Soziale Konstruktion von Differenz durch exklusive Schriftsprache


Hausarbeit, 2014

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung 3

1 Definitionen
1.1 Definition Schriftsprache
1.2 Definition gendergerechte Schriftsprache

2 Sprache als soziales Handeln
2.1 Pierre Bourdieu: Strukturen sozialer Gruppen, Produktion und Reproduktion legitimer Sprache
2.2 Ursula Weber: Sprache als Funktion sozialen Handelns und als Medium der Widerspiegelung soziokultureller Systeme
2.3 Luise Pusch: Struktur der Sprachen als Männergeschichte und Männerstruktur

3 Untersuchungsgegenstand: Kontroverse über die Grundordnung der Universität Leipzig
3.1 Die Grundordnung der Universität Leipzig vom 06.08.2013
3.2 Reaktionen auf das generische Femininum in der Grundordnung der Universität Leipzig
3.3 Stellungnahmen des Gleichstellungsbeauftragten und der Rektorin der Universität Leipzig

4 Analyse der Kontroverse über die Grundordnung der Universität Leipzig

5 Bildungswissenschaftliche Überlegungen

6 Fazit

Literatur
Internetquellen
Journalistische Quellen:

0 Einleitung

Die vorliegende Ausarbeitung und die mündliche Prüfung zum Thema „Soziale Konstruktion von Differenz durch exklusive Schriftsprache“ beinhalten eine Reflexion der Kontroverse über gendergerechte Sprache anhand eines gezielten Eingriffs in den Sprachgebrauch: Die Grundordnung der Universität Leipzig vom 06. August 2013 verwendet ausschließlich „grammatisch feminine Personenbezeichnungen gleichermaßen für Personen männlichen und weiblichen Geschlechts“ (Universität Leipzig 2013, S.52/1, Fußnote) und sorgte damit für ein breites, zumeist negatives Medienecho.

Vor bildungswissenschaftlichem Hintergrund soll analysiert werden, warum dieser Eingriff als notwendig erschien und warum er Ablehnung provozierte. Hierfür wird das Thema Sprache als soziales Handeln betrachtet; bezugnehmend auf Pierre Bourdieus soziokulturelle Klassentheorie und seine Herausarbeitung von Kapitalsorten insbesondere die Aspekte Strukturen sozialer Gruppen sowie Produktion und Reproduktion legitimer Sprache; ferner werden Ursula Webers (2010) Abhandlung zu Sprache als Funktion sozialen Handelns und als Medium der Widerspiegelung soziokultureller Systeme sowie Analysen von Luise Pusch (1984 und 1990) zu Struktur der Sprachen als Männergeschichte und Männerstruktur diskutiert. Es folgen Vorstellungen der Grundordnung der Universität Leipzig und öffentlicher Reaktionen darauf sowie Vorstellungen von Stellungnahmen des Gleichstellungsbeauftragten und der Rektorin der Universität, anschließend wird die Kontroverse unter Bezugnahme auf die dargelegten theoretischen Ansätze analysiert. Bildungswissenschaftliche Überlegungen beschäftigen sich, unter Berücksichtigung von Rudolf de Cillias (2010) Ergebnissen zu Ein- und Mehrsprachigkeit, mit Möglichkeiten zur Verwendung gendergerechter Schriftsprache. Das Fazit widmet sich der Bedeutung, die die Verwendung des generischen Femininums für die Entwicklung des öffentlichen schriftlichen Sprachgebrauchs in Richtung einer gendergerechten Sprache haben kann.

1 Definitionen

1.1  Definition Schriftsprache

In Anlehnung an die Brockhaus Enzyklopädie (2006), wird hier geschriebene oder Schriftsprache als schriftlich verwendete Sprachform einer menschlichen Gemeinschaft verstanden. Sie steht in wechselseitiger Beziehung zur mündlich gesprochenen Sprache; beide Sprachformen dienen als Werkzeuge des Denkens (vgl. Brockhaus 2006, S. 7 und S.464).

Weber (2001) benennt Unterschiede zwischen gesprochener und Schriftsprache: „Durch die größere räumliche und zeitliche Distanz, welche zwischen dem Vorgang des Schreibens und des Lesens besteht, verliert Schriftsprache an Aktualität und gewinnt gleichzeitig an Distanz, Verbindlichkeit und Allgemeingültigkeit. Dadurch, dass nichtsprachliche Elemente in geschriebenen Äußerungen expliziert werden müssen, dadurch, dass in die Kommunikation eingehende Bedeutungszusätze näher erläutert und kommentiert werden müssen, ist geschriebene Sprache weniger anfällig für Missverständnisse und Fehlinterpretationen.“ (Weber 2001, S.32).

1.2  Definition gendergerechte Schriftsprache

Gendergerechte Schriftsprache bzw., „Geschlechtersensible […] Formulierung bedeutet, Sprache so zu verwenden und einzusetzen, dass alle Geschlechter oder Identitäten gleichermaßen sichtbar und wertschätzend angesprochen werden.“ (Gäckle 2014).

2 Sprache als soziales Handeln

2.1 Pierre Bourdieu: Strukturen sozialer Gruppen, Produktion und Reproduktion legitimer Sprache

In seiner soziokulturellen Klassentheorie analysiert der französische Soziologe Pierre Bourdieu ab den 1950er Jahren komplexe Grundstrukturen menschlicher Gesellschaften, sowohl anhand des Beispiels kabylischer Berberstämme als auch des modernen Frankreichs seiner Zeit. Eine Vielzahl seiner Ergebnisse lassen sich auf unterschiedliche Bereiche menschlicher Gemeinschaftsformen anwenden, was in dieser Arbeit insbesondere in Bezug auf die Bildung sozialer Identität durch Schriftsprache erfolgt.

Zentrale Begriffe aus Bourdieus Theorie, die in dieser Ausarbeitung verwendet werden, sind Kapital, soziales Feld und Habitus. Bourdieu unterscheidet in der Hauptsache ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital als Ressourcen, die Menschen innerhalb einer Gesellschaft zur Durchsetzung ihrer Ziele und zur Wahrung ihrer Interessen zur Verfügung stehen. Diese Kapitalarten können ineinander transformiert werden.

Symbolisches Kapital folgt dem Kriterium der Hervorhebung und Anerkennung und ist den übrigen Kapitalarten übergeordnet. Es benennt über das Ansehen einer Person ihre soziale Position, die von anderen anerkannt wird. (vgl. Schwingel 2003, S.92-94). Kulturelles Kapital kann objektiviert, wie in Form von Gegenständen mit kulturellem Prestigewert; institutionalisiert, etwa als Bildungstitel; oder inkorporiert, also verinnerlicht, vorliegen. (vgl. Schwingel 2003, S.88-91). Bei selbst verwendeter Sprache, in gesprochener wie in geschriebener Form, handelt es sich um inkorporiertes kulturelles Kapital. Gleichzeitig wird sie, da sie verinnerlicht ist, zum Bestandteil des Habitus, der sowohl die erworbene Inkorporation von äußeren Sozialstrukturen (vgl. Schwingel 2003, S.76) bedeutet als auch den „sozialer Leib“ (Schwingel 2003, S.77) markiert, womit er zudem als Erkennungsmedium dient: Am Habitus ist ablesbar, welches Verhalten einer Person versperrt oder gestattet ist (vgl. Schwingel 2003, S.70), an ihm ist ihre soziale Position erkennbar. Das soziale Feld, das in dieser Arbeit betrachtet werden soll, ist die Handlungsebene der Schriftsprache. Der Habitus einer Person und das soziale Feld nehmen gegenseitig Einfluss und bedingen einander, was als „Dialektik von Habitus und Feld“ (Schwingel 2003, S.77) verstanden werden kann.

In seinen Überlegungen zu „Produktion und Reproduktion der legitimen Sprache“ (Bourdieu 2005, S.47) merkt Bourdieu an: „Jede symbolische Herrschaft setzt von Seiten der Beherrschten ein gewisses Einverständnis voraus, das keine passive Unterwerfung unter einen Zwang von außen, aber auch keine freie Übernahme von Wertvorstellungen darstellt. Die Anerkennung der Legitimität der offiziellen Sprache hat mit einem freiwilligen und widerrufbaren Glaubensbekenntnis ebenso wenig zu tun wie mit einem bewussten Akt der Anerkennung der ‚Norm’.“ Vielmehr sei sie über „Aneignung über die Sanktionen des Sprachmarktes [z.B. durch das Bildungssystem] unmerklich eingeübt worden“ (Bourdieu 2005, S. 56; vgl. S.67 f.) und ist somit ebenso Folge wie Reproduktion der sprachlichen Machtverhältnisse.

Hinzu kommt nach Bourdieu (2005), dass der Sprachgebrauch von der sozialen Position der Sprechenden abhängt. So wie nicht jeder Person jede Handlung innerhalb einer Gruppe zugebilligt werde, werde ihr nicht jede Sprachhandlung gestattet; im Fall der Sprachhandlung, da die Macht der Sprache identisch mit der delegierten Macht der Sprachenden sei (vgl. Bourdieu 2005, S.101 ff..) „Der autorisierte Sprecher kann nur deshalb mit Worten auf andere Akteure […] einwirken, weil in seinem Wort das symbolische Kapital konzentriert ist, das von der Gruppe akkumuliert wurde, die ihm Vollmacht gegeben hat“. (Bourdieu 2005, S.103). Fehlt diese Vollmacht aufgrund der sozialen Position, die u.a. durch den Habitus ausgedrückt wird, bleibt folglich die angestrebte Wirkung der Sprachhandlung aus. Es ist Sprechenden nach Bourdieu also nicht möglich, die mit einer Sprachhandlung angestrebten Folgen zu bewirken, wenn ihre soziale Umgebung dies nicht zulässt. Somit ist Sprache auch elementarer Bestandteil symbolischen Kapitals.

2.2  Ursula Weber: Sprache als Funktion sozialen Handelns und als Medium der Widerspiegelung soziokultureller Systeme

Ursula Weber widmet sich der sozio-linguistischen Analyse gesellschaftlicher Schichtung durch Sprache. Obwohl sie hierbei soziale Schichten im Blick hat, lassen sich ihre Ergebnisse zum Statusverhalten durch Sprache auf das Sprachverhalten generell von privilegierten und nicht-privilegierten Gruppen übertragen: „Größere soziale Gruppen, welche unter ähnlichen ökonomischen und politischen Bedingungen existieren und zugleich eine gemeinsame Sprache sprechen, können in diesem Zusammenhang als ‚Sprachgemeinschaft’ bezeichnet werden. […] Die Übereinstimmung der Begriffe ‚Sprachgemeinschaft’ und ‚Gesellschaft’ enthält die Annahme, dass Sprache und soziales Handeln und umgekehrt sprachliches Handeln und soziale Wirklichkeit einander bedingen.“ (Weber 2001, S.7 f.).

Ergänzend versteht der Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia (2010) „Sprache immer auch als Handeln. […] Man geht davon aus, dass jeder sprachlichen Äußerung eine Handlung zugrunde liegt, ein so genannter Sprechakt oder eine Sprechhandlung. […] Eine ganze Palette von Sprechakten, Sprechhandlungen drücken [sic!] mehr oder minder stark Diskriminierung aus.“ (de Cillia 2010, S.2).

In der hochurbanisierte Gesellschaft, welche laut Weber (2001) „in allen Teilen des modernen Europas und in den Vereinigten Statten“ (Weber 2001, S. 11) zu finden ist, wird die „Standardsprache von der Mehrheit beherrscht. Dabei gilt eine soziallegitimierte Sprachtreue, d.h. die Standardsprache wird als Maßstab dafür angesehen, wann eine sprachliche Äußerung korrekt ist oder nicht. Sie unterliegt also standardsprachlichen Bewertungen, sog. Sprachnormen.“ (ebd.) Diese Sprachnormen dienen primär den Interessen der Privilegierten: „Gemessen wird die Verfügbarkeit von Sprache an dem, was für die herrschende Gesellschaftsschicht als Norm gilt und von ihr sowohl akzeptiert als auch kontrolliert wird.“ (Weber 2001, S.40). Sprachlich Privilegierte erwerben über die nach ihren Interessen gestaltete Sprache, die sie erfolgreicher verwenden können als Nicht-Privilegierte, noch mehr Privilegien; Nicht-Privilegierten hingegen bleibe der „Zugang zu Privilegien verschiedenster Art verwehrt. Für den gesellschaftlichen Zusammenhang gilt daher, dass Individuen der privilegierten Schicht über mehr und bessere Sprache verfügen als Mitglieder der weniger privilegierter Schichten.“ (ebd.). Über das Modell sozialer Schichtung hinausgehend, können diese Ergebnisse dahingehen verstanden werden, dass privilegierte Gruppen die sprachlichen Normen einer Gesellschaft definieren, die für sie selbst den größtmöglichen und für nicht-privilegierte Gruppen den geringsten Nutzen haben. Daher kann davon ausgegangen werden, dass privilegierte Gruppen ein Interesse daran haben, dass an Sprachnormen keinerlei Änderungen vorgenommen werden, die ihre gesellschaftliche Position gefährden, während es generell im Interesse nicht-privilegierter Gruppen liegt, Sprachnormen zu hinterfragen und zu verändern, insbesondere bezogen auf die eigene gesellschaftliche Position.

2.3  Luise Pusch: Struktur der Sprachen als Männergeschichte und Männerstruktur

Luise Pusch analysiert als eine Hauptvertreterin der deutschsprachigen Feministischen Linguistik seit den 1970 Jahren das Deutsche als männlich geprägte und Männer begünstigende Sprache, deren „Regularien […] nicht linguistisch, sondern [...] machtpolitisch motiviert“ seien. (Pusch 1990, S.89). Nach einigen, teilweise provokanten, Vorschlägen zu Feminisierung von Sprache (s.u.), tritt sie heute für eine gendergerechte Sprache ein[1].

Pusch (1984) stellt fest, dass das generische Maskulinum, also etwa die Bezeichnung „die Lehrer“ für Lehrer und Lehrerinnen „im Deutschen […] bei Personenbezeichnungen geschlechtsspezifizierende Funktion [hat], sei diese nun redundant (der Mann) oder nicht (der Angestellte).“ (Pusch 1984, S.60). „[…] Sprachregelung sorgt dafür, dass die Bezeichnungen für Bestimmt-Menschen (Männer) wahlweise Vielleicht-Menschen (Frauen) einschließen können.“ (Pusch 1984, S.17). Das generische Femininum hingegen habe „eine ausschließlich geschlechtsspezifizierende Funktion“ (Pusch 1990, S.88), diene also der besonderen Betonung des Weiblichen. Somit kann das Weibliche nicht wie das Männliche auch für das Allgemeine stehen.

[...]


[1] Anmerkung: Luise Pusch verwendet in den zitierten Texten viele Kursiv-Schreibungen, die den Lesefluss in ihrem Sinne beeinflussen, in dieser Ausarbeitung aber – auch aufgrund der komprimierten Darstellung durch Zitation – eher irritierend wirken würden und daher nicht übernommen wurden.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Soziale Konstruktion von Differenz durch exklusive Schriftsprache
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Modul 3E, Soziale Konstruktion von Diffferenz
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V271445
ISBN (eBook)
9783656635383
ISBN (Buch)
9783656635369
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausarbeitung für die mündliche Prüfung zum Thema „Soziale Konstruktion von Differenz durch exklusive Schriftsprache“
Schlagworte
soziale, konstruktion, differenz, schriftsprache
Arbeit zitieren
Meike Schuster (Autor), 2014, Soziale Konstruktion von Differenz durch exklusive Schriftsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271445

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