptiert wird. Der Mehrsprachigkeit werden zahlreiche positive Eigenschaften zugeschrieben.
Diese massiven Veränderungen in der Einschätzung von Mehrsprachigkeit haben jedoch nur wenig diejenigen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund betroffen, die eine geistige Behinderung haben. Besonders skandalös erscheint diese Lücke angesichts der hohen Schülerinnen- und Schülerzahlen in Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung im Vergleich zu den anderen Schulformen1. Ist die Mehrsprachigkeit im Kontext der geistigen Behinderung möglich und falls ja, welche Vorzüge und Probleme bringt sie mit sich? In dieser Arbeit wird versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Down-Syndrom
2.1 Zum Begriff des Down-Syndroms
2.2 Ursachen und Häufigkeit des Down-Syndroms
2.3 Formen der Trisomie
2.3.1 Freie Trisomie 21
2.3.2. Translokations-Trisomie 21
2.3.3 Mosaikform
2.3.4 Parallele Trisomie
2.4 Merkmale des Down-Syndroms
2.4.1 Äußere Merkmale
2.4.2 Innere Merkmale
2.5 Entwicklung eines Kindes mit Down-Syndrom
2.5.1 Entwicklung der Intelligenz
2.5.2 Soziale Entwicklung
2.5.3 Kommunikationsentwicklung
2.5.4 Entwicklung der Motorik
2.5.5 Entwicklung der Wahrnehmung
3. Typische Sprachentwicklung
3.1 Sprachmodelle
3.2 Funktionsbereiche der Sprache
3.3 Meilensteine der Sprachentwicklung
3.3.1 Pränatale Sprachentwicklung
3.3.2 Postnatale Sprachentwicklung: Nach der Geburt bis zu einem Jahr
3.3.3 Postnatale Sprachentwicklung: Ein Jahr bis zwei Jahre
3.3.4 Postnatale Sprachentwicklung: Zwei Jahre bis vier Jahre
3.3.5 Weitere Sprachentwicklung
3.4 Voraussetzungen und Bedingungen für einen erfolgreichen Spracherwerb
3.4.1 Neurophysiologische Grundlagen
3.4.2 Sprechapparat
3.4.3 Gehör
3.4.4.Kognition
3.4.5 Interaktion zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen
3.5 Sprachererwerbstheorien
3.5.1 Outside-In-Theorien
3.5.2 Inside-out-Theorien
3.5.3 Zusammenfassung
4. Sprachentwicklung bei einem Kind mit Down-Syndrom
4.1 Besonderheiten bei der Sprachentwicklung von Kindern mit Down-Syndrom
4.1.2 Geminderte Kognition
4.1.3 Besonderheiten in der motorischen Entwicklung
4.1.4 Hörschwäche und Missbildungen des Sprechapparats
4.1.5 Beeinträchtigungen im Sehen
4.2 Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom in Phasen
4.2.1 Präverbale Phase
4.2.2 Lallen
4.2.3 Entwicklung der Objektpermanenz
4.2.4 Erste Wörter
4.2.5 Weiterer Sprachverlauf
4.3 Einsatz von Gebärden
4.4 Sprachverständnis
4.5 Artikulation
4.6 Pragmatische Kompetenz
5. Mehrsprachigkeit
5.1 Theoretische Grundlagen
5.1.1 Arten der Mehrsprachigkeit
5.1.2 Arbeitsdefinition der Mehrsprachigkeit im Rahmen dieser Arbeit
5.1.3 Begrifflichkeiten der Mehrsprachigkeit
5.2 Bilinguale Sprachentwicklung
5.2.1 Sprachentwicklung bei simultan bilingualen Kindern
5.2.2 Sprachentwicklung bei sukzessiv bilingualen Kindern
5.2.3 Psycholinguistische Erkenntnisse zu sukzessiv und simultan bilungualer Sprachentwicklung
5.3 Strategien bei der zweisprachigen Sprachentwicklung
6. Mehrsprachigkeit von Kindern mit Down-Syndrom
6.1 Forschungsstand zur Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom
6.1.1 Studien zur Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom
6.1.2 Artikel zum Thema Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom
7. Diskussion von Chancen und Gefahren der mehrsprachigen Erziehung
7.1 „Mythen“ über die mehrsprachige Erziehung
7.2 Risiken der mehrsprachigen Erziehung
7.3 Chancen der mehrsprachigen Erziehung
8. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht die Möglichkeiten und Herausforderungen einer mehrsprachigen Erziehung bei Kindern mit Down-Syndrom. Ziel ist es, auf Basis des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstands sowie von Elternberichten zu klären, ob die Sorge vor einer Überforderung des Kindes berechtigt ist oder ob Mehrsprachigkeit auch bei Kindern mit geistiger Behinderung als Chance zur Förderung und Integration betrachtet werden kann.
- Grundlagen des Down-Syndroms sowie der typischen Sprachentwicklung.
- Besonderheiten der Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom (z. B. motorische Faktoren, Kognition).
- Theoretische Konzepte und Strategien der Mehrsprachigkeit.
- Analyse empirischer Studien und Erfahrungsberichte zur Zweisprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom.
- Diskussion von Mythen, Risiken und Chancen einer mehrsprachigen Erziehung.
Auszug aus dem Buch
2.1 Zum Begriff des Down-Syndroms
„The hair is not black, as in the real Mongol, but of a brownish colour, straight and scanty. The face is flat and broad, and destitute of prominence. The cheeks are roundish, and extended laterally. The eyes are obliquely placed, and the internal canthi more than normally distant from one another. The palpebral fissure is very narrow. The forehead is wrinkled transversely from the constant assistance which the levatores palpebrarum derive from the occipito-frontalis muscle in the opening of the eyes. The lips are large and thick with transverse fissures. The tongue is long, thick, and is much roughened. The nose is small. The skin has a slight dirty yellowish tinge, and is deficient in elasticity, giving the appearance of being too large for the body” (Down 1866, S. 1)
— So beschrieb im Jahr 1866 der englische Apotheker John Langdon H. Down in seiner Schrift Observations on an ethnic classification of idiots ein Syndrom, das später nach seinem Namen benannt wurde: Das Down-Syndrom. In diesem Aufsatz unternahm Down eine Klassifikation von Behinderungen, die auf die Rassenlehre des Göttinger Anatom Johann Friedrich Blumenbach zurückging. Blumenbach unterteilte Menschen nach physiologischen Merkmalen in fünf Rassen. Nach dem gleichen Prinzip unterteilte Down alle Behinderungen aufgrund von äußerlichen Merkmalen in „Familien“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Bedeutung von Migration und Mehrsprachigkeit in Deutschland und thematisiert die bisherige Vernachlässigung dieser Aspekte bei Kindern mit geistiger Behinderung.
2. Das Down-Syndrom: Dieses Kapitel erläutert die genetischen Ursachen, Formen und körperlichen sowie kognitiven Merkmale des Down-Syndroms und deren Einfluss auf die kindliche Entwicklung.
3. Typische Sprachentwicklung: Hier werden die Grundlagen des Spracherwerbs, verschiedene Sprachmodelle sowie die Meilensteine der Entwicklung vom Säuglingsalter bis zum Schulalter dargestellt.
4. Sprachentwicklung bei einem Kind mit Down-Syndrom: Dieses Kapitel widmet sich den spezifischen Schwierigkeiten und Besonderheiten, die beim Spracherwerb von Kindern mit Down-Syndrom auftreten, einschließlich der Rolle von Gebärden.
5. Mehrsprachigkeit: Es werden theoretische Grundlagen zur Definition und den verschiedenen Arten der Mehrsprachigkeit sowie deren psycholinguistische Auswirkungen behandelt.
6. Mehrsprachigkeit von Kindern mit Down-Syndrom: Ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand, inklusive Studien und Berichten, die die Möglichkeiten und Einstellungen zur mehrsprachigen Erziehung dieser Kindergruppe untersuchen.
7. Diskussion von Chancen und Gefahren der mehrsprachigen Erziehung: Eine kritische Auseinandersetzung mit gängigen Mythen sowie den Risiken und Chancen, die eine mehrsprachige Erziehung für Kinder mit Down-Syndrom mit sich bringt.
8. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz der Erkenntnisse und dem Fazit, dass Mehrsprachigkeit auch bei Kindern mit Down-Syndrom möglich ist, sofern eine konsequente Unterstützung erfolgt.
Schlüsselwörter
Down-Syndrom, Mehrsprachigkeit, Sprachentwicklung, Zweisprachigkeit, Spracherwerb, Inklusion, Kognition, Gebärden, Elternberatung, Sprachförderung, Frühförderung, Kommunikation, Behinderung, Integrationspädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und unter welchen Bedingungen Kinder mit Down-Syndrom mehrsprachig aufwachsen können und welche Rolle dabei Chancen und Gefahren spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten gehören das Down-Syndrom an sich, die typische sowie die spezifische Sprachentwicklung bei Kindern mit Down-Syndrom und die wissenschaftliche Debatte zur Mehrsprachigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, inwieweit Mehrsprachigkeit im Kontext des Down-Syndroms möglich ist und die bisherigen Vorurteile sowie praktischen Empfehlungen kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die den aktuellen Forschungsstand, empirische Studien und qualitative Elternberichte analysiert und zusammenführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die körperlichen und kognitiven Merkmale des Down-Syndroms, Modelle des Spracherwerbs sowie spezielle Studien zur Bilinguität bei Kindern mit Down-Syndrom detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Down-Syndrom, Mehrsprachigkeit, Sprachentwicklung, Inklusion und Frühförderung geprägt.
Warum gibt es so wenig Forschung zum Thema Mehrsprachigkeit bei Down-Syndrom?
Die Autorin stellt fest, dass viele Fachleute die Ansicht vertreten, Mehrsprachigkeit sei bei Menschen mit geistiger Behinderung nicht möglich oder irrelevant, was zu einem Mangel an Literatur führt.
Welchen Einfluss haben Eltern auf den mehrsprachigen Spracherwerb?
Die Arbeit betont, dass die Motivation der Eltern, eine konsequente Strategie wie „Eine Person – eine Sprache“ und die emotionale Zuwendung in der Muttersprache zentrale Erfolgsfaktoren darstellen.
Ist das Risiko einer Entwicklungsverzögerung durch Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom erwiesen?
Nein, die Arbeit zeigt auf, dass es bisher keine fundierten empirischen Nachweise gibt, die belegen, dass Mehrsprachigkeit eine zusätzliche Verzögerung bei Kindern mit Down-Syndrom verursacht.
Welche Rolle spielen Gebärden in der Erziehung?
Der Einsatz von Gebärden wird als unterstützende Maßnahme gesehen, um Kindern zu helfen, Kommunikationsbarrieren abzubauen und den aktiven Wortschatz zu vergrößern, bevor eine stärkere lautsprachliche Produktion einsetzt.
- Arbeit zitieren
- Anna Vaskova (Autor:in), 2013, Mehrsprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270890