In vorliegender Arbeit wird der Versuch unternommen, den Mythos-Begriff unter verschiedenen Aspekten einzukreisen. Dabei ist klar geworden, dass Mythen zwar eine einfache äussere Struktur ausweisen, diese jedoch einer komplexen inneren entgegengesetzt ist. Aus strukturalistischer Sicht erkennen wir den Mythos als Narrativ, der in Zeiten der Unsicherheit der Identitätssicherung bzw. ihrer Konstruktion dient. Im Weiteren weisen Mythen auch eine Historizität aus, weshalb wir sie unbedingt als Quelle betrachten müssen. Anhand dieser Arbeit wird versucht, den generellen Mythos mit der eidgenössischen Geschichte zu verbinden. Dabei ist der identitätsstiftende Aspekt des Mythos zentral. Der Gründungsmythos ist Krisenzeiten eine zusammenhaltende Klammer.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Der Mythos
Der Mythos als Rede
Der Mythos in der Zeit der Aufklärung
Der Mythos Eidgenossenschaft
Die Befreiungstradition
Vergangenheitsbedarf im 19. Jahrhundert
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff des Mythos aus strukturalistischer und historischer Perspektive, um dessen identitätsstiftende Funktion insbesondere anhand der eidgenössischen Gründungsgeschichte zu analysieren und aufzuzeigen, wie Mythen in Krisenzeiten zur Sinnstiftung und nationalen Selbstvergewisserung beitragen.
- Strukturelle Analyse des Mythosbegriffs und dessen Narrativität
- Die historische Entwicklung des Mythenverständnisses von der Aufklärung bis zur Moderne
- Der Gründungsmythos der Eidgenossenschaft als identitätsstiftendes Element
- Die Funktion der Befreiungstradition und des Rückbezugs auf die „Alten Eidgenossen“ zur nationalen Identitätskonstruktion
Auszug aus dem Buch
Die Befreiungstradition
Das Wort Befreiungstradition erweckt so manch ein Bild. Man könnte an ein Bauernvolk denken, dass sich mit Mistgabeln gegen eine Übermacht wehrt und tapfer für die Freiheit ihr Leben opfert. Man denkt an ländliche Gebiete, deren Bewohner sich in mutiger Weise gegen ihren Herrscher erheben und sich von ihm befreien. Man denkt offenbar als Schweizer, die Alten Eidgenossen hätten sich aus den Klauen der Habsburger befreien können und so ihren eigenen Staat gegründet, allen voran natürlich Wilhelm Tell und Winkelried als zwei Hauptakteure des eidgenössischen Befreiungsmythos. Das dies so nicht geschah, ist mittlerweile bestätigt und in vielen jüngeren Geschichtsbüchern nachzulesen. Und trotzdem: die Befreiungstradition ist in den Köpfen immer noch fest verankert.
Der Grund für die Tradition findet sich in einem sehr reduzierten Dualismus: tyrannische (Habsburger!) Vögte und freiheitsliebende Waldstätter; dem entspricht auch der Gegensatz Adel – Bauern. Ein weiterer Grund liegt in der zeitlichen Fixierung auf einen verhältnismässig sehr kurzen Augenblick der Befreiung gegen die Vögte. Die Abläufe waren einiges verstrickter und langwieriger, als die Befreiungstradition uns glauben macht. Und so bleiben dramatische Geschichten mit einem einleuchtenden, glaubhaften Handlungsablauf besser hängen als nüchternes Aneinanderreihen von Fakten (sofern man von Fakten sprechen kann).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des eidgenössischen Gründungsmythos ein und stellt die Frage, wie solche Mythen trotz empirischer Erkenntnisse ihre Wirksamkeit und Präsenz im kollektiven Gedächtnis behalten.
Der Mythos: Dieses Kapitel definiert den Mythos als identitätsstiftendes Narrativ, das in Zeiten der Unsicherheit Orientierung bietet und eine komplexe innere Struktur hinter einer einfachen äusseren Form verbirgt.
Der Mythos als Rede: Basierend auf Roland Barthes wird der Mythos hier als Kommunikationssystem und Diskurs analysiert, der jede beliebige Materie mit Bedeutung aufladen kann.
Der Mythos in der Zeit der Aufklärung: Das Kapitel beleuchtet den Wandel des Mythenverständnisses durch die aufkommende Empirie und Vernunft, die den Mythos als vermeintlich veraltet oder unwahr einordneten.
Der Mythos Eidgenossenschaft: Hier wird der Bogen zur Schweizer Geschichte geschlagen und untersucht, wie Umwälzungen ab 1500 den Mythos in ein neues Licht rückten.
Die Befreiungstradition: Das Kapitel analysiert die Tellensage und die Befreiungstradition als starkes Konzentrat nationaler Identitätsbildung, das auch historisch widerlegte Abläufe emotional legitimiert.
Vergangenheitsbedarf im 19. Jahrhundert: Es wird erörtert, warum im 19. Jahrhundert das Bedürfnis entstand, sich auf die „Alten Eidgenossen“ zu beziehen, um in einer dynamischen Moderne eine feste, unveränderliche Identität zu finden.
Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass der Mythos als historisches Narrativ ein notwendiges Instrument für den Zusammenhalt in Zeiten des Wandels bleibt.
Schlüsselwörter
Mythos, Aufklärung, Schweizer Geschichte, Identitätskonstruktion, nationale Identität, Eidgenossenschaft, Befreiungstradition, Wilhelm Tell, Gründungsmythos, Roland Barthes, Geschichtsschreibung, Narrativ, Kollektives Gedächtnis, Historizität, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Funktion und Wirkungsweise von Mythen, insbesondere wie diese als identitätsstiftende Narrative in der Schweizer Geschichte eingesetzt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Definition des Mythos, die historische Rolle der Aufklärung bei der Mythenkritik sowie die Konstruktion der eidgenössischen nationalen Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Mythosbegriff unter verschiedenen Aspekten einzugrenzen und aufzuzeigen, warum Mythen trotz wissenschaftlicher Aufklärung eine zentrale Rolle bei der Identitätsstiftung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf strukturalistische Ansätze, insbesondere die Diskurstheorie von Roland Barthes, sowie auf kulturhistorische Analysen zur Mythenrezeption.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Mythosbegriff und eine vertiefende historische Anwendung auf den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft und die Befreiungstradition.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören „Mythos“, „Identitätskonstruktion“, „Befreiungstradition“ und „Eidgenossenschaft“.
Wie unterscheidet der Autor zwischen der einfachen Struktur und der komplexen Funktion eines Mythos?
Der Autor argumentiert, dass ein Mythos nach aussen hin zwar simpel und dramatisch wirkt, aber im Innern komplexe historische und soziale Funktionen erfüllt, die Orientierung und Sicherheit bieten.
Warum spielt die Reformation eine so zentrale Rolle bei der Entstehung des eidgenössischen Mythos?
Die Reformation wird als bewusste Identitätskrise verstanden, die den Bedarf nach einem Rückgriff auf gemeinsame, teils fiktive Ursprünge verstärkte, um den Zusammenhalt in der fragmentierten Eidgenossenschaft zu sichern.
- Arbeit zitieren
- Seluan Ajina (Autor:in), 2013, Der Begriff des Mythos am Beispiel der Eidgenossenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271309