„Die Zeitungen […] sind Propagandamittel, die trotz des Rundfunks an Wert kaum eingebüßt ha-ben. […] Neben den politischen Leitartikeln und kurzen Aufsätzen […] gibt es kein Wissen und Interessengebiet, von dem man nicht Artikel herleiten könnte, die nicht in Schlußaufsätzen direkt oder indirekt propagandistisch wirken. Von hoher Bedeutung sind Schlagzeilen und Aussprüche bekannter Persönlichkeiten, die m Text verstreut dem Leser ins Auge fallen und ihn langsam be-einflussen und allmählich umstellen“ (Goebbels, zitiert nach Sösemann 2011: 750)
Das obenstehende Zitat stammt von Joseph Goebbels aus einer Rede zum „Wesen und Aufbau der nationalsozialistischen Propaganda“ vom 1. Juni 1934 (Sösemann 2011: 750) und beschreibt den Zweck, den die Presse in Goebbels Augen für die Propaganda der Nationalsozialisten erfüllte. Zu diesem Zeitpunkt war die Reichsregierung unter Adolf Hitler bereits seit über einem Jahr an der Macht und die Maßnahmen zur Kontrolle der Presse weit fortgeschritten. Die Beherrschung der Presse war nur ein Teilziel der Kontrolle der öffentlichen Kommunikation durch die Nationalsozialisten. Gerade der Rundfunk, der am häufigsten zur direkten Beeinflussung der Bevölkerung genutzt wur-de, aber auch das Fernsehen wurden vielfach als „Propagandamittel“ eingesetzt (Podehl 2008: 24 f.). Die Presse jedoch war damals das am längsten etablierte Medium. Daher ist es besonders interessant sich damit zu befassen, wie es der Reichsregierung gelang den vorher für sie recht unbedeutenden Printmedien eine neue Funktion zu geben und zu versuchen die Kontrolle über sie zu gewinnen.
Aus diesem Grunde geht diese Arbeit der Frage nach, welche Schritte und Maßnahmen die Nationalsozialisten vornahmen, um den systematischen Aufbau der Presselenkung im gesamten Deutschen Reich zu vollziehen und welche Konsequenzen durch diese Anordnungen und Regelungen hervorgerufen wurden. Bei der Beantwortung der zwei-ten Teilfrage liegt der Fokus vor allem auf den Schwachstellen und Problematiken der Presselenkung. Um eine zufriedenstellende Antwort darauf zu geben, liegen einige konkrete Fragestellungen der Arbeit zugrunde: Zunächst soll beantwortet werden, in welchen Bereichen oder auf welchen Ebenen die Presselenkung durchgeführt wurde und welche konkreten Ziele damit verbunden waren...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rolle der Propaganda und der Presse im NS-Staat
3. Das System der Presslenkung
3.1 Rechtliche und institutionelle Rahmung
3.1.1 Das Reichpropagandaministerium als neue zentrale Lenkungsinstitution
3.1.2 Das Schriftleitergesetz als Tor zum Journalistenberuf
3.1.3 Institutionelle und personelle Verflechtungen
3.2 Wirtschaftliche Presselenkungsmaßnahmen
3.2.1 Zusammenlegungen und Stilllegungen im Zeitungs- und Verlagsbereich
3.2.2 Papierrationierungen als Sparmaßnahme
3.3 Inhaltliche Organisation der Presse
3.3.1 Die täglichen Pressekonferenzen
3.3.2 Die Presseanweisungen für die Journalisten
4. Schwächen und Konsequenzen der Presselenkung
4.1 Personelle Konflikte durch Kompetenzüberschneidungen
4.2 Journalistische Unterwerfung oder Widerstand?
4.3 Zunehmendes Desinteresse der Leser
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Mechanismen der nationalsozialistischen Presselenkung, um zu verstehen, wie das NS-Regime die Medienlandschaft systematisch unter seine Kontrolle brachte und welche Folgen diese Totalsteuerung für Journalisten und Leser hatte.
- Systematische Analyse der rechtlichen, wirtschaftlichen und inhaltlichen Lenkungsmaßnahmen.
- Untersuchung der Machtstrukturen und Kompetenzkonflikte zwischen den zentralen Akteuren.
- Bewertung der journalistischen Handlungsspielräume zwischen Unterwerfung und subtilem Widerstand.
- Erfassung der Resonanz der gelenkten Presse bei der Bevölkerung.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Das Reichpropagandaministerium als neue zentrale Lenkungsinstitution
Die Einrichtung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) wird in der Fachliteratur häufig als zentrales, ausschlaggebendes Ereignis der Kommunikationspolitik des Dritten Reiches bezeichnet (vgl. Abel 1968: 3, Kohlmann-Viand 1989: 25, Wulf 1964: 81). Ein solches Ministerium hatte es bis dato nicht gegeben. Die Aufgabe dieser Einrichtung war die „Anpassung aller gesellschaftlichen Bereiche an die NS-Ideoglogie“ (Podehl 2008: 23), indem es die Kontrolle über alle Bereiche (Presse, Film, Kunst, Musik und Literatur) erhielt, die auf die Meinungen und Handlungen der Bevölkerung einwirken konnten.
Darüber hinaus wurden dem Ministerium neue Aufgabenbereiche zugesprochen, die vorher vom Auswärtigen Amt ausgeführt wurden: sowohl das „Nachrichtenwesen“ als auch „die Aufklärung im Auslande“ fielen nun in den Bereich des RMVP, was in den Folgejahren zu Komptenzstreitigkeiten führte (Kapitel 4.1) (vgl. Abel 1968: 3 f.). Hagemann beschrieb, dass in „wenigen Jahren […] ein Mammutgebilde mit einem aufgeblähten Büro- und Verwaltungsapparat“ entstand, das schließlich über 1000 Mitarbeiter beschäftige (1970 25 f.). Aus dem schnellen Auf- und Ausbau dieser Institution lässt sich ableiten, welche Bedeutung die Indoktrination nationalsozialistischer Werte für die Reichsregierung hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den Stellenwert der Presse im NS-Staat und definiert die zentrale Forschungsfrage nach dem Aufbau und den Konsequenzen der Presselenkung.
2. Rolle der Propaganda und der Presse im NS-Staat: Dieses Kapitel verortet die nationalsozialistische Pressepolitik innerhalb des totalitären Propagandaapparates und beleuchtet das Ziel der umfassenden ideologischen Durchdringung.
3. Das System der Presselenkung: Das Kapitel detailliert die rechtlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Eingriffe wie Verlagsübernahmen sowie die inhaltliche Steuerung durch tägliche Pressekonferenzen.
4. Schwächen und Konsequenzen der Presselenkung: Hier werden die internen Machtkämpfe der Akteure sowie die Auswirkungen auf Journalisten und das abnehmende Leserinteresse analysiert.
5. Fazit: Das Fazit bewertet den Erfolg der nationalsozialistischen Pressebeherrschung und schlussfolgert, dass trotz beispielloser Lenkung eine totale ideologische Gleichschaltung nicht vollständig erreicht wurde.
Schlüsselwörter
Presselenkung, NS-Staat, Nationalsozialismus, Propaganda, Gleichschaltung, Reichspropagandaministerium, Joseph Goebbels, Schriftleitergesetz, Presseanweisungen, Journalismus, Medienkontrolle, Ideologie, Reichspressekammer, Max Amann, Otto Dietrich
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie das nationalsozialistische Regime die Presse als Instrument für seine Propagandazwecke instrumentalisierte, steuerte und welche Folgen dies für die Medienlandschaft hatte.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den rechtlichen, wirtschaftlichen und inhaltlichen Instrumenten der Presselenkung, den personellen Machtkonflikten sowie dem Einfluss der Zensur auf Journalisten und Leser.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die systematische Darlegung des Aufbaus der Presselenkung und die kritische Analyse, ob die Nationalsozialisten ihr Ziel der totalen Pressebeherrschung vollständig erreichen konnten.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die auf der Auswertung von Fachliteratur sowie zeitgenössischen Dokumenten wie Presseanweisungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des RMVP als zentrale Lenkungsinstanz, die ökonomische Zerschlagung unabhängiger Verlagsstrukturen und die Steuerung der Inhalte durch tägliche Anweisungen in Pressekonferenzen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Presselenkung, Gleichschaltung, Propagandaministerium, Schriftleitergesetz und das Verhältnis von staatlicher Machtausübung zu journalistischer Freiheit.
Wie wirkte sich die Konkurrenz zwischen Goebbels, Amann und Dietrich auf die Arbeit der Presse aus?
Die ständigen Machtkämpfe führten zu unübersichtlichen und teils widersprüchlichen Anweisungen, die die Presseabteilungsleiter in ihrer Arbeit behinderten und zu einer fragmentierten Umsetzung der Propagandaziele beitrugen.
Welche Rolle spielte das Schriftleitergesetz für die Journalisten?
Es definierte den Beruf als öffentliche Aufgabe, legte strikte Zulassungskriterien (einschließlich arischer Abstammung) fest und schuf eine direkte staatliche Kontrolle, was zu einem weitgehenden Verlust der journalistischen Unabhängigkeit führte.
Warum war das Interesse der Leser an der NS-Presse rückläufig?
Die Leser empfanden die zunehmend uniformierte, eintönige und realitätsferne Berichterstattung als langweilig und unglaubwürdig, was sich in sinkenden Absatzzahlen widerspiegelte.
- Quote paper
- Bachelor of Arts Sophia Schulze (Author), 2013, Die Presse als Propagandainstrument im Dritten Reich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/270982