Heinrich von Kleist schuf mit dem Drama „Penthesilea. Ein Trauerspiel“ ein für die Aufklärung unzeitgemäßes Werk. So nennt der zeitgenössische Kritiker Goethe die „Verwirrung des Gefühls“ und die „Gewaltsamkeit der Motive“ als zentrale Kritikpunkte. Die durch Kant festgelegte Regel, dass „das Hässliche nicht Gegenstand der Kunst sein könne“, wird durch das im Stück auftretende Grauen als unerfüllt angesehen.
Diese „Sprengung der Gattung Tragödie“, in der die ursprüngliche Erregung von Frucht und Mitleid durch Entsetzen und Abscheu abgelöst wird, zeigt, dass Kleist die Antike gewaltreich und „ungriechisch“ anmuten lässt. Schon seit der Gründung des Amazonenstaates scheinen Liebe und Gewalt in Kleists Penthesilea untrennbar miteinander verknüpft. Dies wird bereits in der Entstehungsgeschichte deutlich.
Im Zuge einer gewaltsamen Übernahme der Scythen durch die Äthiopier gerät der Stamm unter die Gewaltherrschaft eines fremden Regimes. Durch die Ermordung der männlichen Stammesmitglieder stehen die Frauen nun unter einer von sexueller Gewalt geprägten Herrschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Liebe und Gewalt im Amazonenstaat
3. Der Einfluss der Mutter
4. Penthesilea und Achill zwischen Gewalt und Liebe
5. Der Mord aus Liebe
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Zusammenspiel von Liebe, Gewalt, Aggression und Sexualität in Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“. Dabei wird analysiert, wie der kulturelle Hintergrund der Amazonenkönigin und ihre spezifische Sozialisation zu einer unauflöslichen Verknüpfung von erotischem Begehren und gewaltsamer Unterwerfung führen, die letztlich in den Tod der Protagonisten mündet.
- Die Entstehungsgeschichte des Amazonenstaates als Ursprung für Gewalt.
- Der Einfluss der Mutter Otrere auf Penthesileas Objektwahl.
- Die Spannung zwischen staatlichem Gesetz und individuellem Liebesempfinden.
- Die Metaphorik von Kampf, Unterwerfung und erotischer Ekstase.
- Die Deutung des tödlichen Ausgangs als Zwang der erotischen Fixierung.
Auszug aus dem Buch
4. Penthesilea und Achill zwischen Gewalt und Liebe
Penthesilea, bereits mit dem Wunsch der Mutter konfrontiert, zieht mit dem Amazonenherr in den trojanischen Krieg, mit dem Ziel, Sexualpartner für das Rosenfest zu gewinnen. Die Wahl des Krieges ist nicht willkürlich oder von Mars bestimmt, sondern vielmehr Penthesileas Anweisung, um der „Otrere Schatten“ (15, V. 2169) willen, denn ihr erscheint nichts „heiliger, / Als ihren letzten Willen zu erfüllen“. (15, V. 2162 f.). Zunächst noch von „heißer Kampflust“ (1, V. 19) erfüllt, führt die „Heldin Scythiens“ (1, V. 57) ihr Heer in den Krieg. Noch geht sie auf in ihrer Rolle als Amazonenkönigin und handelnd nach den Gesetzen ihres Staates. Als sie jedoch Achill erblickt, errötet sie, als „schlüge rings um ihr / Die Welt in helle Flammenlohe auf“ (1, V. 70 f.). Penthesilea konzentriert sich vollkommen auf Achill und benimmt sich „gleich einem sechzehnjähr‘gen Mädchen“ (1, V. 86). In diesem Vers zeigt sich die plötzlich entflammte Liebe zu Achill, aber auch die „Konfrontation mit der eigenen Prä Konstruktion des Anderen“. Die Gesetze des Amazonenstaates treten in den Hintergrund, denn dort ist emotionale Liebe verboten. Ihre Beschämung über diesen Gefühlsausbruch, der ihr zeigt, dass „sie ihrem eigenen Ideal von der alles niederkämpfenden Amazone nicht gerecht werden kann“, tritt deutlich hervor. Die Königin vernachlässigt nun das ursprüngliche Kriegsziel und „verfällt stattdessen der Fixierung an das eine, überschätze Objekt“. Ebenso nimmt auch Achill seine kriegerischen Verpflichten nicht mehr wahr. Im darauffolgenden Kampf sucht Penthesilea in ihrem „impulsiven Drang nach Eroberung“ Achill „im Kampfgewühl“ (1, V. 160). Doch trotz ihrer immer wieder kehrenden Verfolgung tötet sie ihn nicht, denn in dem einen „Augenblick, da schon, / Sein Leben war in ihre Macht gegeben, / Gab sie es ihm lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder“ (1, V. 167 ff.). Hier zeigt sich eine Konfliktsituation, in der Gesetz und Liebe nicht miteinander einher gehen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die literaturtheoretische Einordnung von Kleists Werk und skizziert die gewaltgeprägte Entstehungsgeschichte des Amazonenstaates als Ursprung der späteren Handlungsdynamik.
2. Liebe und Gewalt im Amazonenstaat: Dieses Kapitel untersucht die patriarchale Unterwerfung der Amazonen als Basis für ihre spätere staatliche Form, in der Liebe ausschließlich durch Gewalt auf dem Schlachtfeld legitimiert wird.
3. Der Einfluss der Mutter: Es wird dargelegt, wie Penthesileas Wunsch nach Individuation durch das Erbe und die letzten Worte der Mutter Otrere entscheidend geprägt und in Richtung Achill gelenkt wird.
4. Penthesilea und Achill zwischen Gewalt und Liebe: Hier wird die prekäre Begegnung der Protagonisten analysiert, in der sich staatliche Pflichten, emotionales Begehren und die Unfähigkeit zur gewaltfreien Kommunikation überschneiden.
5. Der Mord aus Liebe: Das Kapitel widmet sich dem tragischen Kulminationspunkt des Werkes, an dem Penthesileas Verwechslung von Kuss und Biss sowie die erotische Ekstase in einen kannibalistischen Gewaltakt münden.
6. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass Penthesilea und Achill in einem Wechsel aus Liebe und Gewalt gefangen sind, der nur im gemeinsamen Untergang enden kann.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Amazonenstaat, Liebe und Gewalt, Erotik, Sexualität, Unterwerfung, Objektwahl, Todestrieb, Körperdrama, Trauerspiel, Dramaturgie, Kannibalismus, emotionale Zerrissenheit, Liebesverbot.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die untrennbare Verbindung von Liebe und Gewalt im Drama „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist unter Berücksichtigung des kulturellen Hintergrunds der Amazonen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Entstehung des Amazonenstaates aus Gewalt, der Einfluss mütterlicher Vorgaben auf die Partnerwahl sowie das Spannungsfeld zwischen staatlichen Gesetzen und individuellen Gefühlen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie Liebe und Gewalt in Penthesileas Beziehung zu Achill sprachlich und handlungsmäßig ineinandergreifen und warum diese Bindung zwangsläufig zum Tod führen muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Es wird eine systematische Analyse des Primärtextes unter Heranziehung aktueller und klassischer Sekundärliteratur durchgeführt, um die Schlüsselszenen der Liebe und Gewalt zu interpretieren.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Genese der Amazonengesellschaft, dem psychologischen Druck der Mutterfigur Otrere, der Konfrontation von Penthesilea und Achill sowie der Eskalation des Konflikts im Mord aus Liebe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Charakteristische Begriffe sind etwa Penthesilea, Kleist, Liebe und Gewalt, Amazonenstaat, Liebesverbot, erotische Fixierung und Zerrissenheit.
Wie beeinflusst die Figur der Mutter Otrere das Handeln der Königin?
Otrere fungiert als Instanz, deren letzter Wunsch Penthesilea dazu bewegt, entgegen der Gesetze ihres Staates Achill als Partner zu wählen, was den tragischen Prozess auslöst.
Was bedeutet der „Mord aus Liebe“ in diesem spezifischen Kontext?
Der Begriff bezieht sich auf die erotische Ekstase Penthesileas, in der sie Küsse und Bisse metaphorisch sowie physisch vermischt und Achill in einem Akt extremer Zuneigung und Aggression zerfleischt.
- Arbeit zitieren
- Rebecca Kania (Autor:in), 2013, Kleists "Penthesilea" zwischen Liebe und Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271079