Wenn Kinder „im Sinne von Partizipation“ in einem bestimmten Zeitraum selbst entscheiden dürfen, ob und wann sie rausgehen, sich bei der Erzieherin nur noch ab- und wieder rückmelden müssen – ist das die Umsetzung von „Partizipation von Kindern“ in Kindertagesstätten?! Ist es das was der 22. Paragraph des Sozialgesetzbuches mit „Förderung der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (SGB VIII § 22) meint? Weswegen ist Partizipation von Kindern damit verbunden? Alles nur wegen den Gesetzen – oder was lernen Kinder wenn sie „partizipiert“ werden? Welche Vorstellung von Partizipation von Kindern steckt hinter diesem Umsetzungsbeispiel und wie steht aktuelle Fachliteratur dazu? Diese Fragen werden behandelt.
Der Verständlichkeit wegen, werden hier die Begriffe „Partizipation“, „Bildung“ und „Wissen“ im Zusammenhang mit diesem Thema erläutert.
Das Wort „Partizipation“ übersetze ich mit „Teilhabe“, „Teilnahme“ (lat.: „pars“ Teil, „-cipere“ nehmen, sich geben lassen“). Partizipation ist eine Bedingung von Demokratie und lebt von Verantwortungsfähigkeit und Verantwortungsübernahme (vgl. Prote 2007, S. 262). Rückschließend wird Partizipation von Kindern als Kern vom „Demokratie-lernen“ gesehen (vgl. Prote 2007, S. 262). In dieser Arbeit verlangt sie „demokratische Beteiligung der Kinder“ (Knauer 2011, S. 7), um „Demokratie zu lernen“ (ebd., S. 7), mit dem Ziel eigenverantwortliches, gemeinschaftliches Denken und Handeln zu fördern. Partizipation von Kindern verlangt eine kontinuierliche Einbeziehung von Kindern in Entscheidungen bei denen sie, ihre Gruppe, ihr Kitaalltag oder ihr Umfeld betroffen sind. (vgl. Prote 2007, S. 263) Mit den „ungleichen Machtverhältnis[sen] in pädagogischen Beziehungen“ (vgl. Knauer 2010, S. 24, Hinzufügung: S.S.) wird ganz verschieden umgegangen.
(...) Bildung geschieht nicht durch klassische Wissensvermittlung; nicht nach dem Schema: Eine Frage – eine Antwort zum (Auswendig-)Lernen. Sondern Bildungsprozesse werden hier als vorhanden gesehen, wenn der sich bildende Mensch zum Nachdenken kommt, seine bisherige Haltung zur Welt und sich neu überdenkt, als unvollständig erkennt und versucht dieses neu zu konstruieren. Bildungsprozesse solcher Art entstehen bei aktiver Beteiligung, was wieder auf die Verbindung von Bildung und Partizipation hinweist. Ist dies der Grund, dass Partizipation von Kindern Einzug in die Kitas hält?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Partizipation von Kindern – eine Herleitung
2.1 Legitimation durch SGB und Orientierungsplan
2.2 Legitimation durch Bildungsprozesse
3. Partizipation von Kindern - Ein Elternbrief überprüft mit ausgewählter Fachliteratur
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit analysiert das Verständnis und die praktische Umsetzung von Partizipation in Kindertageseinrichtungen. Ziel ist es, ein konkretes Umsetzungsbeispiel (einen Elternbrief) kritisch anhand aktueller Fachliteratur und gesetzlicher Vorgaben zu reflektieren und aufzuzeigen, wo die Grenzen zwischen echter demokratischer Teilhabe und bloßer Schein-Partizipation verlaufen.
- Rechtliche Grundlagen der Partizipation im SGB VIII und in Bildungsplänen
- Die Rolle der pädagogischen Fachkräfte im Demokratisierungsprozess
- Kritische Analyse von Elterninformationen zur Partizipationspraxis
- Abgrenzung zwischen Selbstbildungsprozessen und angeleiteter Beschäftigung
- Das Bild des Kindes als kompetenter Akteur vs. passives Objekt
Auszug aus dem Buch
3. Partizipation von Kindern
Der vorliegende Elternbrief wird unter den Aspekten "partizipative Haltung & Bildungsprozesse", "Rolle der Erzieher", "Bild des Kindes", "Partizipation verlangt…" mit aktuellen Beiträgen in Fachliteratur verglichen und dargestellt.
Im Elternbrief heißt es, dass die Erzieher und Erzieherinnen, ihre partizipative Haltung, sowie die Einführung von zeitlich beschränkter Spielortwahl Selbstbildungsprozesse fördere. Bildung aber entsteht wie oben erwähnt, wenn Kinder ins Nachdenken kommen, wenn sie aktiv beteiligt sind, nicht durch die von Pädagogen gestaltete Umgebung und den vorbereiteten Möglichkeiten zur „Selbstbildung“. Es bleibt zu klären, was die pädagogischen Angestellten unter Selbstbildungsprozessen verstehen. Bedingung für diese Prozesse sei aber ganz klar die partizipative Haltung der Erzieher, welche laut Text mit der "Einbeziehung der Kinder in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse im Alltag" was sich auf die zeitlich begrenzte Spielortwahl begrenzt abgedeckt ist.
Bildung aber funktioniert durch "aktive Aneignung" (Knauer 2011, S. 8), also Teilnahme. So "wird ihre Beteiligung (...) zu einem zentralen Schlüssel von Bildungsförderung" (ebd., S. 8). Partizipation von Kindern verlangt Mitgestaltung ihrer Umgebung ihrer Bildung und Bildungsmöglichkeiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Partizipation in Kindertageseinrichtungen ein, stellt die Verbindung zwischen demokratischer Bildung und gesetzlichen Anforderungen her und formuliert die Leitfragen der Arbeit.
2. Partizipation von Kindern – eine Herleitung: Dieses Kapitel erläutert die theoretische und rechtliche Legitimation von Partizipation, insbesondere durch das SGB VIII und den Orientierungsplan für Bildung und Erziehung.
2.1 Legitimation durch SGB und Orientierungsplan: Hier wird der Fokus auf die gesetzliche Verankerung und die Zielsetzungen zur Förderung eigenverantwortlicher und gemeinschaftsfähiger Persönlichkeiten gelegt.
2.2 Legitimation durch Bildungsprozesse: Dieser Abschnitt beleuchtet, wie Partizipation Bildungsprozesse anregt und warum die aktive Mitgestaltung über rein kognitives Lernen hinausgeht.
3. Partizipation von Kindern - Ein Elternbrief überprüft mit ausgewählter Fachliteratur: Das Kernkapitel analysiert ein konkretes Praxisdokument kritisch im Vergleich mit fachwissenschaftlichen Standards und deckt Diskrepanzen auf.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bewertet die untersuchte Praxis als "Schein-Partizipation" und unterstreicht die Notwendigkeit einer reflexiven Haltung der Pädagogen sowie eines neuen Bildes vom Kind.
Schlüsselwörter
Partizipation, Kindertageseinrichtungen, Demokratiepädagogik, SGB VIII, Selbstbildung, Mitbestimmung, Kinderschutz, Pädagogische Haltung, Bildungsauftrag, Empowerment, Demokratie lernen, Machtverhältnisse, Kindheitsforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Verständnis und die Umsetzung von Partizipation in Kindertageseinrichtungen anhand eines konkreten Praxisbeispiels.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Themen sind die rechtliche Legitimation durch das SGB VIII, das Verständnis von Bildungsprozessen, die Rolle der Erzieher sowie die praktische Umsetzung von Partizipation im Kita-Alltag.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt danach, welche Vorstellung von Partizipation hinter einem spezifischen Umsetzungsbeispiel steckt und inwieweit diese mit aktueller Fachliteratur übereinstimmt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine kritische Dokumentenanalyse durchgeführt, bei der ein Elternbrief aus einer Kindertageseinrichtung mit theoretischen Diskursen der Fachliteratur abgeglichen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der Partizipation und eine praxisorientierte Überprüfung eines Elternbriefes auf Basis pädagogischer Qualitätsstandards.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe sind Partizipation, Demokratiepädagogik, SGB VIII, Selbstbildung, Mitbestimmung und professionelle pädagogische Haltung.
Wie bewertet die Autorin die untersuchte Praxis im Elternbrief?
Die Autorin stuft die beschriebene Umsetzung als "Schein-Partizipation" ein, da sie keine echte Mitbestimmung oder Mitgestaltung am Tagesablauf zulässt, sondern lediglich eingeschränkte Wahlmöglichkeiten bietet.
Welche Bedeutung kommt dem "Bild vom Kind" bei?
Das Bild vom Kind ist entscheidend: Die Autorin argumentiert, dass eine echte Partizipation nur möglich ist, wenn das Kind als kompetentes Wesen wahrgenommen wird, dem man Mitgestaltung und die Übernahme von Verantwortung zutraut.
- Quote paper
- Susanne Siegl (Author), 2014, Partizipation von Kindern in Kitas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271405