Es handelt sich bei dem Text um eine Untersuchung der Sprachkrise und Nietzsche-Rezeption in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" unter Heranziehung von Nietzsches Schrift "ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" und unter besonderer Berücksichtigung von Gustav Gerbers"Die Sprache als Kunst", Band 1, Bromberg 1871 als Schlüsseltext zum Verständnis der frühen Sprachkritik Nietzsches.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Sprach-Grenzen und Utopien
2. „Ton und Geberde“- Nietzsches früher Sprachbegriff
3. Gerbers „Die Sprache als Kunst“
a. Die Sprache als Kunst und die „Künstlichkeit“ der Welt
b. Nietzsches Gerber – Rezeption
4. Nietzsches Sprachkritik: „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“
a. Die „metaphorische Sprunglogik“
b. Die Ubiquitätsthese der Metapher
c. Konvention und Lüge
5. Der Trieb nach Erkenntnis und der „Wille zur Macht“
6. Der Perspektivismus
7. Kritische Anmerkungen zu Nietzsches Sprachkritik
8. Musils frühe Nietzsche – Rezeption
9. Die Sprachkrise Musils
10. Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“
a. Die strukturellen Grundkategorien Essayismus, Utopie und Resignation
b. Der Protagonist Ulrich
c. Experimentalphilosophie und Essayismus als Lebensstil
11. Sprach-und Lebensdimensionen: „Spekulation à la hausse“ und „ à la baisse“
12. Der „andere Zustand“ – die Geschwisterliebe zwischen Agathe und Ulrich
13. Die „andere Sprache“
15. Schlußbemerkungen: Musils und Nietzsches Utopien in der Gegenüberstellung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Sprachkrise um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert und deren philosophische Verarbeitung in den Werken von Friedrich Nietzsche und Robert Musil. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie beide Autoren auf das Auseinanderfallen von Sprache und Wirklichkeit reagieren und welche utopischen Entwürfe sie zur Überwindung dieser Krise anbieten, wobei Nietzsches Sprachskepsis und Perspektivismus als theoretische Basis für die Analyse von Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ dienen.
- Nietzsches Sprachskepsis und der durchgängig metaphorische Charakter der Sprache.
- Die Funktion von Sprachkonventionen als Mittel zum Lebenserhalt.
- Nietzsches Perspektivismus als Grundlage für literarisches Schaffen.
- Der Essayismus als Antwort auf die Sprachkrise in Musils Roman.
- Die Utopie eines „anderen Zustandes“ und die Suche nach einer „anderen Sprache“.
Auszug aus dem Buch
4. Nietzsches Sprachkritik: „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“
Die gedankliche Grundlegung dieser Schrift erfolgte allerdings weit vor Nietzsches Gerber-Rezeption. Schenkt man Nietzsches eigenem Rückblick Glauben, so ergibt sich folgender Befund. Laut Vorwort zum 2. Band von MA aus dem Jahr 1886 sind alle seine Schriften, bis auf eine Ausnahme, zurückzudatieren. Die Rückdatierung betrifft neben UB und GT auch WL, über deren gedankliche Ausgangsposition Nietzsche schreibt: „ „-war ich für meine eigene Person schon mitten in der moralischen Skepsis und Auflösung drin, d a s h e i s s t e b e n s o i n d e r K r i t i k a l s d e r V e r t i e f u n g a l l e s b i s h e r i g e n P e s s i m i s m u s -, und glaubte bereits ‚an gar nichts mehr‘, wie das Volk sagt, auch an Schopenhauer nicht: eben in jener Zeit entstand ein geheim gehaltenes Schriftstück „über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“. Ausgangspunkt der Schrift ist also nach Nietzsches Selbstinterpretation eine pessimistische Grundhaltung und vor allem eine skeptische Position gegenüber der Moral. Die Sprachskepsis artikuliert sich dann im Vollzug der Schrift als deren Korrelat. Moralische Skepsis, die Frage nach „Wahrheit“ und deren Erkenntnis sowie die Sprachkritik werden dann die Themen sein, die in gegenseitiger Durchdringung WL beherrschen.
Wenn die Anfänge der Schrift bis auf die Jahre 1868/69 zurückgehen, also 4 – 5 Jahre, bevor Nietzsche sie Sommer 1873 Gersdorff auf der Grundlage von Aufzeichnungen aus 1872 diktierte, stellen sich zwei Fragen: Warum diese mehrjährige Zurückhaltung des anfänglichen Manuskripts? Und: Kann WL, wenn ihre Anfänge so weit zurückliegen, dann wirklich als grundlegende Schrift für Nietzsches Sprachkritik, also auch in Hinsicht auf sein späteres Werk gelten oder könnte es nicht später auch eine Abwendung von der früheren Position gegeben haben, gerade bei einem Denker wie Nietzsche, der sich einem, von Systematik befreiten multiperspektivischen Denken verpflichtet weiß?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Sprach-Grenzen und Utopien: Einführung in das Phänomen der Sprachkrise und deren Einordnung in den kulturgeschichtlichen Kontext des 20. Jahrhunderts.
2. „Ton und Geberde“- Nietzsches früher Sprachbegriff: Analyse der frühen Phase Nietzsches unter dem Einfluss von Schopenhauer und der Duplizität von „dionysisch“ und „apollinisch“.
3. Gerbers „Die Sprache als Kunst“: Darstellung von Gustav Gerbers Sprachtheorie und deren Bedeutung für Nietzsches Verständnis von Metaphorik und Sprachbildung.
4. Nietzsches Sprachkritik: „Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“: Untersuchung der zentralen Schrift Nietzsches zur Sprachskepsis und zur kritischen Einschätzung menschlicher Erkenntnisfähigkeit.
5. Der Trieb nach Erkenntnis und der „Wille zur Macht“: Erörterung der moralischen Quelle des Erkenntnistriebs und der Umdeutung von Erkenntnis als Bemächtigung.
6. Der Perspektivismus: Erläuterung des Perspektivismus als essenziellem Bestandteil von Nietzsches Erkenntnistheorie und dessen Rezeption bei Musil.
7. Kritische Anmerkungen zu Nietzsches Sprachkritik: Auseinandersetzung mit kritischen Positionen zur Konsistenz und Tragweite der nietzscheanischen Sprachkritik.
8. Musils frühe Nietzsche – Rezeption: Betrachtung der kritischen Haltung des jungen Musil gegenüber dem Werk und der Wirkung Nietzsches.
9. Die Sprachkrise Musils: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Sprachmöglichkeiten und Sprachgrenzen im Denken Musils.
10. Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“: Analyse der strukturellen Elemente Essayismus und Utopie als Antwort auf die Sprachkrise.
11. Sprach-und Lebensdimensionen: „Spekulation à la hausse“ und „ à la baisse“: Analyse der Sprachpraxis innerhalb der „Parallelaktion“ und deren Entlarvung als sinnentleertes Gesellschaftsspiel.
12. Der „andere Zustand“ – die Geschwisterliebe zwischen Agathe und Ulrich: Untersuchung der Geschwisterbeziehung als utopischer Gegenentwurf zur moralischen Norm.
13. Die „andere Sprache“: Reflexion über die „taghelle Mystik“ und das Streben nach einer neuen, poetischen Ausdrucksform.
15. Schlußbemerkungen: Musils und Nietzsches Utopien in der Gegenüberstellung: Fazit über das Scheitern der Utopien und die bleibende Aufgabe der Poesie bei der Gestaltung der Sprachkrise.
Schlüsselwörter
Sprachkrise, Nietzsche, Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Sprachskepsis, Metaphorik, Perspektivismus, Essayismus, Utopie, Wahrheit, Erkenntniskritik, Sprachkonventionen, Differenz, Ratioid, Nichtratioid.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Sprachkrise bei Nietzsche und Musil sowie deren literarische und philosophische Bewältigung in Musils Hauptwerk.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der Erkenntniskritik, der Sprachphilosophie, der Metaphertheorie, der Rolle von Utopien und dem Verhältnis von Denken und Sprache.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Nietzsches Sprachkritik und Perspektivismus als theoretisches Fundament für die Analyse von Musils Roman und dessen essayistischem Ansatz nutzbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die geisteswissenschaftliche Methode der Literatur- und Ideengeschichte, basierend auf einer eingehenden Analyse der Primärtexte Nietzsches und Musils sowie relevanter Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Analyse von Nietzsches Sprachkritik, einschließlich der Gerber-Rezeption, und überträgt diese Erkenntnisse auf Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ sowie dessen Umgang mit dem Dualismus von Ratioidem und Nichtratioidem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Sprachkrise, Perspektivismus, Metaphorik, Essayismus, Wahrheit als Konvention und Utopie.
Wie unterscheidet sich Musil in seiner Nietzsche-Rezeption von anderen Zeitgenossen?
Im Gegensatz zu vielen anderen Rezipienten, die sich von Nietzsches Sprachgewalt oder Wahnsinn faszinieren ließen, interessiert sich Musil für Nietzsches dekuvrierende Psychologie und dessen Perspektivismus.
Warum scheitern Ulrichs Utopien im Roman laut der Arbeit?
Das Scheitern wird als eine Konsequenz der Unmöglichkeit begriffen, den Dualismus von Tatsachen (Ratioides) und Gleichnis (Nichtratioides) dauerhaft in einer gelebten Einheit aufzuheben.
- Quote paper
- Heiko Gerdes-Janssen (Author), 2013, Sprachkrise und Nietzsche. Rezeption in Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271064