Schon immer waren die verschiedenen Bereiche der Wissenschaft eine Gelegenheit für Zusammenschlüsse von Interessierten, Laien und Experten. Ein solcher Zusammenschluss von Wissenschaftlern ereignete sich auch im London der 1640er Jahre. Hier versammelten sich Philosophen und andere Wissenschaftler im Rahmen eines "invisible college", um neue Wege der Wissensvermittlung zu diskutieren. Als sich die Gemeinschaft 1660 offiziell gründete, basierten ihre Ideen noch immer auf den Prinzipien von Beobachtung und Experimenten. 1661 erhielt der Kreis dann den Namen "The Royal Society of London For Improving Natural Knowledge". Seit jeher interessieren sich ihre Mitglieder für sämtliche Bereiche der Naturwissenschaften und der Mathematik, der Wissenschaftsgeschichte und Technik, vergeben Preise in diesen Bereichen und veröffentlichen wissenschaftliche Abhandlungen und Forschungsergebnisse. In ihren frühen Jahren befasste sich die Society auch mit der Art und Weise, wie Forschungsergebnisse und Wissen an die Menschen weitergegeben werden sollten. Die Mitglieder konzipierten sprachliche Stilideale, die zu einem Maßstab für alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden sollten.
Diese Arbeit befasst sich mit den Stilidealen der Royal Society, wie sie im 17. Jahrhundert gefordert wurden und deren Übertragung auf das Deutsche. Dies soll anhand der deutschen moralischen Wochenschriften, besonders des Vernünfftlers, gezeigt werden. Dazu werden der geschichtliche Hintergrund Englands zur Gründungszeit der Society sowie die Vordenker dieser Ideen (Bacon, Hobbes) eine Rolle spielen. Anschließend werden die Ideen der Royal Society genauer untersucht. Es geht hierbei um Universalsprachen und den neuen Wissenschaftsstil. Im Anschluss daran wird die Übertragung des englischen Stilvorbildes ins Deutsche behandelt. Dies beginnt mit einem kurzen Abriss über die linguistische Situation in Deutschland um 1700. Da die moralischen Sittenschriften hier eine entscheidende Rolle spielten, wird dieses Phänomen genauer betrachtet. Den letzten Punkt bildet der konkrete Vergleich zwischen Wochenschriften in England und deren Stilübertragung auf die deutschen. Die Schlussbemerkungen beinhalten ein kurzes Fazit sowie einen Ausblick auf weitere, hier nicht behandelte Schwerpunkte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der geschichtliche Hintergrund: England und die Wissenschaft um 1700
3. Der neue Wissenschaftsstil der Royal Society
3.1 Bacon und Hobbes über Sprache
3.2 Universalsprachen
3.3 Plain style und Antirhetorik
4. Auswirkungen des englischen Stilideals auf deutsche Wochenschriften
4.1 Die deutsche Sprache um 1700
4.2 Die moralischen Wochenschriften in Deutschland ab 1700
4.3 Sprache in den Wochenschriften am Beispiel von Der Vernünfftler
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen der Publikation
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss englischer sprachlicher Reformen und Stilideale des 17. Jahrhunderts auf die deutsche Wissenschafts- und Literatursprache. Zentral ist dabei die Frage, wie der durch die Royal Society geprägte "plain style" als Gegenentwurf zur barocken Rhetorik den Weg in deutsche moralische Wochenschriften des frühen 18. Jahrhunderts fand und zur Herausbildung einer verständlicheren, modernen Wissenschaftsprosa beitrug.
- Die wissenschaftstheoretische Neuausrichtung in England um 1700
- Die Entwicklung und Definition des "plain style" und der Antirhetorik
- Vergleichende Analyse der Sprachideale bei Bacon, Hobbes und Sprat
- Rezeption englischer Vorbilder in deutschen moralischen Wochenschriften
- Exemplarische Untersuchung der Zeitschrift "Der Vernünfftler"
Auszug aus dem Buch
3.1 Bacon und Hobbes über Sprache
Ein Vertreter dieser wissenschaftlichen Umwälzungen war Francis Bacon (1561-1626). Er setzte es sich zum Ziel, den Status des damaligen Wissenschaftssystems und die „distempers of learning“, also die Dinge, die ihm mangelhaft erschienen, aufzuzeigen. Werner Hüllen sieht in dieser Arbeit die Notwendigkeit, sich auch mit Sprache auseinanderzusetzen, denn Bacon machte auch den Sprachgebrauch seiner und früherer Zeit dafür verantwortlich, dass Mängel in den Wissenschaften erkennbar waren (vgl. Hüllen 1989, S. 31f). Diese fand Bacon vor allem im Bereich der Semantik-Theorie, wozu auch Rhetorik und Stilistik gehören, also darin, wie Wissenschaftler ihre Erkenntnisse vermittelten (vgl. Hüllen 1989, S.32). Dabei wurde Bacon von dem Prinzip geleitet, die Menschen seiner Zeit selbst kritisch denken zu lassen und die wissenschaftliche Arbeit zu reflektieren.
Dies bedeutet, daß [sic!] Bacon die sprachlichen Bedingungen der Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse reflektieren und selbst angemessen in Wirklichkeit überführen muss. Erschienen die linguistischen Probleme in seinem Werk bisher als Teil seiner epistemologischen Analyse, so erscheinen sie nunmehr auch als Teil einer umfassenden Wissenschaftsdidaktik (Hüllen 1989, S. 32).
Zu dieser Didaktik gehörte, die Sachen, die mit Worten beschrieben wurden, wieder in den Vordergrund zu bringen. Bacon kritisierte, dass im Laufe der Zeit eine extensive Nachahmung von Sprache dazu führte, dass wissenschaftliche Arbeiten eher den Wohlklang von Sätzen und Metaphern anstrebten, als den Fokus auf den eigentlichen Gegenstand zu richten (vgl. Hüllen 1989, S. 34). Bacons Forderungen bewegen sich demnach weg vom ciceronischen Ideal mit komplexen Sätzen, teilweise über zehn Zeilen lang, welches bis dato auch in wissenschaftlichen Texten vorherrschte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Ausgangslage und Zielsetzung der Untersuchung, die den Stilwandel wissenschaftlicher Publikationen beleuchtet.
2. Der geschichtliche Hintergrund: England und die Wissenschaft um 1700: Analyse der politischen und kulturellen Instabilität in England, die den Nährboden für neue wissenschaftliche Methoden und die Abgrenzung von Disziplinen bildete.
3. Der neue Wissenschaftsstil der Royal Society: Untersuchung der sprachkritischen Forderungen durch Vordenker wie Bacon und Hobbes sowie der Entwicklung des "plain style" als Antwort auf die Rhetorik.
4. Auswirkungen des englischen Stilideals auf deutsche Wochenschriften: Darstellung der Übertragung englischer Stilideale auf den deutschen Sprachraum, wobei die moralischen Wochenschriften als zentrale Vermittler und Innovatoren fungierten.
5. Schlussbemerkungen: Zusammenfassung der Ergebnisse und Reflexion über die Bedeutung der Sprachreformentwicklungen für die Entstehung moderner Kommunikationsstandards.
Schlüsselwörter
Royal Society, Plain Style, Wissenschaftssprache, Aufklärung, Moralische Wochenschriften, Der Vernünfftler, Rhetorik, Francis Bacon, Thomas Sprat, Sprachgeschichte, Stilideal, Sprachkritik, Wissensvermittlung, 17. Jahrhundert, Frühaufklärung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Sprache der Wissenschaft im 17. und 18. Jahrhundert durch den Einfluss englischer Stilideale (insbesondere der Royal Society) grundlegend gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abkehr von rhetorisch überladener Sprache, die Etablierung des "plain style", die Rolle der moralischen Wochenschriften und das Ideal einer klaren, vernunftorientierten Ausdrucksweise.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Transfer sprachlicher Reformideen von England nach Deutschland aufzuzeigen und zu analysieren, wie diese das deutsche Schreibniveau und die Wissenschaftsprosa nachhaltig veränderten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin/der Autor wendet eine historisch-analytische Methode an, die linguistische Quellenarbeit mit einer Untersuchung soziokultureller Kontexte verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die englischen Theoretiker (Bacon, Hobbes) und die Rolle der Royal Society beleuchtet, bevor der Fokus auf die Anwendung dieser Ideale in deutschen moralischen Wochenschriften wie "Der Vernünfftler" gelegt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie "Plain Style", "Wissenschaftssprache", "Aufklärung" und "Moralische Wochenschriften" definieren.
Warum war die Rhetorik für die Wissenschaftler der Royal Society problematisch?
Die Rhetorik wurde als künstlich und verschleiernd betrachtet; sie erzeugte Distanz zwischen Inhalt und Leser und war somit dem Ideal der objektiven und klaren Wissensvermittlung hinderlich.
Welche Rolle spielt die Zeitschrift "Der Vernünfftler" für die Argumentation?
Sie dient als konkretes Fallbeispiel für die gelungene Implementierung englischer Stilideale im deutschsprachigen Raum und zeigt den Übergang von einer gelehrten, schweren Barockprosa zu einer einfacheren, bürgernahen Sprache.
- Arbeit zitieren
- Kristina Eichhorst (Autor:in), 2013, Das Stilideal der Royal Society und dessen Übertragung auf das Deutsche im 17./18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271281