Vom Tode Gottes

Moral- und Konzeptphilosophie bei Friedrich Nietzsche


Seminararbeit, 2009
30 Seiten, Note: 6.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Kurzbiographie

3. Die Negation – Nietzsches Kritik der christlichen Moral
3.1. Die Grenzen menschlicher Erkenntnis
3.2. Kritik an der Absolutsetzung menschlicher Erkenntnis
3.3. Gegen den Zentralbegriff: Der Tod Gottes
3.4. Von der Notwendigkeit einer Moralkritik
3.5. Gegen die Moral: Der Grundirrtum
3.6. Gegen die Moral: „Zur Genealogie der Moral“
3.6.1. „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“
3.6.2. „Schuld“, „Schlechtes Gewissen“ und Verwandtes
3.6.3. „Was bedeuten asketische Ideale?“
3.7. Der Niedergang der Moral

4. Die Affirmation – Nietzsches Konzepte von Sein und Zeit
4.1. Von der Emanzipation des Geistes
4.2. Der Übermensch und der Wille zur Macht
4.3. Die ewige Wiederkunft des Gleichen

5. Fazit

6. Verzeichnisse
6.1. Quellenverzeichnis
6.2. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen eines Seminars über die Rechtfertigung und Bestreitung Gottes in der frühen Neuzeit. Das Seminar orientierte sich an der Leitfrage, wie „das Böse“ in die Welt komme, befasste sich letztlich also mit der Thematik verschiedener Auffassungen der Verhältnisse im Dualismus von „Gut“ und „Böse“.

Auch Friedrich Nietzsche befasste sich eingehend mit der Moralität. Aus seinem philosophischen Komplex sticht dabei vor allem sein Kulturpessimismus, also seine grundlegende und umfassende Kritik an soziokulturellen Systemen wie der Religion, der Moral, der Philosophie und der Kunst, aber auch an der Wissenschaft hervor. Insbesondere die christliche Moral sieht sich in der Philosophie Nietzsches wiederholter Kritik ausgesetzt. Die vorliegende Arbeit versucht deshalb im Hauptteil, seine Gedankengänge und Argumentationsstrukturen zu dieser spezifischen Thematik etwas genauer zu betrachten und aufzuarbeiten.

Nietzsches vielschichtiges philosophisches Gesamtwerk bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Negation und Affirmation, offenbart also neben dem Willen zur Zerstörung, zur destruktiven Auslegung von soziokulturellen Phänomenen der europäischen Kulturgeschichte durchaus auch den Willen zu einer Neuordnung, zu einem über die blosse Zerstörung gegebener Umstände hinaus gehenden Denken und Konzipieren. In seiner Autobiographie „Ecce Homo“ schrieb er dazu genau so treffend wie vieldeutig: „Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes.“[1]

In diesem Sinne begnügte sich Nietzsche nicht mit einer kritischen Haltung dem traditionellen Moralsystem gegenüber, sondern entwickelte eigene Konzepte von Sein, Raum und Zeit, die letztlich die von ihm wieder aufgeworfenen Fragen neu beantworten sollten.

Nietzsches Gesamtwerk ist vielfältig und vielschichtig, dabei nicht immer übersichtlich und eindeutig, stellenweise sogar widersprüchlich. Der Grad an philosophischer Abstraktion und Komplexität ist besonders in seinen konzeptuellen Schriften teilweise sehr hoch. Die in einem zweiten Teil der vorliegenden Arbeit versuchte Darstellung von Nietzsches weiterführenden Konzepten beschränkt sich daher auf die wesentlichen, grundlegenden Aspekte – in einer umfassenderen Darstellung würde Nietzsches Konzeptphilosophie über den thematischen Rahmen dieser Seminararbeit hinausgehen.

2. Kurzbiographie

Am 15. Oktober 1844 feierte der damalige preussische König Friedrich Wilhelm IV. seinen 49. Geburtstag. Der erstgeborene Sohn des protestantischen Pfarrers Karl Ludwig Nietzsche und seiner Frau Franziska, der an diesem Tag das Licht der Welt erblickte, wurde nach dem König benannt und war fortan als Friedrich Wilhelm Nietzsche bekannt. Seine Schwester Elisabeth und sein Bruder Ludwig Joseph kamen 1846 und 1848 zur Welt. Nach dem Tod des Vaters 1849 und des jüngsten Kindes 1850 zog die Mutter mit Friedrich und Elisabeth von Röcken nach Naumburg in der preussischen Provinz Sachsen, im heutigen Sachsen-Anhalt, zu ihrer Familie.

Bereits als Kind klagte Friedrich immer wieder über wiederkehrende Kopf- und Augenschmerzen – Nietzsches Gesundheit sollte sich stetig weiter verschlechtern. Früh zeigten sich jedoch auch die musischen und sprachlichen Begabungen des Jungen, so durfte er auch die angesehene Landesschule Schulpforta besuchen, ein traditionsreiches Internatsgymnasium zur Förderung Begabter. Ab 1864 studierte der junge Nietzsche an der Universität Bonn Altphilologie und evangelische Theologie, doch bereits ein Jahr später wechselte er an die Universität Leipzig und konzentrierte sich zunehmend auf das Studium der klassischen Philologie. In Leipzig entdeckte er die Philosophie Schopenhauers und begegnete 1868 erstmals Richard Wagner – zwei Personen, die sein Leben und Wirken nicht unwesentlich beeinflussen sollten. Im Frühjahr 1869 erhielt Nietzsche im Alter von noch nicht 25 Jahren eine ausserordentliche Professur für klassische Philologie an der Universität Basel, wo er auch Jacob Burckhardt begegnen sollte. Nachdem Nietzsche 1867 bereits einmal als Freiwilliger bei der preussischen Artillerie gedient hatte, nahm er 1870 als Krankenpfleger am Deutsch-Französischen Krieg teil. Bereits nach zwei Monaten erkrankte er selbst jedoch an Ruhr und kehrte nach Basel zurück.[2]

1872 veröffentlichte er sein erstes bedeutendes Werk „Die Geburt der Tragödie“, das von der philologischen Fachwelt mit wenig Wohlwollen zur Kenntnis genommen wurde. Danach befasste er sich zunehmend mit philosophischen Fragen und veröffentlichte von 1873 bis 1876 die vier Bücher seiner „Unzeitgemässen Betrachtungen“. Spätestens mit seinem 1878 erschienen Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ begann Nietzsche Ideen und Konzepte zu entwickeln und auszuarbeiten, die vielen seiner Kollegen missfielen. Die zunehmende Isolation in seinem beruflichen Umfeld und sein sich verschlechternder Gesundheitszustand – seine starken Kopfschmerzen führten teilweise bis zum Erbrechen und er litt an zeitweiliger Blindheit – veranlassten ihn 1879 dazu, seine Lehrtätigkeit in Basel aufzugeben.[3]

Nietzsche war daraufhin viel unterwegs, immer auf der Suche nach für seine Gesundheit optimalen Klimabedingungen. So hielt er sich im Sommer in Sils-Maria in der Schweiz und im Winter vor allem in Italien auf. So weit es ihm sein Gebrechen erlaubte, widmete er sich ganz der Philosophie: 1880 veröffentlichte er die „Morgenröthe“, zwei Jahre später die „Fröhliche Wissenschaft“. Von 1883 bis 1885 veröffentlichte er die vier Teile des Buches „Also sprach Zarathustra“, welches heute vielfach als sein Hauptwerk angesehen wird. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich danach weiter, Nietzsche äusserte Selbstmordgedanken und entfernte sich zusehends auch von seinem persönlichen Umfeld.

Obwohl seine Bücher zu Lebzeiten kaum gelesen und zur Kenntnis genommen worden sind – teilweise musste er seine Schriften auf eigene Kosten verlegen – veröffentlichte er sie weiterhin: 1886 erschien „Jenseits von Gut und Böse“, ein Jahr später die „Genealogie der Moral“. Zunehmend machte sich nun der Zerfall von Nietzsches Persönlichkeit bemerkbar, er war leicht erregbar, wurde ausfallend und offenbarte eine teilweise masslose Selbstüberschätzung. 1888 verfasste er noch seine Spätwerke „Götzendämmerung“, „Antichrist“ so wie seine Autobiographie „Ecce Homo“, die teilweise später veröffentlicht wurden - ein von ihm immer wieder geplantes, systematisches Hauptwerk blieb bis zuletzt aus.[4]

Im Januar 1889 erlitt er in Turin einen geistigen Zusammenbruch von dem er sich nie wieder erholen sollte: Nachdem er beobachtet hatte, wie ein Kutscher sein Pferd geschlagen hatte, fiel er dem Tier weinend um den Hals.[5] Die Notizen und Briefe, die er nach diesem Zusammenbruch noch verfasste, sind heute als „Wahnsinnszettel“[6] bekannt. Nachdem bei ihm eine progressive Paralyse diagnostiziert wurde, nahm ihn 1890 seine Mutter zu sich in Pflege. Nach deren Tod 1897 übernahm diese Aufgabe seine Schwester Elisabeth, die nun zunehmend auch die Kontrolle über sein Werk erlangte: Seine Werke und Notizen, selbst die unveröffentlichten Schriften bearbeitete und veröffentlichte sie zunehmend nach eigenen – teilweise ausgeprägt antisemitischen – Ideen und Vorstellungen und beeinflusste die Rezeption der Werke ihres Bruders dadurch nachhaltig.[7]

Friedrich Nietzsche selbst, nach mehreren Schlaganfällen gelähmt, starb am 25. August 1900 in Weimar und wurde in seiner Heimatstadt Röcken beerdigt.

3. Die Negation – Nietzsches Kritik der christlichen Moral

3.1. Die Grenzen menschlicher Erkenntnis

Nietzsche geht von einer natürlich gegebenen Lebenswelt aus, einem Werden und Vergehen des Lebens, das nur in sich selbst besteht, also keinem immanenten oder transzendenten Sinn oder ideellen Konzept entspricht. Die einzigen Gesetzmässigkeiten in dieser auf ihre naturalistische Faktizität reduzierten Lebenswelt sind diejenigen der Natur selbst, also beispielsweise das Wechselspiel von Werden und Vergehen, aber auch die natürliche Hierarchie, also das eigentliche Gesetz des Stärkeren. Die Triebnatur des Lebens, die Antriebe des Organischen sind die einzig gültigen, da natürlich gegebenen Handlungs- und Entscheidungsgrundlagen für in diese Ordnung eingebetteten Wesen und Dinge. Salopp zusammengefasst geht Nietzsche von einem „Biotop“, also einem „Ort des Lebens“ aus, in welchem die Natur, das natürliche Leben ungestört von fremden, „unnatürlichen“ Einflüssen sich selbst entfaltet, sich selbst ist.

Diese natürliche, urtümlich gegebene und streng naturalistische Ausgangslage des Lebens – und damit auch des Menschen – wurde von Nietzsche selbst kaum je wirklich umschrieben, sie lässt sich jedoch aus seiner Position gegenüber den auf menschlicher Erkenntnis beruhenden, soziokulturellen Phänomenen – insbesondere der Moral und der Religion – ableiten. Nietzsche geht dabei grundsätzlich von einer natürlich gegebenen Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit aus: Menschliche Erkenntnis und damit auch menschliche Vernunft und auf Erkenntnis oder Vernunft beruhende Phänomene wie eben die Moral oder die Religion können daher – wenn überhaupt, Nietzsche bestreitet auch dies – nur innerhalb dieser engen Grenzen einen gewissen Wahrheitsanspruch erheben. In einer frühen, 1872 entstandenen Schrift „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ skizzierte Nietzsche eindrücklich seine Vorstellung von der Stellung des Menschen, seiner Erkenntnis und seinen Wahrheiten innerhalb der ihn umfassenden Entitäten von Natur und Zeit:

„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der „Weltgeschichte“: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben. So könnte jemand eine Fabel erfinden, und würde doch nicht genügend illustriert haben, wie kläglich, wie schattenhaft und flüchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt. Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder vorbei mit ihm ist, wird sich nichts begeben haben.“[8]

Nietzsche offenbart hier seine ausgeprägte Skepsis gegenüber der menschlichen Erkenntnis und den darauf aufbauenden Phänomenen oder Phänomenologien: Die Metaphysik, die philosophische Tradition der Beschreibung der der Natur, der Welt und dem Sein zu Grunde liegenden Gründe wird bei Nietzsche zu einer Gedankenspielerei des Menschen innerhalb seiner beschränkten Erkenntnismöglichkeiten.

Im Unbewusstsein seiner tatsächlich nicht umfassenden Erkenntnis orientiert sich der Mensch also am blossen Glauben einer Erkenntnis. Entsprechend ist auch seine Erkenntnis, dass allen Dingen ein Sinn zu Grunde liegt, ein blosser Glaube daran. Menschliche Wahrnehmungen werden zu Deutungen und Interpretationen, allerdings nicht im platonisch-metaphysischen Sinne von erkennbaren Erscheinungen eines nicht erkennbaren Seins, sondern vielmehr im Sinne von Perspektiven. Dieser „Perspektivismus“ schliesst dabei auch das eigene Ich mit ein, wenn Nietzsche auch das „Subjekt“ als etwas nur scheinbar Erkanntes definiert, und damit letztlich nicht nur objektive, sondern auch subjektive Erkenntnis relativiert: „Die Diskontinuität des menschlichen Bewusstseins vermag die innere Kontinuität der Dinge niemals zu erfassen. Die Ordnung des Denkens erweist sich somit als eine vom Identitätsdenken des Subjekts produzierte Unordnung.“[9]

Der allen subjektiven Wahrnehmungen von Erscheinungen zu Grunde liegende Sinn von Dingen fällt bei Nietzsche weg, er wird zu einer ganzen Vielfalt von Sinnen. Menschliche Wahrnehmung und Erkenntnis reduzieren sich auf den Schein der Dinge, das menschliche Selbstverständnis als Einheit, als Eigenheit löst sich bei Nietzsche in einem vielfältigen, unbestimmten „Kräftefeld“ auf. Er bemühte sich, den von der griechischen Antike, dem christlich geprägten Mittelalter und Teilen der neuzeitlichen Philosophie angenommenen Unterschied zwischen Innen- und Aussenwelt, also zwischen dem Ich und seinem Umfeld abzubauen.[10] Nietzsche begriff also auch das menschliche Leben als integralen Bestandteil der natürlichen Gegebenheiten, sah den Menschen daher nicht in einer gegenüber den anderen Lebensformen privilegierten Position.

3.2. Kritik an der Absolutsetzung menschlicher Erkenntnis

Ausgehend von den begrenzten Erkenntnismöglichkeiten des Menschen, der gegebenen Einflechtung seiner Existenz in die natürlichen Zusammenhänge und dem damit einher gehenden, begrenzten Gültigkeitsanspruch seiner Erkenntnisse, findet Nietzsche den Weg zu seiner bewusst desillusionierenden Darstellung aller vom Menschen geschaffenen Wahrheiten. Die Konstrukte des menschlichen Intellekts scheinen ihm nichts als Täuschungen, Selbsttäuschungen, die dem Menschen seine Existenz in der Welt begründen, ihr einen Sinn einhauchen sollen. Die Welt, die sich in ihrer natürlichen Beschaffenheit im „mörderischen Kreislauf“ von Leben und Tod erschöpft, weist – wie bereits beschrieben – keinen weiteren, höheren immanenten oder transzendenten Sinn auf, ist also eigentlich „sinn- und zwecklos“.[11] Die völlige Sinnlosigkeit des Lebens und des Todes scheint jedoch eine für den Menschen derart unerträgliche Vorstellung zu sein, dass die Festlegung von gültigen Wahrheiten, die über diese Sinnlosigkeit hinweg täuschen, eine „durch soziales Bedürfnis erzwungene Konstruktion“ darstellt.[12] Anders ausgedrückt ist die „Wahrheit (…) zusammen mit dem Trieb zu ihr ein Mittel des menschlichen Überlebens“.[13] Auch wenn der Wunsch nach Erkenntnis für den Menschen naturgemäss unerfüllt bleiben und so letztlich aufzehrend wirken muss, dürften die Mythen, die sich der Mensch zur Verklärung der Wirklichkeit schafft, als Ausdruck eines seiner Existenz immanenten Bedürfnisses durchaus auch für Nietzsche eine gewisse Berechtigung gehabt haben.

Die wirkliche, substantielle Kritik Nietzsches der soziokulturellen Phänomene – insbesondere der Religion und der Moral – leitet sich jedoch weniger von diesen in der natürlichen Umgebung vorzufindenden und das menschliche Leben bestimmenden Gegebenheiten, als vielmehr von deren Interpretation ab: Erst wenn der Mensch den scheinbaren Wahrheiten, die er zu erkennen glaubt, eine absolut gesetzte Gültigkeit zuspricht, kann man im Sinne Nietzsches von einem eigentlichen „Sündenfall“ der moralischen Interpretation von Mensch und Welt sprechen.[14] Nietzsche erkannte die Gefahr der Dogmatisierung von menschlichen Erkenntnissen dabei durchaus nicht nur in der Religion, sondern auch in den Naturwissenschaften, deren „Vernunftglauben“ für ihn nach der Aufklärung ebenfalls absolutistische Züge aufzuweisen schien.[15]

In Bezug auf die Bereiche der christlichen Religion und der christlich geprägten Moral – die hier im Vordergrund stehen sollen – erkannte Nietzsche in einer solchen Absolutsetzung menschlich geschaffener Wahrheiten die entscheidende, und von ihm folglich mit aller philosophischen Konsequenz und grossem emotionalem Aufwand bekämpfte Abkehr vom natürlich gegebenen, diesseitigen Leben hin zu einer hypothetischen, jenseitigen Existenz. Eine derart gestaltete Wahrheit schien ihm von der wirklichen Lebenswelt entfremdet, und eben weil sie nicht der natürlichen Ordnung des Lebens zu entsprechen schien, galt sie ihm auch widernatürlich und lebensfeindlich – die natürlich gegebenen Werte wurden nicht nur ihres ursprünglichen Wertes beraubt, sondern neu bewertet, also umgewertet. Nietzsches philosophischer Kampf gegen diese „Umwertung aller Werte ins Lebensfeindliche“[16] konzentrierte sich in seiner Gesamtheit auf zwei wesentliche Aspekte, folgte gewissermassen einer Doppelstrategie: In seinem 1882 erschienen Werk „Die fröhliche Wissenschaft“ galt sein Angriff dem Zentralbegriff des christlichen Moralsystems: Gott. In einem zweiten Schritt – der in seinem 1887 erschienen Werk „Zur Genealogie der Moral“ zusammengefasst und systematisch strukturiert erscheint[17] - versuchte Nietzsche die christliche Moral durch eine Entstehungs- und Perzeptionsgeschichte von ihren psychologischen und soziologischen Ursprüngen her zu erklären und zu relativieren. Wie die beiden Angriffsstrategien genau gestaltet waren und weshalb Nietzsche nach seiner mittlerweile weltbekannten Rede vom Tode Gottes überhaupt noch die Notwendigkeit sah, einen weiteren Ansatz auszuarbeiten, soll in den nachfolgenden Kapiteln ausführlicher erläutert werden.

[...]


[1] Nietzsche: Ecce Homo. S.366.

[2] Vgl. Binswanger: Aus Nietzsches Leben und Zeit, S. 80-81.

[3] Vgl. Schönherr-Mann: Friedrich Nietzsche, S. 100.

[4] Vgl. Binswanger: Aus Nietzsches Leben und Zeit, S. 81-83.

[5] Vgl. Schönherr-Mann: Friedrich Nietzsche, S. 101.

[6] Vgl. Binswanger: Aus Nietzsches Leben und Zeit, S. 83.

[7] Vgl. Groddeck: Fälschung des Jahrhunderts, S. 60-61.

[8] Zit. nach: Ries: Nietzsche, S. 30.

[9] Ries: Nietzsche, S. 109.

[10] Vgl. Ries: Nietzsche, S. 109ff.

[11] Vgl. Ries: Nietzsche, S. 30.

[12] Vgl. Ries: Nietzsche, S. 31

[13] Vgl. Biser: Nietzsche, S. 59.

[14] Vgl. Ries: Nietzsche, S. 72.

[15] Vgl. Ries: Nietzsche, S. 35-36.

[16] Vgl. Biser: Nietzsche, S. 147.

[17] Vgl. Schönherr-Mann: Friedrich Nietzsche, S. 24.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Vom Tode Gottes
Untertitel
Moral- und Konzeptphilosophie bei Friedrich Nietzsche
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Wie kommt das Böse in die Welt? Rechtfertigung und Bestreitung Gottes in der frühen Neuzeit.
Note
6.0
Autor
Jahr
2009
Seiten
30
Katalognummer
V271486
ISBN (eBook)
9783656625216
ISBN (Buch)
9783656625209
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Philosophie, Moral, Moralphilosophie, Kritik, Moralkritik, Konzept, Konzeptphilosophie, Erkenntnis, Gut, Böse, Geist, Gott, Gott ist tot, Emanzipation, Übermensch, Wille zur Macht, Wiederkunft des Gleichen, Religion, Kultur
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Master of Arts David Venetz (Autor), 2009, Vom Tode Gottes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271486

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