Dieses Werk befasst sich mit einer Erschließung und Interpretation der wohl bizarrsten Szene aus Heiner Müllers "Germania Tod in Berlin", nämlich "Die Heilige Familie".
Neben sprachlichen Besonderheiten befasst sich das Werk noch mit der Entwicklung der Einstellung des Autors zur DDR und seiner Dramen- und Theaterästhetik.
Inhaltsverzeichnis
1. Prägende Fragestellungen der Nachkriegsliteratur
2. Erschließung der Szene „Die Heilige Familie“ aus Heiner Müllers Drama „Germania Tod in Berlin“
2.1. Inhalt und Aufbau der Szene „Die Heilige Familie“
2.1.1. Ausgangslage: Übertragung von historischem Stoff auf die Jesusgeburt
2.1.2. Machtsituation Hitlers
2.1.3. Germania: Auftreten sowohl als Hebamme als auch als Hitlers Mutter
2.1.4. Die drei Heiligen und die Geburt
2.1.5. Eskalation: Germanias Tod
2.2. Sprachliche Gestaltung der Szene
2.2.1. Redeanteile ausgeglichen: Hitlers Abdriften in einen Monolog
2.2.2. Metaphern
2.2.2.1. Benzin als Blut der Opfer von Stalingrad
2.2.2.2. Contergan-Wolf als Bundesrepublik Deutschland
2.2.2.3. Kannibalismus als Bild für die zivilisationsferne Realität des Nationalsozialismus
2.3. Heiner Müllers Haltung zum Staat der DDR im Gesamtwerk
2.3.1. Erste Phase: Verfechter der DDR
2.3.2. Zweite Phase: Zweifeln am System
2.3.3. Dritte Phase: Resignation
2.4. Müllers Dramen- und Theaterästhetik in „Germania Tod in Berlin“
2.4.1. Fragmentarische Dialoge zur Bewertung historischer Ereignisse
2.4.2. Verfremdung von Handlung und Charakteren: Möglichkeit zur Abwendung einer folgenschweren Zukunft
3. Literatur als Möglichkeit der Prävention
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Szene „Die Heilige Familie“ aus Heiner Müllers Drama „Germania Tod in Berlin“, um aufzuzeigen, wie Müller historische Ereignisse der deutschen Geschichte durch Verfremdung und komplexe Metaphorik kritisch aufarbeitet und dabei die DDR-Geschichte sowie die Gründung der Bundesrepublik bewertet.
- Analyse der biblischen Parodie im Kontext des Nationalsozialismus.
- Untersuchung zentraler Metaphern wie des „Contergan-Wolfs“ und des Kannibalismus.
- Darstellung der Entwicklung von Heiner Müllers politischer Haltung zur DDR.
- Betrachtung der spezifischen Dramen- und Theaterästhetik Müllers.
- Reflexion über die Rolle der Literatur als Mittel zur historischen Prävention.
Auszug aus dem Buch
Die Machtsituation Hitlers
Die Machtsituation Hitlers wird hier sehr deutlich durch die Unterwerfung des schwangeren und schutzbedürftigen Goebbels, der im Stile einer traditionellen Ehefrau dem Ehemann durch zusprechende, aufmunternde und bekräftigende Worte wie „Du bist der größte. Du bist stärker als alle. Sie können dir nichts tun. Du wirst sie bestrafen.“ (S. 27, Z. 6-8) beisteht. Gleichzeitig untersteht Goebbels aber auch der Befehlsgewalt Hitlers und führt jeden noch so sinnlosen und destruktiven Befehl von seinem „Führer“ aus. Dies wird deutlich, als Goebbels wegen des Wortes „Pimmel“ (S. 27, Z.15), das er nur belehrend erwähnt hat, Hitlers Stiefel ablecken muss, selbst dabei wird Goebbels wieder Opfer der Willkür seines „Führers“, als dieser machtbesessen den schwangeren Goebbels vom linken Stiefel zuerst zum rechten verweist und dieser die Weisung um Gnade bittend blind befolgt (vgl. S. 27, Z. 19-23).
Da die Geburt des „Kindes“ bevorsteht, lässt Hitler die Hebamme Germania kommen, die hier seine Mutter darstellt. Nachdem sie ihren Sohn gemustert hat, indem sie zum Beispiel „an seinen Zähnen [rüttelt]“(S. 28, Z. 27f.), gibt sie ihren Ärger über die „Judengeschichten“ (S. 28, Z. 35) ihres Sohnes kund und bereitet die schwere Geburt vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Prägende Fragestellungen der Nachkriegsliteratur: Dieses Kapitel erläutert, wie sich die Literatur mit den Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs und der Frage der demokratischen Neuausrichtung Deutschlands auseinandersetzt.
2. Erschließung der Szene „Die Heilige Familie“ aus Heiner Müllers Drama „Germania Tod in Berlin“: Der Hauptteil analysiert Inhalt, sprachliche Gestaltung und ästhetische Umsetzung der zentralen Szene des Dramas sowie Müllers persönliche Entwicklung im Kontext der DDR.
3. Literatur als Möglichkeit der Prävention: Das Schlusskapitel reflektiert, inwieweit Literatur durch die Vermittlung kritischer Erkenntnisse dazu beitragen kann, zukünftige geschichtliche Eskalationen zu verhindern.
Schlüsselwörter
Heiner Müller, Germania Tod in Berlin, Die Heilige Familie, Nationalsozialismus, DDR, Nachkriegsliteratur, Verfremdung, Theaterästhetik, Metaphorik, Contergan-Wolf, Geschichtsaufarbeitung, politische Literatur, Machtkritik, Erinnerungskultur, Prävention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Szene „Die Heilige Familie“ aus Heiner Müllers Drama „Germania Tod in Berlin“ und deren Bedeutung für die Aufarbeitung der deutschen Geschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Darstellung der Machtverhältnisse im Nationalsozialismus, die Kritik an der DDR sowie die ästhetische Form des epischen Theaters bei Heiner Müller.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die verschlüsselten historischen und politischen Aussagen in Müllers Werk offenzulegen und die Funktion des Autors bei der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text auf inhaltlicher, sprachlicher und motivgeschichtlicher Ebene untersucht und in den historischen Kontext einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die inhaltliche Erschließung der Szene, die Untersuchung der sprachlichen Gestaltung durch Metaphern, die Analyse von Müllers politischer Haltung im Laufe seiner Karriere sowie seine Dramenästhetik.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Verfremdungseffekt, historisches Drama, politische Systemkritik und die bewusste Auseinandersetzung mit dem Scheitern gesellschaftlicher Utopien.
Was bedeutet die Metapher des „Contergan-Wolfs“ im Drama?
Diese Metapher beschreibt die Bundesrepublik als „Fehlgeburt“ oder „Brut“ des Nationalsozialismus, die zwar oberflächlich harmlos wirkt, sich jedoch als zerstörerisch entpuppt.
Warum ist die Figur der Germania im Werk von so großer Bedeutung?
Germania fungiert als Identifikationsgrundlage der Deutschen; ihr Tod durch Hitler symbolisiert den unwiederbringlichen Untergang einer nationalen Einheit.
Welche Rolle spielt das Publikum laut der Analyse?
Das Publikum soll nicht passiv konsumieren, sondern als „Ko-Produzent“ durch den Verfremdungseffekt dazu angeregt werden, eigene Lernprozesse zu durchlaufen.
Kann Literatur laut Autor Geschichte tatsächlich beeinflussen?
Die Arbeit schlussfolgert, dass Literatur zwar geschichtliche Rückschläge nicht verhindern kann, aber maßgeblich zur Veränderung des öffentlichen Bewusstseins und der Einstellung der Menschen beigetragen hat.
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- Pascal Biersack (Author), 2014, Erschließung der Dramenszene "Die Heilige Familie" aus Heiner Müllers "Germania Tod in Berlin", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271113